c't 18/2023
S. 12
Aktuell
Streik in Hollywood
Bild: Mark J. Terril/AP

Kampf gegen KI

Künstliche Intelligenz in Hollywood: Autoren und Schauspieler im Streik

Seit Anfang Mai streiken Hollywoods Drehbuchautoren, nun sind auch die Schauspieler mit von der Partie. Die US-Filmindustrie liegt damit praktisch lahm. Die Streikenden fordern neben höheren Löhnen einen anderen Umgang mit künstlicher Intelligenz: Diese erzeugt nämlich nicht nur Texte für Drehbücher, sondern kann mittlerweile auch Schauspieler ersetzen.

Von André Kramer

Es handelt sich um den ersten groß organisierten Protest gegen Arbeitsplatzverlust durch künstliche Intelligenz überhaupt: Hollywoods Drehbuchautoren streiken gemeinsam mit Schauspielern aufgrund der immer schlechteren Arbeitsbedingungen im Filmgeschäft. Das geschah zuletzt vor über 50 Jahren. Die Autoren sind in der die Gewerkschaft „Writers Guild of America“ (WGA) organisiert. Die Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA (Screen Actors Guild, American Federation of Television and Radio Artists) leistet nun Schützenhilfe. Verhandlungen mit dem Verband der TV- und Filmstudios AMPTP (Alliance of Motion Picture and Television Producers) führten bis Redaktionsschluss zu keinem Ergebnis.

Ein zentraler Streitpunkt betrifft den Umgang mit künstlicher Intelligenz. Diese stelle eine „reale und unmittelbare Bedrohung“ dar, weil mit KI animierte Charaktere die Schauspielerei der Gewerkschaftsmitglieder nachbilden könnten, sagte die SAG-AFTRA-Vorsitzende Fran Drescher dazu in einer Stellungnahme: „Was mit uns geschieht, ist wichtig. Was mit uns geschieht, geschieht in allen Bereichen der Arbeitswelt.“

Von künstlicher Intelligenz generierte Charaktere sind bereits im Einsatz. Das russische Unternehmen Deepcake nutzte eine Deepfake-Version von Bruce Willis für einen Werbespot der Telekommunikationsfirma Megafon. Das Gesicht des Action-Schauspielers wurde mit einem künstlichen neuronalen Netz auf einen russischen Schauspieler projiziert. Willis erlaubte Deepcake, dafür hochauflösende Scans seines Gesichts zu nutzen. Ein anderes Beispiel: Das Start-up Respeecher aus Kiew digitalisierte Darth Vaders Stimme, damit sich der mittlerweile 91-jährige James Earl Jones aus dem Filmgeschäft zurückziehen kann.

Das ist nicht Bruce Willis. Das russische Unternehmen Deepcake erzeugte eine digitale Kopie des Schauspielers für einen Werbespot der Firma Megafon.
Das ist nicht Bruce Willis. Das russische Unternehmen Deepcake erzeugte eine digitale Kopie des Schauspielers für einen Werbespot der Firma Megafon.

Streit um Nutzungsrechte

Die Filmgewerkschaft wirft Studios und Streamingdiensten vor, Schauspieler zu scannen und sich die Rechte an diesen digitalen Abbildern „bis in alle Ewigkeit“ sichern zu wollen. Es sei wie in einem Plot der TV-Serie Black Mirror. Laut der Nachrichtenagentur Reuters wies der Verband AMPTP den Vorwurf zurück: Die Rechte zur Nutzung der digitalen Replikas beschränkten sich auf den Film, in dem der Schauspieler mitwirke.

Auch die Autoren sehen ihre Arbeitsplätze bedroht. Sarah Myers West, Geschäftsführerin der gemeinnützigen Forschungsorganisation AI Now Institute, untersucht die sozialen Folgen von KI und sagt: „Schriftsteller sind am wahrscheinlichsten von der weitverbreiteten Nutzung generativer KI betroffen.“ Das zeigt bereits erste Folgen. Die Komikerin Sarah Silverman und zwei weitere Autoren verklagen Meta und OpenAI vor dem Bundesgericht in San Francisco wegen der mutmaßlichen Verwendung ihrer Texte in deren Large-Language-Models, unter anderem in ChatGPT.

Die streikenden Drehbuchautoren fordern unter anderem, dass die Studios ihr Material nicht als Quellmaterial nutzen, um künstliche Intelligenz zu trainieren, sowie dass künstliche Intelligenz nicht genutzt werden soll, um literarische Werke zu schreiben oder umzuschreiben.

Der Konflikt über die Nutzung von KI entzündete sich darüber hinaus an der am 21. Juni gestarteten Disney+-Serie „Secret Invasion“. Nach der Premiere kritisierte ein Konzeptkünstler unter dem Twitter-Synonym dekubrush den Vorspann der Serie, der mithilfe eines KI-Bildgenerators entstand: Durch den Einsatz des KI-Tools habe Disney Grafiker um ihre Arbeit gebracht, und das, obwohl es in der Serie genau darum gehe, Menschen zu ersetzen und zu imitieren (siehe ct.de/yre5).

Der Regisseur der Serie, Ali Selim, gestand in einem Interview mit dem US-Magazin Polygon ein, nicht zu verstehen, wie solche Bildgeneratoren funktionieren. Ihm war offenbar nicht bewusst, dass die Arbeit von realen Künstlern die Grundlage für solche KI-Bildgeneratoren darstellt. Das war ein zentraler Kritikpunkt vieler Twitter-Nutzer, die den Tweet teilten.

