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Tschernobyl: Als Tourist in die Todeszone rund um das havarierte AKW 456 Kommentare

Sascha Steinhoff
Tschernobyl: Als Tourist in die Todeszone

(Bild: Kai Heimberg)

Dreißig Jahre nach dem ReaktorunglĂŒck von Tschernobyl hat sich in der Sperrzone ein reger Katastrophentourismus entwickelt. Kai Heimberg ist zum havarierten Reaktor gereist und hat neben beeindruckenden Bildern unheimliche Erinnerungen mitgebracht.

Am 26. April 1986 ereignete sich die Nuklearkatastrophe im Atomkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine. Mittlerweile, rund 30 Jahre nach dem AKW-Unfall, existiert immer noch eine ausgedehnte Sperrzone – in der noch einige Menschen leben, entweder, weil sie sich weigerten, das Gebiet zu verlassen, oder inzwischen wieder zurĂŒckkehrten. Aber auch eine Art Katastrophentourismus hat sich entwickelt. Durch Veranstalter, die solche Reisen in die Sperrzone anbieten, ergab sich auch fĂŒr den Fotografen Kai Hemberg die Gelegenheit, zum havarierten Reaktor zu reisen und beeindruckende Bilder mitzubringen.

Sie waren mit einem Reiseveranstalter in Tschernobyl. Was kostet so eine Tour und wie lÀuft sie ab?

Kai Heimberg: Der Anbieter, mit dem ich im Jahr 2015 in Tschernobyl war, bietet diese Tour [1] aktuell fĂŒr 690 Euro an. Im Preis inbegriffen ist die komplette Tour von Berlin nach Kiew und Tschernobyl inklusive RĂŒckreise in einem Ford Transit. Der Trip dauert insgesamt sechs Tage, davon verbringt man drei Tage in Prypjat und Tschernobyl. Eine individuelle Anreise nach Warschau oder Kiew ist möglich, muss dann allerdings selbst organisiert und bezahlt werden. Es gibt aber auch eine Reihe weiterer Anbieter fĂŒr Fototouren in die Sperrzone, das Gebiet wird zunehmend touristisch erschlossen.

Der Fotograf Kai Heimberg
Der Fotograf Kai Heimberg

Kai Heimberg lebt und arbeitet in Berlin. Sein Credo: "Ich muss von der Fotografie nicht leben. Das gibt mir die Freiheit zu machen was ich möchte , ohne RĂŒcksicht auf Verkaufsmöglichkeiten oder Marketingaspekte nehmen zu mĂŒssen".

Wie verlÀuft die Anreise?

Heimberg: Im letzten Jahr startete der Bus noch in Warschau. Die Anreise dorthin musste jeder individuell organisieren. Beim vereinbarten Treffpunkt in der NĂ€he des Hauptbahnhofs lernte man die Teilnehmer und den Reiseleiter kennen. Von Warschau ging es dann nach Kiew. Eine lange Fahrt durch sehr karge Gegenden und eine zeitaufwendige Kontrollsituation an der Grenze zur Ukraine. Offiziell befindet sich das Land im Krieg und das wird einem ĂŒberall bewusst. In Kiew hatten wir dann die Gelegenheit einer Stadtrundfahrt. Nach dem Abendessen nutzte ein Teil der Gruppe die Gelegenheit den Maidan zu besuchen. Am nĂ€chsten morgen machten wir uns dann auf den Weg zu unserem eigentlichen Ziel, Tschernobyl. Das Kraftwerk liegt etwa 150 Kilometer nördlich von Kiew.

Gibt es eine touristische Infrastruktur?

Heimberg: Es gibt das Hotel mit Essensraum und einen Lebensmittelladen im Sperrgebiet. Unser Hotelzimmer war sehr einfach ausgestattet, das gilt auch fĂŒr das gesamte Hotel. Abgesehen davon gibt es in der Sperrzone keine nennenswerte touristische Infrastruktur. Das Hotel darf generell nur mit einem Guide verlassen werden. Individuelle SpaziergĂ€nge rund um das Hotelzimmer sind nicht möglich. Nach 22 Uhr darf man das Hotel auch mit Guide nicht mehr verlassen.

Wie frei kann man sich als Fotograf in der Zone bewegen?

