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Microsoft-Alternative: Sozialversicherer erproben OpenDesk fĂŒr den Ernstfall

Stefan Krempl
Hand mit Stempel

(Bild: Chokniti Khongchum/Shutterstock.com)

Wenn die Standard-IT versagt, soll die Bundes-Office-Suite kĂŒnftig den Behördenbetrieb retten. Ein Pilotprojekt fĂŒr einen solchen „Notfallarbeitsplatz“ lĂ€uft.

Die Digitalisierung hat die Verwaltung effizienter gemacht, aber auch verwundbarer. In einer Welt, in der Behördenprozesse fast ausschließlich digital ablaufen, bildet die Zusammenarbeit ĂŒber vernetzte Systeme das zentrale Nervensystem des Staates. Kommt es hier zu AusfĂ€llen, droht Stillstand. Um diesem Schicksal zu entgehen, setzen die großen deutschen Sozialversicherer nun auf eine strategische Redundanz, die im Ernstfall als digitaler Rettungsanker fungieren soll.

Unter dem Namen „Cloudbasierte Kommunikation im Krisenfall“ (CKKI) startete vor wenigen Tagen ein Pilotprojekt, das einen Perspektivwechsel markiert. Die Deutsche Rentenversicherung Bund, die Bundesagentur fĂŒr Arbeit sowie die IT-Dienstleister Bitmarck und BG-Phoenics erproben dabei OpenDesk [1], die vom Zentrum fĂŒr digitale SouverĂ€nitĂ€t (Zendis) entwickelte Open-Source-Alternative zum Office-Paket Microsoft 365. Ziel ist die Etablierung eines voll funktionsfĂ€higen Notfallarbeitsplatzes, der unabhĂ€ngig von der primĂ€ren IT-Infrastruktur existiert.

Das Bundeswirtschaftsministerium fördert laut dem Zendis [2] das Vorhaben, das bis zu April die Belastbarkeit des vorgesehenen digitalen Sicherheitsgurtes unter Beweis stellen soll. OpenDesk ist dabei mehr als eine Chat-Anwendung fĂŒr Krisenzeiten. Die Suite bietet ein Paket aus BĂŒrosoftware, E-Mail, Kalender, Projektmanagement und Videokommunikation. Da die Lösung rein browserbasiert arbeitet, ermöglicht sie den Mitarbeitern den Zugriff von nahezu jedem Ort und GerĂ€t aus. Diese FlexibilitĂ€t ist besonders dann entscheidend, wenn physische Standorte oder lokale Netzwerke nicht mehr sicher genutzt werden können.

Ein besonderes Augenmerk liege bei dem Test auf der technischen DiversitĂ€t, betont das Zendis. Die vier beteiligten Organisationen installierten jeweils eigene OpenDesk-Instanzen auf unterschiedlichen Cloud-Infrastrukturen. In verschiedenen Szenarien werde nun ausprobiert, wie gut diese Systeme miteinander kommunizieren können. Wichtig sei die Frage, ob die InteroperabilitĂ€t auch dann gewahrt bleibe, wenn verschiedene Cloud-Anbieter wie die Projektpartner Ionos, Stackit oder T-Systems als Basis dienten. Zendis-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Alexander Pockrandt sieht darin eine BestĂ€tigung fĂŒr den gewĂ€hlten Weg: Die FlexibilitĂ€t der Lösung stelle sicher, dass der Betrieb kritischer Infrastrukturen (Kritis) selbst in extremen Krisensituationen aufrechterhalten werden könne.

CKKI ist nicht nur als KatastrophenschutzĂŒbung fĂŒr die deutsche Verwaltung angelegt. Die im Projekt gewonnenen Erkenntnisse sollen unmittelbar in die europĂ€ische Cloud-Initiative 8ra [3] einfließen. Damit wandelt sich der deutsche Vorstoß zu einem Baustein fĂŒr eine grĂ¶ĂŸere, europĂ€ische Vision einer souverĂ€nen und anbieterĂŒbergreifenden IT-Infrastruktur. Harald Joos, Cloudbeauftragter der Deutschen Rentenversicherung Bund, betont, mit dem Einsatz von OpenDesk werde nicht nur die eigene Resilienz gestĂ€rkt. Die Beteiligten wollten den europĂ€ischen Partnern auch demonstrieren, dass souverĂ€ne Cloud-Lösungen auf EU-Ebene praxistauglich seien.

FĂŒr die deutsche Open-Source-Strategie ist dieser Testlauf ein Markstein. Nachdem OpenDesk bereits in anderen Bereichen wie bei der Bundeswehr [4] oder im öffentlichen Gesundheitsdienst fensterln konnte [5], folgt nun die BewĂ€hrungsprobe in der Disziplin der HochverfĂŒgbarkeit. Sollte sich das Konzept bewĂ€hren, könnte der „Notfallarbeitsplatz aus der Cloud“ bald zum Standardrepertoire jeder Behörde gehören, die ihre digitale SouverĂ€nitĂ€t nicht nur auf dem Papier behaupten will.

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(mki [7])


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/news/openDesk-B1-und-StackIT-bieten-Enterprise-Variante-der-Microsoft-Alternative-9847471.html
[2] https://www.zendis.de/newsroom/presse/sozialversicherertestenopendesk
[3] https://www.heise.de/news/Gitex-Europe-EU-Staaten-werkeln-an-der-quelloffenen-Hyper-Cloud-8ra-10392509.html
[4] https://www.heise.de/news/Rahmenvertrag-MS-365-Alternative-OpenDesk-soll-die-Bundeswehr-erobern-10342327.html
[5] https://www.heise.de/news/Souveraenitaet-Oeffentlicher-Gesundheitsdienst-setzt-verstaerkt-auf-Open-Source-10443399.html
[6] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner
[7] mailto:mki@heise.de