Sturzbach
Apples WWDC-Eröffnung: Sehr viele Neuerungen für iOS, macOS & Co
Wieder einmal gelang es Apple am Eröffnungstag der World Wide Developers Conference, Anwendern und Entwicklern den Mund wässrig zu machen. Die kommenden Betriebssystemversionen bringen viel Neues und auch Überraschungen, die man mindestens mal ausprobieren möchte.
Eine der Überraschungen, die Apple zum Start seines weltweiten Entwicklertreffens WWDC Anfang Juni präsentierte, ist die stark verbesserte Videotelefonie-Software FaceTime. Mancher hatte die Hoffnung schon aufgegeben, doch mit der kommenden Version kann man per Browser an Video-Calls endlich auch mit Windows- und Android-Geräten teilnehmen.
Weitere interessante FaceTime-Funktionen bleiben Apple-Hardware vorbehalten: Voneinander entfernte Nutzer können auf iPhones, iPads und Macs gemeinsam Musik hören und Filme schauen (SharePlay). Bei Videotelefonaten werden Audiosignale so moduliert, dass die Stimmen aus den Richtungen der Bildpositionen auf dem Display kommen (Spatial Audio).
Losgelöst betrachtet, überzeugen die neuen Funktionen. Aber das neue FaceTime erscheint erst mit den neuen Betriebssystemversionen macOS 12, iOS 15 und iPadOS 15 im Herbst 2021. Die Plätze unter den Videokonferenzsystemen sind jedoch schon aufgeteilt: Cisco WebEx oder auch Zoom sind in den Arbeitsprozessen der Unternehmen längst verankert.
Nicht so schlafmützig
In anderen Bereichen zeigt sich der Riese aus Cupertino nicht so schlafmützig. Im Folgenden führen wir die allerwichtigsten Neuerungen stichwortartig auf.
- FaceTime: SharePlay, Spatial Audio, Bildschirm teilen, Video-Calls per Browser (Windows, Android), Videokonferenz-Links
- iOS 15: Verringerung der Ablenkung (Fokus-Profile), Texterkennung in Fotos (Live Text), Spracherkennung auf dem Gerät (Siri)
- Health: Teilen von Inhalten, Vorhersage zum Sturzrisiko
- Maps: höherer Detailgrad (AR View), Benachrichtigung bei Annäherung an ÖPNV-Zielstation
- Notizen: Tags, Benutzernamen, Verlaufsansicht
- Wetter: dynamischer Hintergrund, mehr Wetterdaten
- Wallet: neue Schlüsseltypen (z. B. für Hoteltüren), digitaler Personalausweis, Führerschein (vorerst nur in einigen US-Bundesstaaten)
- iPadOS 15: Verringerung der Ablenkung (Fokus-Profile), bessere Multitasking-Navigation zwischen Apps und offenen Fenstern (Shelf), Tastenkürzel, Mac-Tastatur und Maus geräteübergreifend mit iPhone und iPad nutzen, auch Drag & Drop (Universal Control)
- macOS 12: Anti-Tracking für Safari und Apple Mail, Übersicht zur Nutzung von Kamera, Mikro & Co, Shortcuts, Texterkennung in Fotos
- watchOS 8: Fokus-Profile, Erfassung der Atemfrequenz
- iCloud+: Privatsphärenschutz beim Surfen (Private Relay/Oblivious DNS), Wegwerf-E-Mail-Adressen, Account-Wiederherstellung für Familien-Admins, digitaler Nachlass, temporärer Speicher für Backup/Restore
Einige der Neuerungen kommentieren wir im Folgenden ausführlich. Dazu zählt die Fokus-Funktion, mittels der man auf iOS und iPadOS mehr Kontrolle über Mitteilungen bekommt. Benachrichtigungseinstellungen lassen sich umgehend an wechselnde Situation anpassen (Meeting, Nachtruhe). Der Homescreen blendet nur Apps ein, die zum Kontext gehören (Arbeit, Unterhaltung). Ob die Fokus-Technik nützlich wird, hängt davon ab, wie viel Zeit man investieren muss, um persönliche Profile zu erstellen. Bei manchen Nutzern sind die Übergänge zwischen Beruf und Freizeit fließend und damit nur schwer in Regeln zu fassen.
macOS, iOS und iPadOS erkennen in Fotos nun auch Textelemente (Live Text). Abfotografierten Text kann man markieren und kopieren, Telefonnummern aus der Foto-App heraus anrufen. Ganz neu ist die Texterkennung auf Smartphones jedoch nicht. Beispielsweise erstellen manche Banking-Apps Überweisungen anhand von Rechnungen auf Papier.
Viel Aufwand betreibt Apple, um die Privatsphäre zu schützen. Eine neue Übersicht zeigt, auf welche Daten und Funktionen installierte Apps zugreifen (Mikrofon, Kamera etc.). Apples Mail-App und der Safari-Browser hindern Tracking-Pixel daran, die IP-Adresse der Benutzerin auszuplappern. Die Sprachassistentin Siri zieht aus der Cloud auf die User-Hardware um, sodass sie Sprachbefehle ohne Internetverbindung erkennt (ab iPhone XS/XR). Das beschleunigt Siri und verbessert den Datenschutz.
Unverhoffte DNS-Verschlüsselung
Seinen kostenpflichtigen Speicherdienst iCloud benennt Apple in iCloud+ um und ergänzt ihn zum Schutz der Privatsphäre mit dem hauseigenen Oblivious-DNS (Private Relay). Für die zu vereinfachte Präsentation gehört Apple jedoch gerüffelt: Manche Berichterstatter setzten die Methode irrtümlich mit einem VPN gleich.
Unter Private Relay fasst Apple mehrere Techniken zusammen, von denen die wichtigste die Anfragen an das weltweite Domain Name System (DNS) verschlüsselt. Ohne DNS-Anfragen, die Domainnamen in IP-Adressen umsetzen, funktioniert kein Internet-Dienst. Sie laufen bisher weitgehend unverschlüsselt ab, sodass Hotspot-Betreiber oder Schnüffler im Netzwerk mitlesen können, welche Internet-Ziele die User ansteuern.
Mit Oblivious-DNS verschlüsseln iOS, iPadOS und macOS sowie Apples Safari-Browser die DNS-Anfragen und verschleiern zusätzlich die Herkunft. Damit überholt Apples Safari andere Browser, die DNS-Anfragen schon länger auf ganz ähnliche Weise verschlüsseln (z. B. Google Chrome, Mozilla Firefox), aber die IP-Adresse des Users nicht verschleiern.
Dafür setzt Oblivious-DNS zusätzliche Verschlüsselung und zwei Proxy-Typen ein, die jeweils nur Teile der DNS-Anfrage kennen und von unabhängigen Instanzen betrieben werden. Einzelheiten der Methode stellte Apples Tommy Pauly bereits 2019 vor, siehe ct.de/ywg3.
Erste Testversionen der kommenden Betriebssysteme sind für eingetragene Entwickler bereits erhältlich, öffentliche Betaversionen folgen im Juli. Die neuen Versionen der Mobilbetriebssysteme sind für alle iPhones und iPads vorgesehen, auf denen iOS 14 läuft. Damit kommt überraschend sogar das für Smartphone-Verhältnisse betagte iPhone 6s in den Genuss des nächsten iOS. (dz@ct.de)
Oblivious-DNS:ct.de/ywg3