Haariges Hippo
Ubuntu 21.04: Zweiter Anlauf mit Wayland, aber ohne Gnome 40
Die Linux-Distribution Ubuntu 21.04 „Hirsute Hippo“ schützt das Home-Verzeichnis vor neugierigen Augen. Die Desktop-Umgebung Gnome Shell verharrt bei Version 3.38, arbeitet jetzt aber standardmäßig im Wayland-Modus. Dazu gibt es sinnvolle Neuerungen auf dem Desktop.
Das neue Ubuntu sorgt mit angepassten Verzeichnisberechtigungen für mehr Privatsphäre auf dem Desktop. Existieren auf einem Ubuntu-System mehrere User, dann können diese nicht mehr die jeweils anderen Home-Verzeichnisse einsehen. Bislang war das Verzeichnis /home/user standardmäßig global lesbar; damit ist jetzt Schluss. Beim Versuch, auf ein fremdes Home-Verzeichnis zuzugreifen, gibt Ubuntu nun eine Fehlermeldung aus. Statt der Zugriffsrechte 755 setzt Ubuntu jetzt den Wert 750. Damit darf nur der Besitzer Dateien lesen, schreiben und ausführen. Angehörige der Gruppe dürfen lesen und ausführen, alle anderen bleiben außen vor. Bei einem Upgrade von Ubuntu 20.10 auf Ubuntu 21.04 bleiben die Zugriffsrechte unangetastet.
Nächster Versuch mit Wayland
Die Desktopumgebung Gnome Shell arbeitet nun standardmäßig im Wayland-Modus. Dieses Experiment wagte Ubuntu zuletzt in der Version 17.10, ruderte dann aber mit dem LTS-Release 18.04 zurück und setzte wieder auf den altgedienten X-Server zur Anzeige der Bedienoberfläche. Der Wayland-Modus der Gnome Shell beziehungsweise des Fenstermanagers Mutter hatte zuletzt Fortschritte gemacht. Die Dauerbaustelle Bildschirmaufnahme bereitete in der von uns getesteten Vorabversion mit dem Gnome-Shell-eigenen Screen-Recorder keine Probleme. Im komplexeren OBS-Studio funktionierte die Bildschirmaufnahme nur nach der Installation einer Beta-Version (27.0.0-rc2) in der Flatpak-Variante, die den Bildschirm mittels PipeWire-Stream und xdg-desktop-portal aufzeichnet. In Microsoft Teams (Beta 1.4, Debian-Paket) fehlte die Schaltfläche zum Teilen des Bildschirms. Wie gut Wayland im Einzelfall funktioniert, hängt letztlich von der verbauten Hardware und der jeweiligen Anwendung ab. Ist der proprietäre Nvidia-Treiber im Einsatz, dann dient der X11-Modus automatisch als Fallback. Einen Hintergrundartikel zum aktuellen Verhältnis der Linux-Grafikarchitekturen finden Sie auf Seite 122.
Praktische Ergänzungen auf dem Desktop
In den Energieeinstellungen stehen nun die Leistungsprofile „Energiesparer“, „Ausgewogener Energieverbrauch“ und „Systemleistung“ zur Wahl, wenn das entsprechende Gerät das unterstützt. Schön wäre, wenn man ablesen könnte, was die Optionen genau bewirken. Im Test mit einem Notebook mit Tiger-Lake-CPU konnten wir messen, wie die Einstellungen die maximale Taktfrequenz der CPU begrenzen. Steht ein Kern unter Belastung, so taktet dieser im Energiesparmodus im Akkubetrieb auf maximal 1,5 GHz. Im Modus „Ausgewogen“ erlaubt Ubuntu einen Takt von 3,1 GHz und bei der Einstellung für maximale Leistung 4,7 GHz, was 100 MHz unter dem maximalen Turbotakt der verbauten CPU liegt. Im Netzbetrieb taktet die CPU sowohl bei ausgewogener Einstellung als auch maximaler Einstellung mit 4,7 GHz. Ubuntu setzt den Energiemodus nach einem Neustart stets auf „Ausgewogen“ zurück und er wirkt sich nicht auf andere Einstellungen wie Bildschirmhelligkeit oder drahtlose Konnektivität aus, die unabhängig davon angepasst werden können. Die neuen Energieeinstellungen in die Systemeinstellungen zu integrieren ist eine sinnvolle Ergänzung, die sich insbesondere bei Ubuntu auf dem Notebook als praktisch erweist.
