c't 19/2022
S. 180
Story
Find the Cam
Bild: Michael Vogt

Find the Cam

Eine geheimnisvolle Website mit einem beunruhigenden Namen zeigt seit Jahren Bilder einer Kamera mit unbekanntem Standort. Eigentlich keine große Sache. Aber Menschen sind neugierig und nichts beflügelt ihren Ehrgeiz so sehr wie ein scheinbar unlösbares Rätsel.

Von Arno Endler

Die Denker unter den Menschen hatten das Ding schon vor dem Hype ausnahmslos als ein Mysterium bezeichnet. Niemand bis auf den anonymen Initiator wusste, aus welchem Grund die Kamera aufgestellt worden war.

Pünktlich, stets zur gleichen Tageszeit, löste der Timer aus und ein Foto entstand, eine Bilddatei aus Nullen und Einsen, eine digitale Normalität. Ob der Upload ins Netz sofort oder erst mit Verzögerung erfolgte, war ebenfalls nicht bekannt. Nur, dass kontinuierlich aufs Neue ein weiteres Bild auf der Webseite zu sehen war. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat.

Der Zweck der Website mit dem Namen Countdown-to-the-end.com erschloss sich keinem der Betrachter. Weder fand sich ein Impressum noch eine Kontaktmöglichkeit. Selbst der Webspace-Anbieter war nicht in der Lage, den Betreiber zu ermitteln – es erwies sich auch als unmöglich, die Site zu löschen oder wenigstens stillzulegen. Pünktlich zum Jahreswechsel überwies jemand den Betrag für die Serverspeicherung. Das Geld kam stets von einem anonymen Offshore-Nummernkonto.

Aber all das hätte ganz bestimmt ohnehin niemanden interessiert – wenn nicht der Hype ausgebrochen wäre. Die Webadresse verbreitete sich zunächst sporadisch, dann regelrecht viral über alle Social-Media-Kanäle. Tausende teilten und likten, empfahlen und verlinkten.

Die Webseite war ganz simpel in HTML angelegt. Technisch längst veraltet und zum Sterben langweilig. Sie zeigte lediglich Fotos, von immer demselben Standort aus aufgenommen, seit Jahren. Man fand keine Nummerierung und keinerlei Hinweise zum Sinn der Serienaufnahme. Zu lesen gab es nur den Titel der Website: Countdown-to-the-end.com.

Alle Versuche, die Szenerie zu verorten, scheiterten. Weder am Stand der Sonne noch durch den Abgleich mit Wetterdaten ließ sich herausfinden, wo der Ort lag, den der Bildausschnitt zeigte. Man konnte nur vermuten, dass die Kamera in einer gemäßigten Klimazone aufgestellt worden war. Die Jahreszeiten waren zu erkennen, aber ohne direkten Hinweis auf den genauen Aufnahmezeitpunkt musste der Standort im Verborgenen bleiben. Und nichts eignete sich in unseren Zeiten der allumfassenden Informationsmöglichkeiten besser zum Mobilisieren der Netzgemeinde als ein solches Geheimnis.

Also begann die Jagd. Die Find-the-Cam-Challenge elektrisierte Internetnutzer in aller Welt. Tausende von Social-Media-Gruppen entstanden. In Chatforen diskutierten die Leute, entwarfen und verwarfen Theorien, die mal abstrus, mal stichhaltig wirkten und dennoch zu keinem Ziel führten. Professionelle Online-Schatzsucher verpulverten crowdgefundete Investments.

All diese Versuche blieben vergeblich. Filme wurden gedreht – Dokumentationen, aber auch Spielfilmadaptionen über abenteuerliche Suchaktionen. Achtzehn Jahre ging es so. Die Fotos gerieten in den Fokus der akademischen Forschung, wurden wissenschaftlich ausgewertet. Gleichzeitig entstanden sektenartige Gruppen, die die Abbildungen als mystisches Omen verstehen wollten.

