Fotos für Pinguine
Scanner mit Linux nutzen
Wer als Windows-Umsteiger seinen Scanner unter Linux einsetzen will, braucht häufig keine speziellen Treiber, da ihn Linux automatisch erkennt. Mit Standardsoftware gelingen auch Scans von Fotos und Dias. Klappt es nicht so wie erhofft, gibt es eine professionelle, aber nicht kostenfreie Alternative.
Die meisten Scanner in Privathaushalten teilen sich in Form von Multifunktionsgeräten mit dem Drucker ein Gehäuse. Aus Sicht des Betriebssystems handelt es sich aber um zwei unterschiedliche Geräte, die jeweils eigene Treiber benötigen. Das fällt unter Windows und macOS nur nicht so auf, weil die Herstellersoftware die Funktionen oft unter einer gemeinsamen Oberfläche vereint.
Wie Windows (siehe Kasten) erkennt auch Linux viele Scanner ohne Herstellertreiber. Unter Linux heißt die Bildschnittstelle SANE (Scanner Access Now Easy). Anders als WIA- und Twain-Treiber, die Systemintegration und Bedienoptionen kombinieren, teilt sich SANE in ein Backend und ein Frontend auf. Das Backend erkennt die vom Linux-Kernel bereitgestellten Geräte als Scanner, egal ob sie per USB, SCSI, FireWire oder übers Netzwerk angeschlossen sind.
Die Frontend-Programme greifen auf die vom Backend bereitgestelle Standardschnittstelle zu. Nur über die Frontends lassen sich Einstellungen ändern, Scans bearbeiten, speichern oder an andere Programme weiterleiten. Je nach Anwendungsfall stehen verschiedene Frontends zur Wahl, die fast immer in der Anwendungsverwaltung der jeweiligen Linux-Distribution zu finden sind. Geht es nur darum, ein Dokument auf dem Glas des Flachbettscanners zu digitalisieren, reichen einfache Frontends wie Simple Scan (manchmal auch schlicht als „Dokument-Scanner“ betitelt) oder das KDE-Programm Scanlite. Der Funktionsumfang entspricht den WIA-Treibern unter Windows.
Das deutlich umfangreichere XSane von Oliver Rauch deckt auch viele Funktionen eines guten Twain-Moduls ab: Das Frontend stellt ein großes Vorschaufenster bereit, über das man den Scanbereich einstellen, Ausschnitte vergrößern und per Pipettenfunktion einen manuellen Weißabgleich ausführen kann. Besonders nützlich für das Scannen von Fotos sind die Histogramm- und Farbmanagementfunktionen. XSane kann auch mit Durchlichtscannern umgehen. Das Frontend lässt sich zudem aus Bildbearbeitungsprogrammen wie Gimp aufrufen und leitet den Scan dann direkt an die Anwendung weiter.
Mit der Aufteilung in Back- und Frontend ist SANE damit vom Prinzip her flexibler als die WIA- und Twain-Treiber von Windows. Wenn ein Hersteller seinem Scanner nur einen rudimentär ausgestatteten Twain-Treiber beilegt und Filter zur Bildverbesserung fehlen, bleibt unter Windows nur das manuelle Aufhübschen mithilfe von Photoshop & Co. übrig. Unter Linux täte es auch ein alternatives Frontend mit der gewünschten Ausstattung.
Schade nur, dass die Auswahl an SANE-Frontends eher mäßig ist. Das Interesse an Fotoscannern nimmt wegen der Digitalisierung der Fotografie immer mehr ab und damit auch die Motivation der Linux-Entwickler, Software zu erstellen oder bestehende weiter zu pflegen. Die meisten Frontends lassen sich einfach bedienen, haben aber kaum Spezialfunktionen.
Treiber nötig?
