c't 25/2018
S. 190
Story
Homunkulus
Aufmacherbild
Illustration: Jan Bintakies, Hannover

Homunkulus

Sind Sie nicht eigentlich Linkshänder?“

Barlow unterbrach sein Hämmern und blickte hinab auf die Gestalt, die dort neben seiner Leiter stand. Was er sah, war ein auf den ersten Blick unscheinbarer, leicht untersetzter Endvierziger in einem grauen Düffelmantel; auf seinem Kopf trug er eine dicke, hochkrempige Wollmütze, die eigentlich besser zu einem Dockarbeiter gepasst hätte. Die Kälte (als Barlow das letzte Mal nachgesehen hatte, waren es zwei Grad unter Null gewesen) bewirkte, dass der Atem des Mannes in kleinen Wölkchen aufstieg. Mit ruhiger Erwartung sah der Mann zu Barlow herauf. Der wiederum blickte jetzt, als er die Frage endlich verarbeitet hatte, auf den Hammer in seiner Hand, ganz so, als würde er sich erst in diesem Moment darüber klar, ihn überhaupt zu benutzen. Verblüfft fragte er: „Kennen wir uns?“

Der Mann zog die Hand aus der Manteltasche und streckte sie Barlow entgegen, obwohl dieser viel zu hoch stand, um sie ergreifen zu können.

„Mein Name ist Leif Cox. Ich frühstücke hier manchmal.“

Barlow konnte nicht sagen, den Kerl jemals gesehen zu haben, aber ein Kunde war nun mal ein Kunde, also kletterte er drei Sprossen hinab, um Mr. Leif Cox umständlich die Hand zu schütteln. Cox’ Gesicht wirkte freundlich, doch etwas in seinen Augen stach dermaßen impertinent, dass Barlow sich allmählich unwohl fühlte.

Was will der Kerl von mir?

Barlow räusperte sich. Ihm fiel nichts Besseres ein, als auf die Situation mit höflich zuvorkommendem Gastgeber-Schliff zu reagieren. „Es ist ganz schön kalt geworden, was?“, sagte er. „Laut Wetterdienst soll es heute noch schneien.“ Cox nickte nur, die Augen weiterhin starr auf Barlow gerichtet. „Ähm, was kann ich also für Sie tun, Mister …, Cox? Richtig?“

„Ehrlich gesagt habe ich mich gefragt, ob ich nicht etwas für Sie tun kann.“

Okay, der Kerl wurde Barlow langsam unheimlich. Kunde hin oder her, er würde das Gespräch nun abbrechen. „Ja … – wissen Sie, ich muss hier wirklich weitermachen, damit die Lichterkette vor Einbruch der Dunkelheit hängt. Es hat mich jedenfalls gefreut. Beehren Sie uns bald wieder.“ (Der letzte Satz kam ganz automatisch.)

„Die Dekoration wird wirklich schön. Aber sagen Sie, wieso benutzen Sie den Hammer nicht wie sonst mit Ihrer linken Hand?“

Erneut verwirrte die Frage Barlow mehr als sie sollte, und obwohl er den Typen eigentlich loswerden wollte, antwortete er: „Ich weiß nicht. Hab nicht drüber nachgedacht.“

„Ich wette, Sie haben seit etwa zwei Monaten allerlei mit der rechten Hand erledigt. Ungefähr seit das letzte Firmware-Update für Ihr DNC aufgespielt wurde, richtig?“

Ohne einen wirklichen Grund zu wissen, umklammerte Barlow den Hammer fester. Cox’ Worte lösten etwas in ihm aus, zeigten auf etwas, das er eigentlich wissen sollte – und doch nicht wusste; ganz ähnlich, als wenn man nach einer durchzechten Nacht auf ein Erlebnis angesprochen wird: Ein vages Gefühl ist noch vorhanden, aber jegliche Erinnerung? Puff. Fort.

Barlows Mund war trocken geworden. Das Gesagte schien stimmig – und doch total absurd. Das Gefühl machte ihn rasend! Wenn dieser Kerl nicht langsam mal verschwindet, dann …

„Hören Sie! Ich hab jetzt echt keine Zeit …“

„Ich arbeite für Morgan Lewis“, fiel ihm Cox ins Wort. „Meine Spezialisierung liegt im Medienrecht, genauer: Daten- und Manipulationsschutz beim DNC-unterstützten Webzugriff. Wussten Sie, dass etwa dreißig Prozent aller DNCs mit Schadsoftware infiziert sind? Es gibt noch keine genaue Krankenstatistik, aber wer kann schon sagen, inwieweit ein infiziertes DNC die Hirnströme seines Trägers stört, vielleicht sogar Organschäden hervorruft?“ Cox zeigte mit dem Finger auf Barlow. „Wer weiß, was Ihnen gerade so alles durch den Kopf spukt, wenn Sie das Wortspiel erlauben.“

