Krypto-Hype
Bitcoin, Ethereum & Co: Was Sie über Kryptowährungen wissen müssen
Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum erreichen spektakuläre Rekordkurse, die wiederum mehr Menschen zum Mitmischen verleiten. Der Einstieg gelingt leicht, aber Sie sollten zentrale Eigenschaften und Konzepte kennen, um Risiken zu vermeiden.
Bitte lesen Sie diesen Artikel nicht! Das könnte Sie nämlich dazu verleiten, Ihr sauer verdientes Geld in hochriskante Kryptowährungen zu investieren. Falls es Sie trotzdem in den Fingern juckt, mit Kryptogeld zu spekulieren, dann beherzigen Sie wenigstens unsere Ratschläge: Gehen Sie vorsichtig ans Werk. Das raten auch Finanzexperten (siehe S. 24).
Wenn Sie Ihr Glück versuchen wollen, finden Sie auf den folgenden Seiten die wichtigsten Tipps. In diesem Artikel erklären wir am Beispiel des Bitcoins die Konzepte, auf denen Kryptowährungen aufbauen. Kurz gehen wir auch auf Non-Fungible Token ein sowie auf die Kryptowährungen Ethereum, Tether und Monero, weil sie zum Teil grundsätzlich andere Ideen umsetzen als der Bitcoin. Ab Seite 26 finden Sie Praxistipps zu Wallets und Währungsbörsen und der Artikel ab Seite 30 erklärt, wie man Ethereum selbst schürft und wie viel Strom das frisst.
Beispiel Bitcoin
Mittlerweile gibt es zwar über 4000 verschiedene Kryptowährungen, doch der Bitcoin ist die bekannteste und mit einer Marktkapitalisierung von über 900 Milliarden Euro auch die mit großem Abstand bedeutendste. Der Bitcoin (Kürzel BTC) startete 2009, also kurz nach der weltweiten Finanzkrise des Jahres 2008. Er wurde zunächst vor allem als spannendes Gegenkonzept zu regulierten Währungen verstanden. Der Bitcoin ist nämlich darauf ausgelegt, ohne Garanten wie Zentralbanken und staatliche Institutionen auszukommen. Er ersetzt das Vertrauen in Banken und Handelspartner durch Kryptoalgorithmen und legt die ganze Macht in die Hände seiner Besitzerinnen und Besitzer – aber auch die gesamte Verantwortung.
Das hat wichtige Auswirkungen: Es gibt keine Bank, die Fehlbuchungen korrigieren oder ein Ersatzpasswort bereitstellen könnte. Und es gibt auch keine Zentralbank, die für den Wert eines Bitcoins bürgt oder einen Kursverfall abzufangen versucht. Der Wert des Bitcoins entsteht einzig und allein aus der Bewertung der zumeist anonymen Mitspieler. Das birgt Risiken, weil manche Milliardenvermögen besitzen, die sie anscheinend gezielt zur Kursmanipulation nutzen [1, 2]. Mehrere Jahre lang dümpelte der BTC-Kurs im Centbereich dahin, 2011 stieg er in den Bereich von 1 Euro. Mittlerweile gab es mehrere Spekulationswellen, der letzte Höchststand lag über 50.000 Euro (60.000 US-Dollar).
Zur Faszination des Bitcoins gehört auch, dass der oder die Erfinder bis heute unbekannt sind. Das Pseudonym Satoshi Nakamoto auf den ersten Veröffentlichungen könnte auch für eine Gruppe von Personen stehen. Der Name „Satoshi“ für ein Hundertmillionstel BTC, die kleinste Einheit für Bitcoin-Transaktionen, verweist darauf.
Basis Blockchain
Herzstück des Bitcoins ist eine Blockchain. Der Name bezeichnet eine dezentral gespeicherte Kette (Chain) von Transaktionsblöcken. Jeder neu an die Kette angehängte Block enthält einen kryptografischen Hash seines Vorgängers. Dieser Hash verbindet die beiden Blöcke miteinander, weil er einerseits die Reihenfolge der Blöcke sicher dokumentiert und andererseits die nachträgliche Manipulation älterer Blöcke praktisch unmöglich macht.
Die Blockchain protokolliert dadurch wie ein öffentliches Kassenbuch beziehungsweise eine Datenbank alle Bitcoin-Transaktionen. Das Bitcoin-System kommt ohne zentrale Server aus. Die dezentrale und redundante Speicherung auf vielen Computern, die über ein Peer-to-Peer-Netzwerk verbunden sind, schützt vor Ausfällen.
