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Streit um Krebsstudie von Salzburger Mobilfunkgegner

Daniel AJ Sokolov

In einer Studie hatte der österreichische Mediziner Gerd Oberfeld ĂŒber einen Zusammenhang von gehĂ€uften KrebsfĂ€llen im Umfeld eines C-Netz-Sendemastes berichtet. Dieser Mast soll nach Angaben von Mobilkom Austria allerdings nicht existiert haben.

"Handymasten verursachen Krebs" – so machte eine Studie des Salzburger Mediziners Gerd Oberfeld in österreichischen Medien Schlagzeilen. Der als Mobilfunk- und WLAN-Gegner [1] bekannte Mitarbeiter der Salzburger LandessanitĂ€tsdirektion hatte im Auftrag der steiermĂ€rkischen Landesregierung von 1984 bis 1997 eine Langzeitstudie [2] (PDF-Datei) im Raum Vasoldsberg/HausmannstĂ€tten durchgefĂŒhrt. Dabei stellte er ein erhöhtes Krebsrisiko bei Anwohnern einer österreichischen C-Netz-Mobilfunkanlage (NMT 450 MHz) fest.

Nach Angaben von Mobilkom Austria hat es an dem Standort aber nie eine C-Netz-Anlage und nur 1994 ein halbes Jahr lang einen provisorischen D-Netz-Sender (900 MHz) gegeben. Der nĂ€chste C-Netz-Standort soll mehr als fĂŒnf Kilometer entfernt gewesen sein. Die Mobilfunknetzbetreiber haben Oberfeld nun zum Widerruf seiner Studie aufgefordert. Doch der Studienautor bleibt bei seiner Darstellung: "Ich weiß, dass es nicht so ist", stellte er gegenĂŒber heise online die Angaben der Mobilkom in Abrede.

"Fakt ist, dass die Studie von Doktor Oberfeld auf falschen Fakten beruht. Das C-Netz hat es an diesem Standort nie gegeben", kontert Heinz MĂŒnzer, Leiter der steiermĂ€rkischen Infrastruktur von Mobilkom Austria, am heutigen Montagvormittag auf einer Pressekonferenz des Branchenverbandes Forum Mobilkommunikation (FMK [3]). "Einen Zusammenhang zwischen C-Netz und Krebs herzustellen, obwohl es nie ein C-Netz gab, ist fahrlĂ€ssig." Laut Mobilkom handelt es sich bei der in der Studie auf Seite 17 abgebildeten Sendeanlage um eine provisorische D-Netz-Station, die 1994 fĂŒr ein halbes Jahr bestand. Der Mediziner hatte sich Mitte 2007 mit Fragen zum C-Netz an die Mobilkom, die Rechtsnachfolgerin des damaligen C-Netz-Betreibers Post und Telegraphenverwaltung ist, gewandt. Auf RĂŒckfragen, zu welchem Zweck und Gebiet die Informationen benötigt wĂŒrden, sei keine inhaltliche Antwort mehr gekommen, so die Mobilkom.

Laut Oberfeld widersprechen die Angaben der Mobilkom allen Aussagen, die er bisher gehört habe. Anwohner hĂ€tten schon vor 1994 Antennen auf dem fraglichen GebĂ€ude gesehen, die angebliche D-Netz-Anlage sei bereits die dritte Antennenkonstruktion gewesen. Auch ein Mann, der Techniker bei der PTV gewesen sei, habe einem von Oberfelds Mitarbeitern technische Angaben zur C-Netz-Anlage in HausmannstĂ€tten gegeben. Mobilkom Austria fĂŒhrt dagegen eidesstattliche ErklĂ€rungen der damals zustĂ€ndigen Techniker ins Feld, wonach es in HausmannstĂ€tten keinen C-Netz-Sender gegeben habe.

