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Die vielleicht wichtigste Erkenntnis des Lebens in einer digital geprägten Welt ist: Es kann niemals genug Speicherplatz geben. Egal, wie viele Tera- oder gar Petabyte bereitstehen, um mit Bildern, Tönen, bewegten und bewegenden Erinnerungen gefüllt zu werden: Irgendwann heißt es, Platz freizumachen. Die Entscheidungen, die man dann treffen muss, können folgenschwer sein.
Ein schriller Piepton reißt mich aus dem Schlaf. Benommen drehe ich mich auf die Seite und ziehe meine Bettdecke über den Kopf. Mehr als ein paar Sekunden braucht es nicht, um mich zurück ins Reich der Träume gleiten zu lassen. Immerhin hatte ich mir dafür ein Erlebnis ausgesucht, bei dem ich das anstehende eSoccer-Turnier gewinne. Auch wenn nichts davon, was ich im Ruhezustand sehe, der Realität entspricht, fühle ich mich doch jeden Morgen selbstsicherer in meiner Haut – und das, obwohl der reale Wettkampf immer näher rückt.
Es dauert nicht lange, bis der elektronische Klang erneut an meine Ohren dringt. Erst jetzt, da ich einen Arm unter das Kopfkissen geschoben habe, bemerke ich, dass das Piepen von meinem Handgelenk stammt.
Die Überraschung erlöst mich vollends von meiner Schläfrigkeit. Ich ziehe meine Hand hervor und starre müde auf meine Armbanduhr. Kaum, dass diese meinen Blick registriert, bildet sie ein Hologramm in der Luft ab. Das Interface, das mir normalerweise begegnet und mit dem ich mein ganzes Leben – von meiner Lieblingsmusik bis hin zu meinen Träumen – regeln und bestimmen kann, wird vollständig von einer blutrot blinkenden Meldung überdeckt: SPEICHER FAST VOLL.
Ich runzle die Stirn. Mein Speicher? Wie ist das möglich? Soweit ich mich erinnern kann, ist das noch nie zuvor geschehen.
Irritiert wische ich mit der anderen Hand über die Anzeige der Uhr, um das kleine Fenster zu minimieren. Doch auch danach erinnert es mich in der rechten unteren Ecke noch immer unnachgiebig an das Unvermeidbare. Irgendwann musste es schließlich einmal passieren. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich beim ersten Mal noch so jung sein würde.
Natürlich – meine Speicherkapazität ist begrenzt. Aber wer hätte gedacht, dass ein paar Reisen, Geburtstage und andere Erlebnisse sich so schwerwiegend auf meinen Speicherplatzverbrauch auswirken würden?
Doch als ich einen prüfenden Blick in meine Einstellungen werfe, wird mir klar, dass das System mich nicht anlügt. Obwohl Unwichtiges wie Träume und Toilettengänge gemäß der gewählten Optionen schon nach kurzer Zeit automatisch aus dem Speicher entfernt werden, ist dieser jetzt bis zum Äußersten ausgereizt. Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben dazu gezwungen, etwas zu löschen. Und da ich nicht mehr ruhig schlafen kann, bis ich das erledigt habe, beschließe ich, mich sofort an die Arbeit zu machen.
Das wird schon nicht so schlimm werden, sage ich mir. Schon früher, als ich noch ein Kind war, haben meine Eltern einige Dinge für mich gelöscht. Nur noch vereinzelte Bilder und Klänge sind von meiner Kindheit übrig – aber das reicht allemal aus, um mir zu zeigen, dass ich glücklich und behütet aufgewachsen bin. Es gibt also keinen Grund, warum ich davor zurückschrecken sollte, jetzt selbst in meine Daten einzugreifen.
Mit ein paar Handbewegungen wische ich lustlos durch meine Dateien. Meine Geburtstage – vom zwölften bis zu meinem sechzehnten, der erst ein paar Tage her ist – sind noch vollständig erhalten und ich habe auch nicht vor, etwas daran zu ändern.
Das gehörzerfetzende Piepen drängt mich zu einer Entscheidung.
Rein zufällig stoße ich auf Erinnerungen an mein erstes Haustier – einen kleinen Hund. Auf Knopfdruck spielen die gespeicherten Szenen sich vor meinem Auge ab. Ich sehe und höre, wie Charlie freudig bellend auf mich zurennt. Mein vierjähriges Ich fällt auf die Knie, reißt ihn förmlich vom Boden und drückt ihn lachend an sich. Ich spüre eine wohlige Wärme in mir aufsteigen. Gleichzeitig treiben meine Erinnerungen mir Tränen in die Augen. Mein Hund ist vor zwei Jahren gestorben und ich vermisse ihn schmerzlich.
Bevor meine Gefühle mich überwältigen können, wende ich mich dem nächsten Ordner zu. Darin finde ich nichts als Chris. Ein Lächeln umspielt meine Lippen, als ich sein Gesicht vor mir sehe. Ich habe ihn kennengelernt, als ich gemeinsam mit meinen Eltern einen sonnenreichen Sommerurlaub verbrachte. Wir haben nicht mehr als eine einfache Ferienromanze gehabt, und doch wird er immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben: als meine erste Liebe.
