c't 19/2023
S. 166
Story
Noch 45 Minuten
Bild: Gerald Himmelein

Noch 45 Minuten

Marketing krempelt die Welt um – und füllt Begriffe mit neuem Sinn. Wenn etwas „viral“ geht, ist das nicht unbedingt ein Grund, einen Arzt zu konsultieren, sondern eher ein Anlass, mit irgendeinem Angebot zu rechnen. Wohl dem, der angesichts eines bizarren Aufhängers nicht überstürzt fehlreagiert.

Von Gerald Himmelein

Die Frau auf dem Laptopbildschirm sprach auf eine Weise, die Trevor sehr gestelzt vorkam. „Wir wollen eine weltbewegende Veränderung präsentieren. Hierfür benötigen wir eine Ankündigung mit maximaler Reichweite.“

„Da sind Sie bei mir total richtig!“, antwortete Trevor mit seinem einnehmendsten Lächeln. „High-Saturation New Media Viral Marketing ist mein Spezialgebiet! Capturing Eyeballs heißt die oberste Maxime jeder Werbeaktion!“

Tatsächlich machte er diesen Job erst seit ein paar Wochen. Er hatte sich diverse Bücher zum Thema besorgt, einige davon überflogen und dann einen möglichst souverän aussehenden Webauftritt aufgesetzt: „Trevor Johnson: You have a message. I make the world listen.“ Dann hatte er sich bei den gängigen Online-Marktplätzen angemeldet und die üblichen Buzzwords eingesetzt. Trevor wusste sich zu verkaufen – zuletzt hatte er mit Gebrauchtwagen gehandelt.

„Am liebsten wäre uns, wenn Sie gleich jetzt ein paar Vorschläge machen würden. Pitches, so heißt das doch?“ Die Frau legte den Kopf leicht schief.

„Aber selbstverständlich!“ Trevors Mundwinkel gingen noch einen Tick weiter auseinander. „Vorher sollten wir kurz die Abrechnungsmodalitäten klären, wenn es Ihnen nichts ausmacht?“

„Aber selbstverständlich“, sagte die Frau. Die Stimme klang jedenfalls nach Frau. Ihr Aussehen war eher androgyn. Noch nie hatte Trevor bei einem Videochat ein so gestochen scharfes Bild gesehen wie heute. Es war völlig frei von Artefakten. Vielleicht kamen ihm deshalb die Gesichtszüge seines Gegenübers etwas seltsam vor. Vielleicht waren es auch die schimmernden Augen, deren Farbe sich ständig zu verändern schien.

Ausgerechnet jetzt musste es klingeln! „Entschuldigen Sie, da ist jemand an der Tür“, sagte Trevor und stand auf. „Gar kein Problem“, erwiderte die Frau und legte ihren Kopf wieder schief.

„Gleich wieder da!“ Als Trevor die Tür aufriss, war niemand zu sehen, aber auf der Fußmatte seines Apartments stand eine Schachtel. „Diese Kuriere werden immer frecher“, zischte er leise und bückte sich nach dem Paket.

Der Karton war überraschend schwer. Merkwürdig war auch, dass weder Absender noch Empfänger draufstanden. Eigentlich wollte er schnell zurück zum Video-Call, andererseits lockte ihn der unbekannte Inhalt des Pakets. Die Neugier siegte: Er griff nach einem Cuttermesser und öffnete die Verpackung. Darin lagen auf einem weichen Polster zwei Metallschatullen. Auf einer klebte ein Zettel: „Anzahlung“. Er öffnete sie und fand mehrere Bündel sauberer Geldscheine vor. Die zweite Schatulle ließ sich nicht öffnen.

Bargeld? Wer in aller Welt benutzte heute noch Bargeld? Sofort dachte er an die glitzernden Augen seiner Gesprächspartnerin. War sie womöglich Russin? So ganz ohne Akzent? … Er nahm die beiden Schatullen mit in sein Bürozimmer. „Stammen die etwa von Ihnen?“

Die Frau auf dem Bildschirm lächelte fein. „Entspricht der Betrag nicht Ihren Erwartungen?“

„Äh, die Höhe scheint in Ordnung zu sein, aber so viel Bargeld ist doch sehr ungewöhnlich. Mit einer illegalen Sache wie Drogenhandel will ich nichts zu tun haben!“

Die Frau sah ihn jetzt sehr ernst an. „Ich versichere Ihnen hiermit, dass unser Vorhaben nicht illegal ist.“ Die Intensität ihres Blicks ließ einen Schauer über seinen Rücken laufen.