Der Wikipedia-Eintrag zur Find-the-Cam-Challenge schaffte es als längster und meistaufgerufener Artikel der Online-Enzyklopädie ins Guiness Book of World Records. Mehrere Superreiche gründeten einen Fonds, dessen Hauptaufgabe in der jährlichen Bekanntgabe des Preisgelds für die Lösung des Rätsels bestand. Jahr für Jahr wuchs der Jackpot. Die Summe, die dem Entdecker des abgebildeten Ortes winkte, durchbrach irgendwann die Hundert-Millionen-Euro-Grenze und lockte Hunderttausende. So durchwanderten die Sucher Landschaften, immer in der Hoffnung, das seltsame Motiv aufzuspüren.

Doch so sehr die Menschen auch warteten, flehten, beteten, drohten und hofften, es änderte sich nichts. Das tägliche Bild zeigte lediglich einen Weg, einen Baum und dahinter einen Felsen. Der Baum steckte in einem braunen Kübel mit Pflanzgranulat, ganz so, als wolle der Initiator der Aktion die Beobachter verhöhnen. Denn der Baum bestand deutlich erkennbar aus Plastik. Die Blätter glänzten gelegentlich im Sonnenlicht, aber reagierten nicht auf Schnee, Regen oder Hitze. Niemals fiel eines herab.

* * *

„Es ist ein Kunstwerk, Michelle, nicht wahr?“, murmelte Franny.

In der untergehenden Sonne leuchtete ihr größtenteils ergrautes Haar in einem satten Orange. Sie hatte den Rucksack vom Rücken genommen und ihn am Wegesrand abgestellt. Die unbarmherzige Tageshitze war verschwunden, dennoch sah man die Spuren des Schweißes als rote Striemen an ihrer Stirn. Dort, wo der Strohhut sich gegen die Haut gepresst hatte.

„Ich brauche eine Pause. Wir waren Stunden unterwegs“, maulte Franny und tippte sich an das Ohr, in dem der Earbud steckte. Franny, die mit vollem Namen Francine Eveline Miller hieß, suchte in der Seitentasche nach der Wasserflasche, fand sie und trank gierig. Es war wichtig, die Flüssigkeitszufuhr nicht zu vernachlässigen.

Ich schlage vor, dass du dein Zelt aufschlägst, Fran.

Michelles Stimme aus dem kleinen Hörer klang geschäftsmäßig kalt. Franny ahnte, dass irgendetwas vorgefallen sein musste. Vielleicht ein Streit mit dem Freund oder ein weiterer Schub der Krankheit. Allerdings würde sie auf eine Nachfrage keine Antwort erhalten, wenn Michelle so mit ihr sprach.

„Ich habe auf der Karte eine kleine Lichtung gefunden, quer ab, Richtung Osten, so eineinhalb Kilometer entfernt. Ist es dort sicher?“, erkundigte sich Franny.

Sieht gut aus. Ich finde weder behördliche Restriktionen noch Gefahrenhinweise für dieses Areal. Aber es ist ein Blackspot, die Datenbanken spucken keine Bilder aus.

„Na, dann mache ich mich mal auf den Weg.“ Franny schulterte den Rucksack, der sich, so spät am Tag, deutlich schwerer anfühlte. Sie stöhnte leise auf.

Was ist? Michelle saß wahrscheinlich in ihrer Eigentumswohnung am Schreibtisch – Franny kannte das Bild nur allzu gut. Die weit entfernte Freundin hörte jeden Mucks, den Franny von sich gab.

„Ach, nichts. Nur etwas müde. Wann kommt der nächste Bildupload?“

In zwei Stunden, Fran.

„Ich bin jedes Mal aufgeregt. Ist das nicht verrückt?“

Die gesamte Menschheit ist verrückt, geistesgestört genug, um nach einem vollkommen belanglosen Ort zu suchen.

Franny entgegnete nur in ihren Gedanken, dass Michelle deswegen so desillusioniert antwortete, weil es ihr nicht gut ging. Laut äußerte sie gar nichts, schwieg, denn nur ihrer Freundin zuliebe war sie seit Monaten auf Wanderschaft, verschiedenen Hinweisen folgend, die den beiden Frauen übermittelt worden waren. Es war das Preisgeld, das sie lockte.

