Schlitzohren und die Folgen
Erfahrungen rund um Kauf und Reklamation gefälschter Apple AirPods Pro – das Finale
Gut gemachte Fälschungen von Apples AirPods Pro waren lange Zeit ein lohnendes Geschäft für Betrüger. Doch inzwischen verschwinden immer mehr dubiose Angebote und auch die deutsche Justiz ist nicht untätig.
Nachdem wir bei eBay auf gefälschte Apple AirPods Pro gestoßen waren, kauften wir diverse verdächtige Exemplare und reklamierten anschließend. Die dabei gemachten Erfahrungen waren mitunter grotesk, insbesondere was die Reaktionen des eBay-Supports betrifft [1], doch dazu später mehr.
Auf der Suche nach den Fälschern kauften wir auch einige Stichproben in China ein. Auf AliExpress, einer Plattform für chinesische Händler, wurden wir schnell fündig. Die erste Lieferung traf auch zügig ein und nach einigen Klimmzügen gelang es uns tatsächlich, den Kaufpreis für die Fakes in voller Höhe erstattet zu bekommen, ohne die Ware nach China zurückschicken zu müssen.
Zweiter Streich
Die zweite Bestellung lief nicht ganz so reibungslos: Wir hatten hier gleich zwei Boxen mit ziemlich sicher gefälschten Apple AirPods Pro geordert, doch der Händler ließ sich reichlich Zeit mit dem Versand. Die am 18. Februar bestellten In-Ears wurden erst am 1. März an den Versanddienstleister übergeben. Bereits drei Tage später landete die Ware in Deutschland – anscheinend ohne irgendwelche Zollformalitäten.
Das mag daran liegen, dass der Versender einen Dienstleister, die Worldtech Logistics GmbH in Mörfelden-Walldorf, dazwischengeschaltet hatte. Gern hätten wir von dem Unternehmen mehr über sein Geschäftsmodell und die Versand- und Verzollungsmodalitäten erfahren, doch unsere diesbezügliche Anfrage blieb trotz mehrfacher Nachfrage bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Generell scheint das Unternehmen nicht besonders erpicht auf Bekanntheit zu sein, denn als Absender auf dem für den Weitertransport per DHL verwendeten Aufkleber taucht nur „DE Client“ auf.
Die gelieferte Ware entsprach schon auf den ersten Blick nicht dem, was wir geordert hatten: Statt zwei Packungen mit „Apple AirPods Pro“ steckten im Karton eine Packung Apple AirPods (Seriennummer CC4ZTBWFJMMT) und eine mit AirPods Pro (Seriennummer GWXZHGW6LKKT). Im Gegensatz zu den bisher an uns gelieferten Fakes waren diese Fälschungen aber korrekt beschriftet: Peinliche Schreibfehler gab es nicht mehr und auch der Inhalt sah Original-Apple-Produkten zum Verwechseln ähnlich.
Doch echt?
Wirklich verblüfft waren wir, als auch Apples Garantie-Check-Seite die Seriennummern der Fakes als gültig akzeptierte. Anscheinend haben die Fälscher inzwischen nicht nur bei der Beschriftung der Kartons Fortschritte gemacht, sondern auch beim Knacken von Apples Seriennummer-Algorithmus.
Beim Koppeln der AirPods und AirPods Pro mit dem iPhone zeigte sich hingegen wieder das schon von den älteren Fakes bekannte Muster: Anders als Original-Apple-Produkte wurden die Fälschungen bei der ersten Kontaktaufnahme nicht automatisch erkannt. Wir mussten stattdessen den Knopf auf der Ladebox drücken, um eine Verbindung herzustellen.
Der Klang der AirPods Pro-Fälschung ist passabel, aber hält einem Vergleich mit den Originalen in keiner Weise stand. Wer freilich kein Original für den Hörvergleich zur Hand hat, gibt sich möglicherweise mit dem Klangbrei der Fakes zufrieden.