Heimberg: Unser Guide hat uns zu den interessantesten PlĂ€tzen gefahren. Nach kurzer Absprache bezĂŒglich unserer Interessen, fĂŒhrte er uns zu den entsprechenden Orten. Da wir dort fast immer alleine waren, konnten wir uns frei bewegen und auf individuelle Motivsuche gehen. UrsprĂŒnglich sollten wir in Dreiergruppen fotografieren, aber das wurde schnell aufgegeben. Bei jedem war der Jagdinstinkt nach dem perfekten Bild ausgebrochen, und so war zuletzt jeder allein unterwegs. Das war gut, weil jeder seinem eigenen Tempo folgen konnte. Wir konnten uns in den jeweiligen GebĂ€uden dann frei bewegen, ohne Weisungen und Vorgaben.

Tourismus in der Todeszone (0 Bilder) [3]

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Braucht man bestimmte gesundheitliche Voraussetzungen fĂŒr die Teilnahme an einer Tour?

Heimberg: Um an dieser Reise teilzunehmen, sollte man in einer guten körperlichen Verfassung sein. Die Tage sind lang und die EntdeckungsgÀnge können sehr anstrengend sein.

Wie wird die Strahlenbelastung wÀhrend der Tour gemessen?

Mehr Infos

Heimberg: Am der Tag der Anreise nach Tschernobyl wurden im Bus die StrahlungsmessgerĂ€te ausgeteilt. Jeweils drei Personen sollten sich zu einer Gruppe zusammentun und jede Gruppe bekam eines dieser MessgerĂ€t. Dort wurde die aktuelle Belastung angezeigt und das typische Klackern des GeigerzĂ€hlers begleitete uns ab diesem Moment. Die normale Belastung betrug 0,10 – 0,15 Mikrosievert [6]. Bei erreichen eines bestimmten Grenzwertes (0,7 Mikrosievert) begann das GerĂ€t Warntöne von sich zu geben. In diesem Fall sollte man diese Stelle umgehend verlassen, bis der Warnton wieder erloschen war. In der Praxis wurden diese Vorsichtsmaßnahmen aber nur unzureichend eingehalten. Bei guten Motiven hat man dann schon einmal die Warnhinweise vom GeigerzĂ€hler ignoriert. Wer alleine in den GebĂ€uden unterwegs war, hatte auch nicht immer einen eigenen GeigerzĂ€hler dabei. Aber das liegt in der Eigenverantwortung der Teilnehmer.

An welchem Ort hatten Sie die höchste Strahlenbelastung der Tour?

Heimberg: Das war im Keller des Krankenhauses, wo die Feuerwehrleute der Werksfeuerwehr, damals ihre Kleidung deponiert hatten. Sie waren die ersten Liquidatoren [7] am UnglĂŒcksort und mussten den brennenden Reaktor löschen. Dabei waren sie extrem hohen Strahlendosen ausgesetzt. Ihre Kleidung befindet sich immer noch im Krankenhaus, dort konnten wir bis zu 60 Mikrosievert messen.

Hat man die Strahlung bewusst wahrgenommen oder gab es außer dem GeigerzĂ€hler dafĂŒr Hinweise, wie sichtbare Mutationen in Flora und Fauna?

Heimberg: Die Strahlung ist in den Gedanken allgegenwĂ€rtig, aber man kann sie weder riechen noch sehen noch sonst in irgendeiner Form erkennen. Deshalb hat man auch schnell die Angst davor verloren. Der GeigerzĂ€hler arbeitet unĂŒberhörbar, aber auch das verdrĂ€ngt man nach einiger Zeit. Es gibt keinerlei sichtbare Mutationen bei Fauna und Flora, zumindest habe ich als Laie nichts bemerkt. Man weiß wo man sich befindet, man sieht die verlassenen Orte. Aber nichts lĂ€sst auf die Gefahr schließen, die hier in der Luft liegt.

Tschernobyl - Folgen der Verstrahlung (0 Bilder) [8]

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Wie ist der Zustand der GebÀude in der Sperrzone?

Heimberg: Alle verlassenen GebĂ€ude in der Todeszone sind in einem schlechten Zustand. Viele wurden ausgeplĂŒndert, vielen hat der jahrelange Leerstand und Vandalismus zugesetzt. Fensterscheiben wurden eingeworfen oder ausgebaut, kaputte DĂ€cher nicht repariert. Die so eindringende Feuchtigkeit schĂ€digte die Bausubstanz.

