c't 18/2023
S. 166
Test & Beratung
Buchkritik

Was kommt oben an?

Wenn ein Berater-Thinktank, der unter anderem für die UNO arbeitet, Managern Orientierungshilfe in Sachen künstlicher Intelligenz geben will, lohnt es sich hinzuhören: Welches KI-Bild landet in den Köpfen von Wirtschaftsverantwortlichen?

Die Beratergruppe Diplomatic Council e. V. wendet sich mit der Buchreihe „Praxiswissen für Aufsichtsräte und Beiräte“ an Führungskräfte. Der neue Band soll dieser Zielgruppe Rüstzeug für die Einschätzung künstlicher Intelligenz vermitteln.

Die sechs Verfasser sind in der Beraterbranche bekannte Köpfe, von denen einige jahrzehntelang an den Schnittstellen von IT und Wirtschaft gearbeitet haben. Sie empfehlen Unternehmen dringend, sich eine KI-Strategie zuzulegen. Im Buch vermitteln sie einiges an grundlegendem Wissen etwa zu den Eigenschaften von Large Language Models und verschweigen auch deren Schwächen nicht. Im Vordergrund steht dabei ChatGPT. Auch Anwendungen für die Produktion von Bildern und Videos kommen zur Sprache. Dripke, Schönfeld & Co. sensibilisieren ihre Leserschaft für kritische Aspekte wie Deepfakes und politische Manipulation; das geschieht vorrangig mit Blick auf die Unternehmens-Compliance. Was die politische Ebene betrifft, so analysieren sie unter anderem die Dreiecksbeziehung zwischen China, den USA und Deutschland. Dabei bewerten sie Regulierungsbestrebungen vorwiegend als Entwicklungshemmnis.

c’t-Leser werden bei der Lektüre des Buchs gelegentlich die Zähne zusammenbeißen müssen. Während die Welt die Entzauberung Elon Musks auf Twitter beobachtet, feiert das Autorensextett ihn und nennt ihn bewundernd mehrfach „Tausendsassa“. So fielen die Verfasser denn auch auf einen Aprilscherz der GameStar herein, die online behauptete, der Tesla-Chef hätte Valve und damit Steam gekauft, um seinen Fahrzeugen eine strategische Brücke zwischen KI und Entertainment zu verschaffen.

Das entwertet aber nicht den durchaus umfassenden Rundblick, den die Autoren vermitteln. Zum KI-Komplex nehmen sie Themen wie Robotik, Virtual und Mixed Reality hinzu. Es geht um das Potenzial für industrielle Umwälzungen – und das haben diese Technikfelder in ihren Augen ebenso wie Conversational AI im Kundendienst. Insgesamt ist das Buch in mehrerlei Hinsicht informativ. Dass es streckenweise Spekulation und übertriebenen Optimismus transportiert, könnte vielleicht sogar kennzeichnend für eine geschäftsorientierte Sicht auf künstliche Intelligenz sein. (Maik Schmidt/psz@ct.de)

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