Endlich wurde ihm bewusst, was an der Frau so merkwürdig war: Sie blickte ihn die ganze Zeit direkt an. Normalerweise sahen Video-Call-Teilnehmer meistens an der Kamera vorbei auf ihr Display, aber seine jetzige Gesprächspartnerin hatte bisher nie den Blickkontakt abreißen lassen. Sie schien nicht einmal zu blinzeln. Irgendwo hatte Trevor mal gelesen, dass Schauspieler so etwas trainieren. Unheimlich fand er es trotzdem, ebenso wie die unbestimmbare Augenfarbe. Nervös legte er seine Hände aufeinander und bemerkte, wie kalt und klamm seine Finger waren.

„Nach Abschluss unseres Brainstormings entsperre ich die andere Schatulle. Sie enthält noch einmal denselben Betrag.“

Plötzlich hatte Trevor einen Kloß im Hals und musste sich räuspern. Von diesem Geld würde er locker zwei, vielleicht sogar drei Jahre leben können. Und da sage noch einmal jemand, es lohne sich nicht, seine Haut online zu Markte zu tragen. „Das ist wirklich sehr großzügig von Ihnen.“

„Vielleicht. Können Sie jetzt bitte mit dem Pitch beginnen?“

„Aber klar doch!“ Trevor saß wieder. Schon bei der Sache mit der Türklingel hatte das Kreativzentrum in seinem Hinterkopf damit begonnen, Vorschläge aus der Luft zu fischen.

„Bevor Sie beginnen, möchte ich betonen: Verschwenden Sie keine Gedanken an die Frage der Machbarkeit. Denken Sie groß, ohne Grenzen! Die Umsetzung ist allein unser Problem.“

Überrascht stellte Trevor fest, dass seine Hände wieder warm waren. Und dann legte er los. Sein Gegenüber nahm jeden Vorschlag mit voller Aufmerksamkeit entgegen und starrte ihm ununterbrochen direkt in die Augen. Nach seiner fünften Idee nickte die Frau und meinte: „Das gefällt mir alles sehr gut. Aber fällt Ihnen noch etwas Größeres ein?“

Trevor merkte, dass ihm etwas schwindlig war. Er fühlte sich, als habe ihm der starre Blick der Frau das Hirn leergesaugt. „Äh … Moment.“ Er griff zu seiner Wasserflasche. Einerseits tat er das, um Zeit zu schinden, andererseits hatte er wirklich enormen Durst.

Während er hastig ein paar Schlucke trank, fiel sein Blick auf das Bücherregal hinter dem Laptop, auf das Fach mit den Marketing-Büchern. In seinem ausgebrannten Hirn entstand eine abstruse Idee. Groß will sie? Der zeige ich groß. „Also, einen Vorschlag hätte ich noch …“

* * *

Jule und Mia standen im Supermarkt an der Kasse, als ihnen die Uhr erschien. Jule sah gerade auf ihrem Handy nach, ob sie auch wirklich nichts für das Rezept vergessen hatten. Da überlagerte auf dem Display plötzlich eine Uhr die Einkaufsliste.

Es war eine ungewöhnliche Uhr: keine plastische Darstellung, sondern ein flaches Icon, eine blassblaue Armbanduhr ohne Band. Im Ziffernblatt war ein einziger Zeiger, der nach rechts zeigte. Oben links zeigte das Handy-Display als Uhrzeit 12:15 an.

Als Jule wieder aufblickte, starrte der Kassierer sie direkt an. Erst dachte sie, er fixierte womöglich ihre Piercings. Dann bemerkte sie, dass das Display der Kasse dieselbe blaue Uhr zeigte wie ihr Handy. Sie sah sich nach Mia um, die ebenfalls auf die Kasse starrte.

Der Kassierer schüttelte den Kopf, runzelte die Stirn und murmelte missmutig: „Was ist das denn wieder für ein Scheiß hier?“ Er drückte ein paar Tasten, aber die Uhr blieb, wo sie war. Er sprach in das Mikrofon, das dem Personal hier ständig um den Hals baumelte. „Ey, ich habe da plötzlich eine blöde Uhr auf der Kasse und kann nichts mehr sehen.“ Tatsächlich überlagerte die Uhr einen Teil der Zahlen auf dem Display.

Mia und Jule blickten sich an. Super Situation – wo sie doch eh schon spät dran waren mit dem Einkauf. Da hatten sie endlich alles zusammen, um Mias Geburtstagskuchen zu backen, und jetzt konnten sie nicht bezahlen. Ruhe bewahren hieß die Parole. Tief durchatmen und abwarten, dass der Laden die Sache geregelt kriegt.

Im Headset des Kassierers quäkte es leise. „Wie, das ist auf allen Kassen?“, antwortete der Kassierer ins Mikrofon. „Das geht doch gar nicht, die anderen sind doch gar nicht an!“ Mia blickte um sich. Tatsächlich: Die seltsame Uhr war auch auf den Displays der unbesetzten Kassen zu sehen.