Mit einem dünnen Lächeln schüttelte Barlow den Kopf. Der Kerl war also nichts weiter als ein Werbetrommler auf Klientenfang. Ohne ein weiteres Wort stieg er die Sprossen wieder hinauf, was Cox aber nicht davon abhielt, weiterzusprechen. „Allein in diesem Jahr hat Morgan Lewis mehr als zwanzig Millionen Dollar Schmerzensgeld für seine Klienten herausgeholt.“ – Eine knappe Kunstpause – „Wie heißt es so schön? Immerzu gewillt und fähig.“

Barlow blinzelte. Ihm war, als wäre für einen Sekundenbruchteil ein heller Blitz hinter seiner Stirn explodiert. Unsägliche Erschöpfung machte sich in ihm breit, und für einen Moment glaubte er schon zu stürzen, allerdings konnte er den Arm um eine der Sprossen legen und baumelte nun an der Leiter wie ein narkotisierter Affe. Kalter Schweiß rann über seine Stirn.

Cox zog die Brauen hoch. „Ist Ihnen nicht gut?“

Barlow konnte nicht sofort antworten. Nachdem er zweimal tief durchgeatmet hatte, sagte er: „Es geht schon. Mir wurde nur eben …“ Benommen blinzelte er in den wolkenverhangenen Dezemberhimmel.

Leif Cox winkte Barlow energisch zu sich herab. „Kommen Sie besser von da oben runter, bevor Sie sich noch den Hals brechen.“

Barlow schaute zu der halb angebrachten Lichterkette. Er hatte noch einiges zu tun und … – aber erneut wurde ihm schwindlig.

„Ja – Sie haben recht …“, stammelte er.

Mit langsamen und bedächtigen Bewegungen stieg Barlow die Sprossen hinab, bis er nach einer gefühlten Ewigkeit endlich den Bordstein unter seinen Füßen spürte. Cox wollte ihn stützen, doch Barlow schob seine Hände sanft, aber bestimmt von sich. Schweigend standen die beiden Männer beieinander, während der frühnachmittägliche Straßenverkehr an ihnen vorbeikroch.

Schließlich stampfte Cox mit den Füßen und schlang dabei die Arme theatralisch um den Körper. „Es ist aber auch wirklich scheißkalt! Würde mich nicht wundern, wenn Sie sich ’ne Erkältung eingefangen haben, und nun ist Ihr Kreislauf im Keller. Sie sollten sich am besten für einen Moment setzen.“

Barlow nickte abwesend.

„Hey, was halten Sie von folgendem Vorschlag? Sie gewähren mir fünf Minuten Ihrer Zeit und eine Tasse Kaffee – und im Gegenzug erhalten Sie von mir ein brauchbares Trinkgeld; sagen wir einhundert Dollar? Ein Honorar, wenn Sie so wollen, da ich Sie ja in gewisser Weise von Ihrer Arbeit abhalte.“ Cox hob die Hand, als Barlow ihn nur skeptisch ansah. „Wir halten ein Pläuschchen. Das ist alles.“

Was für ein merkwürdiger Vogel, dachte Barlow – aber es stimmte: Er musste sich erst mal setzen, und wenn er dafür auch noch einhundert Dollar erhielt …?

Er schaute noch einmal hoch zur halb angebrachten Lichterkette. Sie würde wohl fürs Erste hängen bleiben; definitiv jedenfalls für die nächsten fünf Minuten.

„Ja, okay.“

„Wunderbar!“, intonierte Cox.

Das Türglöckchen bimmelte, als sie das Restaurant betraten. Die beiden großen Scheiben zur Chestnut Street hatte Barlow bereits gestern mit Schneespray bemalt, sodass das einfallende Licht nur gedämpft über die Tische glitt. Momentan war nicht sonderlich viel los. Der Ansturm zur Mittagszeit war verebbt, und die ersten Abendgäste waren nicht vor fünf Uhr zu erwarten. Nur hier und da fläzte sich ein Gast auf den roten Lederbänken, las Zeitung, tippte Notizen oder starrte in sein Getränk.

Barlow führte Mr. Cox an einen Ecktisch nicht weit von der Küche. Zu Nelly, die gerade ein Tablett abräumte, sagte er: „Die Lichterkette hängt fast. Ich hab jetzt kurz was Geschäftliches zu besprechen. Bringst du uns ’nen Kaffee?“

„Na klar.“

Nelly war die gute Seele des Lokals. Wann immer eines der Mädchen ausfiel oder der Laden wider Erwarten außerhalb der Stoßzeiten aus den Nähten platzte: Ein Anruf genügte, und Nelly war zur Stelle – ohne Murren, ohne Zetern. Barlow hätte ihr gern mehr als die acht Dollar fünfzig pro Stunde gezahlt, aber wie die Lage aussah, musste er sparen, wo er nur konnte. Himmel, vermutlich würde er dieses Jahr nicht mal einen Weihnachtsbonus zusammenkratzen können. Der Gedanke erzeugte in ihm schreckliche Traurigkeit, sodass er regelrecht mit den Tränen kämpfen musste.

