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Sarkozy droht Besuchern extremistischer Websites mit GefÀngnis

Andreas Wilkens

Nach der Mordserie in Frankreich will der französische PrĂ€sident Personen bestrafen lassen, die regelmĂ€ĂŸig im Internet Webseiten besuchen, die den Terrorismus predigen beziehungsweise zu Hass und Gewalt aufrufen.

Nach der Mordserie in Frankreich und dem Tod des mutmaßlichen TĂ€ters hat der französische PrĂ€sident Nicolas Sarkozy Konsequenzen angekĂŒndigt. In einer kurzen Fernsehansprache [1] kurz nach dem Einsatz gegen den VerdĂ€chtigen in Toulouse am Donnerstag sagte er (ab Minute 2:30), dazu zĂ€hle auch die Bestrafung von Hasspredigern im Internet und deren AnhĂ€ngern. "Von nun an wird jede Person bestraft, die regelmĂ€ĂŸig im Internet Webseiten besucht, die den Terrorismus predigen, die zu Hass und Gewalt aufrufen." Es mĂŒsse zudem untersucht werden, ob und wie in GefĂ€ngnissen radikales fundamentalistisches Gedankengut verbreitet werde. Außerdem soll jede Person bestraft werden, die sich im Ausland indoktrinieren lĂ€sst.

Internetnutzer, die Websites mit extremistischen Inhalten aufsuchen, mĂŒssten ebenso hart bestraft werden wie Konsumenten von Kinderpornografie, sagte Sarkozy auf einer Wahlkampfveranstaltung in Strasbourg. Jeder, der sich regelmĂ€ĂŸig auf Websites wiederfinde, auf denen Terrorismus gefördert, Hass oder Gewalt befĂŒrwortet werde, mĂŒsse mit GefĂ€ngnisstrafen rechnen. Frankreich toleriere niemanden, der ĂŒber das Internet Terroristen rekrutierte oder indoktriniere.

Wie weit die PlĂ€ne gediehen sind, die Besuche von extremistischen Websites zu kontrollieren und zu ahnden, blieb bislang unklar. Sie stießen aber bereits auf Kritik. So sagte Lucie Morillon von der Organisation Reporter ohne Grenzen laut Medienberichten [2], den Besuch einer Website zu kriminalisieren, sei unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig. Morillon fragt sich, ob Frankreich ein weltweites Überwachungssystem aufbauen wolle.

Die US-BĂŒrgerrechtler der Electronic Frontier Foundation (EFF) bezweifeln [3], dass auf diese Weise der Terrorismus wirksam bekĂ€mpft werden könne. Extremistische Gewalt beginne nicht im Internet und werde auch nicht mit ihm beendet. Abgesehen davon könnten extremistische Websites ĂŒber Anonymisierungsdienste besucht und damit die Kontrollen umgangen werden.

Fraglich ist fĂŒr die EFF auch die Definitionshoheit darĂŒber, bei welchen Inhalten es sich um "Hasspropaganda" handele. Falls Frankreich extremistische Websites Ă€hnlich wie Kinderpornografie blockiere, werde es voraussichtlich zu "KollateralschĂ€den" kommen. Auf der Welt gebe es kein Land mit Internetsperren, in denen diese nicht ĂŒber ihr Ziel hinausschössen und legitime Inhalte blockierten. Durch Sarkozys AnkĂŒndigungen könnten sich Regimes autoritĂ€rer LĂ€nder fĂŒr ihre rigide Zensur gerechtfertigt sehen.

Der mutmaßliche TĂ€ter, der am Donnerstag bei einem Polizeieinsatz getötet wurde, soll am Montag vor einer jĂŒdischen Schule in Toulouse drei Kinder und einen Religionslehrer erschossen haben. Zuvor wurden am 11. und 15. MĂ€rz mit derselben Waffe in Toulouse und Montauban drei Soldaten umgebracht. Nach den tödlichen SchĂŒssen entkam der TĂ€ter jeweils mit einem Motorroller. Seit dem frĂŒhen Mittwoch hielt sich der mutmaßliche TĂ€ter in einem Haus in Toulouse auf, nachdem die Polizei es umstellt hatte.

Am Donnerstag bekannte sich im Internet eine Gruppe mit dem Namen "Soldaten des Kalifats" dazu, fĂŒr die tödlichen Angriffe des 23-JĂ€hrigen verantwortlich zu sein. Mit den "Taten des Gesegneten" seien unter anderem die "Verbrechen Israels" im Gazastreifen gerĂ€cht worden, hieß es. Der Wahrheitsgehalt ließ sich zunĂ€chst nicht ĂŒberprĂŒfen.

Bislang ist noch nicht klar, wie die Polizei dem VerdĂ€chtigen auf die Spur gekommen ist. Die Ermittlungen könnten den BefĂŒrwortern der Vorratsdatenspeicherung Argumente in die HĂ€nde geben. Einer der ermordeten Soldaten soll in einem Anzeigenportal im Web sein Motorrad angeboten haben. Die Anzeige sei von knapp 600 Interessenten aufgesucht worden sein. Die Ermittler sollen sich ihre IP-Adressen und die Namen der dahinterstehenden Internetnutzer besorgt haben – darunter der eines Verwandten des VerdĂ€chtigen. Die Ermittler sollen ihm aber auch auf einem anderen Weg auf die Spur gekommen sein, indem sie HĂ€ndler des Typs von Motorrollern befragt hĂ€tten, von denen der VerdĂ€chtige einen besaß. (mit Material von dpa) / (anw [4])


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[1] http://www.elysee.fr/president/mediatheque/videos/videotheque.10.html
[2] http://www.businessweek.com/ap/2012-03/D9TLNDJG0.htm
[3] https://www.eff.org/deeplinks/2012/03/french-president-sarkozy-sees-opportunity-censorship-seizes-it
[4] mailto:anw@heise.de