Profimixer für lau
Mit Cakewalk kostenlos Musik produzieren
Um mit Freeware Musik zu machen, musste man sich bislang arg einschränken. Bandlab bietet nun eine ausgewachsene Musikproduktions-Software kostenlos an, die professionellen Ansprüchen genügen soll.
Die US-Firma Cakewalk verkaufte bis vor Kurzem ihre Digital Audio Workstation (DAW) Sonar je nach Ausstattung zwischen Preisen von 90 bis 400 Euro. Doch nachdem die Mutterfirma Gibson den in Boston ansässigen Entwickler an das Start-up Bandlab veräußerte, bekommt man Sonar nun unter dem Namen Cakewalk kostenlos. Neben einem Sequencer für beliebig viele MIDI- und Audio-Spuren beherbergt es ein üppig ausgestattetes virtuelles Mischpult, mit dem man komplette Songs produziert – was fehlt, rüstet man per Plug-in (VST2/3) nach.
Die Mutterfirma Bandlab betreibt von Singapur aus ein gleichnamiges Social Network, auf dem Musiker ähnlich wie bei Soundcloud ihre Musikstücke online veröffentlichen. Nach der kostenlosen Anmeldung lädt man sich eine Bandlab-App herunter, über die man Cakewalk installiert. Zudem findet man in Bandlab fast 50 Pakete mit freien Audio-Loops verschiedener Stilrichtungen, die man einfach per Drag & Drop auf die Audiospuren von Cakewalk zieht.
Bandlab nimmt sich in den Nutzungsbedingungen allerdings heraus, vom Anwender nahezu beliebige Daten zu sammeln und mit diesen frei zu handeln. Deshalb sollte man sich beim Dienst mit einer anonymen E-Mail-Adresse anmelden (beispielsweise von byom.de) und den Account nach der Installation von Cakewalk nicht weiter verwenden. Denn Cakewalk läuft unter Windows auch offline, unabhängig vom Bandlab-Netzwerk. Im Setup von Cakewalk wählt man unter „Analytics“ den Punkt „I don’t want to participate at all“, wenn man nicht will, dass Cakewalk Nutzungsdaten an den Hersteller sendet.
Bedienkonzept
Das Grundprogramm von Sonar ist in Cakewalk erhalten geblieben, lediglich einige lizenzpflichtige Zusatzfunktionen wie beispielsweise Melodyne wurden entfernt. Die wichtigsten Elemente vom Arranger über die Sequencer-Steuerung bis zum Mixer sind in Fenstern nebeneinander auf einem Bildschirm angeordnet. Jedes Fenster lässt sich abdocken und auf einen zweiten Bildschirm verschieben.
Umsteiger finden sich nach rund zwei Stunden Einarbeitung zurecht. Wer die Musikproduktion jedoch neu lernen will, rätselt an manchen Stellen. Bislang gibt ein Hilfe-Fenster nur kurze englische Erläuterungen zu einzelnen Schaltern, wenn man mit der Maus drüberfährt. Die deutsche Online-Dokumentation ist noch unvollständig, ein PDF-Handbuch fehlt bislang.
Cakewalk unterstützt alle unter Windows gängigen Audio- und MIDI-Interfaces. Wer keines besitzt, sollte sich den kostenlosen ASIO4All-Treiber installieren, der Verzögerungen bei der Ausgabe gegenüber dem WDM-Treiber deutlich vermindert. Noten lassen sich zur Not auch per PC-Tastatur einspielen.
Spurbearbeitung
Zur Audiobearbeitung stehen die wichtigsten Grundfunktionen bereit. So kann man das Tempo vom Original-Clip per Timestretching an das neue Songtempo anpassen und per Automationskurven die Lautstärke, Tonhöhe und jeden anderen Effektparameter der Plug-ins steuern.
MIDI-Spuren spielen virtuelle Instrumente und externe Synthesizer. Zur Bearbeitung der Noten stehen unter anderem eine Piano-Roll und ein einfacher Step-Editor für Drums bereit. Eine Handvoll MIDI-Tools erleichtern Arpeggios und Transpositionen.
