Robo erectus und das RĂ€tsel des aufrechten Gangs
Im Interview mit heise online erklÀrt Katja Mombaur die Mathematik des zweibeinigen Laufens und warum Roboter es Menschen so schnell nicht gleich tun werden.
Wer versucht, zweibeinigen Robotern das Gehen beizubringen, lernt unvermeidlich auch viel ĂŒber sich selbst. Denn die genaue Beobachtung menschlicher Gangarten steht am Anfang dieses Vorhabens. Dabei kommt es gelegentlich zu ĂŒberraschenden Ergebnissen. So berichtete Enrico Chiovetto (UniversitĂ€t TĂŒbingen) beim Abschlussworkshop des EU-Forschungsprojekts KoroiBot [1] jetzt an der UniversitĂ€t Heidelberg von Experimenten, bei denen Versuchspersonen ĂŒber einen schmalen Balken balancieren sollten. Dabei zeigte sich, dass die Armbewegungen, mit denen die Teilnehmer des Experiments hĂ€ufig versuchten, das Gleichgewicht zu halten, vergleichsweise wenig Wirkung haben.
â70 Prozent der StabilitĂ€t kommen vom Rumpfâ, fasste Chiovetto die Ergebnisse der Messungen zusammen. Das Balancieren mit den Armen diene wohl eher der Wahrnehmung, so seine Vermutung, die auch dadurch gestĂŒtzt werde, dass gelernte Artisten auf dem Drahtseil kaum mit den Armen arbeiteten. Allerdings sei diese Frage durchaus noch umstritten.
Koordiniert wurde das dreijĂ€hrige Projekt von Katja Mombaur, Leiterin der Arbeitsgruppe Optimierung in Robotik und Biomechanik und des Robotiklabors am InterdisziplinĂ€ren Zentrum fĂŒr Wissenschaftliches Rechnen der UniversitĂ€t Heidelberg. Im Interview mit heise online erklĂ€rt sie die Mathematik des zweibeinigen Laufens und spekuliert ĂŒber die Möglichkeit, mit humanoiden Robotern vielleicht auch dem RĂ€tsel des aufrechten Gangs in der Evolutionsgeschichte auf die Spur zu kommen.
heise online: Frau Mombaur, die Bandage an ihrem linken Fuà lÀsst mich vermuten, dass Sie in letzter Zeit wohl eher suboptimal gelaufen sind.
Katja Mombaur: Das stimmt, ich bin suboptimal gejoggt und habe mir dabei einen BĂ€nderriss zugezogen.
heise online: Wenn ich beim Laufen stĂ€ndig ĂŒber die Formeln nachdenken mĂŒsste, mit denen Sie diese Fortbewegungsart zu erfassen und zu optimieren versuchen, wĂŒrde ich auch ins Stolpern kommen.
Normalerweise mĂŒssen wir ja glĂŒcklicherweise nicht darĂŒber nachdenken. Die Grundannahme unseres Projekts lautet, dass wir Menschen ohnehin optimal, der jeweiligen Situation angepasst, laufen. Die Formeln kommen erst ins Spiel, wenn wir diese FĂ€higkeit auf humanoide Roboter ĂŒbertragen wollen. Wenn wir versuchen, Bewegungen von Robotern zu optimieren, besteht der erste Schritt darin, die Physik des Roboters im Computer abzubilden. Dazu nehmen wir die mechanischen Eigenschaften des Roboters, etwa seine Geometrien oder die Massenverteilung, und formulieren dazu die Newtonschen Bewegungsgesetze. So erhalten wir ein System aus Differentialgleichungen, die das Modell des Roboters darstellen. Auf dieses Modell können wir dann Optimierungs-Zielfunktionen anwenden.
heise online: Diese Optimierung kann aber in verschiedene Richtungen zielen.
In vielen FĂ€llen geht es um Effizienz oder andere auf den Energieverbrauch bezogene Kriterien. Manchmal, etwa beim Sprinten, soll aber auch die Geschwindigkeit maximiert werden oder beim Weitsprung die Sprungweite. In der Robotik ist es uns zum Beispiel gelungen, fĂŒr einen Roboter die gröĂtmögliche Schrittweite zu erzeugen.
heise online: Ansonsten scheint es bei humanoiden Robotern noch vorrangig darum zu gehen, dass sie nicht hinfallen und eine gegebene Strecke in einer akzeptablen Zeit zurĂŒcklegen.
Genau, zu all den Parametern, die wir optimieren wollen, kommen noch Nebenbedingungen hinzu. Dazu zÀhlt auch eine gewisse StabilitÀt.
Bewegungsalphabet
heise online: Beim Workshop war viel von Motion Primitives die Rede, was sich vielleicht als âElementarbewegungenâ ĂŒbersetzen lĂ€sst. Ein Ziel des KoroiBot-Projekts [2] war es, daraus eine Art Bewegungsalphabet zusammenzustellen.
