Streit um biometrische PĂ€sse spitzt sich zu
Otto Schily gerÀt durch seine Reaktionen auf die Stellungnahme des Bundesdatenschutzbeauftragten aus der eigenen Partei unter Druck.
Mit seiner sĂ€uerlichen Reaktion auf die Forderung des Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar nach einem Moratorium zur ursprĂŒnglich zum Herbst geplanten EinfĂŒhrung [1] von PĂ€ssen mit biometrischen Merkmalen hat Bundesinnenminister Otto Schily Streit mit der eigenen Fraktion provoziert. Schaar hatte die Forderung mit der unausgereiften Technik und ungeklĂ€rten Sicherheitsfragen begrĂŒndet und vor diesem Hintergrund keine Notwendigkeit gesehen, dass Deutschland bei dem von der EU fĂŒr Mitte 2006 gesetzten EinfĂŒhrungstermin voranprescht. In einem Interview mit der Tagesschau warf ihm Schily daraufhin KompetenzĂŒberschreitung vor. Weder die Beurteilung der Technik noch die politische Entscheidungsfindung seien Aufgaben des Bundesdatenschutzbeauftragten.
In einer gemeinsamen Stellungnahme stellen sich jetzt die SPD-Bundestagsabgeordneten Ulla Burchardt und Jörg Tauss vor Schaar. Die "jĂŒngsten Auslassungen" Schilys seien "im Ton inakzeptabel und in der Sache falsch". Die technischen MĂ€ngel und datenschutzrechtlichen Probleme seien seit Jahr und Tag bekannt und noch immer ungelöst. FĂŒr die biometrischen Daten im Pass fehle ein zuverlĂ€ssiger Sicherheitsstandard, erklĂ€ren sie unter Verweis auf die Ergebnisse einer Studie [2] des Bundesamtes fĂŒr Sicherheit in der Informationstechnik (BSI [3]). Bei einer zehnjĂ€hrigen GĂŒltigkeit von ReisepĂ€ssen könne heute niemand ernsthaft ausschlieĂen, dass die Daten unbemerkt gelesen, kopiert oder verĂ€ndert werden.
Der vom Bundesinnenministerium (BMI) behauptete Sicherheitsgewinn erweise "sich selbst fĂŒr Laien schnell als Luftnummer: Digitale FingerabdrĂŒcke im Pass verraten noch gar nichts ĂŒber die Absichten des Passinhabers", heiĂt es in der ErklĂ€rung, in der die beiden SPD-Abgeordneten Schily die vorschnelle EinfĂŒhrung der unausgereiften Technik "im Hau-Ruck-Verfahren" vorwerfen. Von einer ordentlichen Parlamentsbeteiligung könne weder auf nationaler noch auf europĂ€ischer Ebene die Rede sein.
"ReisepĂ€sse mit biometrischen Merkmalen werden immer mehr zur persönlichen Obsession des Bundesinnenministers, und dies unter souverĂ€ner Missachtung von Bundestag, DatenschĂŒtzern und wissenschaftlicher Expertise", attackieren die beiden Abgeordneten den Hausherrn am Moabiter Spreeufer direkt. "TatsĂ€chlich war es gerade das Bundesinnenministerium, das gegen alle Warnungen von Experten die biometrische Vermessung der BundesbĂŒrger durch die europĂ€ische HintertĂŒr durchgesetzt hat".
Bevor der erste Reisepass mit biometrischen Merkmalen in Deutschland ausgestellt wird, mĂŒssen sĂ€mtliche technischen und datenschutzrechtlichen Probleme gelöst werden, fordern Burchardt und Tauss. "Das einzufordern ist die ureigenste Aufgabe des Bundesdatenschutzbeauftragten". Die Einrichtung des Bundesdatenschutzbeauftragten ist organisatorisch zwar dem BMI unterstellt, unterliegt inhaltlich aber keiner Weisungsbefugnis durch den Bundesinnenminister. (Richard Sietmann) / (jk [4])
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[2] https://www.heise.de/news/Biosig-2004-Die-Muehen-der-Ebenen-99852.html
[3] http://www.bsi.de
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