Zeitarbeit: ITler sind echte Exoten und weniger qualifiziert
(Bild: dotshock/Shutterstock.com)
IT-FachkrÀfte sind selten in Zeitarbeit und wenn doch, dann wenig qualifiziert. Oft haben sie operative Aufgaben bei gleichem Gehalt wie andere BeschÀftigte.
Das Berufsleben von Jan Stenker, 36, ist ein stĂ€ndiges Kommen und Gehen, denn der Hamburger ist Zeitarbeiter. Sein Arbeitgeber Gulp leiht ihn an andere Unternehmen zeitlich befristet aus. Seit fast zehn Jahren ist Stenker schon Leiharbeiter bei unterschiedlichen Zeitarbeitsunternehmen, in verschiedenen Einsatzfirmen und das meistens im IT-Support. "Ich bin in das Jobhopping reingerutscht und mit jedem Wechsel wurde es schwerer, auĂerhalb der Zeitarbeit einen Job zu finden." Jetzt scheint es aber zu klappen.
LebenslÀufe, die die Zeitarbeit schreibt
Stenker hat seinen Hauptschulabschluss gerade so geschafft und anschlieĂend eine Ausbildung zum Kaufmann fĂŒr BĂŒrokommunikation einschlieĂlich Mittlerer Reife mit gut abgeschlossen. "Die Berufsausbildung war bei einem BildungstrĂ€ger und Ausbildungen in sozialen Einrichtungen haben einen schlechten Ruf in der freien Wirtschaft, wenn man sich dort bewirbt", sagt Stenker. Deshalb hat er keine passende Stelle gefunden und kam so zur Zeitarbeit. Ein halbes Jahr hier, drei Jahre dort, dazwischen immer wieder den Arbeitgeber gewechselt und zwischendurch mehrmals einige Monate arbeitslos. Solche LebenslĂ€ufe schreibt die Zeitarbeit.
Leiharbeiter werden geholt, wenn sie gebraucht werden. FĂŒr Projekte, in denen es personell eng ist, um Spitzenbelastungen zu glĂ€tten oder als lĂ€ngere Krankheitsvertretung. Wenn sie ihre Arbeit gemacht haben, mĂŒssen sie wieder gehen â und wenn es dann keine AnschlussauftrĂ€ge in der Zeitarbeitsfirma gibt, stehen sie auf der StraĂe. WĂ€hrend Corona hat es viele Zeitarbeiter getroffen.
Nach der Statistik der Bundesagentur fĂŒr Arbeit ist die Anzahl der Zeitarbeiter von 930.000 im Jahr 2018 um aktuell rund 200.000 Personen gesunken. "Das hat mehrere GrĂŒnde und ganz besonders stark war der RĂŒckgang in der Automobilindustrie", sagt Wolfram Linke, Sprecher des Interessensverbands Deutscher Zeitarbeitsunternehmen. Die HöchstĂŒberlassungsdauer von Zeitarbeitern wurde auf 18 Monate festgelegt, auĂerdem mĂŒssen sie nach 9 Monaten so bezahlt werden, wie BeschĂ€ftigte in der Einsatzfirma in einem vergleichbaren Job. "Deshalb werden Zeitarbeiter hĂ€ufig nach 9 Monaten in den Einsatzunternehmen nicht weiter beschĂ€ftigt", sagt Linke. Dann kam Corona und die Zeitarbeit ist vollends eingebrochen, "denn bevor die Unternehmen ihre eigenen Mitarbeiter entlassen, schicken sie die Leiharbeiter nach Hause", so Linke. Zeitarbeit ist stark von der Konjunktur abhĂ€ngig und ein FrĂŒhindikator fĂŒr die Wirtschaft.
Zeitarbeit hat keinen guten Ruf
Aktuell zieht sie wieder an. Im August gab es rund 722.000 Zeitarbeiter, das waren 6.700 mehr als im Vormonat und 80.000 mehr als im August vergangenen Jahres. "Etwa zehn Prozent der Leiharbeiter sind Akademiker und Ingenieure die gröĂte Gruppe darunter", sagt Linke. ITler seien es geschĂ€tzt nur wenige Tausend. Das liegt nach Linkes Meinung am grundsĂ€tzlichen Mangel an IT-FachkrĂ€ften und keinesfalls am geringeren Gehalt. Bezahlt werden Zeitarbeiter nach Tarif, mit Ausnahme von gut ausgebildeten FachkrĂ€ften aus allen Wirtschaftszweigen, auĂerdem IT-Personal. "Sie verhandeln ihre Löhne frei, sonst wĂŒrden die Zeitarbeitsunternehmen keine IT-BeschĂ€ftigten finden", sagt Linke. Viele Leiharbeiter werden wĂ€hrend oder nach den Projekten von den Firmen ĂŒbernommen, in denen sie eingesetzt sind. "Bei FachkrĂ€ften sind das bis zu 70 Prozent", schĂ€tzt Linke. Diese Hoffnung auf Ăbernahme haben Zeitarbeiter hĂ€ufig.
