kino.to: Polizeiaktion gegen Filmpiraten
Die populĂ€re Linksammlung mit Verweisen zu aktuellen Filmdownloads und Streams ist seit dem Vormittag offline. Die Polizei hat im Rahmen einer internationalen Razzia 13 mutmaĂliche HintermĂ€nner festgenommen.
Mit Razzien in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden haben Ermittlungsbehörden am heutigen Mittwoch zum Schlag gegen HintermĂ€nner des populĂ€ren Filmportals Kino.to [1] ausgeholt. 13 Personen wurden festgenommen, nach einer weiteren werde noch gefahndet, teilte die zustĂ€ndige Generalsstaatsanwaltschaft Dresden mit. Gegen die Betreiber der Website und ihre Helfer werde wegen Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung zur gewerbsmĂ€Ăigen Begehung von Urheberrechtsverletzungen ermittelt.
In Deutschland durchsuchten 250 Polizisten und Steuerfahnder sowie Datenspezialisten ĂŒber 20 Wohnungen, GeschĂ€ftsrĂ€ume und Rechenzentren, erklĂ€rte [2] die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU), auf deren Anzeige hin die Ermittlungen aufgenommen worden waren. Die Website sowie zahlreiche Filehoster wurden vom Netz abgeklemmt, stattdessen gibt es unter den Domains einen Hinweis der Behörden.
Kino.to versammelte Links zu meist illegalen Kopien aktueller Filme, die als Stream direkt im Browser angeschaut oder heruntergeladen werden konnten. Nach Angaben der Dresdener Generalstaatsanwaltschaft ist Kino.to "das gröĂte deutschsprachige Portal, ĂŒber das Raubkopien von Spielfilmen und Serien illegal verbreitet werden". Die Webseite habe etwa 4 Millionen Nutzer tĂ€glich. [Update: BezĂŒglich der Nutzerzahlen von Kino.to gibt es widersprĂŒchliche Angaben. In Ă€lteren Berichten ist von 400.000 Nutzern tĂ€glich die Rede, bei der GVU von ĂŒber 250.000.] Der Schaden fĂŒr die Filmwirtschaft liege im "siebenstelligen Euro-Bereich". Auch die Gewinne der Hauptbeschuldigten sollen im Millionen-Bereich liegen.
Die GVU spricht von einem "System Kino.to", in das neben der Hauptseite auch zahlreiche Filehoster verflochten seien. Es bestehe der begrĂŒndete Verdacht, dass einige dieser Speicherdienste direkt mit Kino.to verbĂŒndet oder sogar eigens von den Betreibern gegrĂŒndet worden seien, heiĂt es bei der GVU. Dabei flieĂen unter anderem Werbeerlöse oder Vermittlungsprovisionen. Die Organisation der Filmbranche ermittelt nach eigenen Angaben seit 2008 gegen das Filmportal, dem sie ein "parasitĂ€res GeschĂ€ftsmodell" auf Grundlage "systematischer Verletzungen von Urheber- und Leistungsschutzrechten" vorwirft.
Nach einem Strafantrag der GVU vom 28. April nahm in Dresden die Integrierte Ermittlungseinheit Sachsen [3] (INES) die Ermittlungen auf. Die Sondereinheit der Generalstaatsanwaltschaft ermittelt unter anderem in FĂ€llen der Organisierten KriminalitĂ€t, bei Wirtschaftsdelikten und Korruption. Dabei arbeiten StaatsanwĂ€lte, Polizisten, Wirtschafts- und BuchhaltungsfachkrĂ€fte sowie eventuell benötigte Spezialisten zusammen. Auch in Ăsterreich waren die Behörden zuletzt gegen das Portal vorgegangen [4].