Zwei Jahre später bin ich wieder auf Reisen gegangen – die nächsten Dateien erinnern mich daran. Mein erster Urlaub ohne Familie, dafür aber mit meiner besten Freundin Fiona. Es war der schönste Mädels-Trip, den man sich nur vorstellen kann. Wir haben neue Leute kennengelernt, darunter auch viele hübsche Typen, fantastische Ausflüge unternommen, die wildesten Partys gefeiert und am Ende des Tages in unserem gemeinsamen Zimmer stundenlang gequatscht, bis uns irgendwann einfach die Augen zufielen. Von dieser Woche will ich keinen einzigen Augenblick missen.
Das rote Blinken in der Ecke des Hologramms erinnert mich aber daran, dass mir vielleicht nichts anderes übrig bleiben wird.
Ich beiße mir auf die Unterlippe. Ich habe mich auf die Suche nach Dateien gemacht, die ich nicht mehr benötige – und stattdessen nur Erinnerungen gefunden, die ich um keinen Preis aufgeben will.
Entschieden wechsle ich die Ansicht und sortiere die Ordner nach dem System „Am wenigsten abgerufen“. Sofort werde ich fündig: Ich muss die Bilder und Töne nur noch kurz anspielen, um zu wissen, dass ich sie loswerden will. Da sind beispielsweise die Erinnerungen, die den Streit mit meiner Mutter vor ein paar Monaten betreffen. Wir haben wochenlang nicht miteinander gesprochen, weil jede von uns der Meinung war, sie sei im Recht. Letzten Endes wurde mir klar, dass die Schuld doch eher mir zuzuschreiben war, und die Reue, die ich dabei empfand, war unermesslich.
Als Zweites wähle ich den Tag aus, an dem ich aus der Schultoilette kam – mit einem Stück Klopapier, das an meinem Turnschuh klebte. Natürlich war der Erste, der es sah und mich darauf aufmerksam machte, Julian. Mein Schwarm! Allein der Gedanke daran treibt mir die Schamröte ins Gesicht.
Das Piepen, das noch immer von meiner Uhr ausgeht, lässt mich zum nächsten Ordner springen.
Vor zwei Jahren brach ich mir das Bein. Die Zeit im Krankenhaus, in dem ich mehr Besuch bekam, als ich je erwartet hätte, will ich auf keinen Fall aus dem Datenbestand löschen – aber mein Unfall selbst ist nichts, woran ich mich gerne erinnere. Ich war bei meinem jämmerlichen Versuch, Skifahren zu lernen, von der Bahn abgekommen und gegen einen Baum gekracht. Die Schmerzen, die ich hatte, fühlen sich plötzlich genauso real an wie damals.
Erleichtert, dass ich genug Material gefunden habe, werfe ich einen Blick auf die Anzeige in der unteren Ecke.
Mein Magen krampft sich zusammen. Diese wenigen sorgfältig herausgepickten Dateien werden niemals ausreichen, um die Meldung auch nur für einen Tag verschwinden zu lassen.
Es hat alles keinen Zweck: Ich muss mich an meine größeren Ordner heranwagen. Zumindest an Teile davon.
In einem leichten Anflug von Verzweiflung scrolle ich durch alle möglichen Dateien und markiere wahllos Außenansichten von Hotels, Brautkleider von Hochzeiten und Musikstücke, die zufällig an meine Ohren gedrungen sind. Doch selbst nach fünfundfünfzig zur Löschung gekennzeichneten Ausschnitten leuchtet die Speicherplatzmeldung weiterhin bedrohlich auf.
Als hätte sie nur auf diesen Moment gewartet, piept meine Armbanduhr so laut, dass ich sie am liebsten von meinem Handgelenk reißen und gegen die Wand schleudern würde.
Es reicht nicht.
Es reicht einfach nicht.
Wie heißt es doch in einem jener uralten dummen Sprüche: Speicherplatz ist durch nichts zu ersetzen, außer durch mehr Speicherplatz? Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Ich besitze ja schon das allerneueste und teuerste Modell des Erinnerungsmanagementsystems. Es gibt keine größeren Speicher als meinen. Doch wenn ich noch einen einzigen weiteren Tag bewusst wahrnehmen will, bleibt mir nichts anderes übrig, als ...
Eine Klaue aus Eis umklammert mein Herz und lässt es nicht mehr los. Ich muss etwas löschen. Etwas von den Dingen, die mir am wichtigsten sind. In der Hoffnung, dass sie durch noch schönere Erinnerungen abgelöst werden und nicht etwa durch die Enttäuschungen und Rückschläge, die das Erwachsenenleben mit sich bringt.
Minuten-, wenn nicht gar stundenlang liege ich auf dem Rücken, eine Hand auf meiner Bettdecke, und starre stumm das Hologramm an, das mein ganzes Leben vor meinen Augen ausbreitet.
Dann treffe ich meine Entscheidung.