Zwischen den hochgewachsenen Bäumen fühlte sich Franny beobachtet, sogar verfolgt. Mehrfach versteckte sie sich hinter einem breiten Stamm und spähte zurück, um zu sehen, ob da jemand war. Die vielen Geräusche des Waldes erschreckten sie nach wie vor.

Es knackte beständig, leichte Böen erzeugten ein Rauschen im Blattwerk, das an eine gestörte Audioverbindung erinnerte. Langsam umfing sie eine angenehme Kühle, obwohl die schütteren Baumkronen nicht viel Sonnenschutz boten. Aber die Stämme der Bäume warfen lange Schatten.

Endlich erreichte sie die Lichtung, eine rund zweihundert Quadratmeter große Wiese, an deren einer Seite sich ein kleiner Bach entlangschlängelte. Franny stellte den Rucksack ab und inspizierte den Bachlauf. Nur ein dünnes Rinnsal in einem tief eingegrabenen Bett, was auf viel mehr Wasser zu anderen Jahreszeiten hinwies. Die anhaltende Dürre schien auch der Quelle des Baches den Mut genommen zu haben.

Franny tauchte den Finger in das Nass und schnüffelte daran. Ein Hauch von Eisen, ansonsten frisch. Sie füllte ihre hohle Handfläche und stippte ihre Zunge hinein. Dann nahm sie einen kompletten Schluck.

Was tust du?

„Wasser trinken“, erklärte sie Michelle.

Ungefiltertes Wasser? Bist du des Wahnsinns?

„Es schmeckt gut.“

Oh, Francine.

Selten genug, dass Michelle sie bei ihrem vollen Namen nannte. Immer wenn sie das tat, war es mit einem sanften oder kräftigen Tadel verbunden.

Franny schüttelte den Kopf und ließ den Bach Bach sein. Sie packte ihren Rucksack aus und warf das selbstentfaltende Zelt in die Luft. Danach stellte sie den Pathfinder auf, der eine Satellitenverbindung suchte und anschließend die Such-App auf ihrem Smartphone aktualisierte. Das Suchraster zeigte ihren heutigen Weg. Das rief auch Michelle wieder auf den Plan. Du hast heute nur 17 Prozent des Rasters abgesucht.

„Es war zu heiß, der Weg unzugänglich, ich war müde“, versuchte Franny sich zu entschuldigen.

Du weißt, wir haben den Claim nur noch für drei Tage. Es wird knapp.

Franny konnte selbst hinreichend einschätzen, wie sehr sie dem Zeitplan hinterherliefen. Sie beide hatten viel Geld investiert, um sich gerade diesen Claim zu sichern. Zwanzig Quadratkilometer in einem Nationalpark, der für die Öffentlichkeit grundsätzlich gesperrt war. Nur mit einer Sondergenehmigung, die den Claimpreis in die Höhe getrieben hatte, war das möglich geworden. Eine einmalige Gelegenheit.

„Ich werde morgen die verlorene Zeit wieder gutmachen.“

Du bist nicht ehrlich zu mir, weil du nicht ehrlich zu dir bist, Francine. Es ist immer das Gleiche mit dir. Gib doch einfach zu, dass du es auf keinen Fall schaffen wirst, den kompletten Claim abzugrasen.

„Du ...“ Franny stockte der Atem.

Unser Investment. Vergeblich. Nur weil du ...

„Halt die Klappe, Michelle! Halt einfach die Klappe!“, brüllte Franny. Aber genau das tat Michelle nicht. Sie sprach weiter, hetzte und meckerte, setzte Punkt auf Punkt, zählte haarklein alle Fehler auf, die Franny jemals gemacht hatte. Es war zu viel. Das Fass lief über.

