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Menschenmengen lassen sich nur bedingt per WLAN messen

Daniel AJ Sokolov
National Mall, Washington, am Tag der Angeloung Donald Trumps

Wieviele Leute sind das etwa?

(Bild: NPS)

Weil nur wenige Nutzer die WLAN-Funktionen ihrer Smartphones deaktivieren, kann man sie leicht aufspĂŒren und zĂ€hlen. Bei großen Menschenmengen funktioniert das aber nur bedingt.

Die GrĂ¶ĂŸe einer Menschenmengen abzuschĂ€tzen, indem man die WLAN [1]-Signale mitgefĂŒhrter GerĂ€te zĂ€hlt und hochrechnet, funktioniert nur mit erheblichem Mehraufwand. Das hat die niederlĂ€ndische Forscherin Dorine C. Duives von der TU Delft festgestellt. Weil die Hochrechnungsfaktoren fĂŒr jede Veranstaltung neu ermittelt werden mĂŒssen, eignet sich die Methode vorwiegend fĂŒr mehrtĂ€gige Ereignisse.

Dorine Duives

Dorine Duives von der TU Delft auf dem Jahrestreffen des Transportation Research Board 2018

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

“Und in einem halben Jahr funktioniert das so vielleicht gar nicht mehr”, erzĂ€hlte Duives heise online auf dem 97. Jahrestreffen des Transportation Research Board in Washington, DC, “Weil immer mehr Handys [bei Probe Requests] laufend ihre MAC-Adresse verĂ€ndern [2], greifen wir auf Hashes der ebenfalls ausgesendeten GerĂ€tenamen zurĂŒck. Aber [dank neuer EU-Datenschutzbestimmungen] werden wahrscheinlich auch diesen Daten bald durch zufĂ€llige Werte ersetzt werden.”

Abzuwarten sei, wie lange ein GerĂ€t einen Zufallswert beibehalten wird, bevor er durch einen neuen Zufallswert ersetzt wird. “Jede Minute? Alle drei Stunden?”, sagte Duives, “Davon wird abhĂ€ngen, ob und wie gut die ZĂ€hlmethode noch funktioniert.” Hintergrund ihrer Versuche ist das Interesse von den Sicherheitsbeauftragten großer Veranstaltungen an Zahlen dazu, wie viele Personen sich in einem bestimmten Areal aufhalten.

Manuelle MenschenzÀhlungen sind aufwÀndig; automatische Kamera-Auswertungen funktionieren gut, wenn die ZÀhlobjekte vorbeigehen, aber schlecht, wenn sie herumstehen. Duives System setzt ZÀhlkameras daher nur an den Ein- und AusgÀngen des VeranstaltungsgelÀndes ein. Dazu kommen WLAN-Sensoren sowohl bei den ZugÀngen als auch im Areal verteilt. Mit den Sensoren versucht sie, die (zwecks Datenschutz unmittelbar gehashten) MAC-Adressen und GerÀtenamen ("Annas Handy") aller WLAN-GerÀte zu erfassen.

Allerdings schwankt die Ergiebigkeit der WLAN-Sensoren: Je mehr WLAN-Signale zu erfassen wĂ€ren, umso kleiner wird der von einem Sensor abgedeckte Bereich und damit der Anteil elektronisch erfasster Besucher. Dazu kommt, dass manche Besucher keine GerĂ€te mit aktivem WLAN-Chip mit sich fĂŒhren, manche mehrere solcher GerĂ€te. Diese Verteilung hĂ€ngt vom Publikum ab, dessen Zusammensetzung wiederum von Faktoren wie Art der Veranstaltung und Tageszeit abhĂ€ngt. JĂŒngere NiederlĂ€nder haben tendenziell neuere Handys mit besserem Datenschutz – bei ihnen werden weniger individuelle GerĂ€te erfasst, als bei Ă€lteren Personen.

ZunĂ€chst vergleicht Duives die von den Kameras erfasste Zahl einströmender Besucher mit der Zahl der im Eingangsbereich erfassten individuellen WLAN-GerĂ€te, abzĂŒglich statischer GerĂ€te wie etwa WLAN-Drucker oder -ĂŒberwachungskameras. Daraus ermittelt sie einen statischen Hochrechnungsfaktor. "Der liegt meistens zwischen 4 und 5", berichtete sie. Bei einer großen niederlĂ€ndischen Radiomusikveranstaltung im Dezember 2016 waren es aber nur 3,83, beim gleichen Ereignis ein Jahr spĂ€ter 4,5.

Mit diesem Faktor wird die Zahl der von WLAN-Sensoren im jeweils beobachteten Teil des VeranstaltungsgelĂ€nde erfassten GerĂ€te multipliziert. Allerdings fĂŒhrt der schwankende Empfangsbereich der Sensoren bei geringen Besucherzahlen zu leicht ĂŒberhöhten SchĂ€tzwerten, bei hohem Andrang zu deutlich zu geringen Ergebnissen. Daher muss zusĂ€tzlich zum statischen Hochrechnungsfaktor noch ein dynamischer ermittelt werden, der jedes zusĂ€tzlich erfasste WLAN-Signal stĂ€rker bewertet. Je mehr Menschen kommen und je jĂŒnger sie sind, desto grĂ¶ĂŸer muss der dynamische Faktor sein.

NiederlÀndischer Polizeivan

Wenn der Polizeivan kommt, spielen die WLAN-Sensoren verrĂŒckt: Das Einsatzfahrzeug emittiert zu viele Funksignale.

(Bild: gemeinfrei)

Die am ersten Tag der niederlĂ€ndischen Musikveranstaltung ermittelten Hochrechnungsfaktoren haben sich laut Duives auch an den weiteren Tagen des selben Ereignisses als anwendbar erwiesen. FĂŒr andere Veranstaltungen mĂŒssten sie aber neu ermittelt werden. Das galt selbst fĂŒr die gleiche jĂ€hrliche Veranstaltung ein Jahr spĂ€ter.

Duives Kurven zeigten im Tagesverlauf mehrere krĂ€ftige AusschlĂ€ge nach oben: "Das war ein Kleinbus der Polizei. Jedes mal, wenn der vorgefahren ist, gab es plötzlich ganz viele Funksignale", erlĂ€uterte die niederlĂ€ndische Forscherin, "Einmal haben sie das Fahrzeug nahe einem unserer Sensoren geparkt. Von dem haben wir dann ĂŒberhaupt keine brauchbaren Daten bekommen."

Verkehrsforscher, Behördenmitarbeiter und Branchenfachleute haben sich dieses Monat in der US-Hauptstadt zum 97. Jahrestreffen des Transportation Research Board (TRB) eingefunden. Mit mehr als 13.000 Teilnehmern soll es die grĂ¶ĂŸte Veranstaltung ihrer Art sein. Das TRB ist eine Abteilung des Nationalen Forschungsrates (National Research Council), welcher den US-PrĂ€sidenten berĂ€t. Das Jahrestreffen des TRB ist ein Mammut-Ereignis mit fast 800 Sitzungen und mehr als 5000 PrĂ€sentationen zu Verkehrsthemen. (ds [3])


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[2] https://www.heise.de/news/iOS-8-scannt-anonym-nach-WLAN-Netzen-2218512.html
[3] mailto:ds@heise.de