zurĂŒck zum Artikel

Personalabbau: So ekeln Firmen Mitarbeiter raus

Peter Ilg

(Bild: And-One/Shutterstock.com)

Eine frĂŒhere Psychotherapeutin erzĂ€hlt, wie Unternehmen unbequeme BeschĂ€ftige entsorgen. Heute hilft sie GefĂ€hrdeten, solche Situationen auszuhalten.

Als ehemalige Psychotherapeutin und heutige Personalberaterin hat Madeleine Leitner zahlreiche zweifelhafte Methoden des Personalabbaus kennengelernt. Unser Autor Peter Ilg hat ein GesprÀch mit ihr protokolliert.

Psychotherapeuten haben viel zu wenig Ahnung davon, wie rabiat es in der Arbeitswelt zugeht. Deshalb können sie Patienten oft nicht richtig behandeln, die ihre Arbeit krank macht. Mir ging das auch so. Ich bin Diplom-Psychologin und approbiert als Psychologische Psychotherapeutin. Ich habe zunĂ€chst in einer psychosomatischen Klinik als Therapeutin gearbeitet und dort Menschen behandelt, die wegen Problemen bei der Arbeit zu uns kamen. Wenn die Patienten von den Schikanen und Intrigen erzĂ€hlten, denen sie ausgesetzt waren, habe ich nicht fĂŒr möglich gehalten, dass es so etwas in Wirklichkeit gibt.

heise jobs – der IT-Stellenmarkt

Zu ArbeitsplÀtzen und Stellenangeboten in der IT-Branche siehe auch den Stellenmarkt auf heise online:

Ich habe ihre ErzÀhlungen damals psychologisch gedeutet: Ein Konflikt mit dem Chef ist eher eine Auseinandersetzung mit dem Vater, der im Arbeitsleben ausgetragen wird. Das ist der falsche Ansatz. Was Menschen im Beruf wirklich krank macht, sind die UmstÀnde am Arbeitsplatz.

Ich bin ein Typ, der immer etwas Neues lernen will. Das war nach einigen Jahren in der Klinik nicht mehr möglich. Krankheiten und FĂ€lle haben sich wiederholt, dadurch hatte ich die notwendige Neugier fĂŒr die Patienten verloren. Außerdem fĂ€rbt es auf das Privatleben ab, wenn man stĂ€ndig mit psychisch kranken Menschen zu tun hat. Also habe ich gekĂŒndigt.

Als freie Mitarbeiterin ging ich in der Zentrale eines deutschen Konzerns und war verantwortlich fĂŒr die Assessment-Center. Nichtsahnend kam ich dorthin in der Hoffnung, es weiter mit netten Menschen zu tun zu haben, die effizient arbeiten. Ich geriet aber in ein Haifischbecken. Ich war ziemlich engagiert, was den Leuten ĂŒberhaupt nicht gepasst hat. Nach einer Weile wurde mir eine Festanstellung in der Stadt angeboten, in die ich unbedingt wollte. Allerdings wurde ich Opfer einer Intrige: statt des versprochenen unbefristeten bekam ich einen befristeten Vertrag. Nach vier Jahren war ich unversehens raus.

Inzwischen hatte ich eine Weiterbildung in den USA fĂŒr Karriereberatung gemacht, mit dem Ziel, mich spĂ€ter selbststĂ€ndig zu machen. Also habe ich zunĂ€chst meine Kassenzulassung reaktiviert und wieder als Psychotherapeutin gearbeitet. Ich spezialisierte mich auf Patienten, die am Arbeitsplatz krank geworden sind. Dabei habe ich viel ĂŒber die Machenschaften von Firmen gelernt.

Klassiker sind unlösbare Aufgaben. Pflichtbewusste Menschen, die meinen, alle Aufgaben lösen zu mĂŒssen, sind prĂ€destiniert dafĂŒr, durch die Arbeit krank zu werden. Risiken sind auch die Verdichtung der Arbeit oder ungelöste Konflikte und illoyale Chefs. Oft wollten Vorgesetzte ihren Mitarbeitern sogar bewusst schaden, um sie loszuwerden. Das war eine erschreckende Erkenntnis, die ich tagtĂ€glich erlebte.

Ich habe alle Arten von Mobbing [2] kennengelernt und miterlebt, wie gezielt Personalabbau betrieben wird. Legal, illegal, brutal. Meist mit Masche.