Wir haben exemplarisch mit einer aktuellen Linux-Mint-Installation (Mint 20.1 Xfce) und einigen Scannern sowie Multifunktionsgeräten ausprobiert, welche Geräte funktionieren. Die positive Überraschung: Fast alle unserer Testscanner wurden erkannt und ließen sich mit Simple Scan und XSane benutzen. Dazu gehörten aktuelle Multifunktionsgeräte im Netzwerk ebenso wie alte USB-Flachbettscanner, für die der Hersteller unter Windows keine 64-Bit-Treiber bereitstellt. Das SANE-Projekt pflegt eine lange Liste der unterstützten Scanner, siehe ct.de/ybb5.
Die Ausnahme stellte ein Multifunktionsgerät von Epson dar. Zunächst suchten wir nach einem Treiber auf der deutschen Website des Herstellers. Die meldete jedoch, für das erkannte Linux-Betriebssystem gäbe es keine Treiberunterstützung. Google half weiter, denn Epson stellt auf seiner EU-Servicewebsite (siehe ct.de/ybb5) sehr wohl Linux-Treiber bereit. Nach der Installation tauchte sogar das Scanprogramm Epson Scan 2 in der Liste auf, ließ sich aber auf unserem Testsystem nicht starten. Dafür wurde der Scanner von Simple Scan und XSane erkannt und wir konnten sowohl vom Flachbett als auch vom Vorlageneinzug scannen.
Brother stellt für seine Produkte – so sie nicht automatisch erkannt werden – Treiber als deb- und rpm-Pakete bereit. Canon bietet auf seiner Servicewebsite für Scanner aus dem aktuellen Sortiment wie dem CanoScan LiDE 300 immerhin ein Debian-Paket mit ScanGear-Treiber an, bei älteren Modellen meldet die Webseite, das Linux-Betriebssystem würde die gewählten Scanner nicht mehr unterstützen. Das stimmt nicht, denn gerade ältere Canon-Modelle werden von SANE in großer Zahl automatisch erkannt. Mit HP-Geräten gibt es wegen des meist schon installierten HPlip-Pakets die geringsten Probleme.
Scanner großer Büro-Laser-Mufus sind oft nicht direkt von einem Clientrechner ansprechbar – egal ob der mit Linux oder Windows läuft. Scanaufträge startet man direkt am Gerät, das die Ergebnisse per Mail schickt oder direkt auf einer Netzfreigabe speichert. Diese Option lässt sich auch bei vielen kleineren Bürogeräten einrichten, selbst wenn es für Windows und macOS Scannertreiber gibt. Dazu müssen die Multifunktionsdrucker mit dem lokalen Netzwerk verbunden sein, was so gut wie alle aktuellen Modelle ab 100 Euro können. Am besten lässt sich ein Scanziel – etwa eine NAS-Freigabe – über das Webfrontend des jeweiligen Mufus einrichten, wozu man nur dessen IP-Adresse im Browser eingeben muss.
Fotos digitalisieren
Ob und wie sich ein Fotoscanner unter Linux in Dienst stellen lässt, haben wir exemplarisch mit einem älteren CanoScan 9000F ausprobiert. Dieser Flachbettscanner digitalisiert mit einer hochwertigen CCD-Scanzeile (Charge-Coupled Device), hat eine Durchlichteinheit zum Scannen von Negativen und Dias im Deckel und beherrscht wie auch Fotoscanner anderer Hersteller einen speziellen Trick: Nach dem ersten Scan mit normalem Licht führt der Scanner einen zweiten Scandurchlauf mit Infrarotlicht durch, auf dem nur Kratzer und Staubkörner auf der Oberfläche der Fotos oder Filme erscheinen. Die Scansoftware kann diese damit verlustfrei aus dem eigentlichen Scan entfernen.
Der Fotoscanner wurde problemlos vom Linux-Mint-System und XSane erkannt. Da wir Fotos, Dias und Negative in möglichst guter Qualität digitaliseren wollten, blieb nur das umfangreiche, aber sperrig zu bedienende SANE-Frontend. So öffnet XSane für jede Funktion (Vorschau, Optionen, Histogramm, Stapelliste) separate Fenster, was schnell unübersichtlich wird.
