Urheberrecht: Internationale Vernetzung zum Schutz der Kultur im Internet gefordert
Die französische Association des Audionautes fordert eine bessere Vernetzung von Aktivisten auf internationaler Ebene, um eine Kulturflatrate zur legalen Tauschbörsennutzung und die digitale Privatkopie durchzusetzen.
Die französische Association des Audionautes [1] fordert eine bessere Vernetzung von Aktivisten auf internationaler Ebene, um eine Kulturflatrate zur legalen Tauschbörsennutzung und die digitale Privatkopie auch gegen Systeme zum digitalen Rechtekontrollmanagement (DRM) durchzusetzen. "Wir brauchen eine Al-Qaida fĂŒr den Schutz der Kultur im Internet", zog Jean-Baptiste Soufron, Justiziar der in Paris beheimateten Audionauten, am gestrigen Freitagabend einen drastischen Vergleich bei einer Diskussionsveranstaltung der deutschen Fairsharing-Kampagne [2] im Mehringhof in Berlin-Kreuzberg. Anders als Politiker und die Unterhaltungsindustrie bezog er sich damit nicht auf eine Notwendigkeit zum besseren Schutz geistigen Eigentums mit rechtlichen und technischen Mitteln. Ganz im Gegenteil kĂ€mpft seine Organisation fĂŒr eine Legalisierung des Tauschs auch ursprĂŒnglich kopiergeschĂŒtzter Werke in P2P-Börsen, fĂŒr rechtlich abgesicherte Möglichkeiten zum Umgehen von DRM und die StĂ€rkung einer kollaborativ gepflegten Wissensallmende im Netz.
Die Audionauten traten zunĂ€chst an, um 200 Filesharer juristisch zu verteidigen, die die Musikindustrie in Frankreich verklagt hatte. "MinderjĂ€hrige wanderten zwei oder drei Tage mit ihren Eltern ins GefĂ€ngnis, nur weil sie 500 MP3s auf ihrem Rechner hatten", empörte sich Soufron. Ein erster Mediencoup gelang der Vereinigung, als ihr PrĂ€sident, ein 17-jĂ€hriger Student, bei einer Pressekonferenz eines französischen Mediengiganten zur Frage der besseren Verfolgung von Urheberrechtsverletzern im Internet aufstand und sich vor laufenden TV-Kameras zum privaten Kopieren aus Tauschbörsen bekannte. Mit ihm wollten die Redakteure renommierter Zeitungen wissen, wieso man dafĂŒr mit Knast bedroht werde. Seitdem haben sich die Audionauten ein respektables Lobby-Netzwerk aufgebaut und sich etwa ĂŒber die Ansprache einer 60-jĂ€hrigen "Grand Dame" in den Reihen der Regierungspartei UMP auch Gehör im konservativen Lager verschafft.
"Was unbedingt nötig ist, um vor Gericht oder im Parlament erfolgreich zu sein, ist der Aufbau öffentlichen Drucks", fĂŒhrte Soufron aus. Seine Organisation habe inzwischen 8000 Mitglieder, wozu GroĂmĂŒtter genauso zĂ€hlten wie Lehrer, AnwĂ€lte, Abgeordnete oder Richter. Lobby-Allianzen haben die Audionauten etwa mit Verbraucherschutzgruppen oder Verwertungsgesellschaften abgeschlossen, die sich ebenfalls fĂŒr eine eine auch gegen Kopierschutztechniken durchsetzbare Privatkopie aussprechen. GröĂter Erfolg dieser unterschiedlichen Gruppierungen war es, dass die französische Nationalversammlung [3] kurz vor Weihnachten die EinfĂŒhrung einer pauschalen Urheberrechtsabgabe zur vollstĂ€ndigen Legalisierung privater Kopien aus Tauschbörsen in Form der auch in Deutschland diskutierten [4] Kulturflatrate beschloss.
Die konservativen Regierungspartei Union pour un Mouvement Populaire (UMP) stoppte das Schreckgespenst [5] der Unterhaltungsindustrie allerdings im weiteren Lauf der Debatte nach einem lĂ€ngeren Hin und Her wieder. Soufron glaubt auch nicht, dass die letztlich vom Parlament verabschiedete Version [6] der Urheberrechtsnovelle Bestand hat vor den Augen des mitentscheidenden Senats. Sie enthĂ€lt eine breite DRM-InteroperabilitĂ€tsklausel, gegen die sich insbesondere Apple und die US-Regierung ausgesprochen haben. "Wir werden alles verlieren", fĂŒrchtet Soufron. "Aber Tausende haben die Parlamentsdiskussionen online bis vier Uhr frĂŒh verfolgt und gesehen, wie UMP-Abgeordnete erstmals gegen die eigene Regierung stimmten". Er geht daher davon aus, dass die Urheberrechtsreform im Rennen um die nĂ€chste PrĂ€sidentschaftswahl eine groĂe Rolle spielen wird. Schon jetzt hĂ€tten die oppositionellen Sozialisten angekĂŒndigt, das Gesetz Ă€ndern zu wollen.
Noch haben die Verfechter eines Rechts auf die Privatkopie, das ihrer Ansicht nach auf höheren VerfassungsgrundsĂ€tzen wie der Informationsfreiheit beruht, aber nicht die Massen mobilisiert. "Wir konnten noch keinen gröĂeren Streik arrangieren", sagt Soufron. Das Thema sei noch zu sehr auf die digitale Ebene bezogen, viele BĂŒrger wĂŒrden die Verbindung zur physischen Welt und die drohende Kontrolle ihres Lebens in der Informationsgesellschaft noch nicht erkennen. Gleichzeitig vermisst der Franzose eine bessere Kommunikation zwischen zivilgesellschaftlichen Gruppierungen auch in anderen LĂ€ndern. Die internationale Vernetzung sei erforderlich, da die Gegner einer Kulturflatrate ihrerseits auf HĂŒrden in internationalen VertrĂ€gen etwa der WIPO [7] (World Intellectual Property Organization) verweisen wĂŒrden.
Derlei Argumente, die sich vor allem auf das angeblich von der WIPO garantierte alleinige Publikationsrecht von Autoren beziehen, hĂ€lt Soufron fĂŒr vorgeschoben. Dem KĂŒnstler wird seiner Ansicht nach allein die Entscheidung darĂŒber zugestanden, ob und in welchem Medium er ein Werk veröffentlichen will. Es gehe also nur um das Recht der Erstpublikation. Sei diese erfolgt, könne die Weiterveröffentlichung in anderen Medien nicht mehr streng vom Autor kontrolliert werden. Einer Einspeisung von Werken in Tauschbörsen könnten Kreative so kaum widersprechen, solange eine angemessene VergĂŒtung fĂŒrs private Kopieren sichergestellt sei. (Stefan Krempl) / (bo [8])
URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-114531
Links in diesem Artikel:
[1] http://www.audionautes.net/
[2] http://www.fairsharing.de/
[3] http://www.assemblee-nationale.fr/
[4] https://www.heise.de/news/Urheberrechtsdebatte-Abomodelle-gegen-Kulturflatrate-165284.html
[5] https://www.heise.de/news/Franzoesische-Regierungsfraktion-stoppt-Tauschboersen-Legalisierung-109575.html
[6] https://www.heise.de/news/Franzoesisches-Parlament-verabschiedet-umstrittene-Urheberrechtsreform-111733.html
[7] http://www.wipo.int/
[8] mailto:bo@boegeholz.org
Copyright © 2006 Heise Medien