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SchÀuble lobt Entwurf zu Online-Razzien als "notwendig" und "richtig"

Stefan Krempl

Bundesinnenminister Wolfgang SchĂ€uble (CDU) hat bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichts 2007 den Entwurf zur Novellierung des BKA-Gesetzes verteidigt und erneut Befugnisse fĂŒr Netzbespitzelungen durch StaatsschĂŒtzer gefordert.

Bundesinnenminister Wolfgang SchĂ€uble hat bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichts 2007 [1] (PDF-Datei) am heutigen Donnerstag in Berlin den umstrittenen Entwurf [2] fĂŒr die Novelle des Gesetzes fĂŒr das Bundeskriminalamt (BKA) verteidigt. "Es muss gewĂ€hrleistet sein, dass die Sicherheitsbehörden die nötigen Informationen gewinnen und austauschen können", betonte der CDU-Politiker. Dies sei "auf dem Stand der Technik" zu gewĂ€hrleisten. Das betreffe auch die geplante Lizenz fĂŒr das BKA zu heimlichen Online-Durchsuchungen. SchĂ€uble zeigte sich ĂŒberzeugt, "dass das, was wir bisher erarbeitet haben, notwendig, richtig und verfassungsrechtlich einwandfrei ist".

Zugleich forderte der Innenminister einmal mehr [3] auch fĂŒr die StaatsschĂŒtzer Befugnisse zum Einsatz des sogenannten Bundestrojaners. Die Vorlage fĂŒr das BKA-Gesetz könnte ihm zufolge an diesem Punkt ebenfalls "Maßstab fĂŒr entsprechende Ă€hnliche Regelungen" beim Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz [4] (BfV) sein. Der mit dem Bundesjustizministerium ausgearbeitete Referentenentwurf [5] enthalte eine fĂŒr die Sicherheitsbehörden "rechtlich saubere und sachgerechte Arbeitsgrundlage" zur Ausforschung von IT-Systemen. Es mĂŒsse aber auch die Möglichkeit geben, "Wohnungen im Notfall heimlich betreten zu können", stellte SchĂ€uble den noch von den LĂ€ndern, dem Bundeskabinett und dem Bundestag zu behandelnden Kompromiss an einer Stelle in Frage. Eine Debatte ĂŒber den Schutz des Wohnraums in Artikel 13 Grundgesetz [6] werde "uns nicht erspart bleiben".

Generell geht laut SchĂ€uble "die grĂ¶ĂŸte und manifesteste Bedrohung nach wie vor vom islamistischen Terrorismus aus". Deutschland sei "zum Operationsgebiet islamistischer Terroristen geworden". Dies erfordere "nicht nur die konzentrierte Wachsamkeit unserer Sicherheitsbehörden, sondern unser aller Aufmerksamkeit". Die Integration und das einvernehmliche Miteinander der hierzulande rund dreieinhalb Millionen lebenden Muslime spiele dabei eine wichtige Rolle. Angesichts eines Anstiegs der Zahl der aktiven islamistischen Organisationen in diesem Jahr auf 30 mit ĂŒber 33.000 Mitgliedern sei aber auch die PrĂ€vention wichtig. Dass Deutschland "im Fokus" stehe, wĂŒrden etwa die im MĂ€rz und November 2007 im Internet veröffentlichten Drohvideos der al-Qaida nahestehenden Globalen Islamischen Medienfront (GIMF) verdeutlichen.

Als weiteren besonderen Schwerpunkt der Arbeit der StaatsschĂŒtzer bezeichnete SchĂ€uble die Beobachtung des Rechtsextremismus in all seinen AusprĂ€gungen. "Wir werden geistige rechtsextreme Brandstifter mit allen Mitteln des Rechtsstaates bekĂ€mpfen", erklĂ€rte der Minister. Erstaunt zeigte er sich, dass selbst der Nationalismus inzwischen international operiere. Das reiche von polnischen Neonazis bis hin zu einer Fraktion der Rechtsextremen im EU-Parlament.

"Auch das Internet wird von ihnen intensiv genutzt", ergĂ€nzte SchĂ€uble. Der Bericht meldet eine hohe Fluktuation rechtsextremer Propaganda-Webseiten. WĂ€hrend der Verfassungsschutz im vergangenen Jahr 250 neue entsprechende InternetprĂ€senzen festgestellt habe, sei die gleiche Menge aus dem Netz verschwunden. Die Gesamtzahl einschlĂ€giger rechtsextremer Online-Auftritte stagniere so bei etwa 1000. Zudem habe die Szene damit begonnen, eigene Videoplattformen zur Verbreitung ihrer Filme aufzubauen. Die Zahl der neonazistischen Demonstrationen sei dagegen auf 66 von 145 im Vorjahr zurĂŒckgegangen. Der Bericht vermerkt auch eine Senkung der rechts motivierten Straftaten um 2,4 Prozent auf 17.176 sowie der Gewalttaten um 6,4 Prozent auf 980.