Was ist nur heute mit mir los? Er biss sich auf die Unterlippe. Schuldgefühle, entschied er schließlich. Immerhin hatten er und Nelly vor ein paar Wochen was miteinander gehabt, nur für eine Nacht und nach etlichen Bieren zu viel. Barlow fühlte sich deswegen immer noch schlecht. Es stand außer Frage, dass Nelly sich mehr erhoffte. Barlow wurde das Gefühl nicht los, sie ausgenutzt zu haben – was sie bei Gott nicht verdient hatte. Klar, er hatte sich allein gefühlt, insbesondere mit der Sorge, möglicherweise bereits sein zweites Geschäft finanziell an die Wand zu fahren, aber dennoch … – seit jener Nacht war er also allen privaten Unterhaltungen mit ihr aus dem Weg gegangen. Nelly hatte den Wink schnell verstanden.

Barlow wischte sich übers Gesicht. Ja, es mussten seine Schuldgefühle sein – gepaart mit seinem Schwächeanfall von vorhin. Während er sich also einen der Stühle zurechtrückte und Cox mit einer knappen Geste signalisierte, auf der Bank gegenüber Platz zu nehmen, beschloss er, bei nächster Gelegenheit mit Nelly zu reden und die Sache zu klären. Gleich nach Weihnachten würde er es tun, ja. Das würde beiden helfen. Der Gedanke beruhigte ihn etwas.

„Mir gefällt, was Sie aus dem Laden gemacht haben“, erklärte Cox lächelnd. Er war hier also schon Gast gewesen, bevor Barlow die Kneipe übernommen und zu einem Familienrestaurant umgearbeitet hatte – oder (was weitaus wahrscheinlicher war) der klientenjagende Fuchs hatte seine Hausaufgaben gemacht und die Geschichte des Lokals recherchiert. Barlow nickte einfach nur und wartete ab, wie Cox nun weiter vorgehen würde. Dieser lehnte sich nach vorn, wohl um so etwas wie Vertrautheit zu erzeugen.

„Mein DNC ist ein Hirn-Computer-Interface der zweiten Generation. Ihres vermutlich auch, nicht wahr? Sicher. Kaum jemand benutzt mehr die alten Eins-Fünfer. Wann haben Sie sich der Prozedur unterzogen?“

Barlow zuckte mit den Schultern. „Vor fünf, sechs Jahren, nehme ich an.“

„Hier in Boston? Und Sie hatten bisher keine Schwierigkeiten?“

„Nein. Nicht, dass ich wüsste.“

Die Formulierung schien Cox aufs Höchste zu erfreuen, denn er präsentierte ein breites Capogrinsen, während er mit dem Finger auf Barlow deutete. „Wenn man nicht weiß, dass etwas nicht richtig funktioniert, dann gibt es auch kein Problem, wie?“

„Und Ihrer Meinung nach ist da ein Problem?“ Barlow gab sich keine Mühe mehr, seine Gereiztheit zu unterdrücken. Parallel zu ihrem Gespräch hatte er sich erlaubt, das Web nach diesem Mr. Leif Cox zu durchforsten. Zumindest auf den ersten Blick schien dessen Person authentisch: Abschluss in Stanford, Anwaltszulassung, Anstellung bei Morgan, Lewis & Bockius; es gab sogar Werbespots mit ihm.

Und ja: auch diverse Nachrichtenbeiträge darüber, dass Morgan Lewis im letzten Jahr hohe Vergleiche für seine Klienten herausgeholt hatte; der stattlichste davon belief sich auf rund drei Millionen Dollar. Drei Millionen. Barlow ließ ein wenig die Gedanken schweifen. Drei Millionen wären definitiv etwas, das er einen satten Weihnachtsbonus nennen würde!

„Ich will Ihnen die Geschichte von John Hickley erzählen“, holte Cox ihn zurück ins Hier und Jetzt. Barlow sah kurz auf die Uhr. Fünf Minuten hatte Cox veranschlagt. Auf dass die Geschichte einhundert Dollar wert war – oder drei Millionen. „John ist Anfang Dreißig. Er arbeitet im Einzelhandel, verkauft alles im Bereich Heimelektronik, von alten VR-Suits bis hin zum Hirninterface-Entertainment. Er hat eine hübsche Frau – sie lernten sich an der Uni kennen – und zwei Kinder. Der Kredit für sein Haus lässt sich in absehbarer Zeit abbezahlen, die Kinder gehen auf eine gute Schule, kurzum: Das Leben läuft. Bis er eines Tages einen Bäckereiangestellten zusammenschlägt, weil dieser keine Milka-Strawberry-Donuts in der Auslage hat. John gibt sich nach seiner Festnahme geständig, reuig. Er wisse nicht, was über ihn gekommen sei, aber er habe unbedingt diesen Donut gebraucht, so sagte er. Es sei ganz so gewesen, als hinge sein Leben davon ab. Im Nachhinein erschien ihm die Sache unerklärlich, traurig, ja geradezu lächerlich.