Auch Stenker. "Mehrere Firmen, in denen ich eingesetzt war, haben angeboten, mich einzustellen." Nur einmal hat er ein Angebot angenommen, in allen anderen FĂ€llen aber abgelehnt, weil die Firmen fĂŒr ihn nicht das richtige waren. Bei seinen EinsĂ€tzen wird er meist von den neuen Kollegen mit offenen Armen empfangen und als einer von ihnen behandelt. "Verunsichert sind aber immer alle, weil es leicht sein kann, dass ich schon nĂ€chste Woche nicht mehr komme, wenn mich die Firma nicht mehr braucht." In der Berufsschule wurde ihm gesagt, dass er AffinitĂ€t zur IT hat und es wurde ihm nahegelegt, sich in diesem Thema eine Arbeit zu suchen. So kam es zu seinem ersten IT-Einsatz vor vielen Jahren, was sich fortgesetzt hat. Aktuell ist Stenker bei Gulp angestellt â an wen ihn sein Arbeitgeber ausgeliehen hat, will er nicht sagen. Zeitarbeit hat keinen guten Ruf und Firmen, die solche Leute beschĂ€ftigen, wollen das nicht publik machen.
IT-Freiberufler vs. Zeitarbeiter
Clemens Jansen ist Senior Business Unit Manager bei Gulp, er sagt: "WĂ€hrend Corona gab es keinen RĂŒckgang beim Bedarf von IT-FachkrĂ€ften in der ArbeitnehmerĂŒberlassung." Gerade diese Gruppe war und ist besonders gefragt, weil IT-Experten in ArbeitnehmerĂŒberlassung ĂŒblicherweise im operativen Bereich eingesetzt werden. Ganz typisch sind IT-Support und IT-Administration, beides wurde wĂ€hrend Homeoffice und wird in den neuen hybriden Arbeitsformen dringend gebraucht. Was fĂŒr einen weiterhin hohen Bedarf an IT-Personal in der Zeitarbeit spricht.
Die Höchstdauer von 18 Monaten fĂŒr einen Einsatz hĂ€lt Jansen fĂŒr wenig praktikabel, "weil Projekte oft lĂ€nger dauern und Mitarbeiter in ArbeitnehmerĂŒberlassung aufgrund dieser Vorgabe mittendrin aussteigen mĂŒssen". IT-Freiberufler als Alternative sind in langen Projekten nicht zwangslĂ€ufig die bessere Wahl. Sie dĂŒrfen zwar unbegrenzt in einem Unternehmen eingesetzt sein, doch dann droht eventuell ScheinselbststĂ€ndigkeit. "AuĂerdem haben Freiberufler einen Dienstvertrag, den sie frei von Anweisungen erfĂŒllen", sagt Jansen. Zeitarbeiter sind an die Weisungen gebunden. Das ist eine ganz andere Form der Zusammenarbeit.
Qualifikationen und GrĂŒnde der IT-Zeitarbeiter
Robert Half ist ein weiteres Unternehmen, das in der Zeitarbeit tĂ€tig ist. Patrick Pieles ist dort deutschlandweit fĂŒr die ArbeitnehmerĂŒberlassung zustĂ€ndig. "IT-Zeitarbeiter haben höchst selten ein Informatik-Studium abgeschlossen, bestenfalls eine duale Ausbildung etwa zum Fachinformatiker. HĂ€ufig sind es Quereinsteiger oder UmschĂŒler." Die GrĂŒnde, weshalb Menschen in die Zeitarbeit gehen, sind ganz unterschiedlich. Darunter sind Erst- und Wiedereinsteiger, die Unternehmen und Aufgaben ausprobieren wollen, bevor sie sich festlegen oder die noch unsicher sind, was sie beruflich machen wollen. Einige nutzen die Zeitarbeit als Sprungbrett in die Festanstellung und fĂŒr andere ist die Zeitarbeit eine Möglichkeit, Praxiserfahrung zu sammeln und sich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erarbeiten. "Die EinstiegshĂŒrden in der Zeitarbeit sind meist niedriger als bei einem Bewerbungsverfahren fĂŒr die Festanstellung", sagt Pieles. Ăber die Zeitarbeit haben die Kandidaten dann schon mal den FuĂ in der TĂŒr.
Auch bei Stenker hat es schon einmal geklappt. Jetzt sieht es allerdings so aus, dass sein Einsatz zwar endet, sein Arbeitgeber Gulp ihn aber an ein anderes Unternehmen als Mitarbeiter vermittelt hat. Personaldienstleister wie Gulp und Robert Half suchen auch im Auftrag von Unternehmen Mitarbeiter. So findet Stenker nun vielleicht indirekt ĂŒber die Zeitarbeit eine Anstellung auĂerhalb dieser Branche.
(bme [3])
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