Transaktionen funktionieren wie Überweisungen und erfolgen zwischen zwei oder mehr Adressen. Eine solche Adresse ist nichts anderes als ein Hash über den öffentlichen Teil eines kryptografischen Schlüsselpaars (Secure Hash Algorithm SHA-256). Es kommt also etablierte Public-Key-Verschlüsselung zum Einsatz. Sie gilt als sicher, solange der private Schlüssel geheim bleibt [3].
Grundsätzlich erfolgen Transaktionen anonym, weil die Blockchain von einer Transaktion außer ihrem Wert nur den Zeitstempel und die Adressen speichert. Letztere lassen sich ohne zusätzliche Angaben keinen bestimmten Personen zuordnen. Wer allerdings Kryptogeld bei einer Online-Börse oder auf einem Marktplatz handelt und dazu dort ein Konto eingerichtet hat, gibt persönliche Informationen preis. Das gilt insbesondere, wenn man Kryptowährungen wieder in normale Währungen zurücktauscht und seinem Bankkonto gutschreiben lässt.
Doch auch sonst sind Kryptowährungen weniger anonym, als mancher denkt: Verknüpft man etwa Daten aus der Blockchain mit weiteren Informationen, so ergeben sie Hinweise auf einzelne Akteure – etwa aus den Zeitpunkten, der Häufigkeit oder den Werten bestimmter Transaktionen. Mit solchen Methoden haben Ermittlungsbehörden etwa die Darknet-Handelsplattform SilkRoad ausgehoben [4].
Teure Transaktionen
Sogenannte „Schürfer“ (Miner) leisten die kryptografische Rechenarbeit, die zur Dokumentation der Transaktionen in der Blockchain nötig ist. Die Miner werden dafür auf zweierlei Art mit Bitcoins belohnt: Erstens erhalten sie für einen Transaktionsblock, der erfolgreich an die Blockchain angehängt wird, einen „Reward“ in Form von derzeit 6,25 Bitcoin. Zweitens erhalten sie für Transaktionen eine Gebühr (Fee). Die Miner machen also aus Strom Bitcoins, indem sie Transaktionen verarbeiten. Beim Bitcoin ist das Schürfen mit PC-Hardware schon seit Jahren nicht mehr wirtschaftlich, das erledigen überwiegend Spezialprozessoren (sogenannte Mining-ASICs) in großen Rechenzentren. Manche dieser „Mining-Farmen“ verkaufen Beteiligungen und zahlen ihre Erträge in Bitcoins an die Anleger aus.
Transaktionsgebühren sind ein entscheidender Teil des Bitcoin-Konzepts, obwohl man die Gebühr für Zahlungen selbst festlegen darf. Was zunächst widersinnig klingt, ist einfacher verständlich, wenn man sich die Gebühr als eine Art Gebot vorstellt. Denn die Miner verarbeiten die profitabelsten Transaktionen zuerst, außerdem ist die Anzahl der Transaktionen auf höchstens etwa 2000 pro Block begrenzt. Dabei ist der Speicherplatz pro Block limitiert und das Bitcoin-System sorgt dafür, dass im Schnitt alle zehn Minuten ein neuer Block an die Blockchain angehängt wird [3]. Wenn es also auf möglichst rasche Verarbeitung einer Transaktion ankommt, sollte man eine höhere Gebühr anbieten; im Mittel liegt sie derzeit bei umgerechnet knapp 17 Euro. Viele Transaktionen werden aber auch zu deutlich niedrigeren Gebühren oder kostenlos verarbeitet, man muss dann einfach länger warten oder Transaktionen „anstupsen“ [5].
Zur schnellen Zahlung kleiner Beträge eignet sich der Bitcoin jedoch nicht und er könnte auch nicht sämtliche Kreditkartenzahlungen ersetzen: Einige Kryptowährungen wie Litecoin und Nano zielen auf schnellere und billigere Transaktionen.
Der Gebührenpoker und die beschränkte Anzahl von Transaktionen pro Sekunde werden vor allem bei raschem Bitcoin-Kursverfall zum Problem, weil dann viele sofort verkaufen wollen. Wer in dieser Situation vergleichsweise kleine Summen rasch loswerden möchte, konkurriert mit riesigen Aufträgen und muss entweder enorme Transaktionskosten zahlen oder lange warten, während der Kurs in die Tiefe rauscht.
Geld-Grenzen
Die Beschränkung der Geldmenge gehört zum Konzept vieler Kryptowährungen. Beim Bitcoin sind es 21 Millionen BTC, die etwa im Jahr 2140 geschürft sein sollen. Es gibt also eine eingebaute Deflation, die den Kurs nach oben treibt.