Die Auswahl an MIDI-Instrumenten ist allerdings mau: Drums, Bass, Piano und Streicher klingen 08/15. Das General-MIDI-Modul TTS-1 ist über die DirectX-Schnittstelle eingebunden und brachte Cakewalk im Test reproduzierbar zum Absturz.
Im Mixer
Während viele andere Freeware-DAWs ihre Ressourcen begrenzen, darf man in Cakewalk beliebig viele Spuren anlegen. Einzelspuren lassen sich gruppieren und ihre Signale in Busse umleiten – von Stereo bis zu 8.1-Surround. Selbst große und komplexe Arrangements behält man hier gut unter Kontrolle.
Dazu tragen auch die hervorragend ausgestatteten Channel-Strips bei, die sich hinter dem Button „ProCH“ verbergen. In jedem Kanalzug lassen sich ein parametrischer Equalizer, ein Kompressor sowie vier Sättigungs-Plug-ins einfügen, die sanfte Übersteuerungen eines analogen Kanalzugs oder einer Bandmaschine simulieren. Hinzu kommen zwei Reverbs (parametrisch und Faltung) sowie acht sogenannte „Style Dial FX“, die mit nur einem Knopf beispielsweise die Transienten betonen oder dämpfen.
Außerhalb des Kanalzugs lassen sich in jeder Spur beliebig viele Plug-in-Effekte einfügen. Cakewalk bringt eine kleine Grundausstattung mit. In der Dynamikabteilung findet man sogar einen Multiband-Kompressor. Gitarristen freuen sich über den einfachen Amp-Simulator TH3. Für Surround-Abmischungen sind darüber hinaus ein Panner mit Doppler-Effekt sowie ein Surround-Kompressor vorhanden. Die fertigen Songs rendert man in verschiedenen Formaten heraus (darunter Wav, MP3, Ogg, Flac) oder brennt sie gleich auf eine Audio-CD.
Bedienung und Klang erreichen durchaus das Niveau kostenpflichtiger DAWs und geben einem Produzenten alles Wesentliche an die Hand, was er für eine Grundmischung benötigt. Per VST nachrüsten sollte man indes im Bereich der Filter, Echos und Modulationen sowie einen Analyzer. Empfehlenswerte kostenlose Plug-ins haben wir unter ct.de/y3um zusammengestellt.
Fazit
Als kostenlose DAW glänzt Cakewalk vor allem mit seinem gut ausgestatteten Mixer. Hier findet man alles Nötige, um selbst große Arrangements zu mischen. Brot- und Butter-Effekte wie der EQ und Kompressor klingen gut und lassen sich exakt einstellen, ebenso die umfangreichen Kanalzug-Effekte. Zwar ist es manchmal etwas frickelig, die vielen kleinen Schalter per Mauszeiger zu treffen, im Freeware-Bereich ist Cakewalk jedoch die derzeit am besten ausgestattete DAW.
Zum Arrangieren von Audio-Clips und MIDI-Noten bringt Cakewalk eine solide Grundausstattung mit. Kostenpflichtige DAWs warten jedoch mit mehr Arbeitshilfen, Effekten und besser klingenden Instrumenten auf. Zudem stürzte die getestete Version 24.04.0 öfters ab – Bandlab deklariert sie noch als „Early Access“.
Mangels PDF-Handbuch tun sich Einsteiger ob der Fülle an Funktionen schwer. Für sie ist die gut dokumentierte Freeware-DAW Tracktion T6 mitunter die bessere Wahl. Musiker und Bands, die ihre live eingespielten Spuren mixen wollen, sowie Besitzer eingeschränkter Intro-Versionen anderer DAWs bekommen jedoch ein empfehlenswertes Werkzeug an die Hand – wenn es auch in puncto Stabilität noch reifen sollte. (hag@ct.de)
Ergänzende Plug-ins: ct.de/y3um