Franny nahm den Earbud aus dem Ohr und schleuderte ihn von sich. Im selben Moment wusste sie schon, dass das ein Fehler war. Die Dinger kosteten ein Vermögen. Zu ihrem Glück war sie eine miserable Werferin. Die Flugkurve wurde nur vom aufkommenden Wind verlängert. Frannys Wut verschwand. Sie sah die Kopfhörer fliegen, deutlich über das dünne Rinnsal des Baches hinweg. Ein metallisches „Plong“ ertönte. Wie ein erstes Hagelkorn, das auf einem Wellblechdach einschlug. Franny zuckte sogar zusammen, als so ungewöhnlich empfand sie dieses Geräusch.

„Michelle?“, murmelte sie, dann wurde ihr bewusst, dass sie die Antwort gar nicht hören würde. „Da ist irgendwas versteckt. Ich kann es nicht erkennen“, berichtete sie trotzdem weiter, während sie behutsam und wachsam in Richtung des Baches ging. Zwei, vielleicht drei Meter dahinter war der Earbud aufgeprallt.

Ein neues Geräusch irritierte sie. Es kam von oben. Ein leises Surren. Franny spähte in den dunkler werdenden Himmel. Doch dort war nichts zu sehen. Dennoch wurde sie das Gefühl nicht los ...

„Ich glaube, ich werde beobachtet, Michelle“, flüsterte sie. „Ich gehe jetzt weiter.“ Sie überquerte den Bachlauf und musste nun mit dem Unterholz kämpfen. Ranken am Boden verfingen sich in ihren Hosenbeinen. Außerdem standen die Bäume hier dichter zusammen. Niedrige Äste versperrten den Weg; sie drückte sie beiseite. Trockene Rinde, die im Griff ihrer Finger bröselte. Es hatte schon lange nicht mehr geregnet. Bei jedem Schritt knackte es unter ihren Schuhen. Ein roter Punkt wies ihr den Weg. Es war die LED des Earbuds, die Funktionsbereitschaft signalisierte. Sie blinkte regelmäßig, ein Zeichen für fehlende Konnektivität.

Franny trat näher und pflückte den Earbud aus dem Busch, in dessen dichtem Geflecht er hängengeblieben war. Im selben Moment verlor sie das Gleichgewicht, langte mit der rechten Hand nach einem Stamm, um sich abzustützen, verfehlte den Halt allerdings und kippte nach vorn weg. Plötzlich prallte ihre ausgestreckte Hand gegen eine eiskalte Fläche, schmerzhaft heftig und unerwartet. Da war ein Widerstand im Nichts. Da musste eine Mauer sein, eine Wand, aber unsichtbar, getarnt.

„Was ist das?“, murmelte Franny und stellte sich wieder aufrecht hin. Vorsichtig tastete sie voraus und wurde darin bestätigt, dass sich dort tatsächlich eine Barriere befand. Durchsichtig, denn der Wald dahinter war deutlich erkennbar. Franny befühlte das kühle Hindernis, erkundete zunächst nach rechts, dann nach links. Dabei musste sie Baumstämmen ausweichen. Die unsichtbare Mauer setzte sich fort.

Sie erinnerte sich an eine Schullektüre, mit der sie sich eher widerwillig befasst hatte. Eine Frau, die von der Außenwelt durch eine nicht näher erklärte Wand getrennt worden war und dennoch irgendwie ihr Leben lebte. Wie hieß das Buch doch gleich? Sie wusste es nicht mehr. Nur, dass sie es nicht bis zum Ende durchgehalten hatte, da ihr das ganze Szenario so unglaubwürdig vorgekommen war. Und nun?

„Michelle?“, fragte sie leise, steckte sich den Bud wieder ins Ohr und wartete kurz auf Antwort, die ausblieb.„Michelle? Falls du mich hören kannst, dann gib mir bitte ein Zeichen. Vielleicht ist auch der Bud kaputt, ich weiß es nicht. In jedem Fall bin ich hier auf eine Kuriosität gestoßen. Ein Hindernis mitten im Wald. Eine Wand, die mit irgendeiner Art Tarntechnologie versehen ist. Ich werde jetzt schauen, wie weit sie reicht.“ Franny hielt Handkontakt zu der ebenen und kühlen Oberfläche der Barriere, während sie sich langsam an ihr entlang bewegte. „Das Material der Wand fühlt sich kalt und glatt an. Wenn ich kräftiger presse, gibt es eine ganz leichte optische Störung. ‚Die Wand‘. Ja genau, so hieß dieser Roman. Ach, vergiss es, Michelle. Mir ist nur gerade etwas eingefallen. Ich sollte mich besser konzentrieren. Nun, das Material. Genau. Es gibt keine Erhebungen oder Riefen. Vollkommen glatt ist es. Warte!“

