Kongress der Avatare
Kostenlose Online-Interaktionsplattformen für virtuelle Gruppentreffen
Auf Online-Interaktionsplattformen treffen sich größere Gruppen, sei es für eine virtuelle Konferenz, ein Brainstorming in Kleingruppen oder zum ungezwungenen Party-Talk. Vier Programme zeigen, was sie Zoom & Co. voraus haben.
Während des Tests sagte ein Kollege über eine Online-Interaktionsplattform: „Das hat so viele Möglichkeiten, dass man aus dem Spielen auch nach einer Stunde kaum rauskommt.“ Mit diesen Plattformen lassen sich Treffen und Konferenzen selbst mit großen Gruppen organisieren und strukturieren. Veranstalter erstellen virtuelle Vortragssäle, Meetingräume für Kleingruppen oder laden Mitarbeiter per Link zur virtuellen After-Work-Party.
Damit bei Treffen von hundert oder mehr Personen nicht alle durcheinanderreden, sprechen Teilnehmer nur mit den Personen, deren Avatare sich in der Nähe ihres Alter-Ego aufhalten. Im Unterschied zu Videokonferenzprogrammen, bei denen Veranstalter allen Gästen Gruppenräumen zuweisen müssen, finden Gruppen auf den Interaktionsplattformen schneller und intuitiver zusammen. Nutzer erkunden die virtuellen Umgebungen als Avatare – Video- und Audiofunktionen kommen erst bei einer Unterhaltung hinzu. Wer die Gruppe verlassen möchte, muss dafür nicht die Konferenz beenden, sondern zieht mit seinem Avatar einfach weiter.
Für unseren Test haben wir uns vier kostenlos nutzbare Plattformen näher angesehen. gather.town lädt seine Gäste in eine 2D-Retrografik und kommt bereits bei vielen Veranstaltungen zum Einsatz. Work Adventure aus Frankreich sieht ähnlich aus und lässt sich dank des quelloffenen Codes auch selbst hosten. Letzteres gilt auch für Mozilla Hubs, das Avatare in eine 3D-Umgebung versetzt, die man auch mit VR-Brillen erkunden kann. Wonder aus Deutschland verzichtet auf grafische Ablenkungen und lockt mit schnörkellosem Design und großer Übersicht.
Alle Plattformen laufen im Browser, die Hersteller empfehlen Chrome oder Firefox. gather.town stellt zudem eine Desktop-App für Windows und macOS bereit und funktioniert in einer Betaversion auch in Safari, lädt dort allerdings sehr langsam und hat Probleme mit der Grafik.
Bei der Arbeit
Wer Online-Interaktionsplattformen beruflich nutzen möchte, kann beispielsweise in gather.town wissenschaftliche Konferenzen veranstalten. Das Programm bietet dafür Präsentationsobjekte wie Poster oder Projektoren, um Bilder, Videos oder Webseiten anzuzeigen. Interaktive Objekte leuchten gelb auf, wenn der eigene Avatar sich ihnen nähert. Mit Druck auf die X-Taste kann man dann Videos abspielen, eine externe Webseite öffnen oder den Text auf einem Hinweisschild lesen.
Auch außerhalb von großen Veranstaltungen finden sich interessante Anwendungsfälle für die virtuellen Räume, etwa Teammeetings. In gather.town und Mozilla Hubs können Kollegen ihre Ideen auf integrierten Whiteboards sammeln. In allen vorgestellten Plattformen gibt es darüber hinaus Chats und die Möglichkeit, seinen Bildschirm zu teilen.
Um sicherzustellen, dass an den Meetings nur geladene Gäste teilnehmen, können Veranstalter die Räume von gather.town, Mozilla Hubs und Wonder mit Passwörtern schützen. Work Adventure regelt den Zutritt in einer kostenpflichtigen Version ab 5 Euro pro Nutzer im Monat mit einer Gästeliste. Störenfriede lassen sich in allen Programmen wieder entfernen – solange sie jedoch über den Link und das Passwort zum Raum verfügen, hindert sie nichts daran, wiederzukommen.