Mit der richtigen Ansicht finde ich ihn schnell.
Zehn Jahre lang ist er mein Haustier gewesen. Zehn unendlich lange Jahre, die mit mehr Erinnerungen verbunden sind, als ich an einem Tag in mein Gedächtnis rufen könnte. Wären sie fort, hätte ich wieder genug Speicherplatz frei.
Charlie ist meine Lösung.
Mir ist bewusst, dass ich dabei radikal vorgehen muss. Wenn ich nämlich nur ein paar meiner Erinnerungen an ihn lösche, werden die Überreste mich darauf aufmerksam machen, dass etwas nicht stimmt. Dass da einmal etwas gewesen ist, etwas Wichtiges, etwas, das mich glücklich gemacht hat – etwas, auf das ich keinen Zugriff mehr habe, weil es unwiderruflich aus meinem Datenbestand gelöscht worden ist.
Ich kann mir keine einzelnen Dateien aussuchen. Ich muss den ganzen Ordner entfernen lassen. Wenn ich das tue, ist er einfach ... weg. Ausradiert. Als hätte es ihn nie gegeben.
„Es ist nur ein Haustier“, versuche ich mir einzureden. „Und es ist längst tot. Das ist nichts Besonderes.“
Doch, genau das ist Charlie gewesen. Etwas ganz Besonderes.
Tränen laufen über meine Wangen, als ich meinen Finger auf den Ordner richte. Das Hologramm erkennt die Bewegung – und markiert ihn auf dieselbe Weise wie all die unliebsamen Erinnerungen, die auszuwählen mich nicht die geringste Kraft gekostet hat.
Ich habe dieses Tier geliebt, mehr als alles andere in meinem Leben.
Aber als die Meldung in der Ecke des Hologramms sich von Rot nach Grau umfärbt und der aktuelle Piepton mitten im Laut verstummt, weiß ich, dass ich ihn opfern muss. Er wird noch einmal sterben, ein allerletztes Mal, damit ich mein Leben so weiterleben kann wie bisher.
Nur noch einen Knopfdruck. Mehr braucht es nicht. Doch je näher mein Finger dem Mülleimer-Symbol kommt, in desto kleinere Teile droht mein Herz zu zerspringen. Ein Schluchzen bringt meinen Körper zum Erbeben. Ich kann nicht.
Ich kann einfach nicht.
Ich kann es nicht mehr hinauszögern.
Ruckartig stoße ich meinen Finger durch die projizierte Mülltonne, kneife die Augen zusammen und ...
... nichts passiert. Meine Gedanken kreisen nur um Charlie, so, als wäre er immer noch da. Vorsichtig hebe ich die Lider – und entdecke die neue Meldung, die meine Ordneranzeige überdeckt: SIE HABEN SEHR VIELE DATEIEN AUSGEWÄHLT. DER VORGANG KANN EINIGE ZEIT IN ANSPRUCH NEHMEN. DABEI WIRD IHR TEMPORÄRER SPEICHER GELEERT. OK?
„Bist du dir sicher?“, fragt meine Uhr mich. „Bist du dir absolut sicher?“
Meine Tränen lassen meine Sicht verschwimmen – und doch kann ich den kleinen Welpen deutlich vor mir sehen. Kann sein weiches Fell zwischen meinen Fingern spüren und sein freudiges Quietschen erfüllt mich mit einer Liebe, die ich seither für nichts und niemanden sonst empfunden habe.
Will ich das alles wirklich aufgeben?
* * *
Mit einem Schluchzen schlage ich die Augen auf, als mein Wecker klingelt. Verwirrt ziehe ich einen Arm unter meiner Bettdecke hervor und fahre mit den Fingern über meine Wangen. Sie sind klitschnass – so, als hätte ich die ganze Nacht durchgeweint.
Was ist passiert? Ich weiß genau, wovon ich geträumt habe: von dem eSoccer-Wettbewerb, den ich zumindest im Schlaf schon unzählige Male gewonnen habe. Normalerweise bin ich immer mit einem völlig gelösten Gefühl aufgewacht. Was ist letzte Nacht anders gewesen?
Meine Mutter ruft mich von unten. Also schwinge ich meine Beine aus dem Bett und setze mich auf dessen Kante. Meine Tage beginnen immer damit, dass ich einen prüfenden Blick auf meine Armbanduhr werfe. Zu meiner Überraschung ist eines der Menüs bereits geöffnet: das Speicherplatzmanagement. Warum nur?
Ich werfe einen ratlosen Blick darauf und stelle bei der Gelegenheit zufrieden fest, dass noch jede Menge Speicherplatz frei ist. Etwas anderes ist ja auch nicht zu erwarten. Immerhin bin ich gerade erst sechzehn Jahre alt. Es wird noch sehr lange dauern, bis ich darauf angewiesen sein werde, etwas zu löschen. Die Speicherkapazität wird bestimmt noch ausreichen, bis ich sechzig bin. Dessen bin ich mir absolut sicher.
Ja, absolut sicher. (psz@ct.de)