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Tepco: BrennstÀbe waren kurz nach Erdbeben geschmolzen

Andreas Wilkens

Die BrennstĂ€be in Reaktor 1 der Atomruine in Fukushima sind offenbar schon 16 Stunden nach dem starken Erdbeben zum grĂ¶ĂŸten Teil geschmolzen. Die Probleme in dem Reaktor könnten schon mit dem Beben und nicht erst nach dem Tsunami begonnen haben.

Die BrennstĂ€be in Reaktor 1 der Atomruine in Fukushima sind offenbar schon 16 Stunden nach dem starken Erdbeben [1] im MĂ€rz zum grĂ¶ĂŸten Teil geschmolzen. Das teilte der Betreiberkonzern Tepco am Sonntagabend (Ortszeit) nach Angaben der japanischen Nachrichtenagentur Jiji Press mit. [Update: Weil durch das heiße Gemisch aus Metall und Brennstoff im Boden des ReaktorbehĂ€lters Löcher entstanden sein sollen, dĂŒrfte der ReaktorbehĂ€lter nach EinschĂ€tzung eines mit der Krise befassten Regierungsberaters nicht wie geplant zur KĂŒhlung mit Wasser geflutet werden.

Nach der vorlĂ€ufigen EinschĂ€tzung von Tepco seien die BrennstĂ€be im Reaktor 1 bereits um 6.50 Uhr am Morgen des 12. MĂ€rz zum großen Teil geschmolzen und auf den Boden des BehĂ€lters gelangt. Der Reaktor hĂ€tte am Vortag bereits kurz nach dem Mega-Beben automatisch gestoppt werden sollen – aber dann kam der Tsunami. Der KĂŒhlwasserstand sei bis zum oberen Teil der BrennstĂ€be gesunken, hieß es weiter. Am selben Abend gegen 18 Uhr habe die Temperatur zu steigen begonnen. Gegen 19.30 Uhr habe dann die BeschĂ€digung der BrennstĂ€be eingesetzt, von denen der grĂ¶ĂŸte Teil bis 6.50 des folgenden Morgens geschmolzen sei, wurde Tepco zitiert.]

Die Probleme in Reaktor 1 könnten schon durch das Erdbeben am 11. MĂ€rz entstanden sein und nicht erst durch den spĂ€ter eingetroffenen Tsunami. Das lassen laut einem Bericht [2] der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo Daten ĂŒber radioaktive Strahlung rĂŒckschließen, die Tepco-Mitarbeiter kurz nach dem Erdbeben in dem ReaktorgebĂ€ude gemessen haben sollen. DruckbehĂ€lter und Leitungen könnten schon entscheidend beschĂ€digt worden sein, bevor die Wassermassen eintrafen, berichtete Kyodo unter Berufung auf Eingeweihte. Diese Erkenntnis könne ein Umdenken bei der Katastrophenvorsorge fĂŒr Atomkraftwerke bewirken. Viele Planungen hĂ€tten sich bisher vor allem auf den Schutz vor Tsunamis konzentriert.

Bei den Reparaturarbeiten im havarierten Atomkraftwerk ist erstmals ein Arbeiter ums Leben gekommen. Der zwischen 60 und 70 Jahre alte Mitarbeiter einer Vertragsfirma kollabierte und verlor das Bewusstsein. Der Mann war gerade mit dem Transport von Materialien an einer Abfallbeseitigungsanlage im AKW beschÀftigt, gab Tepco am Samstag bekannt [3]. Radioaktive Substanzen seien an ihm nicht festgestellt worden, auch habe er keine Verletzungen aufgewiesen. Der Arbeiter habe möglicherweise einen Herzinfarkt erlitten, berichtete [4] Jiji Press unter Berufung auf Polizeiangaben.

[Update: Inzwischen wurde der Atomunfall auf die höchste Stufe sieben der internationalen INES-Skala eingestuft – ebenso wie der Super-GAU von Tschernobyl im Jahr 1986. Der Betreiber will die Lage in der Atomanlage in sechs bis neun Monaten unter Kontrolle bringen. Goshi Hosono, ein mit der Atomkrise beauftragter Berater von MinisterprĂ€sident Naoto Kan, hĂ€lt es jedoch fĂŒr unausweichlich, dass der ursprĂŒngliche Plan von Tepco zur Flutung des beschĂ€digten ReaktorbehĂ€lters mit den geschmolzenen BrennstĂ€ben darin geĂ€ndert wird, berichtet dpa.

Tepco hatte zuvor im Untergeschoss des GebĂ€udes von Reaktor 1 schĂ€tzungsweise rund 3000 Tonnen wahrscheinlich hochgradig radioaktiv versuchten Wassers entdeckt, das vier Meter hoch gestanden habe. Dies deute daraufhin, dass in den Reaktorkern gepumptes Wasser durch jene Löcher gelangte, die die geschmolzenen BrennstĂ€be in den Boden gefressen haben sollen. Bei einer Flutung bestehe die Gefahr, dass verseuchtes Wasser ins Meer gelange, sagte Hosono am Sonntag nach Medienberichten. Die Regierung erwĂ€ge stattdessen Möglichkeiten, das zur KĂŒhlung der BrennstĂ€be in den Reaktor gepumpte Wasser zu dekontaminieren, so dass es erneut benutzt werden kann, wurde Hosono von der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo weiter zitiert. Die Regierung halte dennoch am Zeitplan fest, die Reaktoren in sechs bis neun Monaten unter Kontrolle zu bringen.

Unterdessen verließen die ersten BĂŒrger einer erweiterten Evakuierungszone um die Atomruine ihre HĂ€user. Der BĂŒrgermeister der Stadt Kawamata verabschiedete am Sonntag rund 50 Bewohner mit Babys und Kleinkindern laut dpa mit den Worten: "Ich weiß, dass Sie besorgt sind, aber wir werden die Schwierigkeiten gemeinsam bewĂ€ltigen". Furakawa ĂŒberreichte den BĂŒrgern SchlĂŒssel fĂŒr öffentliche Wohnungen außerhalb des Stadtgebietes, in denen sie bis auf weiteres wohnen werden.]

Siehe dazu in Technology Review online:

(anw [6])


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[1] http://641324
[2] http://search.japantimes.co.jp/cgi-bin/nn20110515x1.html
[3] http://www.tepco.co.jp/en/press/corp-com/release/11051503-e.html
[4] http://jen.jiji.com/jc/eng?g=eco&k=2011051400373
[5] https://www.heise.de/hintergrund/Es-wird-praktisch-permanent-Radioaktivitaet-freigesetzt-1242179.html
[6] mailto:anw@heise.de