Um das zu verhindern, können Veranstalter Nutzer in Work Adventure und gather.town verbannen. Achtung: In gather.town geschieht das über die IP-Adresse des Nutzers. Sollten der Veranstalter und die verbannte Person über dieselbe IP-Adresse kommunizieren, etwa weil sie sich aus demselben Firmennetz anmelden, fliegen beide aus dem Raum.
Partyzeit
Nach Feierabend nutzen Anwender die Plattformen beispielsweise, um Geburtstage zu feiern und Weihnachtsfeiern zu veranstalten. Um die Partygäste zu unterhalten, hat gather.town Spiele wie Poker im Angebot. Diese sind allerdings relativ einfach gehalten und verlieren schnell ihren Reiz.
Auf einer richtigen Party darf Musik natürlich nicht fehlen. Da bisher keine der getesteten Plattformen einen Musikstreamingdienst integriert hat, empfehlen die Hersteller, mit einem Dummy-Account zum Musikspielen teilzunehmen oder externe Software wie VB-Cable einzusetzen. Damit leiten Nutzer die Tonausgabe eines Programms in andere Anwendungen um.
Aufpassen sollte man in jedem Fall, wenn die Programme im Hintergrund im Browser weiterlaufen. Denn oft kann es passieren, dass das Mikrofon weiter offenbleibt und andere Teilnehmer dann Gespräche im Raum mithören. Um das zu verhindern, deaktiviert gather.town bei einem Tabwechsel automatisch die Kamera und das Mikrofon. Bei den anderen Plattformen können Browser Plug-Ins wie „Mute Other Tabs“ weiterhelfen.
Datenschutz
Man sollte sich keinen Illusionen hingeben: Wie bei vielen kostenlosen Dienstleistungen bezahlt man auch bei den Online-Interaktionsplattformen mit Daten. Die vier getesteten Anbieter oder deren Dienstleister werten alle Daten von den Nutzertreffen aus. Diese sind beispielsweise für Marketingfirmen lukrativ.
Strengeren Auslegungen der DSGVO genügt keines der Angebote, selbst wenn die Hersteller von Work Adventure in Frankreich oder Wonder in Deutschland sitzen. Entweder fehlen wichtige Angaben oder sie sind so kompliziert auf Englisch formuliert, dass deutsche Anwender keinen Durchblick bekommen, was mit ihren Daten geschieht.
Work Adventure betont zwar, dass die Audio- und Videokommunikation nicht überwacht werde, da sie Peer-to-Peer-Verbindungen nutzen und für Besprechungen Jitsi einsetzen. Jedoch beschreiben sie in ihrer Datenschutzerklärung unumwunden, dass Verbindungsdaten zu Marketingzwecken ausgewertet und an Dritte verkauft werden. Die beiden US-Anbieter Mozilla und Gather Town bleiben bei Auskünften, wo die Daten gespeichert werden und wer darauf Zugriff hat, sehr vage. Verwirrend sind die Angaben von Wonder, die Ihren Service nahezu komplett über US-amerikanische Dienstleister abwickeln. Letztere nehmen sich umfangreiche Rechte zu Auswertungen der Verbindungen heraus, die sich selbst nach intensivem Studium der verschiedenen englischen Datenschutzvorgaben kaum nachvollziehen lassen.
Wer auf Nummer sicher gehen will, dass weder Inhalte von Videokonferenzen, Gesprächen, Chats oder auch Metadaten der Treffen an Dritte weitergegeben werden, muss die virtuellen Events selbst hosten. Das erlauben die Plattformen Mozilla Hubs und Work Adventure. Mozilla Hubs bietet allerdings nur eine Anleitung zur Installation auf den Cloud-Servern von AWS und DigitalOcean. Von Work Adventure gibt es eine allgemeine Anleitung, wie man die Plattform auf einem beliebigen Webserver installiert. Wie das im Detail funktioniert, beschreiben wir in einer der folgenden Ausgaben.