Die Studie dokumentiert im Umkreis von 200 Metern um den angeblich von 1984 bis 1997 betriebenen C-Netz-Mobilfunksender bei 61 Personen elf KrebsfĂ€lle, im Umkreis von 120 bis 1200 Metern bei 1248 Personen 56 KrebsfĂ€lle. Das Gebiet Vasoldsberg/HausmannstĂ€tten war laut FMK deshalb Gegenstand der Studie, weil Anwohner ein gehĂ€uftes Auftreten von Krebs vermutet und eine Untersuchung verlangt hatten. Im Ort Vasoldsberg wohnt auch der steiermĂ€rkische Landeshauptmann Franz Voves (SPÖ). Die gezĂ€hlten KrebsfĂ€lle sollen teilweise bereits vor 1994 aufgetreten sein, als es an dem Standort noch ĂŒberhaupt keinen Mobilfunksender gegeben hĂ€tte.

Oberfeld ließ mit AmateurfunkausrĂŒstung, die in einem Ă€hnlichen Frequenzbereich wie das C-Netz betrieben wurde, die angebliche frĂŒhere Exposition der Anwohner nachstellen und messen. In seiner Studie fĂŒhrt er an, dass der nĂ€mliche Sender von November 1984 bis Ende 1997 in HausmannstĂ€tten bestanden haben soll. Das wĂŒrde bedeuten, dass das Dorf gleich zu Beginn des C-Netz-Zeitalters und bis ĂŒber das Ende des C-Netz-Betriebs (August 1997 [4]) hinaus versorgt gewesen wĂ€re. Die Studie schließt außerdem EinflĂŒsse durch Rundfunk- oder Radarsender aus, weil es solche in der Gegend nicht gegeben habe.

Kritik an der bei der Studie angewandten Methodik kam von Margit Kropik von T-Mobile Austria. So sei von nur zwei HirntumorfĂ€llen auf ein 121-faches Hirntumorrisiko geschlossen worden. Dies sei wissenschaftlich nicht haltbar. Eine von zwei Kontrollgruppen sei außerdem ungematcht, also in Alters- und Geschlechtsverteilung nicht mit der Expositionsgruppe ĂŒbereinstimmend ausgewĂ€hlt worden. Oberfeld beharrt jedoch darauf, dass die Hochrechnung von zwei FĂ€llen wissenschaftlich korrekt sei.

Der bei der Pressekonferenz als Zuhörer anwesende Bereichsleiter Telekom und Post im Verkehrsministerium (BMVIT), Alfred Stratil, informierte darĂŒber, dass sich der Wissenschaftliche Beirat Funk [5] des Ministeriums bis April mit der Studie beschĂ€ftigen werde. Das Gremium habe den Studienautor bereits mehrfach eingeladen, an den Beratungen teilzunehmen, was dieser jedoch immer abgelehnt habe. Oberfeld bestĂ€tigt, dass er jede Diskussion mit dem Beirat ablehnt. Der Beirat sei vom damaligen Verkehrsminister Hubert Gorbach (damals FPÖ) mit dem Ziel gegrĂŒndet worden, die Bedenken der Bevölkerung "auf Basis der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse seriös zu zerstreuen". Davon hĂ€lt Oberfeld nichts. Überhaupt sei das Verkehrsministerium dafĂŒr nicht zustĂ€ndig, sondern das Gesundheitsministerium, wo er einem Gremium angehöre, das sich mit elektromagnetischen Feldern befasse. (Daniel AJ Sokolov) / (vbr [6])


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[2] http://www.verwaltung.steiermark.at/cms/dokumente/10039771_21212/af062e66/Krebsstudie%20Hausmannst%C3%A4tten%20&%20Vasoldsberg%202008%20-%20OBERFELD.pdf
[3] http://www.fmk.at
[4] https://www.heise.de/news/30-Jahre-Mobilfunk-in-oesterreich-98121.html
[5] http://www.wbf.or.at
[6] mailto:vbr@heise.de