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Trotz Privacy Extensions: IPv6-Adressen fĂŒr andauerndes Tracking nutzbar

Stefan Krempl
IPv6-Sujet

Ein einzelnes GerĂ€t im (W)LAN kann den Tracking-Schutz fĂŒr alle anderen GerĂ€te aushebeln.

(Bild: Den Rise/Shutterstock)

Laut einer Studie lĂ€uft jeder fĂŒnfte Kunde eines großen europĂ€ischen Internetanbieters Gefahr, dass die Datenschutzvorkehrungen fĂŒr IPv6 ausgehebelt werden.

Die sogenannten Privacy Extensions fĂŒr das Internetprotokoll IPv6 halten nur bedingt ihr Versprechen, das Surfverhalten von Nutzern zu verschleiern. Mit der Datenschutzerweiterung lassen sich zusĂ€tzliche, ĂŒber Zufallszahlen generierte und wechselnde IPv6-Adressen erstellen. Dies soll helfen, eine fortlaufende Nachverfolgung der InternetaktivitĂ€ten einzelner Personen zu verhindern. Forscher des Max-Planck-Instituts fĂŒr Informatik und der TU Delft haben aber am Beispiel eines großen europĂ€ischen Zugangsanbieters herausgefunden, dass sich bis zu 19 Prozent der Teilnehmer vergleichsweise einfach enttarnen lassen.

"Ein fauler Apfel kann Ihre IPv6-PrivatsphĂ€re verderben", betitelten die Wissenschaftler ihre jĂŒngst publizierte Analyse [1]. Demnach setzen Provider weltweit zunehmend IPv6 in ihren Netzen ein. Ein Grund dafĂŒr sei die stĂ€ndig wachsende Zahl vernetzter GerĂ€te. Dabei könne schon ein schlecht konfiguriertes GerĂ€t, das alte IPv6-Adressierungsschemata verwendet, die IPv6 Privacy Extensions [2] aushebeln.

Diese Fehlkonfigurationen können es der Studie zufolge Dritten wie Content Delivery Networks (CDN) oder großen Diensteanbietern ermöglichen, die Internetkennung eines Nutzers langfristig und dauerhaft zu verfolgen. Stein des Anstoßes: Rechner können fĂŒr die automatische Adresseinrichtung die eindeutige Hardware-Adresse (MAC) der jeweiligen Netzwerkkarte nutzen. Solche statischen IPv6-Adressen wirken wie eine eindeutige Hardware-ID, die der Rechner bei jedem Kontakt zu einem IPv6-tauglichen Server ĂŒbertrĂ€gt.

Brisant ist das bei GerĂ€ten wie Tablets oder Smartphones, denn sie werden in der Regel nur von einer Person genutzt. Die fĂŒr jeden Serverbetreiber und Netzbeobachter zugĂ€ngliche MAC-Adresse erlaubt es so, diesen User wiederzuerkennen. DatenschĂŒtzer warnten daher bereits frĂŒhzeitig vor umfassender Profilbildung [3] per Tracking. Dagegen sollen die Privacy Extensions fĂŒr IPv6 helfen. FĂŒr deren leichte Anwendbarkeit hat die Deutsche Telekom schon 2011 einen "Privacy-Button [4]" herausgebracht. Damit wird das fĂŒr das Routing von Datenpaketen nötige und vom Provider einstellbare NetzwerkprĂ€fix teilweise verĂ€ndert, um Tracking weiter zu erschweren.

Bei Providern, die diese Form der PrĂ€fixvergabe verwenden, erhĂ€lt das KundengerĂ€t eines Teilnehmers einen Zusatz, erlĂ€utern die Autoren. In der Regel handle es sich dabei um ein 8 Bit langes, flexibles NetzwerkprĂ€fix. Die verbleibenden 64 Bit der Gesamtadresse gehören der GerĂ€tekennung, die bei IPv6 ĂŒblicherweise vom GerĂ€t im Heimnetzwerk selbst erzeugt wird ("/64-PrĂ€fix").