Die Funktionsvielfalt ist aber beachtlich: Je nach erkanntem Scanner bietet XSane verschiedene Scanmodi an: Farbe, Graustufen, Schwarz-Weiß und im Fall des CanoScan 9000F auch den Infrarot-Kanal. Im Vorschaufenster findet sich eine Pipettenfunktion zum Festlegen des Schwarz-, Grau- und Weißpunktes. Dieser manuelle Weißabgleich funktioniert nur, wenn man das Farbmanagement deaktiviert hat. Um letzteres zu verwenden, braucht das Programm zumindest je ein ICC-Profil für den Scanner und den Monitor – aber Farbmanagement ist eine andere Geschichte [1].
Praktisch für das Scannen von Filmstreifen und mehreren Dias ist die Stapelliste: Die im Vorschaubild markierten Bildbereiche landen auf Wunsch in der Liste, die XSane danach automatisch als einzelne Scans abarbeitet. Im Test fielen aber auch einige Macken auf, etwa die schlechte Belichtungsautomatik, die ständiges Nachregeln des Gammawertes erforderte.
Bei der Farbeinstellung muss man ebenfalls aufpassen und etwa bei Negativen das richtige Filmmaterial auswählen. Auch die Ausschnittauswahl im Vorschaufenster und die Bereichsvergrößerung klappte selten. Meist verschob sich in der Vorschau dabei der Bildausschnitt, beim Scannen passte er dann aber wieder. Unterm Strich braucht man für Fotoscans mit XSane und die Weiterbearbeitung etwa mit Gimp viel Zeit und Geduld. Den Infrarot-Scan des CanoScan führt XSane zwar aus, aber nicht die automatische Bereinigung des normalen Scans. Er lässt sich lediglich als separater Scan abspeichern. Meist benötigten die Scanergebnisse viel Nachbearbeitung mit Gimp – das macht man mal für wenige Fotos, aber nicht für ein ganzes Diamagazin.
VueScan
Hier hilft nur kommerzielle Software: VueScan von Hamrick Software gilt als Zaubermittel, wenn Scanner nicht erkannt werden und Funktionen fehlen. Die für Linux, macOS und Windows erhältliche Software (siehe ct.de/ybb5) enthält eine eigene Treiberbibliothek für 6500 Scannermodelle.
Die Scansoftware fanden wir sogar in den Mint-Repositories, allerdings nur als Testversion, die Scans mit einem fetten Wasserzeichen versieht und ständig zum Kauf auffordert. Die Scanfunktionen konnten wir aber problemlos ausprobieren: So erkannte VueScan den Durchlichtmodus des CanoScan und mehrere Dias automatisch, vergrößerte die Einzelbilder und führte sogar nebenbei die Bildbereinigung über den Infrarotscan durch.
Wer Negativfilme und Dias scannen möchte, braucht die Professional Edition von VueScan für 80 Euro, die auch Vorlageneinzüge nutzt und eine integrierte Texterkennung (OCR) enthält. Will man nur einen Fachbettscanner zum Laufen bringen und Fotoabzüge, Dokumente oder einzelne Zeitschriftenseiten digitalisieren, reicht die Standard Edition für 40 Euro.
Fazit
Wer noch einen alten Scanner im Schrank hat, sollte ihn einfach mal an seinen Linux-Rechner anschließen und mit Simple Scan ausprobieren; die Chance, dass das Scannen sofort funktioniert, ist recht hoch. Klappt es partout nicht, kann man die Testversion von VueScan ausprobieren und bei Bedarf 40 Euro investieren. Wer seine Diasammlung in digitaler Form und guter Qualität archivieren möchte, muss zwar doppelt so viel für die Professional Edition ausgeben, doch bekommt man für den Preis ein einfach zu bedienendes Scanprogramm mit vielen Funktionen. (rop@ct.de)
Scanner-Listen und Software: ct.de/ybb5