c't 11/2018
S. 184
Buchkritik
Künstliche Intelligenz

KI rundum betrachtet

Vorstellungen von künstlicher Intelligenz (KI) rangieren von übermenschlichen Expertensystemen etwa in der Medizin bis zu Robotern, die die unterlegene Menschheit tyrannisieren. Thomas Ramge beschreibt ganz plastisch die möglichen Anwendungen und deren Begleiterscheinungen. Er unterscheidet zwischen starker KI, mit der Systeme in ferner Zukunft neue Fragestellungen entdecken und über Lösungsansätze nachdenken, und schwacher KI. Bei der geht es um die Analyse großer Datenmengen, um mit den Ergebnissen Maschinen zu steuern oder vorgegebene Aufgaben zu lösen. Diese Technik entwickelt sich schneller als erwartet, und das Tempo nimmt rapide zu. Schon jetzt geben lernende Systeme anhand äußerst zahlreicher Ausgangsdaten und Rückmeldungen immer bessere Empfehlungen. Dadurch wächst ihre Popularität und zugleich die Menge an Input, der den Fortschritt noch weiter begünstigt.

Bei Erklärungen, wie Machine Learning, die Grundlage der KI, technisch funktioniert, beschränkt sich Ramge auf ein leicht verdauliches Mindestmaß. Er konzentriert sich auf andere Knackpunkte, etwa die Bildung von Informationsmonopolen durch KI: Die ersten Anbieter lernender Systeme ernten die meisten Rückmeldungen und können ihre Systeme am effizientesten verbessern. Wenn der Staat nicht mit Regeln eingreift, können später am Markt erscheinende Mitbewerber niemals aufschließen.

Mitunter lassen sich Empfehlungen – eines menschlichen Experten oder einer KI – nicht mathematisch verifizieren. Dann kommt es darauf an, ob man dem Urheber vertraut oder nicht. Anwender können in der Regel aber nicht erkennen, nach welchen Maximen ein Autopilot oder eine KI agiert. Orientiert sich die Therapie-Empfehlung eines Expertensystems ausschließlich am Wohl des Patienten, favorisiert sie im Interesse der Krankenkasse kostengünstige Lösungen oder soll sie sogar nur den Markterfolg eines bestimmten Medikaments fördern? Offenkundig ist in vielen Fällen nur die große Effizienz eines Expertensystems. Ramge referiert Studien, die das Verschwinden unzähliger Arbeitsplätze durch KI vorhersagen, doch darin sieht er keinen Anlass für Maschinenstürmerei. Vielmehr bringt er vor, nicht KI werde Menschen ersetzen, sondern KI-affine Experten würden so viele Vorteile aus der Technik ziehen, dass sie Konkurrenten ohne derartige Assistenz verdrängen.

Das vielschichtige Thema KI kommt in diesem Büchlein umfassend und tiefgründig, trotzdem aber sehr eingängig ans Licht – brillanter Lesestoff. (hps@ct.de)

Thomas Ramge

Mensch und Maschine

Wie Künstliche Intelligenz und Roboter unser Leben verändern

Reclam, Ditzingen 2018

ISBN: 978-3-1501-9499-7

96 Seiten, 6 €

(Epub-E-Book: 5,50 €)