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StÀndige Erreichbarkeit: Produktiver mit weniger Push-Nachrichten

Peter Ilg

(Bild: Antonio Guillem / shutterstock.com)

Was macht eine permanente berufliche VerfĂŒgbarkeit mit uns Menschen? Ineffizient und krank! Davor schĂŒtzen Strukturen, sagt ein Psychologe.

Menschen sind ebenso wenig nach dem Smartphone sĂŒchtig wie Alkoholiker nach Flaschen. Bei beiden AbhĂ€ngigkeiten geht es um den Inhalt. "Und der lĂ€sst sich beim Smartphone durch Strukturen regulieren, damit erst keine Sucht entsteht", sagt Christian Montag, Leiter der Abteilung Molekulare Psychologie an der UniversitĂ€t Ulm. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Psychoinformatik, insbesondere der Einfluss von Internet, Mobiltelefonen und Computerspielen auf EmotionalitĂ€t, Persönlichkeit und Gesellschaft.

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Laut unterschiedlichen Studien ist etwa ein Drittel der BeschĂ€ftigten fĂŒr Vorgesetzte und Kollegen stĂ€ndig erreichbar. Wird das heutzutage im Berufsleben erwartet?

Es gibt mehrere Mutmaßungen darĂŒber, was die GrĂŒnde dafĂŒr sein könnten. Psychologie-Kolleginnen und -Kollegen der UniversitĂ€t Freiburg haben sie folgendermaßen benannt. Bedingt durch Homeoffice erleben wir aktuell, dass sich die klassischen Arbeitszeiten aufweichen. Teams sind rĂ€umlich verteilt und arbeiten zu unterschiedlichen Zeiten. Dennoch sollen alle verfĂŒgbar sein, damit das flexible Modell weiterhin funktioniert. So wird aus neun bis fĂŒnf leicht sechs bis zweiundzwanzig Uhr und dadurch das Zeitfenster der Erreichbarkeit deutlich breiter.

DarĂŒber hinaus haben sich Kundenerwartungen verĂ€ndert. Kunden und Kundinnen stellen fest, dass Onlineshops rund um die Uhr und ausnahmslos an allen Tagen im Jahr zu erreichen sind. Manche erwarten einen solchen Service auch von ihren Lieferanten. Und drittens trĂ€gt die heutzutage angewandte und sogenannte ergebnisorientierte Form der Leistungssteuerung von Mitarbeitenden zu einer erhöhten VerfĂŒgbarkeit bei.

Was bewirkt die permanente Bereitschaft bei Menschen?

Sie kann zu einem problematischen Umgang mit dem Smartphone ausarten. Diese Menschen sind dann permanent mobil verfĂŒgbar und online. In einer wissenschaftlichen Übersichtsarbeit beobachteten wir, dass wissenschaftliche Studien hinsichtlich gesundheitlicher Auswirkungen einer AbhĂ€ngigkeit vom Handy aus neurobiologischer Sicht noch wenig aussagekrĂ€ftig sind. Was bislang durch einige MRT-Studien bekannt ist, sind HirnauffĂ€lligkeiten bei Menschen mit problematischer Smartphone-Nutzung, die ich nach aktuellem Stand aber nicht ĂŒberbewerten wĂŒrde – zumal die Ursache-Wirkungsketten nicht klar sind.

Von einem Burnout wissen wir, dass eine permanente Bereitschaft im Beruf, vielleicht aber auch der problematische Umgang mit dem Internet, der Auslöser dafĂŒr sein könnte. Denn in Studien wurde festgestellt, dass beim Burnout als mögliche Folge stĂ€ndiger Erreichbarkeit das autonome Nervensystem ĂŒberaktiviert wird, was Stresshormone im Körper freisetzt.

Es besteht also die Gefahr aufgrund stĂ€ndiger VerfĂŒgbarkeit krank zu werden.