Wir haben zunĂ€chst mit verschiedenen Methoden untersucht, wie Bewegungen beim Menschen gelernt und optimiert werden. Wenn es nun darum geht, diese Bewegungen auf den Roboter zu ĂŒbertragen, sind Bewegungsprimitive eine Möglichkeit. Das sind Bewegungselemente, die auf verschiedene Weisen miteinander kombiniert werden können, um auf diese Weise neue Bewegungen zu erzeugen. Im Projekt haben wir dafĂŒr sehr verschiedene AnsĂ€tze untersucht. Eine Möglichkeit zum Beispiel besteht darin, Bewegungsprimitive zu nehmen, die aus den Lösungen von Optimalsteuerungsproblemen fĂŒr einzelne Bewegungen des Robotermodells entstanden sind. Durch Kombination von wenigen dieser optimalen Bewegungen kann man dann wieder neue, auch wieder fast optimale Bewegungen erzeugen. Und das in einer sehr kurzen Zeit.
heise online: Wie kann ich mir solche Bewegungselemente vorstellen?
In unserem Fall haben wir Bewegungen fĂŒr einzelne SchrittlĂ€ngen optimiert. Daraus haben wir Bewegungsprimitive gelernt, die sich auf die Bewegungen der einzelnen Gelenke, aber auch auf die Bewegungen des Zero Moment Points bezogen, der den Druckmittelpunkt unter dem FuĂ des Roboters kennzeichnet und bei einigen Robotern eine wichtige GröĂe fĂŒr die Regelung der StabilitĂ€t darstellt. Ganz allgemein können Bewegungsprimitive sowohl zeitlich als auch rĂ€umlich definiert sein. Es ist ein Sammelbegriff, hinter dem sich die unterschiedlichsten Dinge verbergen können.
heise online: Beim Zero Moment Point geht es, wenn ich es richtig verstehe, darum, die im Roboter wirkenden BeschleunigungskrĂ€fte so zu regeln, dass der Druckmittelpunkt sicher im Innern der von den FĂŒĂen markierten FlĂ€che liegt. Aber ist dieses Verfahren nicht an eine bestimmte Hardware gebunden und teilt damit auch ihre Grenzen?
Es ist immer noch ein sehr verbreitetes Verfahren, aber leider auch ein sehr konservatives. Man versucht, diesen Punkt nicht an die Grenzen der erlaubten FlĂ€che gehen zu lassen. Genau das ist aber etwas, was wir Menschen stĂ€ndig tun. Selbst beim Abrollen des FuĂes beim normalen Laufen bewegt sich unser Zero Moment Point von ganz hinten an der Ferse bis ganz nach vorne zu den Zehen. Wenn wir uns stabilisieren und hin und her kippeln, passiert das auch die ganze Zeit. Das sind Sachen, die Robotern im Rahmen dieses Kontrollkonzeptes verboten sind. Daher haben wir versucht, davon wegzugehen.
Fall- und Auffangphasen
heise online: Ich hatte auch nie den Eindruck, dass ich mich beim Gehen am Zero Moment Point orientiere. Mir kommt es eher so vor, als wĂŒrden wir stĂ€ndig fallen und den Sturz mit dem jeweils nĂ€chsten Schritt verhindern.
Genau, das menschliche Laufen ist eine Sequenz von Fall- und Auffangphasen. Das können humanoide Roboter aktuell noch nicht. Es gibt seit etwa 25 Jahren die passiv-dynamischen Roboter, die mit sehr einfachen Systemen versucht haben, dieses Konzept umzusetzen. Sie haben aber noch keinen Eingang in die humanoide Robotik gefunden, weil es noch nicht gelungen ist, diesen Ansatz mit einer groĂen FlexibilitĂ€t zu verbinden. Die passiv-dynamischen Roboter können eben nur einen Bewegungsmodus ausfĂŒhren, die humanoiden Roboter dagegen lassen sich auf sehr viele verschiedene Bewegungen regeln, aber noch nicht nach einem wirklich dynamischen Konzept. Daher haben wir versucht, andere AnsĂ€tze zu entwickeln. Aber tatsĂ€chlich ist das auch an die Hardware gekoppelt.
heise online: Nun war ein Ziel des Projekts auch, Grundlagen fĂŒr das Design der nĂ€chsten Robotergeneration zu entwickeln, indem Sie durch Optimierung die vorhandene Hardware an ihre Grenzen bringen.
Ganz richtig. Wir haben uns auch die Frage gestellt, was wir uns wĂŒnschen wĂŒrden, wenn wir bei der Hardware die freie Wahl hĂ€tten. Dazu gehören stĂ€rkere Motoren, aber auch die Möglichkeit, freie Regelkonzepte umzusetzen, auch freie StabilitĂ€tsregelungen. Ein stĂ€rker menschenĂ€hnlicher FuĂkontakt beim Laufen zĂ€hlt ebenfalls dazu. Wir haben im Projekt den Einfluss elastischer Elemente untersucht, die bei menschlichen Bewegungen eine wichtige Rolle spielen. Da ist die ElastizitĂ€t sowohl in den Gelenken wichtig, als auch bei den KontaktflĂ€chen, etwa bei HĂ€nden und FĂŒĂen. Roboter sind dagegen zur Zeit noch ĂŒberwiegend sehr starr.
heise online: Nachgiebige Aktuatoren waren auch beim Workshop ein Thema. Erfordern die nicht völlig neue Kontrollverfahren?