Fazit
Online-Interaktionsplattformen können Videokonferenzprogramme nicht ersetzen, aber ergänzen und Online-Treffen einen lockereren Rahmen geben.
Wonder eignet sich für alle, die große Gruppenveranstaltungen ohne viel Schnickschnack planen. Bei allen virtuellen Plattformen außer Work Adventure lassen sich die Räume mit einem Passwort schützen. Daten der Teilnehmer fließen allerdings bei jeder Plattform zur Auswertung an Drittanbieter in die USA.
Wer auf 3D oder virtuelle Realität abfährt, ist mit Mozilla Hubs gut beraten. Die Plattform eignet sich für Ausstellungen und Präsentationen, die Navigation ist aber komplizierter als in den anderen drei Programmen. Wem die empfohlenen 25 Teilnehmer nicht ausreichen, dem steht es frei, Hubs selbst zu hosten.
Selbst hosten lässt sich auch Work Adventure. Die Plattform enthält in der kostenlosen Version zwar wenige Funktionen, reicht aber für kleinere Teammeetings völlig aus.
Wer bereit ist, etwas Geld in die Hand zu nehmen, erhält mit gather.town den größten Funktionsumfang und veranstaltet große Konferenzen virtuell. (kim@ct.de)
| Online-Interaktionsplattformen | ||||
| Name | gather.town | Mozilla Hubs | Wonder | Work Adventure |
| Hersteller | Gather Town | Mozilla Corporation | Wonder | TheCodingMachine |
| Land | USA | USA | Deutschland | Frankreich |
| Account notwendig (Host/Teilnehmer) | –/– | –/– | ✓/– | ✓/– |
| Installation notwendig | – | – | – | – |
| unterstützte Browser | Firefox, Chrome, Safari (Beta) | Firefox, Chrome, Edge, Safari | Firefox, Chrome, Edge, Safari | Firefox, Chrome, Safari |
| Desktop-App | ✓ (Betas für Windows und macOS) | – | – | – |
| max. Teilnehmer | 25 (kostenlos) 500 (kostenpflichtig) | 25 (empfohlen) | 1500 | 15 (kostenlos), 500 (kostenpflichtig) |
| Funktionen | ||||
| 2D, 3D, VR | ✓/–/– | –/✓/✓ | ✓/–/– | ✓/–/– |
| Teilnehmer stumm schalten | ✓ | ✓ | – | – |
| Teilnehmer entfernen | ✓1 | ✓ | ✓ | ✓1 |
| Broadcast-Funktion | ✓ (Livestream) | ✓ | ✓ | – |
| Chat | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ |
| Export/Import | – / ✓ (PDF, jpg, MP3, MP4, PPTX) | –/ ✓ (PDF, jpg, glb, MP3, MP4) | –/– | –/– |
| Whiteboard | ✓ | ✓ | – | – |
| Bildschirm teilen | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ |
| Extras in Bezahlversion | Weitere Funktionen wie mehr Interaktionsobjekte und eine Zugriffsverwaltung | – | – | Weitere Funktionen wie eine Zugriffsverwaltung |
| Sicherheit und Datenschutz | ||||
| Passwortschutz | ✓ | ✓ | ✓ | – |
| Gästeliste | ✓1 | – | – | ✓1 |
| Server selbst hosten | – | ✓ | – | ✓ |
| Quelloffen | – | ✓ | – | ✓ |
| Bewertung | ||||
| Bedienung | ||||
| Funktionsumfang | ||||
| Rechenlast | ||||
| Sicherheitsfunktionen | ||||
| Preis | Basis: kostenlos, Premium ab 1 $ pro Nutzer im Monat | kostenlos | kostenlos | Basis: kostenlos, Premium ab 5 € pro Nutzer im Monat |
| sehr gut gut zufriedenstellend schlecht sehr schlecht ✓ vorhanden – nicht vorhanden 1 kostenpflichtig | ||||
Work Adventure Anleitung: ct.de/yu4c