c't 9/2018
S. 16
News
KI-Forschung

Viel zu lernen

Machine Learning: Auf dem Wegzu einer europäischen KI-Strategie

Die Regierung will die KI-Forschung mit einem „Masterplan Künstliche Intelligenz“ forcieren. Bislang gibt es dazu aber wenig Konkretes. Der designierte Partner Frankreich ist schon weiter.

Aus der Plattform Lernende Systeme heraus soll ein Nationales Forschungskonsortium für künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen entstehen.

Deutschland soll zu einem weltweit führenden Standort bei der Erforschung von künstlicher Intelligenz werden: So steht es im Koalitionsvertrag. Vier Forschungszentren zum Thema maschinelles Lernen sollen an den Standorten Berlin, Dortmund/St. Augustin, München und Tübingen entstehen, 30 Millionen Euro stellt das Forschungsministerium dafür insgesamt bereit.

Forschungsministerin Anja Karliczek betont, dass es nicht nur um die Entwicklung der Technik an sich geht, sondern auch um ihre gesellschaftlichen Auswirkungen: „Wir müssen einen gesellschaftlichen Dialog darüber führen, wie wir Künstliche Intelligenz nutzen wollen. Für mich ist wichtig, dass wir diese Technik erforschen, Chancen und Risiken ausloten, […] und so schließlich den richtigen Umgang erlernen.“

Ein „Nationales Forschungskonsortium“ soll hierzulande aus der „Plattform Lernende Systeme“ heraus entstehen. Die Plattform war letztes Jahr von Karliczeks Vorgängerin Wanka gegründet worden, um die Zusammenarbeit von Forschung und Wirtschaft zu fördern. Ihr gehören 200 Mitglieder an, darunter Forschungseinrichtungen wie das Deutsche Forschungszentrum für KI (DFKI) und Fraunhofer sowie Unternehmen wie Continental oder SAP. Die Plattform ist über erste Treffen der Arbeitsgruppen allerdings noch nicht hinausgekommen.

Der franko-europäische Weg

Und so mutete die erste Auslandsreise der Ministerin wie eine Fortbildungsveranstaltung an. Sie führte Karliczek Ende März nach Paris zur Vorstellung der nationalen französischen Strategie für Künstliche Intelligenz. Die stammt von Cédric Villani, einem mehrfach preisgekrönten französischen Physiker und Mathematiker.

Der 150 Seiten starke Report beschreibt den Status Quo und macht auf Basis der europäischen Stärken Vorschläge, wie man auf dem alten Kontinent konkurrenzfähig bleibt. Als Technologietreiber sieht Villani die USA und China, deren Investitionen die in Europa bei Weitem überschreiten. Um dem etwas entgegenzustellen, müssen sich die europäischen Forschungseinrichtungen vernetzen. Für sein Land schlägt er sechs KI-Forschungszentren vor, das National Network of Interdisciplinary Institutes for Artificial Intelligence (RN3IA). Diese wiederum sollen sich eng mit anderen europäischen Partnern vernetzen, etwa dem DFKI in Deutschland.

Villani sieht vier strategische Wirtschaftsbereiche, in denen Europa stark aufgestellt ist: Gesundheitswesen, Umwelt, Transport und Verteidigung/Sicherheit. Statt mit der Gießkanne Projekte aller Art zu fördern, sollten sich die europäischen Partner seiner Meinung nach auf diese Gebiete fokussieren.

Als Basis für den Erfolg einer europäischen Strategie schlägt er ein gemeinsames Daten-Ökosystem vor: Unternehmen müssen in die Lage versetzt werden, ihre Daten zu teilen und mit denen anderer Unternehmen zu aggregieren – zum Beispiel auf Plattformen für bestimmte Wirtschaftsbereiche. Dabei sollen die hohen Vorgaben der DSGVO grundsätzlich eingehalten werden. Sogenannte „Innovation Sandboxes“ sollen es Unternehmen aber möglich machen, neue Produkte in einer „zeitweise weniger regulatorisch beschränkten“ Umgebung zu testen.

Deutschland erwähnt Villani ausdrücklich bei der Diskussion um die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Ex-Arbeitsministerin Nahles hatte für den Austausch zu dem Thema die Plattform www.arbeitenviernull.de ins Leben gerufen. Vorbildlich findet er auch die Arbeit der deutschen Ethik-Kommission zum automatisierten Fahren. Der gesamte Villani-Report steht unter ct.de/y27e zum Herunterladen bereit.

Während hierzulande lange Monate über Koalitionen verhandelt wurde, schuf der französische Präsident bereits Fakten. So konnte Emmanuel Macron erfolgreich Google umgarnen. Im Januar kündigte Google an, ein Forschungszentrum in Paris zu gründen. Auch Samsung will in Frankreich forschen, Facebook betreibt ohnehin bereits ein Forschungszentrum im Nachbarland.

Und während die Politik noch Arbeitsgruppen gründet und Strategien entwirft, wartet die Wirtschaft nicht, sondern macht einfach. Anfang März wurde bekannt, dass Zalando 250 Stellen am Standort Berlin streicht. Aufgaben wie das Verschicken von Werbe-E-Mails sollen in Zukunft verstärkt von Algorithmen oder Künstlicher Intelligenz anstatt von Menschen übernommen werden. Derzeit sucht der Modehändler nach einer ganzen Reihe von „Data Engineers“. (jo@ct.de)