Ja, natĂŒrlich. In der Industrierobotik war die Positionskontrolle sehr verbreitet und auch viele humanoide Roboter arbeiten noch nach diesem Prinzip. Aber das ist nicht das Prinzip, nach dem der Mensch funktioniert, jedenfalls nicht bei dynamischen Laufbewegungen. Auf flachem Grund setzen wir unsere FĂŒĂe normalerweise dorthin, wo es gerade passt. Bei beschrĂ€nkten Situationen, etwa auf Treppen oder Trittsteinen, Ă€ndert sich das etwas. Dann muss das rein mechanische Laufen, das nach dem Prinzip fallen und wieder auffangen ablĂ€uft, mit kognitiven Elementen gemischt werden, sodass man genauer bestimmt, wohin der FuĂ gesetzt wird.
Grenzen maschinellen Lernens
heise online: Prallen da zwei Denktraditionen aufeinander: Auf der einen Seite die etablierte Industrierobotik mit ihrer PrĂ€zision und Wiederholgenauigkeit, auf der anderen die kĂŒnstliche Intelligenz und mobile Robotik, die auf einmal mit SchĂ€tzwerten und Wahrscheinlichkeiten arbeitet?
Ein Vorteil des Projekts lag darin, dass wir Forscher aus vielen verschiedenen Disziplinen dabei hatten und gemeinsam versucht haben, zu neuen Lösungen zu kommen. In der humanoiden Robotik muss man langfristig sicherlich weg von der prĂ€zisen Positionsregelung und hin zu flexiblen Bewegungen. Man kann aber in der humanoiden Robotik nicht alles von Beginn an lernen. Bei Ganzkörperbewegungen stöĂt maschinelles Lernen derzeit noch an Grenzen, weil die Zahl möglicher Bewegungen einfach zu groĂ ist. Ein komplexer humanoider Roboter, der wirklich bei Null beginnen wĂŒrde, das Laufen zu lernen, hĂ€tte keine Chance, ans Ziel zu kommen. Daher haben wir versucht, zunĂ€chst mit dem Computermodell Bewegungen zu optimieren und Lernverfahren dafĂŒr eingesetzt, die Abweichungen zwischen Modell und RealitĂ€t auszugleichen. Wir haben also gewissermaĂen den Roboter an einen guten Startpunkt gebracht, von dem aus er dann alleine lernen kann.
heise online: Können die Roboter dann das Bewegungsalphabet lernen wie Kinder das ABC?
Nein, das geht nicht. Ich habe bisher keinen humanoiden Roboter gesehen, der wie ein Kind die ersten Jahre seines Lebens damit verbringt, einfach nur immer wieder aufzustehen und hinzufallen, bis er es irgendwann kann. Das funktioniert vielleicht fĂŒr einzelne Körperteile, aber nicht fĂŒr den kompletten Roboter. Es kann auch bisher niemand erklĂ€ren, wie eigentlich Menschen das Laufen lernen. Wenn wir das wĂŒssten, wĂ€ren wir wahrscheinlich auch in der Robotik schon sehr viel weiter.
heise online: Können Sie sich vorstellen, dass wir ĂŒber die Erforschung und Entwicklung humanoider Roboter vielleicht auch besser verstehen, warum unsere Vorfahren ĂŒberhaupt damit angefangen haben, auf zwei Beinen zu laufen?
Wir haben im Rahmen des Projekts auch viele Modelle des menschlichen Gangs entwickelt. Entsprechendes lieĂe sich auch fĂŒr den vierbeinigen Gang entwickeln. Damit könnten wir die verschiedenen Evolutionsstadien des Menschen miteinander vergleichen und die verschiedenen Hypothesen zur Entstehung des aufrechten Gangs mathematisch ĂŒberprĂŒfen. Auf diese Weise lieĂen sich etwa die Energiebilanzen verschiedener Gangarten im VerhĂ€ltnis zum jeweiligen Körperbau genauer abschĂ€tzen.
heise online: Wie sieht fĂŒr Sie die nĂ€chste Generation humanoider Roboter aus?
Das kommt auf die Einsatzszenarien an. Je nachdem, ob die Roboter in Gefahrengebiete, in den Weltraum, in die Fabrik oder in den Haushalt geschickt werden, sind die Anforderungen an sie unterschiedlich. Im Haushalt, im engen Kontakt mit Menschen, mĂŒssen sie auf jeden Fall sehr nachgiebig sein, damit sich bei einem ZusammenstoĂ niemand verletzt. Sie brauchen dort wahrscheinlich auch weniger Kraft als in der Fertigung oder bei einem Katastropheneinsatz. Dennoch brauchen alle Roboter stĂ€rkere Motoren als die heute verfĂŒgbaren. Auch ein gewisser Grad von Nachgiebigkeit dĂŒrfte fĂŒr alle wichtig sein. (ps [3])
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[1] https://www.heise.de/news/Roboter-mit-olympischen-Ambitionen-3321060.html
[2] http://www.koroibot.eu/
[3] mailto:ps@ct.de
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