re:publica 15 und Youtube: Von Kommerzhuren, ZuhÀltern und der MySpace-Gefahr
Youtuber LeFloid erzÀhlt von seiner Professionalisierung.
(Bild: Marc Jaspers, Media Convention Berlin)
In einer ganzen Reihe von Veranstaltungen beschĂ€ftigte sich die re:publica in diesem Jahr auch mit Youtube. Diskutiert wurden die Probleme der Kommerzialisierung und die Reaktion der groĂen TV-Konzerne auf die Konkurrenz.
Wie passen Kommerzialisierung und Ehrlichkeit der Inhalte zusammen? Wie reagieren Fernsehsender auf die Flucht junger Zielgruppen, und ruht sich Youtube zu sehr auf seiner Position aus? Verschiedene Sessions auf der re:publica und der Schwesterkonferenz Media Convention Berlin [1] beschÀftigen sich mit Nöten, Debatten und Zukunftsaussichten im Youtube-Kosmos.
Youtuber als "Huren"
Marie Meimberg [2] ist die Vorsitzende des Vereins 301+ [3], der ein Gegengewicht zur Kommerzialisierung der Youtube-Networks bilden will. Auf der Podiumsdiskussion Sind Youtuber "wachstumsgeile Kommerzhuren"? [4] beklagt Meimberg, dass die Schleichwerbe-Skandale der letzten Zeit Spuren in der Youtuber-Gemeinde hinterlassen haben: "Die Szene hat so eine Grunderwartung, dass sie als Zuschauer eh Schleichwerbung prĂ€sentiert bekommen." Sie setze sich mit ihrem Verein fĂŒr klare Transparenz-Normen ein. Aktuell sei der Verein im GesprĂ€ch mit AnwĂ€lten, um eine Lösung zu entwickeln, beispielsweise mithilfe von Labels. "So lieĂe sich beispielsweise klar kennzeichnen: fĂŒr den Beitrag wurde ein Flug bezahlt."
LeFloid [5] ist ein weiteres AushĂ€ngeschild des Vereins 301+ und einer der erfolgreichsten deutschen Youtuber. In "Making money on Youtube" erzĂ€hlt er von seiner eigenen Professionalisierung: Als er sich beim Youtube-Partnerprogramm beworben hatte, wurde er zuerst abgelehnt und bei einer erneuten Bewerbung schlieĂlich angenommen. Den wirklichen Professionalisierungsschub habe es gegeben, als er anfing, regelmĂ€Ăig zu veröffentlichen: "Das deutsche Gewohnheitstier honoriert es, wenn zu einer bestimmten Zeit etwas regelmĂ€Ăig lĂ€uft." Mit seinem Hauptkanal LeFloid und seinem Nebenkanal Flipfloid, komme er auf eine 70-Stunden-Woche. Youtuben sei eben harte Arbeit. Zumindest auf seinem Hauptkanal tue er sich mit der Monetarisierung schwer. Und eh seien 90% der Anfragen, die an ihn herangetragen werden, "unfassbar dumm und plumb. Nach dem Motto: Halte dieses oder jenes Produkt doch mal 30 Sekunden in die Kamera."
Youtube-Netzwerke als "ZuhÀlter"
(Bild:Â Marc Jaspers, Media Convention Berlin)
In der ersten Podiumsdiskussion fragte ein Zuschauer, wieso man nur ĂŒber "Huren" rede und nicht auch ĂŒber "ZuhĂ€lter". Gemeint sind die Youtuber-Netzwerke. Auf der Session Mit YouTube arbeiten: Chancen und Grenzen fĂŒr etablierte TV-Sender und Protagonisten [6] sitzen zwei ReprĂ€sentanten von Netzwerken auf dem Podium: Ronald Horstmann ist GeschĂ€ftsfĂŒhrer von Studio 71, einer Tochter von ProsiebenSat1, Marcus Dimpfel ist Bereichsleiter Strategische Unternehmensentwicklung bei der Mediengruppe RTL. Die sei mittlerweile weltweit die viertgröĂte Youtuber-Konzern, nach Akquisitionen wie etwa des gröĂten europĂ€ischen Netzwerks Divimove.
Zwar seien die absoluten Fernsehnutzungs-Zeiten in der Bevölkerung ungebrochen hoch, junge Zielgruppen kehrten dem linearen Fernsehen aber immer mehr den RĂŒcken, rĂ€umt der Studio71-Manager Horstmann ein. Dieser Trend werde in den nĂ€chsten Jahren sicher zunehmen. Das bedeute aber nicht das Ende seines Arbeitgebers. Man verdiene Geld mit Inhalten. Und das sei ĂŒberall möglich, auf Youtube, anderen und eigenen Plattformen wie Myvideo: "FĂŒr uns ist immer kritisch, dass wir Content haben und vermarkten. Das ist die Kernkompetenz von Pro7Sat1, und das können wir gut."
Auch der RTL-Mann Dimpfel glaubt, dass gute Inhalte nicht-linear ebenso funktionieren können. Und er hofft auf eine Entspannung der Monopolsituation: "Es wird ein Nebeneinander an Plattformen fĂŒr Shortform und Longform gehen. Hoffentlich mehrere fĂŒr Shortform und nicht nur eine, die die Regeln dominiert und quasi im rechtsfreien Raum agieren kann."
Youtube in der Enge?
Folgt man der Analyse des Beraters und Trainers Bertram Gugel ist das keine gĂ€nzlich unrealistische Vision, wie er auf dem Vortrag FlĂŒchtige Macht? YouTube im Kreuzfeuer. Facebook und Co. greifen an [7] darlegt. Hausgemachte Probleme, externe Faktoren und vor allem Facebook bedrohen demnach die Google-Tochter. Hausgemacht ist der Umgang mit der Community: "Vielleicht wird man bald sagen, Youtube war mal eine Community." Dass Youtube als SteigbĂŒgelhalter fĂŒr Google+ herhalten musste, sei in der Community nicht gut angekommen. Zudem sei Youtube mittlerweile sehr trĂ€ge und unflexibel geworden. Youtuber senden zu festen Sendezeiten, und ĂŒberraschende ViralitĂ€t gebe es kaum noch. Neue Wettbewerber machen Youtube in Nischen schmerzhafte Konkurrenz, etwa die Livestreaming-Plattform Twitch fĂŒr Gamer. Und vor allem Facebook sei eine Gefahr, seitdem es möglich ist und von der Plattform honoriert wird, Videos ohne den Umweg direkt hochzuladen.
Die Google-Tochter mĂŒsse wieder innovativer werden und besser mit ihrer Community zusammenarbeiten, sonst droht Ungemach, glaubt Bertram Gugel: "Youtube steht an einer Gabelung. Entweder sie schaffen wieder das Momentum von 2013, als sie den Markt vorangetrieben haben. Oder sie enden wie Myspace."
[Update 8.5.2015 â 11:00 Uhr] Der Name von Bertram Gugel wurde zuerst falsch angegeben. Das wurde korrigiert. (mho [8])
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[1] http://mediaconventionberlin.com/
[2] https://www.youtube.com/user/mariemeimberg
[3] http://301plus.berlin/
[4] https://re-publica.de/session/sind-youtuber-wachstumsgeile-kommerzhuren
[5] https://www.youtube.com/user/LeFloid
[6] https://re-publica.de/session/youtube-arbeiten-chancen-und-grenzen-fuer-etablierte-tv-sender-und-protagonisten
[7] https://re-publica.de/session/fluechtige-macht-youtube-im-kreuzfeuer-facebook-und-co-greifen-0
[8] mailto:mho@heise.de
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