Studie: Hunderttausende zweifelhafte EU-Patente
Die US-Firma M-Cam hat die Vergabepraxis des US-Patentamts und seines EU-Pendants in Bereichen wie der Datenverarbeitung verglichen, in denen die Patentierbarkeit in Europa eigentlich stark eingeschrÀnkt sein sollte.
Im Auftrag der Fraktion der GrĂŒnen [1] im EU-Parlament hat die US-Firma M-Cam [2] die Vergabepraxis des US-Patentamts [3] und seines europĂ€ischen Pendants in Bereichen wie der Datenverarbeitung oder der Biotechnologie verglichen. Hier sollte die Patentierbarkeit auf dem alten Kontinent eigentlich stark eingeschrĂ€nkt sein. Laut dem vorlĂ€ufigen Untersuchungsbericht [4] (PDF-Datei) hat die Behörde von 2009 bis zum dritten Quartal 2012 insgesamt 482.102 gewerbliche Schutzrechte in 18 einschlĂ€gigen Klassen erteilt. Diese beziehen sich auf GeschĂ€ftsmethoden, Software, computerimplementierte Prozesse, Pflanzen und Tiere oder biologische Prozesse und Behandlungsmethoden. Das EuropĂ€ische Patentamt (EPA [5]) hat demnach im gleichen Zeitraum 226.924 vergleichbare Patente vergeben.
(Bild:Â greens-efa.eu)
In den USA darf laut dem dortigen Patentgesetz alles gewerblich geschĂŒtzt werden, was "nĂŒtzlich" ist. Gerichte gingen lange davon aus, dass dies alle Erfindungen betreffe, die das Licht der Welt erblickten. In Europa herrschen dagegen deutlich strengere Vorgaben. Artikel 52 [6] des EuropĂ€ischen PatentĂŒbereinkommens (EPĂ) schlieĂt etwa wissenschaftliche Theorien, mathematische Methoden, Ă€sthetische Formschöpfungen sowie PlĂ€ne, Regeln und Verfahren fĂŒr gedankliche TĂ€tigkeiten, Spiele, geschĂ€ftliche TĂ€tigkeiten und Programme fĂŒr Datenverarbeitungsanlagen "als solche" von der Patentierbarkeit aus.
Gleiches gilt laut Artikel 53 EPĂ [7] unter anderem fĂŒr biologische Verfahren zur ZĂŒchtung von Pflanzen oder Tieren. Auch Prozesse zur chirurgischen oder therapeutischen Behandlung des menschlichen oder tierischen Körpers und Diagnosemethoden dĂŒrfen demnach in Europa nicht gewerblich geschĂŒtzt werden.
Die hohe Zahl der sich im Kern entsprechenden EU- und US-Patente in diesen Bereichen wirft den Autoren der Studie zufolge die Frage auf, "ob das EPA die Patentierbarkeitsstandards des EPĂ richtig anwendet". Die Menge des AusstoĂes an Schutzrechten in "zweifelhaften" Sektoren könnte sich der Analyse zufolge vor allem auf kleine und mittlere Unternehmen auswirken, die am stĂ€rksten unter Wettbewerbsbehinderungen zu leiden hĂ€tten.
Viele der europĂ€ischen Ăquivalente zu den US-amerikanischen Biotech- und Softwarepatenten seien unter Ausnahmeregeln zu den eigentlichen Patentierbarkeitsvorgaben vergeben worden, die das EPA und Gerichte der 38 Mitgliedsstaaten der EuropĂ€ischen Patentorganisation [8] entwickelt hĂ€tten, schreibt M-Cam. Ins Auge steche vor allem der Mangel an Transparenz bei den Ergebnissen der EuropĂ€ischen Patentbehörde. Diese verfolge ihre Linie "sehr energisch", unabhĂ€ngig davon, ob sie damit den Absichten von Gesetzgebern wie etwa des EU-Parlaments folge.
Die Beschwerdekammern des EPA legen [9] das EPĂ seit Jahrzehnten so aus, dass sie beispielsweise MonopolansprĂŒche auf "computerimplementierte Erfindungen" zulassen. So gehen sie etwa bei der "Verbesserung des Kontrastes" eines Bilds oder bei der effizienteren Aufteilung von Arbeitsspeicher durch eine auf einem Rechner laufende Software von einem "technischen Effekt" aus, der schutzwĂŒrdig sein könne. Die GroĂe Beschwerdekammer des Amtes bestĂ€tigte diesen Kurs 2010 [10]. Fast gleichzeitig schwenkte [11] der deutsche Bundesgerichtshof in einer deutlichen Abkehr von frĂŒheren Entscheidungen prinzipiell auf diese Linie ein. Softwarepatentkritiker sehen daher den Gesetzgeber gefordert [12], um das Patentsystem wieder auf Innovationskurs zu bringen. (mho [13])
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[5] http://www.epo.org/index_de.html
[6] http://www.epo.org/law-practice/legal-texts/html/epc/2010/d/ar52.html
[7] http://www.epo.org/law-practice/legal-texts/html/epc/2010/d/ar53.html
[8] http://www.epo.org/about-us/organisation_de.html
[9] https://www.heise.de/news/Europaeisches-Patentamt-verteidigt-Vergabe-von-Softwarepatenten-216687.html
[10] https://www.heise.de/news/Europaeisches-Patentamt-haelt-Kurs-bei-Softwarepatenten-999795.html
[11] https://www.heise.de/news/Bundesgerichtshof-ebnet-Weg-fuer-Softwarepatente-1003190.html
[12] https://www.heise.de/news/BGH-Urteil-zu-Softwarepatenten-stoesst-auf-viel-Kritik-1004005.html
[13] mailto:mho@heise.de
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