Produktionsleiter
Test: Atomos HDMI-Bildmischpult Ninja Cast mit neuer Desktop-App
Atomos verwandelt mit dem „AtomX Cast“-Modul seine HDMI-Monitore Ninja V und Ninja V+ in Bildmischpulte mit Webcam-Ausgang. Nun gibt es dazu auch eine Desktop-App für Windows und macOS, mit der Atomos endgültig Blackmagics „ATEM Mini“-Mischern Konkurrenz macht.
Videoproduzenten schätzen Atomos für deren kompakte HDMI-Monitore. Besonders beliebt sind die Modelle „Ninja V“ und „Ninja V+“ mit 5,2 Zoll großen Full-HD-Touchdisplays zu Straßenpreisen von rund 430 und 650 Euro. Der Grund: Sie dienen auch als HDMI-Recorder und Videosignale in SDR und HDR mit einer Auflösung von bis zu 4K60. Die Besonderheit ist aber Atomos’ Erweiterungsmodul „AtomX Cast“ mit vier HDMI-Eingängen und einem HDMI-Ausgang, das für rund 215 Euro die Geräte in Bildmischpulte verwandelt.
Diese „Ninja Cast“ genannte Kombi lässt sich über USB-C als Webcam mit dem Rechner verbinden und ermöglicht so Videostreaming über Programme wie Zoom, YouTube oder Twitch. Damit konkurriert Atomos mit Blackmagic Design und dessen HDMI-Mischer„ATEM Mini“, der ähnliche Features bietet und den es mittlerweile in vier Varianten (Pro, Pro ISO, Extreme und Extreme ISO) gibt, die zwischen 310 und 1060 Euro kosten (siehe Test in c’t 15/2021, S. 92).
Der Vorteil des Ninja Cast: Man behält ohne separates Display Quellen und Ausgabesignal im Blick. Allerdings stört viele Nutzer, dass das Cast-Modul mit gerade einmal acht mehrfach belegten Tasten ausgestattet ist, während schon der kleinste ATEM Mini satte 69 dedizierte Tasten für Features wie Blenden, Bild-in-Bild und Aufnahmen bietet. Die Bedienung über die Menüs des Ninja-Touchscreens ist unkomfortabel und daher keine Alternative.
Anfang Juli veröffentlichte Atomos nun aber eine Desktop-App für Windows und macOS, über die sich der Ninja Cast bequem vom Rechner aus einrichten und steuern lassen soll. Eine gute Gelegenheit, einmal einen genaueren Blick auf den Mischer inklusive der Desktop-App zu werfen und diese mit dem ATEM Mini zu vergleichen.
Stecksystem
Das Cast-Modul verbindet man mit dem Ninja V/V+ über einen Erweiterungsport in dessen Akkuschacht. Dieser Platz fällt folglich weg, weshalb das Modul einen eigenen Stromanschluss besitzt. Das Netzteil des Ninja V/V+ lässt sich auch für die Kombi verwenden. Der Ninja-Schacht für 2,5-Zoll-SSDs bleibt frei und lässt sich weiter für Aufnahmen nutzen. Da Atomos’ eigene „SSDmini“-Platte komplett darin verschwinden würde, liegt dem Cast ein Griff für diese bei. Der ATEM Mini zeichnet auch auf USB-Platte auf, versperrt den Anschluss dann aber fürs Streaming, außer man greift zur Extreme-Version mit zwei USB-Ports. Immerhin ist beim ATEM Mini alternativ Streaming über Ethernet möglich.
Erst mit der Firmwareversion 10.93.00 lässt sich der Ninja Cast aus der Desktop-App ansprechen. Nach der Installation fungiert der Ninja weiter als Monitor und Recorder, inklusive der üblichen Bedienoberfläche und seiner eigenen Ein- und Ausgänge. Erst, wenn man in den Einstellungen den Cast als Quelle auswählt, startet er von nun an im Bildmischer-Modus.
Das Cast-Modul selbst hat keine analogen Audio-Anschlüsse, dafür lassen sich Mikrofoneingang und Kopfhörerausgang des Ninja verwenden. Der HDMI-Eingang des Ninja wird deaktiviert, nicht aber dessen HDMI-Ausgang. Und während der HDMI-Out des Cast stets das finale Ausgabesignal liefert (Programm), zeigt ein am Ninja angeschlossener Monitor auf Wunsch alternativ eine Vorschau der einzelnen oder aller Quellen. Für einen zweiten HDMI-Ausgang muss man beim ATEM Mini zur teuren „Extreme ISO“-Version greifen, die dann aber auch gleich acht HDMI-Eingänge hat.
Wählerisch
Der AtomX Cast nimmt über HDMI Videosignale bis zur Full-HD-Auflösung 1080p mit 60 Hertz entgegen und gibt diese auch so wieder aus, aber nur über HDMI: USB-C-Out ist auf 1080p30 beschränkt, weshalb das Ausgangssignal gegebenenfalls konvertiert wird. Die Konvertierung erfasst auch das Signal am HDMI-Out des Cast. Will man etwa 1080p60 über HDMI ausgeben, kann man also nur die Konvertierung komplett deaktivieren und erhält dann kein Webcam-Signal, oder man nutzt den HDMI-Ausgang des Ninja.