Die dezentrale Speicherung der Blockchain hat nicht nur Vorteile, sondern bringt auch Nachteile. Zu letzteren gehört die erwähnte Latenz von mindestens rund zehn Minuten bis zur sicheren Dokumentation einer Transaktion in der Blockchain. Nachteilig ist aber auch der immense Energiebedarf der Miner, siehe Kasten auf Seite 23. Der rührt letztlich daher, dass diese Rechner miteinander konkurrieren, um als jeweils erster den nächsten gültigen Block zu berechnen und die Belohnung zu erhalten. Doch durch die dezentrale Speicherung und die Latenz des Peer-to-Peer-Netzwerks kann es zeitweilig – für mehrere Stunden oder gar Tage – mehrere gültige Blockchains geben. Weil die Nodes aber stets die jeweils längste Kette als die einzig gültige einstufen, setzt sich diese nach einiger Zeit durch. Die anderen Blockchains werden verworfen, die für sie aufgewandte Rechenleistung (und Energie) ist verloren. Die in ihnen gespeicherten Transaktionen gelangen zurück in den Mempool (siehe Infografik auf S. 21) und dadurch dann später auch in die gültige Blockchain.
Der stromfressende „Proof of Work“-Algorithmus, dessen Schwierigkeit (Difficulty) alle 2016 Blöcke (meistens nach oben) angepasst wird, ist nötig, um sogenannte „51-Prozent-Angriffe“ auf die Blockchain abzuwehren [6]. Denn dazu wäre extrem viel Rechenleistung und somit auch Energie nötig. Es gibt energetisch effizientere Alternativen zu Proof of Work, etwa Proof of Stake [7], die andere Kryptowährungen wie Cardano nutzen. Dabei weisen die Teilnehmer ihre Vertrauenswürdigkeit durch Kapitaleinsatz (Stake) nach.
Riesige Risiken
Kryptowährungen zielen auf hohe Sicherheit, auch ihre praktische Umsetzung – zu erheblichen Teilen mit Open-Source-Software – gilt als sicher. Da ist es nicht leicht zu verstehen, weshalb das Anlegen von Geld in Kryptowährungen dermaßen hohe Risiken birgt. Der springende Punkt ist, dass diese Risiken nicht bei der Technik der Kryptowährungen liegen, sondern im Umgang damit und in ihrem Umfeld.
Zunächst kann man selbst einige Fehler mit großen Auswirkungen machen. Trägt man etwa bei Transaktionen eine Adresse falsch ein, ist der zugeordnete Betrag weg. Und vergisst man das Wallet-Passwort, ist der gesamte Inhalt verloren.
Transaktionsgebühren bringen Unwägbarkeiten, weil sie den Transfer kleiner Summen unverhältnismäßig teuer machen oder – falls zu niedrig gewählt – zu Wartezeiten führen. Viele wollen mitverdienen: Kryptowährungs-Marktplätze und -Börsen, Zahlungsdienstleister, Banken und Händler. Das erinnert an die alten Geschichten vom kalifornischen Goldrausch, wo einige Händler, die vor Ort Schaufeln und Lebensmittel verkauften, am Ende reicher wurden als die meisten Goldsucher.
Wo Geld fließt, lauern stets auch Betrüger, Diebe und Erpresser. Hier ließe sich nun eine lange Liste bereits aktenkundiger Straftaten rund um Kryptowährungen abdrucken, das Wesentliche ist jedoch: Trauen Sie niemandem ohne sorgfältige Prüfung. Viele Betrüger nutzen sogar uralte Maschen, die ohne IT-Kenntnisse funktionieren: Sie verleiten arglose Menschen per Telefon oder Spam-Mail zu vermeintlichen Anlagen in Kryptowährungen, kassieren aber schlichtweg ab.
Kryptowährungen werden auch als Zahlungsmittel für kriminelle Aktivitäten genutzt, allerdings nach mehreren Schätzungen nur in relativ geringem Umfang, bezogen auf das gesamte Handelsvolumen. So verlangen manche Erpressungstrojaner Krypto-Lösegeld, einige Darknet-Handelsplattformen akzeptieren Kryptogeld für Drogen oder Kinderpornos.