Die praktizierenden Psychologen Bert Te Wildt und Timo Schiele nennen in ihrem Buch ‚Burn On‘ diese gleichnamige Wortkombination als Vorstufe vom Burnout. Laut ihrer Ansicht nach, zeigen Menschen mit Burn On im Berufsleben geschĂ€ftigen Aktionismus, verhalten sich aber bei der Verrichtung alltĂ€glicher Dinge wie blockiert. Sie sind innerlich freudlos, bemĂŒhen sich jedoch um eine positive Außendarstellung. Sie sehen zu viele Fehler an sich und versuchen dies ĂŒber Perfektionismus zu kompensieren. StĂ€ndige Erreichbarkeit kann eine mögliche Methode dafĂŒr sein.

Burn On tritt zunehmend hÀufiger in unserer Gesellschaft auf und das könnte einem Burnout Vorschub leisten. Die Erfahrungen praktizierender Psychiater und psychologischen Psychotherapeuten zeigen, dass wir permanente Erreichbarkeit aus gesundheitlicher Sicht ernst nehmen sollten.

Kann man der stÀndigen Erreichbarkeit durch das Smartphone entfliehen?

Das Smartphone ist nicht das Problem, sondern das Vehikel, auf das man zugreift, um Inhalte zu nutzen. Deshalb mĂŒssen wir uns mit den Treibern der ĂŒbermĂ€ĂŸigen Smartphone-Nutzung beschĂ€ftigen und das sind vor allem Social-Media-KanĂ€le, BerufstĂ€gige, die exzessiv E-Mails checken und viele von uns, die Computer spielen. Eine bewusste Nutzung dieser Angebote hilft dabei, sich selbst zu schĂŒtzen.

Was empfehlen Sie?

In meinem neuen Buch ‚Du Gehörst Uns!‘ beschreibe ich, dass wir in einem Zeitalter des DatengeschĂ€ftsmodells leben. Viele Smartphone-Apps zielen darauf ab, unsere Onlinezeiten zu verlĂ€ngern, damit der digitale Fußabdruck durch Informationen ĂŒber uns grĂ¶ĂŸer wird. Deshalb sollten wir alle Möglichkeiten nutzen, den langen Arm der Tech-Industrie zu stutzen, indem wir Push-Notifikationen ausschalten und LesebestĂ€tigungen deaktivieren, weil sie fĂŒr einige Nutzer und Nutzerinnen sozialen Druck erzeugen. Interessante experimentelle Arbeiten zeigen, dass Farben eine große Rolle beim Handyverhalten spielen: weil ein auf schwarz-weiß gestelltes Display weniger attraktiv ist, sinkt die Nutzungsdauer.

Ich persönlich plĂ€diere dafĂŒr, um die Struktur im Alltag wieder herzustellen, dass wir wieder eine analoge Armbanduhr tragen. Dann schaut man nicht auf das Smartphone nach der Uhrzeit und bleibt nicht darauf hĂ€ngen, weil irgendwelche Nachrichten eingegangen sind.

Falls man aus der stÀndigen Erreichbarkeit aussteigt, droht dann die Gefahr, abgehÀngt und isoliert zu sein von Informationen?

Einen totalen Verzicht auf das Smartphone halte ich fĂŒr unangebracht. Das muss man sich erst einmal leisten können, in vielen Jobs ist das unmöglich. Was wir schaffen sollten, ist, strukturierter mit dem Smartphone und seinen Inhalten umzugehen.

Wie lÀsst sich das bewerkstelligen?

Durch sogenanntes "batching", also stapeln. Es gibt Hinweise aus Untersuchungen, dass die Nutzer und Nutzerinnen möglicherweise eher mehrere Stunden am Tag in einen tiefen Arbeitsmodus kommen, wenn Smartphone-Notifikation wie der Hinweis auf den Eingang einer E-Mail nicht sofort weitergeleitet werden, sondern nur zu festen Zeiten. Dadurch steigt das Wohlbefinden. Dies wird erreicht, indem das Modell des physikalischen Postboten in das digitale Zeitalter ĂŒberfĂŒhrt wird: So wie beim BrieftrĂ€ger wird die Post nur ein- oder zweimal am Tag zugestellt, einmal vormittags und einmal nachmittags. Dadurch prasselt dann nicht alles sofort auf einen ein und jede Arbeit hat ihre Zeit. Die BeschĂ€ftigten werden somit produktiver, weil sie effizienter arbeiten können.

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(axk [3])


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