Franny blieb stehen. Ihre linke Hand umfasste eine Kante. Sie folgte dem neuen Verlauf. „Oh verflixt, Michelle. Ich denke, es ist ein abgesperrter Bereich mitten im Wald.“ Sie kam jetzt schneller voran, stieß auf eine weitere Kante und dann auf noch eine. „Es ist ein verdammter Quader, ein rechteckiger Grundriss. So etwa zehn Meter mal zwanzig Meter. Ich würde gerne wissen, ob es nach oben eine Grenze gibt.“

Sie stoppte für einen Moment die Erkundung des Areals, als ein dumpfer Knall sie erschreckte. Irgendwo aus Richtung ihres Zelts war wohl etwas aufgeschlagen. Franny strengte die Augen an, doch in der aufkommenden Dunkelheit war keine Bewegung zu erkennen. Sie schüttelte den Kopf und tastete sich vor. Dann klickte es dicht vor ihr. Sie spürte etwas wie den Rand einer hervorstehenden Klappe, mitten in der Wand. „Ich glaube, da hat sich eine Tür geöffnet, Michelle.“ Franny zwängte ihre Finger in die entstandene Lücke und bekam die Klappe zu fassen. Sie zerrte daran, blendendes Licht drang aus der Öffnung im Nichts. Es war eindeutig eine Tür. Franny quetschte sich hindurch.

* * *

Im Inneren des Quaders stürzte sie und fand sich auf dem Boden wieder. Das grelle Licht war verschwunden. Sie spürte kleine Schottersteinchen, die sie von unten pieksten. Sie setzte sich auf, sah sich um. Es traf sie unerwartet, wie teilnahmslos sie die Überraschung wahrnahm. Kein Herzaussetzer, kein begeistertes Nach-Luft-Schnappen, keine irrationalen Freudenschreie. Nur die Stille und sie. Ihre Augen, die die Szenerie betrachteten. Der Baum in dem Kübel und der Weg und der Fels. Die Suche hatte ein Ende, während sich gleichzeitig die Fragen zu einem Berg türmten.

Franny rappelte sich auf, knetete schmerzende Stellen an ihrem Körper und versuchte, alles in sich aufzunehmen.

Sie stand in einer Art Zimmer. Die hintere Wand wies Aluminiumregale und Leitungen auf. Die Kamera, das Objekt der Suche Zigtausender, klemmte an einer der obersten Streben. Franny begutachtete die Anordnung und registrierte, dass nur der Kameraausschnitt für das Bild hergerichtet worden war. In der Decke montiert erkannte sie eine Berieselungsanlage, die wahrscheinlich die Regen-, Nebel- und Schneetage simulierte. Eine ausgefeilte Beleuchtungsanlage komplettierte die Illusion.

Das Rätsel war ein Fake. Kein realer Ort, den man finden konnte, sondern nur eine Täuschung, eine Filmkulisse.

Franny wollte lachen, doch sie konnte nicht. Ihr Kopf fühlte sich zugleich schwer und leer an, was eigentlich unmöglich war. „Michelle?“, wisperte sie leise.

In diesem Moment tauchte neben der Tür, durch die sie gekommen war, ein Mann auf, oder war es eine Frau? Eine schlanke Gestalt, die wie aus dem Nichts erschienen war. Kurze Haare, die ein sehr weiches, feingeschnittenes Gesicht umrahmten. Schmale Schultern und eine ebenso schmale Hüfte, dazu ellenlange Beine. Die Kleidung, bestehend aus einem Hosenanzug und einer hellen Bluse, wirkte geschlechtsneutral.

