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Schlammschlacht um Linux eskaliert

Seit Wochen liefert sich die Computerindustrie einen erbitterten Kampf um Linux. Manche Beobachter glauben, dass Microsoft die FĂ€den im Hintergrund zieht.

Es geht um Geld, sehr viel Geld -- aber auch um die Ehre. Seit Wochen liefert sich die Computerindustrie einen erbitterten Kampf um Linux, der manche Nutzer des freien Betriebssystems verunsichert. Der Computerkonzern IBM muss sich in diesem Zusammenhang mit einer Milliardenklage auseinander setzen. Und manche Beobachter glauben, dass eigentlich der erbittertste Gegner von Linux, nÀmlich Microsoft, die FÀden im Hintergrund zieht.

Die Schlammschlacht um Linux begann Anfang MĂ€rz, als das kleine Softwareunternehmen SCO Group IBM auf eine Milliarde US-Dollar Schadensersatz verklagte. IBM setzte 2002 mit Software, Servern und Dienstleistungen rund um Linux rund 1,5 Milliarden US-Dollar um. Dabei habe IBM geistiges Eigentum von SCO gestohlen [1], da sich die Linux-Programmierer ausgiebig am Code des kommerziellen Unix- Programms von SCO bedient hĂ€tten. SCO hatte den Code 1995 von Novell gekauft, der ursprĂŒnglich 1969 in den Bell Labs von AT&T geschrieben worden war. Der Klage wurde von Experten zunĂ€chst kaum Aussicht auf Erfolg eingerĂ€umt, zumal SCO unter dem Namen Caldera acht Jahre lang selbst Anbieter eines Linux-Systems und FĂŒrsprecher des freien Betriebssystems gewesen war.

Die Bedeutung der Klage gegen IBM und der AnsprĂŒche gegen andere Linux-Firmen nahm jedoch schlagartig zu, als Microsoft Mitte Mai die SCO-Technologie lizenzierte [2]. Die Aktie von SCO schoss um 70 Prozent in die Höhe, da erstmals ein großer Player den umstrittenen Anspruch von SCO anerkannt hatte. "Wir haben das SCO-Unix lizenziert, weil wir als Software-Unternehmen besonders darauf achten mĂŒssen, dass intellektuelles Eigentum geschĂŒtzt wird", begrĂŒndet Microsoft- Sprecher Thomas BaumgĂ€rtner diesen Schritt. Microsoft biete jetzt eine verbesserte technische Schnittstelle zu Unix-Systemen an. "In diesem Zusammenhang mussten wir Unix von SCO lizenzieren."

Manche Beobachter vermuten aber weniger technische GrĂŒnde fĂŒr den Schritt des Software-Riesen. "Microsoft spielt noch immer mit harten Bandagen", schrieb etwa die IT-Kolumistin der Washington Post, Cynthia L. Webb. "Ich habe auch gelesen, dass Microsoft mit der SCO- Lizenzierung solche Ziele verfolge. Ich kann das aber nicht bestĂ€tigen", meint Microsoft-Mann BaumgĂ€rtner.

In einer schwierigen Lage befindet sich nun die NĂŒrnberger SuSE AG. Zusammen mit SCO und zwei weiteren internationalen Partnern hatte SuSE die Firma UnitedLinux gegrĂŒndet. Das BĂŒndnis will eine einheitliche Plattform fĂŒr Linux in Unternehmen schaffen und gleichzeitig dem grĂ¶ĂŸten US-Anbieter Red Hat Paroli bieten. Nun wird SuSE wohl ohne SCO fĂŒr die Zukunft von Linux kĂ€mpfen mĂŒssen.

Im Streit geht es aber nicht nur um die GeschÀftsinteressen von IBM, Microsoft, SCO oder SuSE. Die Klage von SCO wird von vielen Linux-Programmierern als Frontalangriff auf die eigene Berufsehre empfunden -- zumal SCO in der Klageschrift Linux mit einem Fahrrad und das eigene kommerzielle Unix mit einem Luxuswagen verglich. Linux war 1991 vom finnischen Programmierer Linus Torvalds erfunden worden und wird seitdem von einer stÀndig wachsenden Gemeinde von Programmierern rund um die Welt verbessert und weiterentwickelt.

Besonders verĂ€rgert ist die Linux-Szene, dass SCO bislang keinen Beweis fĂŒr die angeblichen Urheberrechtsverletzungen vorlegt hat. "Wir wĂ€ren auch bereit, bittere Wahrheiten zu akzeptieren, wenn tatsĂ€chlich SCO-Code im Linux-Kern stecken wĂŒrde", sagt Johannes Loxen vom deutschen Linux-Verband. "Da SCO aber nur Drohbriefe ohne Beweise verschickt, mĂŒssen wir davon ausgehen, dass es sich um ein rein taktisches Vorgehen handelt." SCO argumentiert dagegen, mit der vorzeitigen Vorlage von Beweisen gebe man nur der Linux-Gemeinde die Möglichkeit, die VerstĂ¶ĂŸe zu vertuschen.

Eric Raymond, ein Unix-Pionier und Sprecher der Open-Source- Bewegung, wies in einer ausfĂŒhrlichen technischen Stellungnahme [3] die AnsprĂŒche von SCO zurĂŒck -- und wurde zum Schluss persönlich: "Wir haben unseren Unix- und Linux-Code als ein Geschenk und als Ausdruck einer Kunst geschrieben, damit er von Gleichgesinnten und anderen fĂŒr alle zulĂ€ssigen kommerziellen und nicht-kommerziellen Zwecke genutzt werden kann. Wir haben den Code aber nicht fĂŒr Leute geschrieben, die so verachtenswert sind, zunĂ€chst acht Jahre lang dieses Geschenk kommerziell auszunutzen und sich dann um 180 Grad zu drehen und unsere Kompetenz zu beleidigen." (Christoph Dernbach, dpa) / (wst [4])


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[1] http://www.unicat-communications.de/2_presse/3_back/2_3_index.html
[2] https://www.heise.de/news/Microsoft-kauft-Unix-Lizenz-von-SCO-Update-79331.html
[3] http://www.opensource.org/sco-vs-ibm.html
[4] mailto:wst@technology-review.de