Vermutlich wäre er wohl mit einer Geldstrafe und Bewährung davongekommen, wäre nicht plötzlich Johns Ehefrau bei der Polizei aufgekreuzt, um ihn anzuzeigen. Sie meldete eine seit Monaten immer schlimmer werdende Situation von häuslicher Gewalt durch ihren Mann: unkontrollierte Wutausbrüche, Beschimpfungen, mitunter leichte Handgreiflichkeiten und vereinzelt sogar Schläge. Auslöser waren fast immer irgendwelche Lappalien in Bezug auf nicht vorrätige Konsumgüter, meist Schokolade oder Softdrinks.

Damit konfrontiert, räumte John gewisse Probleme daheim ein, erklärte aber, dass er schon seit mehreren Wochen Mitglied einer Anti-Aggressionsgruppe sei, und bestritt vehement, seine Frau oder gar die Kinder je geschlagen zu haben.

Er wurde während seiner Untersuchungshaft dreimal verhört. Während der dritten Sitzung brach John, nachdem der leitende Detective ihm Kaffee gebracht hatte, in Tränen aus und versuchte schließlich, den Detective zu würgen. Als Erklärung gab John später an, man habe ihm ,Green Mountain Coffee’ und nicht, wie erbeten, ,Maxwell House’ gebracht.“

„Ah, wie aufs Stichwort.“ Barlow verstand erst nicht, war er doch tatsächlich in Cox’ Geschichte hineingesogen worden, doch dann bemerkte er Nelly, die sich gerade anschickte, zwei Tassen vor ihnen abzustellen und diese mit Kaffee zu füllen.

Die Männer bedankten sich. Barlow nahm zwei Portionsdöschen Sahne und rührte ihren Inhalt in die Tasse. Als er zum Zucker griff, bemerkte er Cox’ Grinsen. „Würde es Sie überraschen, wenn ich Ihnen sagte, dass Sie noch vor wenigen Wochen Ihren Kaffee schwarz getrunken hätten?“

Okay! Das reicht nun! Wie lange sollte er sich eigentlich noch diese bereits an Stalking grenzenden Implikationen anhören? Unter anderen Umständen hätte er vielleicht sachter reagiert, doch nun riss Barlow endgültig der Geduldsfaden, und er musste all seine Willenskraft aufwenden, um nicht über den Tisch zu setzen und Cox eine zu verpassen.

Stattdessen sprang er ruckartig auf, sodass sein Stuhl scharf über das Laminat kratzte, und mit vor Zorn bebender Hand zeigte er auf Cox’ impertinentes Gesicht (mit der linken Hand, wie er zu seiner eigenen Zufriedenheit feststellte). „Wissen Sie was?“, raunte er, „Sie können Ihre einhundert Dollar behalten! Ihr Gequatsche fängt allmählich an, mir auf die Nerven zu gehen. Wir kennen uns nicht – und genau so möchte ich es auch halten. Daher fordere ich Sie nun auf, mein Lokal zu verlassen.“

Mehrere Sekunden der Stille vergingen. Dann bemerkte Barlow, dass alle Gäste im Lokal zu ihm herüberblickten. Er hatte geglaubt, leise zu sprechen, allerdings musste er doch ziemlich gebrüllt haben, wie ihm nun bewusst wurde. Verlegen und mit hochrotem Kopf setzte er sich wieder hin. Schließlich fühlte er sich wie ein kleiner Junge nach einem völlig überzogenen Wutausbruch.

Cox wirkte in keiner Weise erstaunt, eher abgeklärt, fast so, als hätte er Barlows Reaktion erwartet – oder gar aktiv herbeiführen wollen. Mit einer entschuldigenden Geste sagte er nur: „Ich verstehe, dass die ganze Sache Sie sehr verwirren muss. Lassen Sie mich Ihnen versichern, dass ich, sofern Sie das wirklich wünschen, verschwinde – aber vorher möchte ich Ihnen noch zu bedenken geben, dass ich Ihnen ein sehr lukratives Angebot machen möchte. Eines, das Sie vergessen lassen wird, was Geldsorgen überhaupt sind. Sie wissen doch: immerzu gewillt und fähig.“ (psz@ct.de)

Fortsetzung im nächsten Heft