c't 12/2018
S. 176
Marktübersicht
Smartphone-Markt
Aufmacherbild

Craftphones aus dem Osten

Eine Rundreise zu unbekannten Smartphone-Marken und durch fremde Märkte

Ein Streifzug durch Marken und Geräte südost- und osteuropäischer Nachbarn fördert eine erstaunliche Smartphone-Vielfalt zutage. Einige sind interessante Schnäppchen, die man auch hier kaufen kann.

Früher lockte Forschungsreisende die exotische Tier- und Pflanzenwelt – heute überrascht man den modernen Homo sapiens telefonicus mit fremdartigen Smartphone-Marken.

Beim Blick in hiesige Mobilfunkshops könnte man glauben, es gäbe nur Smartphones von Apple, Samsung, ein bisschen LG, Huawei, Lenovo sowie Sony, daneben ein paar Exoten, die bloß Nerds in Chinashops kaufen.

In einigen Ländern haben sich hingegen regionale Firmen in die Markenmonotonie eingeschlichen. Die Fertigung der Smartphones läuft bei so gut wie allen Herstellern in China. Einige der regionalen Marken kaufen China-Handys palettenweise ein und passen sie nur auf die lokalen Verhältnisse an. Andere setzen eigene Akzente, entwickeln gewissermaßen Craftphones und lassen diese dann zumeist in China fertigen. Das ist selbst bei Verkaufspreisen um 100 Euro noch so lukrativ, dass genug im Säckel hängen bleibt.

Griechischer Wein

In der griechischen Verkaufshitliste rangieren MLS-Smartphones nach Stückzahlen auf Platz 3. Die 1989 gegründete Firma entwickelte lange nur Software und bot Lasertechnik an. Sie verkauft heute Navis und Tablets (Marktanteil in Griechenland: 17 Prozent) sowie Smart-TVs – und seit 2012 Smartphones. Dabei beschreitet die Firma durchaus originelle Wege. Sie stellte beispielsweise das iQTalk Silk vor, das sich schon 2014 per Sprachkommando sperren und entsperren ließ und mit dem man E-Mails komplett diktieren konnte. Anfang Mai hat MLS angekündigt, in Serbien aktiv zu werden.

Das Spitzenmodell ist das MLS Diamond Fingerprint TS 4G. Für den Straßenpreis von 200 Euro bekommt man ein Smartphone für LTE mit Dual SIM, zwei Kameras (16 und 8 Megapixel) und Fingerabdrucksensor. Ein Achtkern-Prozessor von Mediatek mit 1,3 Gigahertz treibt es an. Leider hat es nur Android 6, und das AMOLED-Touchdisplay mit 5,5-Zoll-Diagonale bietet nur HD-Auflösung.

In der Türkei, also zwischen Orient und Okzident, ist man ebenfalls stolz auf eigene Smartphone-Marken: Der Gemischtwarenkonzern Vestel hat fürs internationale Geschäft zwar die Traditionsmarken Graetz und Telefunken gekauft, doch er hat seit 2014 auch eine eigene Smartphone-Marke. Zurzeit listet die Firmenseite sechs Modelle. Das bereits 2015 vorgestellte Dual-SIM-Smartphone Vestel V3 5570 mit LTE ist für 170 Euro zu haben. Dafür gibt es einen mit 1,5 GHz getakteten Snapdragon 615. Das 5570 hat 32 Gigabyte Speicher, zwei Kameras (16 und 8 MP), ein Display mit Full-HD-Auflösung und einen entnehmbaren Akku mit Schnellladefunktion Quick Charge 2.0.

Kaan ist eine weitere türkische Marke. Vormals baute der Mutterkonzern Basari intelligente Stromzähler, Telefone und sogar Hubschrauber. Seit 2016 erweitern Smartphones das Portfolio. Das Spitzenmodell Kaan N2 wird in Ankara gebaut und kommt für 180 Euro mit Android 7. Es ist mit einem Mediatek MT6750T sowie 32 Gigabyte Speicher ausgestattet und hat ein 5,7-Zoll-Display (1440 × 720 Pixel).

Noa ist keine Arche

Im Südosten Europas ist die kroatische Marke Noa stark vertreten, die ihre Verkaufsfühler bis nach Lateinamerika ausgestreckt hat. Auf das 400 Euro teure Noa H10le ist die Firma mächtig stolz, denn dafür wirbt sie mit dem renommierten EISA-Abzeichen für den „Best Buy der Jahre 2017/18“. Im Mitte 2017 vorgestellten H10le rechnet eine Helio-X27-Zehnkern-CPU von Mediatek mit 2,6 GHz. Das AMOLED-Display mit 5,5 Zoll Diagonale verteilt auf seine Bildfläche 1920 × 1080 Bildpunkte. Besonderheit: Das H10le hat zwei Hauptkameras mit je 13 Megapixeln und einen vergleichsweise großen Akku mit 3800 Milliamperestunden.

Aus Rumänien kommt die Firma Allview. Seit 2002 aktiv, war sie zunächst Importeur, seit 2004 stellte sie Fernseher und DVD-Player her. 2008 kamen Smartphones hinzu. Allview hat zwar eine eigene Entwicklungsabteilung, nutzt aber chinesische Werkbänke zur Fertigung. Das Allview X4 Soul Vision für 500 Euro ist im Hauptberuf ein Dual-SIM-LTE-Smartphone, es hat aber noch einen 720p-Beamer im Gehäuse, der bis zu dreieinhalb Stunden lang projiziert, bevor der 4000-Milliamperestunden-Akku schlapp macht. Am unteren Ende der Preisskala rangiert das Smartphone P6 Energy Mini für 69 Euro, das zwar Android 6, Dual-SIM und LTE hat, aber nur ein lausiges LC-Display mit 854 × 480 Pixeln und Kameras mit maximal 5 Megapixeln Auflösung.

