zurück zum Artikel

Vorverfahren gegen mutmaßlichen Wikileaks-Informanten geht zu Ende

Detlef Borchers

In der Voruntersuchung gegen den 23-jĂ€hrigen US-Gefreiten Bradley Manning will das MilitĂ€rgericht klĂ€ren, ob die Beweislage fĂŒr eine Anklageerhebung ausreicht.

Am Donnerstag vor Weihnachten geht die militĂ€rgerichtliche Voruntersuchung [1] im Fall des US-Soldaten Bradley Manning mit den PlĂ€doyers von Anklage und Verteidigung zu Ende. Dem Obergefreiten der US-Armee wird vorgeworfen, wĂ€hrend seiner Dienstzeit im Irak geheime Dokumente an Wikileaks weitergeleitet zu haben. Das Gericht muss bis 16. Januar entscheiden, ob die vorgelegten Beweise fĂŒr ein Hauptverfahren ausreichen.

Seit sieben Tagen wird vor dem MilitĂ€rgericht in Fort Meade (US-Bundesstaat Maryland) darĂŒber verhandelt, welche Beweise gegen den 23-jĂ€hrigen Manning vorliegen. Nach der Behandlung von Verfahrensfragen [2] kamen vor allem IT-Forensiker der US-Armee zu Wort. Forensiker David Shaver sagte laut einem Bericht [3] des US-Magazins Wired am vergangenen Sonntag aus, dass er auf einem der beiden von Manning benutzten Laptops 10.000 diplomatische Depeschen gefunden habe sowie eine Excel-Datei mit Wget-Makros, um diese Depeschen im militĂ€rischen SIPRnet zu finden und downzuloaden.

Am Montag [4] folgte die Aussage des Forensikers Mark Johnson von der Firma ManTech International, der im Auftrag der US-Armee die Macbooks Pro von Manning untersuchte. Er fand ein Passwort, das Manning sowohl fĂŒr seine Chats wie fĂŒr die VerschlĂŒsselung von Dateien benutzte. Teile eines Chats mit einem amerikanischen Hacker konnten rekonstruiert werden, in dem Manning sich damit brĂŒstete, das Material fĂŒr das Wikileaks-Video Collateral Murder [5] beschafft zu haben.

Außerdem soll eine islĂ€ndische Telefonnummer gefunden worden sein, die angeblich Assange zugeordnet werden konnte, sowie ein Chatprotokoll, in dem ein als Assange identifizierter Teilnehmer mit Manning Kontakt gehabt haben soll. Die Chats, die mit dem Multimessaging-Programm Adium ĂŒber den Server Jabber.ccc.de [6] abgewickelt wurden, sollen mit "dawgnetwork" und "pressassociation" zwei Pseudonyme enthalten, die nach Ansicht der Forensiker dem Wikileaks-GrĂŒnder zugeordnet werden können.

Am Dienstag [7] wurde Manning mit dem US-Hacker Adrian Lamo konfrontiert, der nach einem Chat mit Manning die US-Behörden alarmiert hatte. Lamo, der als Journalist im Umfeld des US-Hackermagazins 2600 in das Verfahren eingefĂŒhrt wurde, wurde vor allem von Mannings Rechtsanwalt David Coombs ins Verhör genommen. Er sagte aus, dass er den Chat mit Manning an das Magazin Wired verkauft hatte und keine Probleme damit hatte, gegenĂŒber Manning als Geistlicher aufzutreten, der im Chat das Beichtgeheimnis befolgt.

Manning selbst verzichtete an diesem Tag auf seine einzige Möglichkeit, selbst zum Verfahren auszusagen. Seine Verteidiger befragten Zeugen, die von chaotischen IT-ZustĂ€nden im irakischen MilitĂ€rlager berichteten. So hĂ€tten viele Soldaten im Dienst an ihren Computern Spiele gespielt und Filme geschaut, die verbotenerweise im abgesicherten Netzwerk des MilitĂ€rs gespeichert wurden. Insgesamt verfolgen Mannings Verteidiger die Strategie, den 23-jĂ€hrigen Soldaten als psychisch hochgradig gefĂ€hrdete Person darzustellen, die eigentlich keinen Zugang zu geheimen Informationen hĂ€tte haben dĂŒrfen. Manning sei wegen seiner HomosexualitĂ€t im Irak isoliert gewesen und habe mit mehrfachen GewaltausbrĂŒchen versucht, auf seine verzweifelte Lage aufmerksam zu machen. (vbr [8])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-1400197

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/news/Mutmasslicher-Wikileaks-Informant-vor-Militaergericht-1396175.html
[2] https://www.heise.de/news/Vorverfahren-gegen-mutmasslichen-Wikileaks-Informanten-laeuft-1397560.html
[3] http://www.wired.com/threatlevel/2011/12/cables-scripts-manning/
[4] http://www.wired.com/threatlevel/2011/12/manning-assange-laptop/
[5] http://www.youtube.com/watch?v=5rXPrfnU3G0
[6] http://web.jabber.ccc.de/
[7] http://www.wired.com/threatlevel/2011/12/adrian-lamo-bradley-manning/
[8] mailto:vbr@heise.de