Kurs-Karussell
Die starken, schnellen und unvorhersagbaren Schwankungen von Kryptowährungen – also die hohe Volatilität der Kurse – sind ebenfalls ein wesentliches Risiko, das Kleinanleger nicht beeinflussen können. Der Bitcoin und andere Kryptowährungen erreichten in den vergangenen Monaten historische Höchstkurse. Solange der Kurs im Mittel steigt, wird das Kursrisiko oft unterschätzt. Wer bei hohem Kurs in die Spekulation einsteigt, muss jedoch auf weiteren Anstieg hoffen. Das gilt auch für Schürfer, die Hardware dafür kaufen oder sich an Minern beteiligen: Wenn der Kurs der jeweiligen Kryptowährung so stark fällt, dass die Stromkosten das Mining unrentabel machen, verliert auch die Mining-Hardware ihren Wert.
Niemand kann jedoch die weitere Kursentwicklung zuverlässig prognostizieren. Manche behaupten, die zunehmende Nutzung von Bitcoins als Zahlungsmittel stabilisiere den Kurs. Doch die Auswertung von Bitcoin-Transaktionen zeigt, dass es vor allem um spekulative Anlagen geht, also ums Zocken. Die Kurse steigen unter anderem wegen der Nullzinspolitik der hoch verschuldeten Industriestaaten sowie dank (Corona-)Wirtschaftshilfen, was vielen Investoren „billiges Geld“ beschert, das sie in riskante Anlageformen stecken. Der Kursanstieg hat zudem eine klare Selbstverstärkungskomponente: Weil viel darüber berichtet wird, springen mehr Anleger auf den fahrenden Zug auf – aus Angst, ein gutes Geschäft zu verpassen. Gier und Angst sind jedoch keine guten Ratgeber für Geldanlagen.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Kurs drastisch fällt, etwa durch ein Handels-, Mining- oder Besitzverbot in einem größeren Land wie USA, China oder Indien. Auch andere unvorhersagbare Ereignisse beeinflussen den Bitcoin-Kurs stark. Ein prominentes Beispiel sind Tweets von Elon Musk (der heutige Tesla-Chef gründete unter anderem auch PayPal), die den Kurs vor einigen Monaten anheizten. Machen Sie sich klar, dass derartige Einflüsse den Kurs auch sehr rasch drücken können.
Krypto-Kapriolen
Der aktuelle Kryptogeld-Hype treibt Blüten, viele Firmen wollen mitmischen. Die Macher des Messengers Signal, der als WhatsApp-Alternative Aufwind spürt, denken etwa über die Einbindung des Mobilecoin als Krypto-Zahlungsfunktion nach. Viel zu lesen ist auch über Non-Fungible Token (NFT). Dabei handelt es sich um Smart Contracts auf einer Blockchain (aktuell meistens Ethereum). Diese dienen als Nachweis dafür, dass jemandem das „Original“ einer bestimmten Datei gehört, etwa ein digitales Bild, Musikstück oder Video. „Non Fungible“ bedeutet „nicht austauschbar“ oder eher „einzigartig“ – im Unterschied zu austauschbaren Token wie eben Bitcoins oder Ethers. NFT-Trophäen kann man beispielsweise in manchen Computerspielen ergattern. Doch auch der Kunsthandel hat die Krypto-Millionäre entdeckt: Im März versteigerte das Auktionshaus Christie’s ein virtuelles Kunstwerk als NFT für fast 70 Millionen US-Dollar, die in Ether gezahlt werden konnten.
NFT sind zwar kryptografisch gut gesichert, doch das schützt nicht ihren jeweiligen Wert, der im Wesentlichen spekulativ ist. Diesen Unterschied zwischen IT-Sicherheit und Wertstabilität scheinen manche NFT-Anleger nicht zu verstehen. Ein NFT hängt zudem an einer Blockchain, deren Pflege nicht in alle Ewigkeit gesichert ist – es gibt ja keine zentrale Instanz, die dafür bürgt.
Fazit
Kryptowährung ist ein faszinierendes Konzept – mit gewaltigen Tücken. Zwar gelingt der Einstieg leicht, ähnlich leicht passieren jedoch fatale Fehler. Die Prinzipien Anonymität und Eigenverantwortung führen dazu, dass sich Fehlbuchungen nicht korrigieren, Passwörter nicht zurücksetzen und Betrüger nur schwer fassen lassen. Viele Erfahrungen aus der echten (Geld-)Welt greifen bei Bitcoin & Co. deshalb nicht.
Die enorm gestiegenen Kurse vieler Kryptowährungen locken Zocker an, die auf schnelles Geld hoffen. Dazu kommt ein kruder Mix sonstiger Interessen, die von antikapitalistischem Sendungsbewusstsein über Bankenskepsis und Abenteuerlust bis zu illegalen Aktivitäten reichen. Diese brisante Mischung macht Kryptowährungen zwar interessant, aber auch höchst riskant – passen Sie gut auf Ihr Geld auf! (ciw@ct.de)