Der "organisierte Linksextremismus" hat sich nach Angaben SchĂ€ubles "nur unwesentlich verĂ€ndert". Dem Bericht nach stieg die Zahl der politisch links motivierten Straftaten von 2369 im Jahr 2006 auf 2765, darunter waren 833 Gewalttaten (2006: 862). Ein erheblicher Teil davon sei gegen AnhĂ€nger der rechten Szene gerichtet, beklagte der Minister ein gegenseitiges Hochschaukeln, wie dies etwa auch bei Demonstrationen am 1. Mai in Hamburg zu beobachten gewesen sei. Weiter monierte SchĂ€uble, dass die 2005 gestartete "militante Kampagne" gegen den G8-Gipfel 2007 mit 15 BrandanschlĂ€gen mit zum Teil erheblichen SachschĂ€den fortgesetzt worden sei. Die Ereignisse wĂŒrden zeigen, "dass der Linksextremismus weiterhin in der Lage ist, grĂ¶ĂŸere Mengen an AnhĂ€ngern zu mobilisieren".

Als von "besonderer Bedeutung" stellt der Report dabei das Aktionsfeld "Antirepression" heraus: Linksextremisten wĂŒrden die nach den TerroranschlĂ€gen vom 11. September 2001 erfolgte VerschĂ€rfung der Sicherheitsgesetze und den Einsatz neuer technischer Fahndungsmittel als neue QualitĂ€t staatlicher UnterdrĂŒckung werten und dagegen etwa im Rahmen "schwarzer Blöcke" bei Kundgebungen wie der Großdemo gegen den Überwachungswahn [7] im September 2007 in Berlin vorgehen.

FĂŒr Empörung schon im Vorfeld hatte die Tatsache gefĂŒhrt, dass der Verfassungsschutz in der Partei "Die Linke" nach wie vor "offen extremistische KrĂ€fte" am Werk sieht und sie weiter unter Beobachtung hĂ€lt. Der BundesgeschĂ€ftsfĂŒhrer der Linken, Dietmar Bartsch, beklagte daraufhin eine "verkehrte Welt". Laut dem Grundgesetz, zu dem sich die Partei stets ohne BeschrĂ€nkung bekannt habe, "kontrolliert immer noch das Parlament den Verfassungsschutz und nicht umgekehrt". BfV-PrĂ€sident Heinz Fromm erlĂ€uterte, dass die StaatsschĂŒtzer bei der Partei "nur die Dinge zur Kenntnis nehmen, die offen verfĂŒgbar sind". Nicht hinter jeder Hausecke stehe ein VerfassungsschĂŒtzer, um etwa neue Mitglieder zu beobachten.

Ein gesondertes Kapitel widmet der Bericht erneut dem Thema Spionage. Fromm sprach von "zunehmenden Interessen", technisches Know-how, Produktideen, komplexe Fertigungstechniken sowie Unternehmens- und Marktstrategien aus Deutschland auf illegale Weise zu beschaffen. Eine zunehmende Bedeutung besitzen dem Report nach dabei "internetgebundene Angriffe auf Computersysteme von Wirtschaftsunternehmen und Regierungsstellen". Angesichts der ausgewÀhlten Ziele und der angewandten Methoden erscheine eine nachrichtendienstliche Steuerung oder zumindest Beteiligung in vielen FÀllen als sehr wahrscheinlich. Das BfV sehe sich daher als "Service-Stelle" [8], um Hilfe zum Selbstschutz zu geben. (Stefan Krempl) / (pmz [9])


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[1] http://www.bmi.bund.de/Internet/Content/Common/Anlagen/Broschueren/2008/VSB__Vorabfassung,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/VSB_Vorabfassung.pdf
[2] https://www.heise.de/news/SPD-verschaerft-Kritik-am-geplanten-BKA-Gesetz-207478.html
[3] https://www.heise.de/news/Schaeuble-Verfassungsschutz-braucht-Online-Durchsuchungen-178714.html
[4] http://www.verfassungsschutz.de/
[5] https://www.heise.de/news/Schaeuble-und-Zypries-bei-heimlichen-Online-Durchsuchungen-einig-199837.html
[6] https://www.heise.de/news/Schaeuble-und-die-Online-Durchsuchung-heimliches-Betreten-der-Wohnung-grundgesetzkonform-202162.html
[7] https://www.heise.de/news/Tausende-Buerger-demonstrieren-fuer-Freiheit-statt-Angst-178144.html
[8] https://www.heise.de/news/Verfassungsschutz-soll-gezielte-Trojanerattacken-abwehren-175884.html
[9] mailto:pmz@ct.de