Franny konnte durch den Körper die dahinterliegende Tür durchschimmern sehen. Ein Hologramm.

Es lächelte sie an. „Hallo.“

„Hallo“, entgegnete sie mit brüchiger Stimme.

„Ich beglückwünsche Sie. Darf ich nach Ihrem Namen fragen?“

„Francine ...“, begann Franny.

„... Eveline Miller, selbstverständlich. Willkommen“, ergänzte der Avatar.

„Wer sind Sie?“

„Ich? Nun, niemand. Am ehesten würden Sie mich wahrscheinlich als KI, als künstliche Intelligenz, bezeichnen, obwohl dies unzutreffend ist. Ich bin der Bewahrer. Der Wächter. Ein Automat, der für die Wahrung des Ortes zuständig ist.“

„Sie ... Sie bewachen diesen Ort? Und machen die Bilder? Stellen sie ins Netz?“

Das Hologramm deutete eine Verbeugung an.

„Aber warum?“

Der Avatar wies auf eine Stelle neben Franny. „Dort ist ein Hocker. Bitte setzen Sie sich doch.“

„Wo ist meine Belohnung? Ich will das Geld.“

Der Avatar lächelte, Bedauern ausdrückend. „Nun, dazu kommen wir später. Erst ...“ Wieder die Aufforderung, sich auf den Hocker zu setzen.

Franny tat ihm den Gefallen. Langsam beschlich sie das Gefühl, in eine Falle geraten zu sein. Sie kontrollierte die Zeit bis zur nächsten Aufnahme des Bildes. Es waren vier Minuten. Der Wächter nickte. „Gut, Miss Francine.“

„Franny.“

„Franny. Natürlich. Sie haben Fragen?“ Er hob die Hand. „Mit Ausnahme der Frage nach der Belohnung.“

Franny klappte den Mund zu. Sie fühlte sich leicht schwindlig, während sie den Baum und den Felsen dahinter musterte. „Ist der Baum doch echt?“

„Nein, es ist die Nachbildung eines in Japan gepflegten Bonsais. Nur stark vergrößert.“

„Warum? Warum dieser Aufwand?“

„Diese Frage wurde mir schon oft gestellt, Franny. Und meine Antwort wird Ihnen nicht gefallen.“

„Schon oft?“

„Zweihundertsiebzehn Mal. Um genau zu sein.“

„Ich bin nicht die erste?“

Der Avatar blieb ernst. „Nein.“

„Nicht?“ Etwas in ihr zerbrach.

„Sie sollten nicht enttäuscht sein. Eine Belohnung steht Ihnen durchaus zu.“

„Ich ... ich verstehe nicht. Was ist mit dem Jackpot?“

„Oh, der ...!“ Der Avatar lachte übers ganze Gesicht. Jetzt wirkte er wie die Nachbildung einer Frau. „Für die Öffentlichkeit wird sich nichts ändern, Franny. Es wird weiterhin jeden Tag ein Foto geben, Millionen und Abermillionen werden das Netz nach Hinweisen durchstöbern, Hunderttausende in den entlegensten Gegenden des Globus physisch auf die Suche gehen. Alle auf der Jagd nach dem Jackpot.“

„Aber ich bin doch hier. Es ist vorbei.“ Franny wurde bewusst, dass der Satz unsinnig klang, wenn man den Umstand berücksichtigte, dass der Wächter von 217 Vorgängern gesprochen hatte. Wo waren sie alle? Was hatte sie davon abgehalten, der Menschheit die Wahrheit zu sagen? Konnte es sein ...?

„Du wirst mich töten?“

„Ich?“ Der Wächter lachte laut auf. „Ich bin ein Hologramm. Wie sollte mir das gelingen?“

Franny spürte erneut den Schwindel, als würde sich der Boden bewegen. Ein Erdbeben?

„Um die Frage nach dem Aufwand zu beantworten, Miss Franny“, sprach der Avatar weiter und lenkte sie so ein wenig ab.