[Update: Die Sondereinheit ermittelt insgesamt gegen 21 Personen, sagte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Dresden gegenĂŒber heise online. Gegen 14 Hauptbeschuldigte sei Haftbefehl erlassen worden. WĂ€hrend zwölf VerdĂ€chtige in Deutschland verhaftet wurden, sei eine Person in Spanien in Gewahrsam genommen worden. Nach einer weiteren Person werde noch gefahndet. Die HauptverdĂ€chtigen haben den Angaben zufolge Wohnsitz und oder BĂŒros im ZustĂ€ndigkeitsbereich der sĂ€chsischen Justiz. In Deutschland schlugen die Ermittler in Leipzig, Hamburg, Bremen, NĂŒrnberg, Minden, Berlin und Zwickau zu.
Einige der betroffenen Filehoster seien nach den Erkenntnissen der Generalstaatsanwaltschaft von den mutmaĂlichen Betreibern des Portals selbst unterhalten worden, bestĂ€tigte der Sprecher. WĂ€hrend die Website selbst offenbar in Russland gehostet wurde, standen die Server einiger Filehoster auch in deutschen Rechenzentren, die am Mittwoch Besuch von der Polizei bekamen.
Bei den Durchsuchungen von Wohnungen, BĂŒros und Rechenzentren sind zahlreiche Unterlagen und Dateien beschlagnahmt worden, die nun ausgewertet werden. Vertreter der GVU waren bei der Polizeiaktion nicht dabei, sagte eine Sprecherin der Branchenorganisation in Berlin. Die GVU habe aber vor dem Strafantrag umfangreiche Ermittlungen angestellt, die schon deutliche Indizien auch auf beteiligte Personen erbracht hĂ€tten. Inzwischen ist die Website der GVU nicht mehr erreichbar. Die Organisation macht dafĂŒr einen Angriff verantwortlich
Im Internet kursieren derzeit Bilder, die AuszĂŒge eines Durchsuchungsbeschlusses gegen einen SaarbrĂŒcker Hoster zeigen sollen. Demnach richten sich die Ermittlungen auch gegen vier weitere Portale, die ebenfalls von den Beschuldigten betrieben worden sein sollen. Sollte es schlieĂlich zu einer Anklage kommen, drohen den Betreibern Haftstrafen. Das StrafmaĂ fĂŒr Bildung einer kriminellen Vereinigung reicht bis zu fĂŒnf Jahre.
Die Ermittlungen der Justiz konzentrieren sich vorrangig auf die Betreiber. Die Sondereinheit sei kaum fĂŒr Ermittlungen gegen einzelne Nutzer gedacht, hieĂ es bei der Generalstaatsanwaltschaft. Doch werde man die Rechtslage prĂŒfen. Heise-Jusitiziar Joerg Heidrich hĂ€lt es allerdings fĂŒr "eher unwahrscheinlich", dass Nutzer von kino.to mit einer strafrechtlichen Verfolgung rechnen mĂŒssen. Die Rechtslage [5] sei bei Streamingangeboten noch ungeklĂ€rt. Ohnehin sei unbekannt, ob bei Kino.to die
IP-Adressen der User erfasst wurden. "Sicher ist nur, dass die Betreiber des Angebots mit harten Strafen zu rechnen haben, sofern sich der Verdacht des gewerbsmĂ€Ăigen Handelns erhĂ€rtet.".]
(vbr [6])
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[1] http://www.kino.to
[2] http://www.gvu.de/25_169_Internationale_Durchsuchungsaktion_gegen_das_System_kino_to_Verdacht_der_Bildung_krimineller_Vereinigung_zur_gewerblichen_Begehung_von_Urheberrechtsverletzungen_GVU_stellte_Strafantrag.htm
[3] http://www.justiz.sachsen.de/gensta/content/679.htm
[4] https://www.heise.de/news/Telekabel-Wien-Kino-to-seit-Mitternacht-gesperrt-1251899.html
[5] https://www.heise.de/news/Experten-warnen-vor-rechtlichen-Grauzonen-bei-Video-Streaming-868858.html
[6] mailto:vbr@heise.de
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