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Piratenpartei setzt Liquid Feedback 2.0 ein

Detlef Borchers, Philip Steffan

Update fĂŒr die Meinungsbildungssoftware: Mit neuen Funktionen wollen die Piraten ihre Mitglieder davon ĂŒberzeugen, sich noch stĂ€rker basisdemokratisch zu engagieren.

Zum zweiten "Geburtstag" der Meinungsbildungssoftware Liquid Feedback (LQFB) stellt die Piratenpartei Deutschland [1] auf die Version 2.0 um. Sie kommt mit einer neuen OberflĂ€che, gestattet die direkte Anzeige der "Delegationspfade" und soll Untergliederungen bis hin zur Ebene des Kreisverbandes unterstĂŒtzen. Die BewĂ€hrungsprobe der neuen Software ist die anstehende Entwicklung von Positionen fĂŒr den Programmparteitag in Bochum, der die Linie zur Bundestagswahl abstecken soll.

Liquid Feedback

Liquid Feedback soll "Liquid Democracy" ermöglichen, also Menschen stĂ€rker in Entscheidungen einbinden als die reprĂ€sentative Demokratie. Alle Nutzer haben dieselben Rechte, sie können abstimmen und Initiativen einbringen. Nutzer können ihre Stimmen anderen Nutzern ĂŒbertragen. Alle Aktionen sind fĂŒr andere Nutzer nachvollziehbar, auch das Abstimmungsverhalten. Dadurch sollen Manipulationen ausgeschlossen werden. Bei Liquid Feedback gibt es also kein Wahlgeheimnis, anders als etwa bei Parlamentswahlen. Die Nutzung mit einem Pseudonym kann das Wahlgeheimnis zu einem gewissen Grad ersetzen. Die Piratenpartei nutzt Liquid Feedback seit August 2010, das Update auf Version 2.0 wurde am 13. August freigeschaltet. Außer der Piratenpartei nutzen zahlreiche weitere Organisationen Liquid Feedback. Z.B. testet der Landkreis Friesland die Software. FDP, SPD und die Linke nutzen Ă€hnliche Tools, sind dabei aber nicht so aktiv wie die Piraten.

Derzeit arbeiten 10.200 Piraten mit dem Liquid Feedback-System, in dem 2500 Themen besprochen werden und 10 neue ProgrammvorschlĂ€ge pro Tag einlaufen. Jedes Thema wird von ca. 1000 Teilnehmern abgestimmt, wobei 600 bis 900 "Regulars" die Szene bestimmen. Das soll besser werden. "Basisdemokratie braucht auch im Internet Zeit", erklĂ€rte Piratensprecher Johannes Ponader zur Vorstellung. Derzeit arbeiten drei Piraten im Support von Liquid Feedback, kĂŒnftig sollen fĂŒnf zusĂ€tzliche Supporter die AttraktivitĂ€t der Software erhöhen, dazu sollen zwei "Social Media Scouts" Twitter und Co. auf Beschwerden zur Software hin durchforsten. Insgesamt hofft die Piratenpartei mit Liquid Feedback 2.0 auf eine deutliche Steigerung der AktivitĂ€ten durch die Software. Dazu gehört auch, dass das Stimmgewicht derjenigen Mitglieder verfĂ€llt, die sich ein halbes Jahr lang nicht eingeloggt haben.

Die alternative OberflĂ€che "saftige Kumquats" (bzw. eigentlich "Bombay Crushed" genannt) und die Bereitstellung einer API sind die nĂ€chsten, noch fĂŒr das Jahr 2012 geplanten Erweiterungsschritte. Ebenfalls geplant ist ein Sicherheitsaudit der gesamten Software, die von der Public Software Group [5] entwickelt und allen Parteien als Open Source zur VerfĂŒgung gestellt wird. 2013 soll der Akkreditierungsprozess ĂŒberarbeitet und angesichts der vielen Neueintritte beschleunigt werden, bei dem ein Mitglied seinen Ausweis vorlegen muss. Die UnterstĂŒtzung der Akkreditierung und Anmeldung ĂŒber den neuen Personalausweis ist vorerst nicht geplant.

Im neuen Liquid Feedback spielt der Programmparteitag von Bochum eine wichtige Rolle. Vier bis 6 Wochen vor der Versammlung will man mit der Themensichtung beginnen, um drei Wochen vorher ein "prototypisches Wahlprogramm" fĂŒr die Bundestagswahl zu haben. Dies sei fĂŒr eine basisdemokratische Partei besonders wichtig, die nicht wie die etablierten Parteien mit LeitantrĂ€gen arbeite, die Delegierte dann nur noch abnickten, erklĂ€rte Ponader.

Vorstellung von LiquidFeedback 2.0

Stellten Liquid Feedback 2.0 in Berlin vor: Johannes Ponader, politischer GeschĂ€ftsfĂŒhrer, Markus Barenhoff, stellvertretender Bundesvorsitzender und Klaus Peukert, Bundesvorstand, zustĂ€ndig fĂŒr die Piraten-IT (v.l.n.r.)

(Bild: Detlef Borchers)

Auf der Pressekonferenz zur Vorstellung der neuen Software, die von einem stĂ€ndig abschaltenden Bildschirmschoner geprĂ€gt war, wurde die Rolle der Superdelegierten innerhalb von Liquid Feedback ausfĂŒhrlich diskutiert. Dies sind LQFB-Teilnehmer, denen andere Teilnehmer ihr Stimmgewicht entweder komplett oder themenbezogen ĂŒberschrieben haben. Ihr Einfluss werde erheblich ĂŒberschĂ€tzt, zumal dann, wenn Superdelegierte ihre gesammelten Delegationsstimmen anderen Superdelegierten ĂŒbertragen, hieß es. Klaus Peukert, der IT-Chef bei den Piraten und damit zustĂ€ndig fĂŒr die Meinungsbildungssoftware, erklĂ€rte, seine 79 Stimmen als Superdelegierter könnten ĂŒber Nacht weg sein, wenn er abwegige Positionen vertrete. "Superdelegierte drĂŒcken sehr gut die Stimmung in der Partei aus", meinte Piratensprecher Ponader, sie seien eine Art FrĂŒhindikator.

[Update 14.08.2012 7:55]:

Nach Angaben der Piratenpartei war ein "erratisch agierender Beamer" Schuld daran, dass die PrĂ€sentation minĂŒtlich unterbrochen wurde.

Zu Liquid Feedback siehe auch:

(phs [7])


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Links in diesem Artikel:
[1] http://www.piratenpartei.de/
[2] http://www.heise.de/ct/artikel/Streit-ums-Demokratie-Update-1662977.html
[3] https://www.heise.de/artikel-archiv/ix/2012/7/76_Adhocracy-und-Liquid-Feedback-Meinungsbildung-und-Entscheidungsfindung-via-Internet
[4] http://www.heise.de/tp/artikel/36/36975/1.html
[5] http://www.public-software-group.org/liquid_feedback
[6] http://www.heise.de/ct/artikel/Streit-ums-Demokratie-Update-1662977.html
[7] mailto:phs@heise.de