Was wurde typischerweise gestohlen und was ist in den GebÀuden verblieben?

Heimberg: Aus den GebĂ€uden wurden im Laufe der Jahre alle noch irgendwie nutzbaren GegenstĂ€nde entfernt. Das sind vor allem GegenstĂ€nde aus Metall, wie Heizungen und SanitĂ€ranlagen. Aber auch Fenster und TĂŒren. Im Prinzip alles, was in irgendeiner Form noch zu nutzen war. Obwohl natĂŒrlich keiner dieser GegenstĂ€nde aufgrund der Strahlenbelastung wieder in den Handel kommen durfte.

Wurden nachtrĂ€glich GegenstĂ€nde von Besuchern hinzugefĂŒgt, um Bilder dramatischer zu inszenieren?

Heimberg: HinzugefĂŒgt wurden sicherlich keine GegenstĂ€nde. Man erkennt aber, dass einige Elemente von den Besuchern drapiert wurden. Das bekannteste Beispiel dafĂŒr ist die Babypuppe mit aufgesetzter Gasmaske. Dieses Motiv taucht bei vielen Berichten ĂŒber Tschernobyl auf. Ich habe aus diesem Grund darauf verzichtet ein Foto zu machen. Es ist allerdings meiner Meinung nach nicht entscheidend, ob an der einen oder anderen Stelle manipuliert wurde oder nicht,. Das Ausmaß der Katastrophe und die möglichen Folgen eines radioaktiven Störfalls sind ĂŒberall sichtbar.

Was ist Ihrer Meinung nach mit den gestohlenen GegenstĂ€nden passiert und wer könnte dahinter stecken? Wenn zum Beispiel in ganzen HĂ€userblocks Heizungen fehlen, dann mĂŒssen die PlĂŒnderer doch ganze LKW-Ladungen aus der Zone geschafft haben.

Heimberg: Ich kann nicht sicher sagen was mit den entwendeten Materialien passiert ist und unser Guide konnte oder wollte auch keine Auskunft darĂŒber geben. Ich gehe davon aus, das hier organisiert und geplant vorgegangen worden ist, um das noch nutzbare, wenn auch verstrahlte Material an anderer Stelle einzusetzen. Die komplette PlĂŒnderung einer Stadt wie Prypjat dĂŒrfte meines Erachtens nur mit der UnterstĂŒtzung oder zumindest der Duldung offizieller Stellen möglich gewesen sein.

Gab es unheimliche Erfahrungen oder GebĂ€ude in die Sie nicht hineingehen wollten, weil die AtmosphĂ€re zu bedrĂŒckend war?

Heimberg: Das war im Keller des Krankenhauses von Prypjat. Hier haben sich die MĂ€nner der Werksfeuerwehr umgezogen, nachdem sie ohne nennenswerte SchutzausrĂŒstung den brennenden Reaktor löschen mussten. Die Kleidung liegt noch heute dort. Alle Feuerwehrleute starben kurz darauf an der Strahlenkrankheit [10] und das ist ein erbĂ€rmlicher Tod [11]. Dieser Keller war der Ort, der mich am meisten bewegt hat. Die Anspannung dort war unertrĂ€glich.

Tschernobyl - Lost Places (0 Bilder) [12]

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(sts [14])


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[2] http://www.heimberg-fotografie.com
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[4] https://www.heise.de/bilderstrecke/1784366.html?back=3164402;back=3164402
[5] http://www.heise.de/tp/artikel/45/45294/1.html
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Sievert_%28Einheit%29
[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Liquidator_%28Tschernobyl%29
[8] https://www.heise.de/bilderstrecke/1785122.html?back=3164402;back=3164402
[9] https://www.heise.de/bilderstrecke/1785122.html?back=3164402;back=3164402
[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Strahlenkrankheit
[11] http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/folgen-von-radioaktivitaet-was-die-strahlen-im-menschen-anrichten-a-750774.html
[12] https://www.heise.de/bilderstrecke/1784418.html?back=3164402;back=3164402
[13] https://www.heise.de/bilderstrecke/1784418.html?back=3164402;back=3164402
[14] mailto:sts@heise.de