Die Tragweite

Bereits am 2. Mai hatten die Drehbuchautoren zu streiken begonnen. Am 14. Juli legten auch die Schauspieler ihre Arbeit nieder. In Hollywood können damit praktisch keine Serien und Filme mehr produziert werden. Die Gewerkschaft SAG-AFTRA vertritt insgesamt etwa 160.000 Filmschaffende, unter anderem Schauspieler, Stuntleute, Sänger, Tänzer, Synchronsprecher und Journalisten. Der Verband AMPTP vertritt unter anderem die großen Streaminganbieter Netflix, Disney+ und Amazon Prime.

Eine Mitgliedschaft in der Gewerkschaft ist Voraussetzung, um überhaupt als Schauspieler arbeiten zu können. Viele Produktionen schreiben sie vor. Der Streik ist außerdem verbindlich: Gewerkschaftlich organisierte Schauspieler dürfen ab sofort nicht mehr arbeiten. Nicht gewerkschaftlich organisierte Schauspieler können theoretisch weiterarbeiten. Allerdings hat SAG-AFTRA bereits angekündigt, bei künftigen Mitgliedsanträgen abzufragen, ob Kandidaten den Streik gebrochen hätten.

„Was mit uns geschieht, geschieht in allen Bereichen der Arbeitswelt“, sagt die Gewerkschaftsvorsitzende Fran Drescher (rechts)., Bild: Chris Pizzello/AP/dpa
„Was mit uns geschieht, geschieht in allen Bereichen der Arbeitswelt“, sagt die Gewerkschaftsvorsitzende Fran Drescher (rechts).
Bild: Chris Pizzello/AP/dpa

Die Forderungen

Streamingdienste veröffentlichen immer mehr Content auf ihren Plattformen. Zu den drei bereits genannten Anbietern gesellen sich mittlerweile weitere wie Apple TV+ und Paramount+. Gleichzeitig sinken die Budgets für einzelne Filme und Serien. Die vormals größte Einnahmequelle, das Kino, steckt dauerhaft in einer Krise, weil das Publikum sich zunehmend von den Streaminganbietern unterhalten lässt, statt Tickets zu kaufen. Online aufgerufene Serien bringen den einzelnen Künstlern aber weniger Tantiemen als Wiederholungen bei klassischen Fernsehsendern; ein Angleich steht auf ihrer Forderungsliste.

Der Vorstand der Gewerkschaft hatte vor der Urabstimmung, ob gestreikt werden soll, die Forderungen formuliert und an die Mitglieder gesandt. Dort heißt es: „Wir brauchen einen Vertrag, der unsere Vergütungspläne verbessert und die Mitglieder vor Einkommensverlusten durch Inflation und sinkende Tantiemen für Wiederholungen schützt, genauso wie vor dem ungeregelten Einsatz von KI und dem Vorschreiben von selbst aufzunehmenden Vorsprechvideos“ (siehe ct.de/yre5). 65.000 Mitglieder nahmen an der Abstimmung teil. Fast alle (97,5 Prozent) stimmten für den Streik.

Die Drehbuchautoren begrüßen die Unterstützung seitens der Schauspieler, weil bekannte Gesichter mehr Publicity versprechen als die öffentlich nicht sichtbaren Autoren. Bei der Premiere von Christopher Nolans Filmbiografie „Oppenheimer“ am Donnerstagabend vor Beginn des Streiks verließ die gesamte Besetzung die Veranstaltung. Unterstützung bekommen die Streikenden außerdem durch einen öffentlichen Brief, den unter anderem Jennifer Lawrence, Ben Stiller, Pedro Pascal und Meryl Streep unterzeichnet haben. „Dies ist kein Zeitpunkt, um sich in der Mitte zu treffen“, heißt es in dem Schreiben.

Die Webseite der SAG-AFTRA gibt sich kämpferisch: Der Streik ist verbindlich. Die Gewerkschaft vertritt rund 160.000 Filmschaffende.
Die Webseite der SAG-AFTRA gibt sich kämpferisch: Der Streik ist verbindlich. Die Gewerkschaft vertritt rund 160.000 Filmschaffende.

Die Folgen

Eine Einigung ist derzeit nicht in Sicht. Der TV- und Filmverband schweigt. Disney-Chef Bob Iger wies die Forderungen als „nicht realistisch“ zurück. Das US-Magazin Deadline zitiert einen anonymen Manager mit der Ankündigung, der Autorenstreik solle so lange ausgesessen werden, bis Gewerkschaftsmitglieder ihre Wohnungen oder Häuser verlieren.

Aufgrund des Autorenstreiks haben die Late-Night-Shows von Jimmy Kimmel und John Oliver seit Mai keine Folgen mehr produzieren können. Die kommende Staffel der Netflix-Serie „Stranger Things“ liegt vorerst auf Eis. Das Kinopublikum dürfte die Folgen des Streiks erst in einigen Monaten zu spüren bekommen. Viele Filmstarts verschieben sich schon von 2024 auf 2025. Die Marvel-Verfilmungen von „Captain America: Brave New World“ und „Blade“ kommen später als geplant ins Kino. Die Filmaufnahmen für „Deadpool 3“ verzögern sich. Auch der dritte Teil der Avatar-Reihe dürfte betroffen sein.

Künstliche Intelligenz durchdringt bereits viele Bereiche der Filmbranche. Der Streit um die Rechte an Büchern, darstellerischer Leistung und den Gesichtern der Schauspieler steht noch ganz am Anfang. Sein Ausgang wird zeigen, wie auch in anderen Bereichen künftig mit schöpferischer Leistung verfahren wird. (akr@ct.de)

Streikaufruf und Antwort: ct.de/yre5

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