Warum TikTok in den USA weitermachen darf
(Bild: Frederic Legrand - COMEO/Shutterstock.com)
Ein Richter hat Donald Trumps TikTok-Verbot fĂŒr unwirksam erklĂ€rt. Nun liegt die BegrĂŒndung vor: Trump darf TikTok gar nicht verbieten.
Nachdem ein US-Bundesrichter am Sonntag eine einstweilige VerfĂŒgung erlassen hat, entfaltet das von US-PrĂ€sident Donald Trump ĂŒber TikTok verhĂ€ngte Verbot vorerst keine Wirkung. Am Montag wurde die zunĂ€chst geheim gehaltene BegrĂŒndung veröffentlicht. Darin wird deutlich, dass ein Bundesgesetz dem PrĂ€sidenten genau das nicht gestattet, was Trump versucht hat: Einen Informations- und Kommunikationsdienst zu blockieren.
Dabei war die juristische HĂŒrde, die TikTok nehmen musste, damit der Richter das TikTok-Verbot stoppt [1], hoch. GrundsĂ€tzlich muss jede Partei, die eine einstweilige VerfĂŒgung beantragt, vier Faktoren darlegen, nĂ€mlich dass sie
- Wahrscheinlich gewinnen wird und
- irreparabler SchÀdigung ausgesetzt wÀre und
- die AbwÀgung der Interessen zugunsten der Antragstellerin ausgeht und
- die einstweilige VerfĂŒgung im öffentlichen Interesse ist.
Das alles muss auch noch deutlich sein. Hinzu kommt, dass US-Gerichte PrĂ€sidentenentscheidungen zu Fragen der nationalen Sicherheit gemeinhin umfangreiche Freiheiten einrĂ€umen. Der US-PrĂ€sident fĂŒrchtet ja, TikTok könne aufgrund des chinesischen EigentĂŒmers nach chinesischem Recht gezwungen werden, Daten von US-BĂŒrgern an die chinesische Regierung zu ĂŒbergeben, was die nationale Sicherheit der USA unterminieren wĂŒrde.
Gesetz schrĂ€nkt den PrĂ€sidenten ausdrĂŒcklich ein
In der BegrĂŒndung kommt das Gericht schnell auf den Punkt, warum TikTok dennoch gewonnen hat: Die Executive Order von US-PrĂ€sident Trump ist wahrscheinlich rechtswidrig. Der Erlass vom August fuĂt auf einem im Mai des Vorjahres ausgerufenen Notstand sowie dem Gesetz International Emergency Economic Powers Act (IEEPA).
Zwar gewĂ€hrt dieses Gesetz dem PrĂ€sidenten weitreichende Vollmachten, NotstĂ€nde auszurufen und bestimmte Transaktionen mit AuslĂ€ndern zu verbieten. Doch kennt das Gesetz zwei ausdrĂŒckliche EinschrĂ€nkungen: Der PrĂ€sident darf den Im- und Export von Information und Informationsmaterial ebenso wenig untersagen wie die persönliche Kommunikation, bei der nichts von Wert ĂŒbertragen wird. Laut Gesetzgeber sind diese EinschrĂ€nkungen weit auszulegen, unabhĂ€ngig von Format oder Medium, und dĂŒrfen auch nicht durch indirekte Verbote umgangen werden.
Unzweifelhaft ist TikTok primĂ€r ein Dienst zur Ăbertragung von Information. Daher greift das Argument der Regierung, sie habe nicht die Ăbertragung von Informationen, sondern nur kommerzielle Transaktionen zwischen Unternehmen bezĂŒglich bestimmter Aspekte des Betriebs TikToks in den USA untersagt, nicht. Denn das Ergebnis wĂ€re zumindest ein indirektes Verbot der Ăbertragung von Informationsmaterial.
Frappierende Vorbringen der Regierungsadvokaten
Die RegierungsanwĂ€lte behaupteten, das Ergebnis dieser Auslegung könne unmöglich Ziel des Gesetzgebers gewesen sein; der PrĂ€sident werde darin eingeschrĂ€nkt, auslĂ€ndische Regierungen an der Dominanz von US-Datendiensten zu hindern. "Dieses Argument hat etwas", gesteht der Richter ein, "insbesondere weil die Nutzung von Informationen und Daten durch auslĂ€ndische Gegner immer wichtig wird. Aber (das Argument) findet keine UnterstĂŒtzung im Gesetzestext."
Die Regierung hatte versucht, mit weiteren, an den Haaren herbeigezogenen Argumenten zu punkten: Das Spionagegesetz schaffe eine Ausnahme von der EinschrĂ€nkung der prĂ€sidentiellen Befugnisse des IEEPA. In dem Abschnitt des Spionagegesetzes geht es aber um Staatsgeheimnisse im Verteidigungsbereich, deren Weitergabe mit lebenslanger Haft oder sogar dem Tode bestraft wird â was nicht unbedingt typisch fĂŒr die Videos ist, die Teenager ĂŒber TikTok teilen.
Und: Die Kommunikation der User sei von Wert, zumindest fĂŒr TikTok, daher greife die Ausnahme fĂŒr persönliche Kommunikation gar nicht. Diese Lesart hĂ€lt der Richter wiederum fĂŒr untragbar, weil damit die Ausnahme fĂŒr persönliche Kommunikation völlig wegargumentiert wĂŒrde. In diesem Sinne habe nĂ€mlich jede persönliche Kommunikation fĂŒr irgendjemanden Wert, und sei es die Post, die mit Briefen Umsatz macht.
US-Regierung soll sich an Gesetze halten
Der irreparable Schaden fĂŒr TikTok durch einen rechtswidrigen Bann wĂ€re offensichtlich. Die Interessen der Regierung seien identisch mit dem öffentlichen Interesse. Und da substanzielles öffentliches Interesse daran herrsche, dass Regierungseinrichtungen die Bundesgesetze befolgen, war TikToks Antrag auf einstweilige VerfĂŒgung zu genehmigen. Den verfassungsrechtlichen Argumenten TikToks in der Klage gegen Trump [2] musste sich der Richter gar nicht erst widmen.
Die VerfĂŒgung betrifft derzeit nur das an US-App-Stores gerichtete Verbot, Downloads und Updates der App zu ermöglichen. Ein umfassenderes Verbot, das am 12. November in Kraft treten soll, hĂ€lt der Richter nicht fĂŒr dringlich genug, um schon jetzt einer einstweiligen VerfĂŒgung dagegen nĂ€herzutreten. Sollten der Regierung bis dahin keine besseren juristischen Argumente einfallen, wĂ€re das Ergebnis eines neuerlichen Antrags TikToks absehbar.
Bis Mittwoch sollen TikTok und die RegierungsanwĂ€lte einen Fahrplan fĂŒr das Hauptverfahren vorschlagen. Dort soll die ZulĂ€ssigkeit des PrĂ€sidentenerlasses abschlieĂend geklĂ€rt werden.
- BegrĂŒndung der Einstweiligen VerfĂŒgung im Verfahren TikTok v. Donald J. Trump [3] , anhĂ€ngig am US-District Court for the District of Columbia unter Az. 20-cv-02658
(ds [5])
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[1] https://www.heise.de/news/US-Richter-stoppt-TikTok-Verbot-4913620.html
[2] https://www.heise.de/news/TikToks-Klage-gegen-Trump-ist-da-und-das-steht-drin-4877871.html
[3] https://www.heise.de/downloads/18/2/9/7/6/4/7/8/Begr_gov.uscourts.dcd.222257.30.0_3.pdf
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