„Sehen Sie. Die Idee entstammte dem Brainstorming eines Thinktanks.“

Franny schwieg.

„Man wollte gleich mehrere Probleme aus dem Weg schaffen.“

„Probleme? Welche Probleme?“

Der Wächter-Avatar veränderte seine Mimik. Nun wirkte er wie ein Mensch, der schlechte Nachrichten zu überbringen hat und sich der Ausweglosigkeit bewusst war. „Kriege, Auseinandersetzungen, Bürgeraufstände, sinnlose Krawalle und noch so vieles mehr. Unsere Zivilisation hat sich überlebt, scheiterte an den simpelsten Aufgaben – wie Kommunikation, Kompromissfähigkeit und Politik. Statt miteinander nach Lösungen zu suchen, erkor man Gegner und stellte diese als Schuldige für aktuelle Probleme hin. Das galt für verantwortliche Leute in Staaten und Organisationen ebenso wie für die sogenannten einfachen Leute. Und an diesem Punkt setzte der Thinktank an.“

„Muss ich das verstehen?“, fragte Franny.

Der Wächter beachtete ihre Zwischenbemerkung gar nicht. „Als Ergebnis sämtlicher Beratungen, Diskussionen und Brainstormings wurde der so bezeichnete Aufmerksamkeits-Hype erfunden. Eine Art Beschäftigungstherapie für Menschen, die man von anderen Problemen ablenken wollte. Man erschuf die Internetseite mit dem Rätsel, befeuerte die natürliche Neugier mithilfe aller sozialen Medien und der üblichen Kanäle und vollendete den Hype mit dem Preisgeld, das ausgerufen wurde, um auch die Letzten zu motivieren.“

„Es steckt eine ganze Gruppe von Menschen dahinter?“

„Korrekt. Philosophen, Anthropologen, Politiker, interdisziplinär arbeitende Wissenschaftler, darunter Nobelpreisträger, die den Hype um das Bild am Leben hielten. So tat sich bei bestimmten Problemen schon einiges. Grenzen waren hinderlich, wenn man auf die Suche gehen wollte. Krawalle, Kriege, allgemein gewalttätige Auseinandersetzungen stellten für die Weltbevölkerung nur noch Ablenkungen dar. Wir erreichten unsere Zielgruppe, minimierten all das, was wir für falsch erachteten – und siehe da, die Menschheit schaffte es, zu überleben. Die Zivilisation erstarkte, und der Forschergeist von vielen wurde geweckt. Das ist das Geheimnis. Das wahre Geheimnis.“

„Und was geschieht jetzt mit mir? Ich kenne es schließlich. Das Geheimnis. Und ich weiß, wo der Ort ist, an dem Sie die Bilder anfertigen. Ich könnte mein Wissen zu Geld machen“, erklärte Franny, die sich selbst nicht glaubte.

„Ich bitte Sie, Miss Franny. Sie wollen es doch gar nicht verraten, nicht wahr?“, behauptete der Wächter-Avatar mit Entschlossenheit in der Stimme. „Sie erhalten eine Abfindung. Eine überaus großzügige Belohnung, mit der Sie sich gern zur Ruhe setzen, ein Studium beginnen, ein Buch schreiben oder einen Garten herrichten können. Es bleibt Ihnen überlassen. Das Geld steht sofort zu Ihrer Verfügung. Wir verzichten sogar auf eine schriftliche Vereinbarung. Alle 217 Probanden, die den Ort fanden, haben sich dafür entschieden und keine weiteren Infos herausgegeben.“

„Sie halten alle dicht“, murmelte Franny und musste darüber nachdenken, wie sehr sich die allgemeine Lage in den letzten zwei Jahrzehnten geändert hatte. Wie wenig über Kriege berichtet wurde, wie kooperationsbereit Politiker sich gezeigt hatten. Gleichmut, Demut und Forscherdrang. Die Menschen verstanden einander besser denn je.

