c't 9/2021
S. 48
Aktuell
Gnome 40

Runde Sache

Gnome: Schlüssigere Bedienung mit Version 40

Die Desktop-Umgebung Gnome liefert ein größeres Update und hat deutliche optische Ände­rungen im Gepäck. Außerdem bringt Gnome 40 etliche Zusatzfunktionen in den einzelnen Komponenten mit und führt ein neues Versionsschema ein.

Von Martin Gerhard Loschwitz

Was kommt nach 3.38? Genau: 40! Zwischen der Versionsnummer des letzten stabilen Gnome-Releases und der nun aktuellen ist reichlich Platz. Das weckt ­Erinnerungen an den epochalen und viel kritisierten Totalumbau beim Wechsel von Gnome 2 zu Gnome 3. Derartig grund­legende Änderungen gibt es allerdings nicht: Gnome wechselt vornehmlich das Versionsschema, um Unzulänglichkeiten der bisherigen Versionierung zu vermeiden. In Zukunft trägt jede finale Version eine schlichte Zahl, wie eben Gnome 40. Die nächste Version bekommt die Nummer 41. Alpha- und Beta-Versionen sowie Release Candidates tragen künftig die Versionsnummern „XX.alpha“, „XX.beta“ und „XX.rc“. Eingeschobene Bugfix-­Releases bekommen eine Nummer mit Punkt: „XX.Y“.

Dass Gnome dieses Schema mit Version 40 beginnt, liegt daran, dass nach der alten Zählweise 3.40 an der Reihe gewesen wäre – und weil die Entwickler finden, dass 40 eine schöne, runde Zahl ist. Obendrein entkoppelt Gnome sich auf diese Weise von den Releasenummern des GTK-Projekts. Dort erschien Ende 2020 Version 4. GTK 4 wird zwar von Gnome 40 bereits teil­weise genutzt, aber die Projekte entwickeln sich unabhängig voneinander. Die unterschiedlichen Versionsnummern betonen das jetzt, um Irrtümern vorzubeugen.

Der Programmstarter „Dash“ ist jetzt horizontal ausgerichtet und befindet sich am unteren Rand. Auch die virtuellen Desktops ordnen sich neuerdings ­waagrecht an, der nächste lugt rechts schon ins Bild.

Umorientierung

Völlig ohne inhaltliche Rechtfertigung ist der Nummernsprung allerdings nicht: Gnome 40 nimmt erstmals seit Langem wieder deutliche optische Änderungen an der „Gnome-Shell“, dem zentralen Nutzerinterface, vor. Das bemerkt der Nutzer bereits unmittelbar nach dem Login: Wo die Umgebung früher einfach einen recht funktionslosen Desktop samt Wallpaper präsentierte, landet man nun unmittelbar in der „Aktivitäten“-Ansicht.

Diese Ansicht präsentiert gleich die zweite deutliche Änderung: Die virtuellen Desktops („Workspaces“ genannt), sind nun waagerecht nebeneinander angeordnet statt senkrecht wie zuvor. Das passt nicht nur viel besser zu anderen Desktop-Umgebungen und modernen Ultra-­Widescreen-Monitoren, sondern erlaubt auch ein stringenteres Bedienkonzept: Horizontal navigiert man zwischen den Desktops, vertikal zwischen Desktop, ­Aktivitäten-Ansicht und Application-­Launcher.

Praktisch ist das vor allen für Touchpad-Nutzer: Ein Wischen mit drei Fingern gleichzeitig nach oben oder unten wechselt zwischen diesen Desktop-­Modi. Ein waagerechtes Wischen mit drei Fingern wechselt zwischen den Workspaces. Passende Abkürzungen gibt es auch für Tastatur-Fans: Super+Alt+Rauf zeigt die Aktivitätsübersicht und bei erneutem Druck den Application-Launcher an. Zurück gehts mit Super+Alt+Runter; ­Super+Alt+Links und Super+Alt+Rechts navigieren zwischen den virtuellen Desktops.

Neu ausgerichtet ist auch Gnomes Quasi-Dock „Dash“. Es findet sich in der Standardkonfiguration nicht mehr am linken Bildschirmrand, sondern gleitet von unten kommend elegant ins Bild. Auf einem normalen Monitor bietet diese horizontale Ausrichtung mehr Platz. In seiner Funktion ähnelt es nun noch stärker als zuvor dem Dock von macOS: Eine gestrichelte Linie trennt jetzt Anwendungen, die dauerhaft im Dock liegen, von solchen, die dort nur temporär aufscheinen, weil sie gerade laufen.