Videosignale in 720p-Auflösung weist der Ninja Cast zurück, während der ATEM Mini diese akzeptiert. Blackmagics Mischer gibt zudem auch über USB-C Videosignale bis zur Auflösung 1080p60 aus. Ebenfalls unschön: Der Ninja Cast nimmt zwar 1080i-Signale entgegen, verwandelt diese aber in Vollbilder, macht also etwa aus 1080i50 stets 1080p25.
Der Ninja Cast speichert auf Knopfdruck das Ausgabesignal als „Programm“ oder als „Clean Feed“ ohne Einblendungen auf Platte, wobei die erreichbare Auflösung der Aufnahme wieder von den Konvertierungseinstellungen abhängt. Das Maximum liegt bei 1080p60, als Codec kommt Apple ProRes bis zum Kompressionslevel 422 HQ zum Zuge. Der ATEM Mini zeichnet über USB-C auch auf Platte auf, verwendet dabei aber nur H.264 und neigt zur Treppchenbildung. Die Möglichkeit, wie die ISO-Modelle des ATEM Mini auch die einzelnen Quellsignale zu speichern, bietet der Ninja Cast nicht.
Auf den Schirm
Beim Start der beiden Desktop-Apps erkennt man die unterschiedlichen Konzepte der Hersteller auf den ersten Blick: Während die „ATEM Software Control“-App praktisch nur die Tasten des ATEM Mini abbildet, liefert Atomos’ Cast-App Videovorschauen für die einzelnen Quellen und das Programmsignal. So behält man alles leicht im Blick und findet bei Problemen schnell die Ursache.
Welche Erleichterung die Cast-App beim Setup bringt, zeigt sich etwa bei den Overlay-Grafiken für Logos und Bauchbinden: Sie müssen nicht mehr umständlich auf SSD gespeichert und dann in den Cast importiert werden, sondern lassen sich mit einem Klick vom Rechner übertragen. Ein KI-Algorithmus unterstützt zudem beim Anpassen der Farben verschiedener Quellen.
Auffällig ist der geringere Funktionsumfang des Ninja Cast gegenüber dem ATEM Mini, sowohl hinsichtlich der Übergänge und des Medienpools als auch der Audioabmischung. Luma- und Chroma-Keying für Blue- und Greenscreens wie beim ATEM Mini gibt es beim Ninja Cast gar nicht. Dafür kann man dort Lookup-Tabellen (LUTs) für jede Quelle auf das Gerät laden, um angeschlossene Kameras im Log-Profile zu betreiben oder sich kreativ auszuleben. Das ist besonders praktisch, wenn die Zuspieler selbst eine Recording-Funktion haben. Dann lassen sich Log-Aufnahmen anfertigen und zugleich ein Live-Signal im konvertierten Format ausspielen.
Fazit
Wer ein HDMI-Bildmischpult sucht, das Videos in allen möglichen Formaten verarbeitet und zwischen diesen möglichst frei konvertiert, liegt beim Ninja Cast falsch. Hier ist der ATEM Mini die bessere Wahl. Die Atomos-Kombi ist für Leute geeignet, die bereits einen Ninja V/V+ einsetzen oder dessen Kauf eh planen: Mit dem AtomX Cast bekommt man für recht wenig Geld neben Monitor und Recorder noch ein ultrakompaktes Mischpult mit ordentlichen Grundfunktionen plus Streaming hinzu.
Die Desktop-App ist ein wichtiger Schritt: Über deren übersichtliche Oberfläche lässt sich der Ninja Cast so einfach bedienen, dass auch Einsteiger schnell zum Erfolg kommen. Fortgeschrittene User schätzen wiederum den zweiten HDMI-Ausgang und die Möglichkeit, für jede Quelle eigene LUTs zu nutzen. (nij@ct.de)
| Atomos Ninja Cast | |
| Vierkanal-HDMI-Bildmischpult mit Aufnahme- und Streaming-Funktion | |
| Hersteller, URL | Atomos, atomos.com |
| Display | 5,2-Zoll-Touch-LCD, 1920 × 1080 Bildpunkte |
| Anschlüsse | 4 × HDMI-In, 1 × HDMI-Out, 1 × USB-C; zusätzlich über Ninja V/V+: 2. HDMI-Out, 1 × Stereo-Mini-Klinke (Mikrofon/Line), 1 × Stereo-Mini-Klinke (Kopfhörer) |
| unterstützte Auflösungen | HDMI: 1080p23,98/25/29,97/30/50/59,94/60, 1080i50/60 (wird in 1080p25/30 gewandelt); Aufzeichnung: 1080p23,98/25/29,97/30/50/59,94/60; Stream: 1080p23,98/25/29,97/30 |
| Lieferumfang | USB-Kabel, Griff für Atomos SSDmini, Kurzanleitung |
| Straßenpreis | 645 / 865 € (Ninja V / V+ für 430 / 650 € + AtomX Cast für 215 €) |