„Was ist mit Michelle?“, fragte Franny. „Sie weiß, wo ich war, und hat meine Nachrichten gehört. Was soll ich ihr erzählen?“

Der Wächter hob beruhigend die Hand. „Schon als Sie auf dem Weg zum Container waren, löste eine Drohne einen Unterbrecher aus, der alle Kommunikationswege in der Gegend lahmlegte. Kein Funk, keine Satellitenverbindung, keine anderen digitalen Wege mehr. Michelle hat nur Ihren emotionalen Ausbruch miterlebt, danach war sie ausgesperrt. Ein guter Grund, um die Wahrheit ihr gegenüber nicht preiszugeben.“

„Oder mich von ihr zu trennen, nicht wahr?“

„Das bleibt Ihnen überlassen.“

„Sie haben alles im Griff.“

Der Wächter verbeugte sich ein weiteres Mal.

Franny kam noch ein Gedanke. „Ich hatte einen Claim und meine Wege sind allgemein zugänglich. Wird es nicht irgendwem auffallen, wo ich meine Suche beendet habe?“, vermutete sie. „Ich habe jedenfalls so gearbeitet. Mich an den Spuren anderer orientiert und lose Enden gesucht. Also wird wieder jemand kommen. Nummer 219 dann wohl. Er wird auf die Lichtung gehen und den Container finden, so gut die Tarnung auch immer funktioniert.“

„Das wird er nicht“, behauptete der Avatar. „Wir sind bereits auf dem Weg zum nächsten Standort.“

„Wie bitte?“

„Wir sind am Haken. Eine Transportdrohne hat den Container mit uns aufgenommen. Wir landen gleich, Sie werden abgesetzt und von einem Team eingesammelt. Danach geht es zum nächsten Standort.“

„Sie wechseln die Orte?“

„Selbstverständlich. Halten Sie es tatsächlich für möglich, dass man beinahe zwanzig Jahre lang weltweit mit Millionen von Menschen diesen Ort sucht, ohne darauf zu stoßen? So einen sicheren Platz gibt es nicht auf dem Globus.“

Franny schwieg. Nach etwa zehn Minuten endete ihre Reise. Das Schaukeln und damit das Schwindelgefühl verging.

* * *

Monate später saß sie im Wintergarten ihres Cottages an der Westküste Cornwalls. Draußen tobte ein Sturm, das Meer war eine einzige tosende Masse aufgeschäumten Wassers.

Sie musste an die Trennung von Michelle denken, während sie die Internetseite aufrief und nach dem Foto des Tages suchte, an dem sie im Container gewesen war.

Wenn man genau hinsah, tauchte am unteren Bildrand eine Strähne ihres Haares auf. Der Wächter hatte darauf verzichtet, sie zu entfernen oder durch ein Fake-Foto zu ersetzen.

In den einschlägigen Diskussionsforen wurde zwei Monate lang spekuliert, was es mit dem winzigen Detail auf sich hatte. Ein Objektivfehler, ein vorbeiziehendes Tier? Es endete erst, als in der jährlichen Ankündigung die Erhöhung des Preisgeldes bekannt gegeben wurde.

Die Sucher suchten, die Ermittler ermittelten.

Franny hingegen hatte die sporadische Beschäftigung mit der Countdown-to-the-end.com-Website seit Wochen eingestellt. Zuvor hatte sie in weiteren Bildern Einzelheiten erkannt, wie zum Beispiel den Schatten eines Arms. Jetzt, da sie wusste, dass es mehr Menschen wie sie gegeben hatte, ergaben verschiedene Facetten einen Sinn. Hinweise verbanden sich zu einem Netz.

Eine Mitteilung ploppte auf – in einem Chatroom, den man ihr empfohlen hatte. Die Einladung zu einem Wochenende auf einem Kreuzfahrtschiff. Nur gerichtet an die Mitglieder des Thinktanks, zu denen sie inzwischen auch zählte.

Franny freute sich, all die anderen kennenlernen zu können, die das Geheimnis ebenfalls gelüftet hatten und jetzt Teil davon waren. Sie bestätigte. Die Nachricht löschte sich von selbst und mit ihr alle Spuren, dass sie jemals gesendet worden war. (psz@ct.de)

Kommentieren