Die HeimgerĂ€te können ihre IPv6-Adressen entweder ĂŒber das Verwaltungsprotokoll DHCPv6 oder das Pendant Stateless Address Autoconfiguration (SLAAC) beziehen. Bei SLAAC gibt das KundengerĂ€t oder der Router das PrĂ€fix bekannt, und jeder Client generiert seine IPv6-Adresse entweder mit der Standard-MAC alias EUI-64 oder IPv6-Privacy-Erweiterungen. Dieser Prozess wird jedesmal wiederholt, wenn der Provider das PrĂ€fix rotiert und ein neues /56-PrĂ€fix an das HeimgerĂ€t delegiert. Dies fĂŒhrt dazu, dass die GerĂ€te ihre IPv6-Adresse jeweils erneuern, sobald das PrĂ€fix wechselt.

Verwendet allerdings in einem Haushalt ein Laptop die Datenschutzerweiterung und zum Beispiel das Smart-TV EUI-64, bleibt die Schnittstellen-ID des Letzteren bei PrĂ€fix-Rotationen gleich. Daher könne etwa ein Content Delivery Network oder eine andere Anwendung die Schnittstellen-Kennung der Adresse des Fernsehers als ID fĂŒr Tracking verwenden. Damit wĂ€re nicht nur der Fernseher, sondern auch der Laptop ĂŒber rotierte PrĂ€fixe hinweg zu verfolgen. Ein einziges GerĂ€t mit Standard-MAC im (W)LAN reiche aus, auch den Laptop zu tracken.

Die Forscher haben den IP-Datenstrom eines Tages bei einem großen europĂ€ischen Internetanbieter mit 15 Millionen Kunden analysiert, um herauszufinden, inwieweit diese von dem PrivatsphĂ€re-Leck betroffen sind. Dieser Zugangsanbieter delegiere /56-PrĂ€fixe an seine Abonnenten, wĂ€hrend sich die Peripherieschnittstellen von HeimgerĂ€ten und Endbenutzernetzwerken in separaten /56-PrĂ€fixen befanden. Somit stelle ein /56-PrĂ€fix ein lokales Netz (LAN) eines Teilnehmers dar.

Gefunden haben die Wissenschaftler 16,9 Millionen IPv6-Adressen mit EUI-64 in ihrem Datensatz. Durch Extraktion der eindeutigen MAC-Adressen stießen sie auf 14,4 Millionen GerĂ€te mit EUI-64-Adressierung. Etwa 2,7 Millionen /56-PrĂ€fixe hatten mindestens ein GerĂ€t mit einer EUI-64-IPv6-Adresse. Dies mache 19 Prozent oder rund ein FĂŒnftel aller 11,3 Millionen beobachteten /56-PrĂ€fixe aus.

Um die PrivatsphĂ€re der Nutzer besser zu schĂŒtzen, hoffen die Verfasser auf stĂ€rkere Selbstregulierung der Branche. Das Team sei dabei, Hersteller von GerĂ€ten fĂŒr das Internet of Things (IoT) zu kontaktieren, die noch Standard-MAC-Adressen verwenden, berichtet der Max-Planck-Forscher Said Jawad Saidi in einem Blogeintrag [5]. Internetanbieter sollten kontinuierlich auf solche Datenschutzverletzungen achten und Nutzer ĂŒber die Risiken informieren. Der EU-Abgeordnete Patrick Breyer (Piratenpartei) warnte angesichts der Ergebnisse vor einer Neuauflage der Vorratsdatenspeicherung [6]: Unterschiedsloses Protokollieren von Nutzerspuren treffe nicht zuletzt BĂŒrger, die auf gĂŒnstige IoT-GerĂ€te setzen.

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(bme [8])


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Links in diesem Artikel:
[1] https://dl.acm.org/doi/10.1145/3544912.3544915
[2] https://www.heise.de/ratgeber/IPv6-Privacy-Extensions-einschalten-1204783.html
[3] https://www.heise.de/news/Datenschuetzer-geben-Empfehlungen-fuer-IPv6-Einsatz-1372096.html
[4] https://www.heise.de/news/Deutsche-Telekom-stellt-Datenschutztechnik-fuer-IPv6-vor-1383772.html
[5] https://blog.apnic.net/2022/06/10/iot-devices-endanger-ipv6-privacy/
[6] https://www.heise.de/news/Mehrere-EU-Staaten-draengen-auf-neue-EU-weite-Vorratsdatenspeicherung-6283190.html
[7] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner
[8] mailto:bme@heise.de