Softroboter im menschlichen Kopf kartiert HirnaktivitÀt
Der Roboter entfaltet seine Sensorbeine in einem SchÀdelmodell.
(Bild: Sukho Song)
Ein kleiner Softroboter könnte das Messen von GehirnaktivitĂ€ten schonender fĂŒr den Patienten gestalten. An einem Mini-Schwein wurde es bereits ausprobiert.
Ein Forschungsteam des Swiss Federal Institute of Technology hat einen weichen Roboter mit Sensorbeinen entwickelt, der im menschlichen SchÀdel HirnaktivitÀten kartieren kann. Die Forscher wollen damit das Risiko, etwa von Patienten mit Epilepsie und anderen neurologischen Störungen, minimieren, das das herkömmliche Verfahren zur Hirnkartierung mit sich bringt. Das Verfahren wurde bislang nur am Schwein erprobt.
Die Elektrokortikografie (EKoG) wird hĂ€ufig zur Kartierung epileptogener Hirnregionen eingesetzt. ZusĂ€tzlich kommt das Verfahren zum Einsatz, wenn LĂ€sionen des Gehirns chirurgisch entfernt werden mĂŒssen. Auch bei Forschungen an Anwendungen zur Schnittstelle zwischen Hirn und Maschine wird EKoG eingesetzt. Dazu werden herkömmlicherweise Elektroden auf das Gehirn aufgebracht, mit erheblichen Risiken fĂŒr die Patienten. Denn das in den SchĂ€del zu schneidende Loch muss in der gleichen GröĂe angelegt werden wie die SensorflĂ€che. Entsprechend kann nur ein kleiner Bereich der kortikalen OberflĂ€che bei zugleich geringer rĂ€umlicher Auflösung abgedeckt werden, schreiben die Forscher in der Studie "Deployment of an electrocorticography system with a soft robotic actuator" [1], die in Science Robotics veröffentlicht ist.
Entfaltbare Beine
Das Konzept des Softroboters sieht das Bohren eines etwa ein Quadratzentimeter groĂen Loches in den menschlichen SchĂ€del vor. Darin wird der rund 2 cm lange Roboter eingefĂŒhrt. Seine bis zu sechs Beine bestehen aus einem flexiblen Silikonpolymer und sind zusammengefaltet. Sie winden sich spiralförmig um den Körper und decken bei vollstĂ€ndiger Entfaltung eine FlĂ€che mit einem Durchmesser von 4 cm ab. In jedem Bein sind Elektroden zur Ăberwachung der HirnaktivitĂ€t sowie Dehnungssensoren zur Ăberwachung des Einsatzes untergebracht. Sie liefern etwa den Zeitpunkt zurĂŒck, zu dem die Beine komplett ausgefahren sind.
Die Beine sind zunĂ€chst Ă€hnlich wie ein Ărmel, der zurĂŒckgeschoben ist, zusammengefaltet. Sobald der Roboter [2] in den SchĂ€del eingebracht worden ist, werden sie mit einer FlĂŒssigkeit gefĂŒllt und entfalten sich. Dabei erfolgt das Auffalten fĂŒr das Gehirn schonend, da wenig Druck ausgeĂŒbt wird.
In dem bisherigen Prototyp habe die BeinlĂ€nge noch nicht ihre endgĂŒltige Dimension erreicht. Die Forschenden gehen davon aus, dass sie auf 8 bis 10 cm ausgeweitet werden kann. Dementsprechend groĂ wĂ€re dann das durch sie aufgezogene Sensorfeld. Das Loch im SchĂ€del mĂŒsste dafĂŒr nicht vergröĂert werden, schreiben die Wissenschaftler. Zur Entnahme wird die FlĂŒssigkeit in den Beinen abgelassen und der Roboter aus dem Loch im SchĂ€del entfernt.
Tests am Mini-Pig
Getestet haben die Forscher den Roboter zunĂ€chst an einem Modell eines menschlichen Gehirns aus Kunststoff und Hydrogel. AuĂerdem musste ein Göttinger Minischwein fĂŒr einen Testeingriff herhalten. Dem Tier wurde ein einzelnes, 15 mm langes Roboterbein mit der Sensorik implantiert. Mithilfe der Elektroden konnte die GehirnaktivitĂ€t des Mini-Pigs aufgezeichnet werden. Das Tier wurde dazu an der Schnauze elektrisch stimuliert.
Die Forscher sind sich sicher, dass das von ihnen entwickelte Verfahren eine schonende Variante der EKoG ist und die Zeit fĂŒr Eingriffe im Operationssaal verkĂŒrzen kann. Um das Verfahren am Menschen zu testen, kommerziell weiterzuentwickeln und anwenden zu können, haben die Forschenden das Start-up Nurosoft Bioelectronics ins Leben gerufen.
(olb [4])
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