Eine sichere Unterscheidungsmöglichkeit gibt es allerdings auch bei diesen AirPods Pro-Fakes: Der in den Treiber integrierte Test für den korrekten Sitz der In-Ear-Kopfhörer. Er zeigt bei den Fälschungen immer optimalen Sitz der Ohrstöpsel an – selbst wenn diese auf dem Tisch liegen. Zudem funktioniert die Geräuschunterdrückung durch Gegenschall bei den Fakes einfach nicht. Hier fehlen schlicht die dafür benötigten Mikrofone und der Signalprozessor. Weitere Fake-Merkmale sind die fehlende kontaktlose Lade-Option und grottenschlechte Sprachwiedergabe, wenn man die Mikrofonfunktion nutzt.
Bei den AirPods ohne „Pro“ im Namen fällt es hingegen schwer, objektive Belege für eine Fälschung zu finden. Hier bleiben nur der eher mittelmäßige Klang der Ohrhörer und der Mikrofonfunktion als Indizien für einen Fake.
Reklamation
Natürlich reklamierten wir auch bei diesem Kauf zunächst über das AliExpress-System. Der Verkäufer zeigte sich verwundert darüber, dass wir mit der Qualität seiner Ware nicht einverstanden waren und bot uns zunächst sechs beziehungsweise sieben Euro Rückerstattung für die beiden Kopfhörer an. Zusätzlich sollten wir noch 30 Prozent Rabatt auf den nächsten Kauf von gefälschten AirPods Pro erhalten.
Als wir das ablehnten, bot der Händler an, die Ware zurückzunehmen und nach Erhalt der Fakes den vollen Kaufpreis zu erstatten. Die horrenden Rücksendekosten sollten allerdings wir übernehmen. Auch damit waren wir nicht einverstanden.
Nachdem vom Verkäufer keine weiteren Vorschläge kamen, schaltete sich AliExpress ein. Das Urteil der Konfliktstelle war eindeutig: Bei der gelieferten Ware handele es sich um Fälschungen, weshalb uns eine Kaufpreiserstattung zustünde. Allerdings verlangte auch AliExpress die Rücksendung der Ware. Wir lehnten das erneut ab und siehe da, zehn Tage später entdeckten wir auf unserer Kreditkarte eine Gutschrift über den vollen Kaufpreis.
Die Folgen
Unser beharrliches Reklamieren sorgte allerdings nicht nur dafür, dass wir unser Geld zurückbekamen und den Elektronikschrott selbst entsorgen durften. Kurz darauf bemerkten wir auch eine auffällige Säuberungsaktion auf AliExpress: Gab es am 18. Februar noch gut 7000 Angebote offensichtlich gefälschter AirPods, waren Anfang April gar keine AirPods Pro-Fälschungen mehr auf der Plattform zu finden. Nachbauten der Apple-Produkte gab es zwar weiterhin im Angebot. Allerdings zierte die nun weder ein Apple-Logo noch behaupteten die Anbieter, Original-Apple-Produkte zu verkaufen.
Welchen Anteil an dieser Marktbereinigung unsere Berichterstattung tatsächlich hat, lässt sich leider nicht ermitteln – AliExpress ließ eine entsprechende Anfrage unbeantwortet.
In Schweigen hüllte sich freilich auch Apple: Obwohl wir alle von uns erworbenen Fälschungen brav über das extra von Apple für diesen Zweck eingerichtete Portal gemeldet hatten, erfolgte auf keine unserer Mitteilungen auch nur die kleinste Reaktion. Auch mehrfache Bitten um Stellungnahme ließ Apple unbeantwortet. Warum sich das Unternehmen nicht zum Thema Fälschungen äußern will oder kann, erschließt sich uns allerdings nicht so recht. Eigentlich sollte Apple doch Interesse daran haben, dass Kunden vor Fälschungen und billigen Plagiaten gewarnt werden.
Und eBay?