Seit Ubuntu 18.04 lassen sich mithilfe einer Gnome-Extension Icons und Dateien auf dem Desktop speichern. Die Extension wird nun von einer überarbeiteten Version (Desktop Icons NG) abgelöst, die es auch erlaubt, Dateien und Icons per Drag & Drop zwischen Dateimanager und dem Desktop zu transferieren. In unserem Test hat das problemlos funktioniert und dürfte Nutzer freuen, die den Desktop in ihren Workflow mit einbeziehen. Das Ubuntu-Projekt arbeitet weiter am optischen Feinschliff: Shell-UI-Elemente sind jetzt wieder im dunklen Look gestaltet und enthalten dezentere Icons. Anwendungen präsentieren sich mit dunkler Menüleiste und hellem Hintergrund. Das überarbeitete Yaru-Theme wirkt aus einem Guss und erzeugt einen stimmigen Gesamteindruck.
Gnome 3.38 bleibt
Während das wenig später erscheinende Fedora 34 (siehe S. 90) bereits die neue Version Gnome 40 mitbringt, kommt in Ubuntu weiter die Gnome Shell in Version 3.38.5 zum Einsatz. Das Ubuntu-Team will nach eigener Aussage in Ruhe testen, wie sich das neue Bedienkonzept von Gnome 40 mit dem Ubuntu-Desktop, dem Yaru-Theme und bereits bestehenden Gnome-Extensions verträgt, bevor es Gnome 40 in ein späteres Ubuntu-Release integriert. Nutzer müssen trotzdem nicht auf die neuesten Gnome-Apps verzichten. Diverse Software aus dem Gnome-Software-Stack liegt in der Version 40 vor, beispielsweise der Systemmonitor oder die Laufwerksverwaltung. Der Nautilus-Dateimanager als zentrale Anwendung steht jedoch lediglich in Version 3.38.2 bereit und kann im Gegensatz zur Version 40 nicht das Erstelldatum von Dateien anzeigen. Unter der Haube werkelt der Linux-Kernel 5.11.
Ubuntu für jeden Geschmack
Zur Ubuntu-Distributionsfamilie gehören neben Ubuntu Desktop auch Ubuntu Server und Cloud Images, Ubuntu für den Raspberry Pi sowie die offiziellen Ubuntu-Flavours. Dazu zählen Kubuntu, Lubuntu, Xubuntu, Ubuntu Budgie, Ubuntu Kylin, Ubuntu MATE und Ubuntu Studio. Nutzer der Servervariante profitieren jetzt davon, dass Phased Updates (wenn Canonical Updates nicht an alle Systeme gleichzeitig verteilt) nun direkt über den Paketmanager apt ausgespielt werden. Das war bislang nur mit dem Update-Manager auf dem Desktop möglich. Der Kubuntu-Flavour kommt mit Plasma-Desktop 5.21. Der Wayland-Modus ist dort zwar installiert und kann über den Login-Bildschirm angewählt werden, Standard bleibt aber der X11-Modus. In der getesteten Vorabversion stand im KDE-Frontend des Ubiquity-Installers die Option ZFS auf der Root-Partition zu installieren nicht zur Verfügung – wie auch in früheren Versionen. Wer ZFS will, muss also den Umweg über das reguläre Ubuntu nehmen und dann KDE nachinstallieren. Der Ubuntu-Budgie-Flavour stellt erstmals ein Image für den Raspberry Pi bereit.
Fazit
Ubuntu 21.04 ist nicht prall gefüllt mit neuen Features, enthält aber praktische Ergänzungen wie die Einstellungen zum Energiemodus, die es von vorigen Versionen abheben. Die Entscheidung, den Wayland-Modus zur voreingestellten Betriebsart der Gnome-Shell zu machen, schlägt Wellen in der Linux-Welt und treibt die Entwickler-Community an, noch bestehende Probleme zu beheben. Um auszuprobieren, ob sich das eigene System mit Wayland verträgt, ist kein Wechsel zu Ubuntu 21.04 nötig. Wer Wert darauf legt, dass die Gnome-Desktopumgebung möglichst der aktuellen Upstream-Version von Gnome entspricht, ist mit Fedora oder einer Rolling-Release-Distribution zurzeit besser beraten. Canonical versorgt Ubuntu 21.04 für neun Monate, bis Januar 2022, mit Aktualisierungen. Ubuntu 21.04 ist ein gelungenes Release. Wenn die Neuerungen jedoch für den eigenen Workflow wenig relevant sind, dann kann man diese Version auch ohne schlechtes Gewissen überspringen. (ndi@ct.de)
Ubuntu 21.04 Release Notes: ct.de/y3an
| Ubuntu 21.04 | |
| Linux-Distributions-Familie | |
| Hersteller | Canonical / Ubuntu-Projekt, ubuntu.com |
| Support | bis Januar 2022 |
| Preis | kostenlos |