Der Application-Launcher, also das Hauptmenü für Anwendungen in Gnome, scrollt nun ebenfalls horizontal. Besonders praktisch: Auch im Launcher zeigt die Gnome-Shell die Desktops in einer Miniaturansicht an. So kann der Nutzer nicht nur per Mausklick das Programm auswählen, das er starten möchte, er kann es per Drag & Drop auch direkt auch auf jenen Desktop befördern, auf dem es laufen soll.

Der Application-Launcher ist ebenfalls ­horizontal organisiert und zeigt Miniatur­versionen der offenen Workspaces an, damit man Programme direkt auf dem ­gewünschten Desktop starten kann.

Details abrunden

Neben diesen konzeptionellen Änderungen haben die Gnome-Entwickler auch ein paar optische Details angepasst: Zum Beispiel werden die Namen der Anwendungen im Application-­Launcher nun auf eine einheitliche Länge gekürzt. Befindet sich die Maus über einer Applikation, zeigt Gnome den kompletten Namen an. Das verleiht dem Launcher eine einheit­lichere Erscheinung, ohne den Funktionsumfang ­substanziell zu reduzieren.

Die Ecken ihrer Programme haben die Entwickler großflächig mit Schmirgelpapier bearbeitet, sodass sie nun schön rund sind und dadurch eleganter wirken. Das betrifft zentrale Steuerelemente wie das Dash, die Desktop-­Vorschau oder die Menüleiste am oberen Bildschirmrand sowie die meisten Kern-Anwendungen des Desktops.

Viele dieser Anwendungen haben auch funktionale Verbesserungen erhalten, die dem Nutzer die Arbeit teilweise erheblich erleichtern. Der Dateimanager Nautilus kann jetzt zum Beispiel Dateien auch nach ihrer Erstellzeit sortieren, manuell eingegebene Pfade vervollständigen und soll präziser abschätzen, wie lange größere Kopier- oder Löschaktionen noch brauchen. Das Tool zum Konfigurieren der Netzwerkeinstellungen zeigt bekannte WLANs künftig immer ganz oben in der Liste an. Klingt nach einer Lappalie, spart aber bei jeder neuen Verbindung vor Ort ein paar frustrierende Sekunden: Das gewünschte Netz muss man nicht mehr in den Dutzenden Einträgen suchen, die in ­Innenstädten heute ganz normal sind.

Das Gnome-Software-Center zeigt künftig weniger Benachrichtigungen an, weist auf besonders wichtige Updates – etwa Sicherheitsaktualisierungen – aber gesondert hin, statt durch die Bank alle Updates als „wichtig“ zu markieren. Das soll Nutzer dazu animieren, wirklich wichtige Updates zeitnah einzuspielen und sie nicht wegen der schieren Menge von Notifications zu ignorieren.

Die Info-Seite des Gnome-Einstellungsdialoges birgt eine Änderung, die sich viele Nutzer gewünscht haben: Neben Hostname, CPU, Grafikkarte und anderen System-Eckdaten zeigt Gnome 40 auch das eigene Notebook-Modell an, sofern die Information verfügbar ist.

Die auch bei Nicht-Gnome-Fans sehr beliebte Wetter-Anwendung sieht in Gnome 40 anders aus: Zwei getrennte Ansichten zeigen nun wahlweise eine stundengenaue Vorhersage für die nächsten 48 Stunden – samt Temperaturkurve – oder eine Überblicksvorhersage für die kommenden neun Tage. Die offiziellen ­Release-Notes listen weitere Detailänderungen an diesen und anderen Gnome-Apps auf (siehe ct.de/yzaq).

Fazit

Trotz der konzeptionellen Änderungen bietet Gnome 40 keine völlig neue Benutzererfahrung. Wer mit der Shell in Gnome 3.38 klargekommen ist, wird nach ein paar Minuten der Eingewöhnung auch mit Version 40 keine Schwierigkeiten haben. Wer Gnome 40 einfach mal ausprobieren will, kann das recht einfach mit dem Tool „Gnome Boxen“ tun [1].

Bis die neue Version gängige Linux-­Distributionen erreicht, kann es – je nach Distribution – ein wenig dauern. Zu Redaktionsschluss war die Rolling-Release-Distribution Arch-Linux schon fleißig dabei, Updates auszurollen; Freunde von openSUSE und Ubuntu dürfen zumindest auf zeitnahe inoffizielle Pakete hoffen. Die erste klassische Desktop-Distribution mit offiziellem Gnome-­40-Support dürfte Fedora 34 werden. Dessen aktuelle Beta-Version kommt bereits mit Gnome 40 – und später lässt das System sich auf ein vollwertiges Fedora 34 aktualisieren und weiternutzen. (syt@ct.de)

Release Notes: ct.de/yzaq

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