Eher ein Einkäufer und Umlabeler von Elektronikprodukten verkauft E-Boda auch Smartphones wie das Eclipse G500HD für knapp 70 Euro. Es ist mit dem semipotenten MT6767 ausgestattet und hinkt bei seiner sonstigen Hardware dem Zeitgeist hinterher.

Ein Konkurrent ist die Firma Myria, die 2006 als PC-Hersteller begann und seit 2014 Smartphones feilbietet. Das Spitzenmodell Grand 4G MY9063 kostet 90 Euro und ist mit einer Quadcore-CPU MT6737 (1,3 GHz), Dual-SIM-Schacht, LTE sowie einem 5,5-Zoll-Display (1280 × 720 Pixel) und einem UKW-Radio ausgerüstet, und es läuft mit Android 7.

Das lettische Just5 Cosmo L808 bietet für 100 Euro eine passable Grundausstattung auf Android-7-Basis.

Aus Lettland stammt Just5, die seit 2008 Smartphones und Handys selbst entwickeln und sie auch in Russland und in den USA vertreiben. Das Dual-SIM-LTE-Smartphone Cosmo L808 (100 Euro) hat ein Metallgehäuse, in dem ein MT6737 steckt. Ein 5-Zoll-Display mit Full-HD-Auflösung sowie eine 16-Megapixel-Hauptkamera stehen auf der Habenseite, die 16 Gigabyte Speicher sind knapp.

Das myPhone Hammer Axe Pro für 370 Euro läuft mit der Zehnkerner-CPU Helio P10 und bietet üppige 4 Gigabyte RAM.

Unter anderem in Polen ist Maxcom aktiv. Unter diesem Dach vertreibt die Firma Konsumelektronikprodukte, darunter viele Senioren-Handys und robuste Smartphones. Das Spitzenmodell der Dual-SIM-Geräte ohne Bulldozer-Allüren ist das Smart MS553 LTE für rund 150 Euro mit MT6735-CPU (1,45 GHz) und 5,5-Zoll-HD-Display sowie Android 7. Einen bekannten Namen haben Smartphones des vorwiegend als Distributor agierenden Anbieters MyPhone. Das Brot-und-Butter-Gerät City XL für 95 Euro wartet zwar mit Android 7 auf, ist aber sonst eher mager ausgestattet.

Heute Weißrussland, morgen Zypern

Ein ansonsten blinder Fleck im Herzen Europas ist Weißrussland. Die Firma Prestigio hat ihre Wurzeln dort, sieht sich nun als Teil der Unternehmensgruppe ASBIS mit Sitz auf Zypern. Sie fungiert vornehmlich als Distributor, hat aber auch eigene Marken, etwa Prestigio. Zusammen mit Intel entwickelte die Firma 2013 das – obwohl hoffnungslos veraltet – noch immer im Handel befindliche „Multiphone PAP5430“. Technisch halbwegs auf der Höhe ist Prestigio mit seinen Smartphones etwa aus der Grace-Reihe. Für 100 Euro erhält man das Grace R5 LTE mit Dual-SIM-Funktion, einer Vierkern-CPU und Android 7.0. Es hat zwar eine Hauptkamera mit 13 Megapixel, aber nur eine 2-Megapixel-Selfie-Cam.

In Russland wimmelt es vor Smartphone-Marken. Die Firma Highscreen hat ihren Namen noch aus der damaligen Verbandelung mit dem deutschen Vobis-PC-Konzern. Nun steht die Marke für niedrigpreisige Smartphones. Nach wie vor ist man hier stolz auf das erste Smartphone für unter 5000 Rubel (67 Euro). Das Top-Modell Highscreen Boost 3 SE Blue (175 Euro) wartet nur mit einem MT6753 (1,3 GHz) und 16 Gigabyte Speicher auf.

Fly heißt der zweite große Player in Russland. Das FlyPhone Power Plus FHD (95 Euro) sticht bei sonst zeitgemäßer, aber nicht herausragender Ausstattung durch seinen 5000-Milliamperestunden-Akku hervor. Texet ist laut Statistiken der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) der drittgrößte Spieler und hat sich eher auf Handys für Senioren und auf robuste Mobiltelefone wie das Texet TM5201 (120 Euro) spezialisiert. Es hat zwar LTE und Android 7, ist ansonsten aber schlecht ausgestattet. Etwas still ist es um Yota geworden, deren Yotaphones ein E-Ink-Display auf der Rückseite haben. Das Yotaphone 3 ist im September 2017 angekündigt worden, aber noch nicht erhältlich.

Fazit

Viele Smartphones mit im Alltag ausreichender Leistung sind schon für rund 100 Euro zu haben. Zumal die jeweils aktuellen Samsung- oder Apple-Boliden gut acht bis zehn Mal so teuer sind, ist der Griff zu den regionalen Marken für viele Menschen nicht bloß eine Frage von Nationalstolz. Man könnte auch ein Statement der Vernunft darin sehen. Einige der beschriebenen Geräte sind in Deutschland erhältlich. Auslandsbestellungen lohnen sich wegen der Versand- und Zollkosten eher selten. (mil@ct.de)