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Warschaus Allianz mit Trump: Polen blockiert wichtiges EU-Digitalgesetz

Stefan Krempl

(Bild: Cristian Storto/Shutterstock.com)

Polens PrĂ€sident Nawrocki stoppt die nationale Umsetzung des Digital Services Act und warnt vor einem staatlichen Wahrheitsministerium. Das sorgt fĂŒr Aufruhr.

Der Graben zwischen den politischen Gremien in Polen hat eine neue, digitale Dimension erreicht. PrĂ€sident Karol Nawrocki hat am Freitag sein Veto gegen das Gesetz zur nationalen Umsetzung des Digital Services Act (DSA) [1] eingelegt. Damit stellt sich das rechtskonservative Staatsoberhaupt demonstrativ an die Seite von US-PrĂ€sident Donald Trump und dessen erklĂ€rter Ablehnung der europĂ€ischen Plattform-Regulierung. WĂ€hrend die Regierung unter MinisterprĂ€sident Donald Tusk versucht, Polen fest in den rechtlichen Rahmen der EU zu integrieren, dĂŒrfte das Veto aus Warschau nun ein juristisches Nachspiel in BrĂŒssel haben.

Nawrockis Argumentation liest sich wie ein direktes Echo auf Äußerungen Washingtons. Die Trump-Regierung hat den DSA wiederholt als „orwellsche“ Zensur gegeißelt [2]. Diese ziele darauf ab, konservative Stimmen mundtot zu machen. Erst im Dezember warnte Trump persönlich die EU-Kommission [3]: die BrĂŒsseler Exekutivinstanz mĂŒsse „sehr vorsichtig sein“, nachdem sie gerade gegen Elon Musks Plattform X ein Bußgeld in Höhe von 120 Millionen Euro verhĂ€ngt hatte [4]. Der Republikaner nannte die Entscheidung „fies“ und „unrechtmĂ€ĂŸig“.

Nawrocki griff diese Rhetorik nun auf [5]: der polnische Gesetzentwurf rĂ€ume Regierungsbeamten zu viel Macht ĂŒber Online-Inhalte ein, rĂŒgte er. Wenn ein der Regierung unterstellter Beamter entscheide, was im Internet erlaubt sei, Ă€hnele das der Einrichtung eines „Ministeriums fĂŒr Wahrheit“ aus George Orwells Roman 1984.

In Polens Mitte-Links-Regierung hat der Schritt scharfe Kritik ausgelöst. Digitalminister Krzysztof Gawkowski warf dem PrĂ€sidenten vor [6], die Sicherheit im Internet zu sabotieren und sich auf die Seite der Tech-Giganten zu schlagen. Der Politiker der Linkspartei Nowa Lewica hob hervor, das Gesetz hĂ€tte Kinder vor PĂ€dophilen, Familien vor Desinformation und Nutzer vor undurchsichtigen Algorithmen geschĂŒtzt. Den Zensurvorwurf wies er entschieden zurĂŒck, da der Entwurf explizit ordentliche Gerichte und nicht die Verwaltung fĂŒr Urteile ĂŒber Online-Inhalte vorsah. Mit dem Veto stehe Polen nun als eines der wenigen EU-LĂ€nder ohne effektive Durchsetzungsmechanismen fĂŒr den DSA da.

FĂŒr die EU-Kommission ist der Vorgang ein diplomatischer und rechtlicher Affront. Da Polen seit Mai die Frist zur Benennung eines nationalen digitalen Koordinators versĂ€umt hat, lĂ€uft bereits ein Verfahren vor dem EuropĂ€ischen Gerichtshof (EuGH) [7]. Ein Kommissionssprecher erklĂ€rte, dass die nationale Umsetzung essenziell sei, damit polnische User ihre Rechte gegenĂŒber Plattformen wie Facebook, X oder Instagram effektiv wahrnehmen könnten. Dabei gehe es etwa darum, Betreiber zu belangen, wenn eigene Inhalte gelöscht oder Konten gesperrt werden. Kernverpflichtungen des DSA gelten aber weiterhin unmittelbar fĂŒr große Online-Portale, die in Polen tĂ€tig sind. Bei dem Gesetz handelt es sich um eine Verordnung, die im Grundsatz in den Mitgliedsstaaten direkt anwendbar ist.

Die Weigerung Warschaus, den DSA in GĂ€nze scharf zu stellen, schwĂ€cht die Position der EU. Die Trump-Administration hat bereits Sanktionen gegen Architekten des DSA wie Ex-Kommissar Thierry Breton verhĂ€ngt [8]. Da die Koalition von Tusk nicht ĂŒber die notwendige Mehrheit verfĂŒgt, um das Veto des PrĂ€sidenten zu ĂŒberstimmen, bleibt der Regierung wohl nur der mĂŒhsame Weg eines völlig neuen Gesetzentwurfs oder das Warten auf die EuGH-Entscheidung.

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(nen [10])


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[1] https://www.heise.de/news/Digital-Services-Act-Wie-die-EU-das-Internet-kuenftig-regulieren-wird-7063328.html
[2] https://www.politico.com/news/2025/07/22/state-department-attacks-europe-free-speech-00468916
[3] https://www.aa.com.tr/en/americas/trump-warns-europe-to-be-very-careful-over-140m-fine-imposed-on-elon-musks-x/3765716
[4] https://www.heise.de/news/DSA-EU-Kommission-verhaengt-120-Millionen-Euro-Strafe-gegen-X-11104519.html
[5] https://www.prezydent.pl/aktualnosci/wydarzenia/prezydent-podpisal-osiem-ustaw-trzy-zawetowal,112911
[6] https://x.com/i/broadcasts/1BdGYZnYlAyJX
[7] https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/ip_25_1081
[8] https://www.heise.de/news/USA-sanktionieren-HateAid-Chefinnen-und-Ex-EU-Kommissar-Thierry-Breton-11124559.html
[9] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner
[10] mailto:nen@heise.de