Deutlich auskunftsfreudiger gab sich eBay, wo wir ja unsere ersten Fälschungen von einem in Deutschland ansässigen Händler erworben hatten. Zur Erinnerung: Die Reklamation beim eBay-Support war eine echte Zumutung. Sich widersprechende Aussagen der Mitarbeiter und nicht in den Kontext passende, anscheinend automatisiert versendete Textbausteine machten es unseren Testkäufern sehr schwer, zu ihrem Recht zu kommen.
Carl Weuster von eBays Unternehmenskommunikation fand dafür klare Worte: „Die Abwicklung Ihrer Reklamationen war leider fehlerhaft. Sowohl die Qualität der Antworten und ergriffenen Maßnahmen als auch die Art der Fallbearbeitung sind stark verbesserungswürdig und entsprechen daher keinesfalls dem Standard, den die zahlreichen eBay Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewöhnlich unseren Nutzern bieten. Wir bedauern dies sehr und bitten für die daraus resultierenden Unannehmlichkeiten um Entschuldigung.“
Man werde den Fall mit allen Beteiligten noch einmal genauer analysieren, um Wiederholungen zu vermeiden. Einige Konsequenzen habe eBay bereits ergriffen, allerdings seien die auch aus Sicherheitsgründen für Außenstehende nicht unbedingt erkennbar.
Fälschungen belegen
Grundsätzlich müsse ein Käufer allein schon aus rechtlichen Erwägungen Belege dafür liefern, dass er eine Fälschung erhalten hat, stellte Carl Weuster klar. Das könne etwa ein Gutachten eines Fachhändlers sein. Vor dem Hintergrund der Coronapandemie werde eBay bezüglich der Gutachtenthematik sicher im Einzelfall nutzerorientiertere Lösungen finden, versprach der eBay-Sprecher.
Der Aussage des eBay-Support, dass Bewertungen automatisch entfernt würden, wenn diese Worte wie Vorsicht, Gefährlich oder Ähnliches enthalten, widersprach eBay vehement. Man könne eine Löschung von Bewertungen nicht nachvollziehen. Laut eBay sind alle Bewertungen zu unseren drei Testkäufen nach wie vor einsehbar. Das entspricht allerdings nicht den Tatsachen, denn die Bewertung eines unserer Testkäufer mit dem Text „Vorsicht! Die AirPods Pro sind FAKE! Immerhin hat die Rückerstattung geklappt.“ ist nach wie vor nicht für Kunden sichtbar. Carl Weuster versprach, dass sich eBay das noch einmal genauer ansehen werde.
Zu den möglicherweise gegen den Händler ergriffenen Maßnahmen schwieg sich eBay ebenfalls aus. Da es sich hier um einen Verkäufer mit rund 87.000 positiven Bewertungen handle, erfordere der Fall eine detailliertere Betrachtung, bevor weitere Sanktionen ergriffen werden könnten.
Der Verkäufer „weg-ist-weg-com“ ist auf jeden Fall weiterhin auf eBay aktiv. Allerdings bietet er aktuell keinerlei Apple-Produkte mehr auf dieser Plattform an. Bleibt abzuwarten, ob eBay tatsächlich noch Maßnahmen gegen den Händler verhängt.
Strafverfolgung?
Doch nicht nur eBay ist gefragt, gegen Verkäufer von Fälschungen vorzugehen, auch die Justiz könnte hier eingreifen. Im Rahmen unserer Recherchen hatten wir ja auch Anzeige erstattet. Das zuständige Polizeipräsidium Mönchengladbach forderte daraufhin unsere Unterlagen zu den Testkäufen an. Die Fälschungen selbst befinden sich weiterhin in unseren Händen.
Laut Auskunft des zuständigen Beamten wurden die Ermittlungen in dem Fall am 9. März abgeschlossen, und das Ergebnis an die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach weitergeleitet. Dort werde der Fall aktuell bearbeitet, teilte uns die Pressedezernentin der Staatsanwaltschaft, Staatsanwältin Braam, auf Nachfrage mit. In vier bis sechs Wochen sollte feststehen, ob gegen den Händler Anklage erhoben wird oder nicht. Wir werden das in jedem Fall weiter verfolgen.
