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Softwarepatentgegner werfen BrĂŒssel Verlogenheit vor

Stefan Krempl

Nach dem "Ja" des EU-Rats zur Richtlinie fĂŒr "computerimplementierte Erfindungen" gerĂ€t vor allem die Bundesregierung in die Schusslinie der Kritik.

Das knappe "Ja" im Rat [1] der EuropĂ€ischen Union zur heftig umstrittenen Softwarepatentrichtlinie [2] der irischen RatsprĂ€sidentschaft sorgt fĂŒr heftige Reaktionen. So halten sich gerade VerbĂ€nde, die der Open-Source-Szene nahe stehen, und MittelstĂ€ndler mit ihrer Kritik nicht zurĂŒck. "Europa ist im Begriff, sich endgĂŒltig vom Ziel der Staats- und Regierungschefs zu verabschieden, bis 2010 'wettbewerbsfĂ€higste wissensbasierte Region' zu werden", fĂŒrchtet etwa Georg Greve, PrĂ€sident der Free Software Foundation Europe (FSFE) [3]. Markus Beckedahl vom Netzwerk Neue Medien [4] sieht derweil die Gefahr, dass europĂ€ische klein- und mittelstĂ€ndische Unternehmen bald nur noch von der Gnade der Inhaber der Patentmonopole existieren können."

Mitten in die Fronten des Patentkrieges ist die Bundesregierung aufgrund ihres Schlingerkurses geraten. Ein leitender Beamter hatte auf einer Demonstration der Softwarepatentgegner zunĂ€chst starke Vorbehalte [5] gegen die von den Iren ĂŒberarbeitete Richtlinie zur Patentierbarkeit "computerimplementierter Erfindungen" vorgebracht. Deutschland werde dem Vorstoß nicht zustimmen, hatte es geheißen. Diese Linie bestĂ€tigte Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) noch einmal gegenĂŒber c't aktuell [6] und mahnte gleichzeitig umfangreichen Nachbesserungsbedarf an.

Nichtsdestoweniger reichten am Dienstag wenige kosmetische und rhetorische Änderungen, um den deutschen Verhandlungspartnern die Richtlinie schmackhaft zu machen. "Offensichtlich waren die bisherigen Aussagen des Justizministeriums, sich gegen die Legalisierung von Softwarepatenten einzusetzen reine Lippenbekenntnisse", schimpft Oliver Moldenhauer vom Attac-Koordinierungskreis [7] ĂŒber die Abgabe der letztendlich entscheidenden deutschen Stimmen. Denn "der so genannte Kompromiss des Rates ist ein klares Votum pro Softwarepatente", stellt Andy MĂŒller-Maguhn vom Chaos Computer Club (CCC) [8] klar. Er sieht Software-Entwickler in ihrer Existenz bedroht, sollte der Beschluss Gesetz werden.

"Es ist schade, dass der Zweckoptimismus und das Vertrauen in die deutsche Regierung etwas voreilig gewesen zu sein scheinen", zeigt sich auch Greve enttĂ€uscht. Deutschland und die EU hĂ€tten "zum wiederholten Male demokratisch versagt". Seiner Meinung nach ging es in den vorherigen Regierungsverhandlungen "zu keinem Zeitpunkt um die Festlegung von innovativ sinnvollen Grenzen der Patentierung". Vielmehr sollen die etwa 30.000 vom EuropĂ€ischen Patentamt bereits auf schwankendem rechtlichen Boden erteilten Softwarepatente endgĂŒltig legalisiert werden. Florian MĂŒller vom Open-Source-Hersteller MySQL [9] wirft den EU-Regierungen daher vor, mit gespaltener Zunge zu reden: "In den USA sagt man wenigstens ganz ehrlich, dass man Software patentiert. Hier in Europa geht man den verlogenen Weg ĂŒber das Alibi eines technischen Zusammenhangs", erklĂ€rte er gegenĂŒber heise online. Dabei werde diese vermeintliche Anforderung jedoch nirgends vom aktuellen Richtlinientext definiert. So könnten bereits BedienoberflĂ€chen als technisch gelten, weil der Bildschirm ein technisches GerĂ€t sei. Dasselbe trĂ€fe fĂŒr Datenbanken zu, weil auch die Datenspeicherung ein "technischer Vorgang" sei. Als nicht-patentierbarer Bereich bleibe da nichts mehr ĂŒbrig.

Ihre Hoffnung setzen die Kritiker nun erneut auf das EuropĂ€ische Parlament [10], das in erster Lesung [11] schon einmal deutliche Grenzen fĂŒr die Patentierbarkeit von Software vorgegeben hatte. FĂŒr die zweite Lesung, die nach der Neuwahl der Volksvertreter vermutlich im Herbst ansteht, rĂ€t Greve den Abgeordneten, "sich nicht wider besseres Wissen auf den aktuellen Vorschlag einzulassen". Ohne eine klare Technikdefinition kĂ€me die Richtlinie nicht aus: "Das wĂ€re sonst, als baute man ein Haus auf RĂ€dern und ohne Bremsen in der Annahme, die spĂ€teren Bewohner wĂŒrden es nicht vom Fleck bewegen, obwohl eine solche Bewegung ihnen große Profite verspricht." Laut MĂŒller komme es in der nĂ€chsten Runde ferner stĂ€rker darauf an, "dass gerade Unternehmen die wirtschaftlichen Argumente gegen Softwarepatente herausstellen." (Stefan Krempl) (gr [12])


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[1] https://www.heise.de/news/EU-Staaten-ueber-Softwarepatente-einig-2-Update-98777.html
[2] https://www.heise.de/news/EU-Rat-gibt-Gas-bei-der-Softwarepatent-Richtlinie-98075.html
[3] http://www.fsfeurope.org/
[4] http://www.nnm-ev.de/
[5] https://www.heise.de/news/Bundesregierung-schwenkt-auf-Linie-der-Softwarepatentkritiker-ein-Update-98465.html
[6] http://www.heise.de/ct/aktuell/meldung/47462
[7] http://www.attac.de/
[8] http://www.ccc.de/
[9] http://www.mysql.com/
[10] http://www.europarl.eu.int/
[11] https://www.heise.de/news/Europaparlament-gibt-reinen-Softwarepatenten-einen-Korb-85789.html
[12] mailto:gr@ct.de