Mitarbeiter sollten aufmerken, wenn die Stimmung plötzlich kippt. Wenn unlösbare Aufgaben gestellt oder Abmahnungen aus heiterem Himmel geschrieben werden. So wird gezielt Verunsicherung erzeugt. Weil viele Menschen anstÀndig sind, denken sie, etwas falsch gemacht zu haben. Das erzeugt Selbstzweifel. HÀufig sind das abgekartete Spiele und oft stecken externe Berater dahinter, die Firmen dabei helfen, Mitarbeiter manchmal teuer, lieber billig zu entsorgen.

Ein Beispiel aus meiner Beratung. Einer Frau wurde unter einem Vorwand fristlos gekĂŒndigt zum Jahresende. Sie sollte aber einfach aus GrĂŒnden der besseren Bilanz im neuen Jahr nicht mehr auf der Gehaltsliste stehen. Das war der Plan. Die Frau saß verzweifelt ĂŒber Monate zu Hause ohne Arbeitszeugnis fĂŒr Bewerbungen und ohne Arbeitslosengeld, weil der Fall vor das Arbeitsgericht sollte. Doch das dauerte und sie wurde mĂŒrbe. Irgendwann kam das Gerichtsverfahren, die fristlose KĂŒndigung musste zurĂŒckgenommen werden, aber das ArbeitsverhĂ€ltnis war so zerrĂŒttet, dass es auch offiziell zur Trennung kam. Bilanz frisiert, Abfindung gespart und Mitarbeiterin los. Die Firma hatte ihr Ziel erreicht.

Ein anderer Fall. Ein Mitarbeiter wurde vom Chef gezielt gemobbt, wurde krank und war dann erstmal weg. Sein Arbeitgeber musste nur sechs Wochen Lohn fortzahlen, danach ĂŒbernahm die Krankenkasse. So agieren manche Firmen auf Kosten der Allgemeinheit. Als die Krankenkasse dann Druck machte, bot die Firma scheinheilig an, dass der Mitarbeiter gerne wieder kommen kann. Doch der wusste genau, dass er dann ins offene Messer lĂ€uft. Auch eine billige Art, Mitarbeiter loszuwerden

In allen GrĂ¶ĂŸen von Unternehmen und Branchen gibt es solche abgekarteten und ĂŒblen Spielchen. Überwiegend sind es unbequeme Mitarbeitende, die Firmen loswerden wollen. Menschen die sich wehren, die den Finger in die Wunde legen. Die engagiert sind, etwas bewegen wollen. Das sind Stachel im Fleisch des Chefs, die er loswerden will.

Ich arbeite seit vielen Jahren nur noch als Karriereberaterin und profitiere noch heute von meinen Erfahrungen mit Patienten und im Konzern. Ich unterstĂŒtze meine Klienten mit meinem Beratungsansatz dabei, Optionen zu bewerten und Entscheidungen zu treffen. Die eigenen StĂ€rken und SchwĂ€chen erkennen. Bleiben oder gehen.

SelbstverstĂ€ndlich wird es aufgrund von Corona und strukturellem Wandel in nĂ€chster Zeit Branchen geben, die viele Leute abbauen. Aus der Automobilindustrie habe ich schon zwei Ingenieure, die verunsichert sind und vorsichtshalber zu mir kommen. Zu wissen, dass Firmen Mitarbeiter abbauen, hilft schon mal nach dem Motto: Gefahr erkannt, ist schon halb gebannt! So können sie ihre Möglichkeiten arbeitsrechtlich klĂ€ren und eine Strategie fĂŒr ihr Verhalten entwickeln.

Manche können auch einfach nicht gehen. Sie haben finanzielle Verpflichtungen. Familie, Kinder, Kredite. Wieder andere haben keine Chance auf eine andere Stelle. Die mĂŒssen sich in der alten Firma festbeißen. Dann geht es darum, eine Strategie zu entwickeln, wie sie damit klarkommen. Entscheidend dabei ist: Auch wenn man eine Situation nicht Ă€ndern kann, hat man Einfluss auf die eigene Einstellung. Man kann etwa beschließen, Angriffe nicht mehr persönlich zu nehmen. Oder innerlich kĂŒndigen. Das ist zwar keine gute Lösung, aber immer noch besser, als psychisch krank zu werden.

(axk [3])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-5997179

Links in diesem Artikel:
[1] https://jobs.heise.de?wt_mc=intern.newsticker.dossier.jobs
[2] https://www.heise.de/thema/Cyber_Mobbing
[3] mailto:axk@heise.de