Fakes schreddern
Nun haben wir also einen Schreibtisch voller gefälschter Apple AirPods Pro, die sehr anschaulich die Lernkurve der Fälscher dokumentieren. Doch was steckt eigentlich in so einem Fake? Welchen technischen Aufwand betreiben die Fälscher jenseits der Optik? Unterscheidet sich das Innenleben unserer drei Fälschungstypen?
Kurzerhand knackten wir je einen Ohrhörer. Das Ergebnis war einerseits wenig überraschend: In den Fakes steckten jeweils ein billiger Lautsprecher, ein kleiner Akku und eine mit wenigen Bauteilen bestückte schmale Platine. Als Antenne für die Bluetooth-Verbindung dient ein grüner Draht mit einem kleinen Stück selbstklebender Kupferfolie.
Allen Fakes gemeinsam ist ein Federelement aus zwei Messingbechern, das anscheinend sicherstellen soll, dass die Platine im Gehäuse fest sitzt. Die Unterschiede zum Innenleben eines echten Apple AirPods Pro sind augenfällig: Es fehlen sämtliche beim Original vorhandenen Mikrofone und auch vom Signalprozessor ist keine Spur zu entdecken. Dass die Fakes dennoch auch als Mikrofon nutzbar sind, liegt schlicht daran, dass die Fälscher den Lautsprecher als Mikrofon missbrauchen. Das erklärt auch den gruseligen Klang, wenn man die Fakes als Headset nutzt.
Im Detail unterscheiden sich die drei Fakes allerdings deutlich voneinander. Die Platine scheint aus unterschiedlichen Fabriken zu stammen, was die Vermutung nahelegt, dass sich mehrere Fälscherbanden eine goldene Nase verdienen.
Den großen Reibach mit den Fälschungen machen freilich die Händler, die die Fakes in Deutschland und anderen EU-Ländern anbieten. Auch wenn es auf eBay inzwischen kaum noch verdächtige Angebote gibt, sind die Betrüger weiterhin auf der Suche nach Opfern. Allerdings verlagert sich der Verkauf jetzt eher auf die Verkaufsoptionen diverser Social-Media-Plattformen.
Dort versucht man, die Opfer durch persönliche Ansprache zum Kauf zu bewegen. Mal ist es ein nicht benötigtes Geburtstagsgeschenk, das jetzt deutlich unter Ladenpreis angepriesen wird, mal schützen die Betrüger akute Geldnot vor, die sie angeblich zum Verkauf der neuwertigen AirPods Pro nötigt.
Wer so ein Angebot auf Facebook, TikTok oder einer ähnlichen Plattform erhält, sollte genau prüfen, wer da was anbietet. Ein untrügliches Zeichen für einen Betrugsversuch ist der Wunsch des Verkäufers, die Bezahlung doch bitte als PayPal-Freundschaftszahlung abzuwickeln. Da fielen keine Gebühren an, betonen die Verkäufer oft. Was sie jedoch stets verschweigen, ist, dass es bei einer Zahlung „unter Freunden“ auch keinen Käuferschutz gibt. Das Geld ist dann unwiderruflich weg und man ärgert sich über den teuer erstandenen Fake.
Apple AirPods sind freilich nicht die einzigen Produktfälschungen, die da „unter Freunden“ angeboten werden. Auch angebliche Apple HomePod mini für kleines Geld werden da offeriert. Anders als auf den mitgeschickten Bildern haben die gelieferten Brüllwürfel dann aber kein Apple-Logo und auch der Schriftzug HomePod mini fehlt. Grottiger Klang und die Anmutung einer billigen Plastikkugel sind freilich garantiert. Also besser: Finger weg von solchen Angeboten. (gs@ct.de)