Jules Blick wanderte zu ihrem Handy zurück; sie staunte. Gerade war das Display schwarz geworden, aber die Uhr war weiterhin da. Sie blickte zur Kasse, wo der Angestellte weiter mit seiner Kollegin im Headset diskutierte. „Wie, ich soll weiterkassieren? Diese beschissene Uhr ist im Weg! Ich seh’ nix!“ Unlustig hackte er auf den Tasten der Kasse herum.

„Verzeihung“, sagte Mia zum Kassierer. Er sah genervt zu ihr hin. „Wenn ich mich nicht irre, ist die Uhr leicht durchsichtig.“ Mit zusammengekniffenen Augen blickte der Kassierer auf das Display. „Tatsächlich. Wenn ich genau hingucke, kann ich dahinter die Zahlen sehen … so’n Mist, das Ganze.“ Er ächzte, sagte „Und das ausgerechnet an einem Samstag …“ und zog missmutig die restlichen Waren über den Kassenscanner.

Leute mit negativer Einstellung gingen Mia schnell auf die Nerven. Sie schloss kurz die Augen, um eine Anmerkung herunterzuschlucken. Statt sie zu beruhigen, verschaffte ihr das einen gewaltigen Schreck.

Sie riss ihre Augen wieder auf und starrte ihre Freundin an, die gerade den Einkaufswagen an der Kasse vorbeischob. „Jule, mach mal kurz deine Augen zu und sag mir, was du siehst!“

„Wie bitte?“

„Mach einfach!“

„Nur, wenn du zahlst.“

Mit leichtem Zittern in ihrer Stimme sagte Mia „Mit Karte, bitte!“ zum Kassierer. „Haben Sie eine Kundenkarte?“, kam die übliche Leier zurück. „Nein“, antwortete Mia und hielt ihr Handy vor das Zahlterminal. Eine kurze Sekunde Pause, dann piepste das Terminal und die Kasse spuckte einen Bon aus. „Brauchen Sie den Bon?“, fragte der Kassierer rein mechanisch, während er ihn schon zusammenknüllte und sich dem nächsten Kunden zuwandte.

„Nein, danke. Schönen Tag noch“, antwortete Mia aus reiner Gewohnheit und drehte sich zu Jule um. Die starrte sie aus großen Augen an. „So was gibt’s doch gar nicht.“

„Dann geht das also nicht nur mir so.“

„Ich sehe diese blöde Uhr sogar mit geschlossenen Augen!“

„Nicht nur das.“ Mia zeigte nacheinander auf das Kartenterminal und die Werbebildschirme über den Kassen: Die blaue Uhr prangte überall.

Inzwischen war der Zeiger drei Schritte weiter gerutscht. Kurzer Gegencheck mit der Handyuhr: 12:18.

„Das ist ein Minutenzeiger!“, stellte Jule fest. „Aber wie zur Hölle kommt diese Uhr hinter meine Augenlider?“

„Erst mal unsere Sachen einpacken und nichts wie raus hier“, meinte Mia. Während die beiden ihre Rucksäcke mit den Einkäufen füllten, bemerkte Mia, wie die Leute im Supermarkt immer unruhiger wurden. Die Kunden hinter ihnen in der Schlange begannen, sich über die Uhr auszutauschen; in einem Kinderwagen plärrte ein Kleinkind.

Die beiden Freundinnen schlängelten sich an drei Damen mittleren Alters vorbei, die heftig mit einer Kassiererin diskutierten, und gingen schnell in Richtung Ausgang. Aus den Augenwinkeln bemerkte Mia, dass das gruselige Ziffernblatt sogar auf den gedruckten Angebotsprospekten zu sehen war. Diese Beobachtung schien ihre Ahnung zu bestätigen.

Endlich wieder frische Luft und natürliches Licht! Doch die Erleichterung währte nicht lange. Vor dem Supermarkt hupten Autos und Menschen schrien einander an. Es hatte eine Massenkarambolage gegeben: Ein schwarzes SUV steckte seitlich in einem Stadtbus. Im Heck des SUV wiederum hatte sich eine Luxus-E-Limousine verkeilt, deren Fahrer sich gerade fluchend von seinem Airbag zu befreien versuchte. Das Elektroauto war wiederum von einem Kleinwagen angefahren worden, dessen Fahrerin wie gelähmt vor sich hinstarrte. Neben dem SUV lag ein Radler auf dem Boden und rieb sich die Beine.

„Okay, den Bus können wir vergessen.“ Bei Jule hatte wieder der Pragmatismus Oberhand gewonnen. „Also zu Fuß nach Hause.“ Mia blickte ihre Freundin mit großen Augen an. „Echt jetzt? Ich soll unseren schweren Einkauf zwanzig Minuten auf dem Rücken heimschleppen?“

„Bei der aktuellen Verkehrslage wird es eher eine halbe Stunde. Aber vom Herumstehen wird’s auch nicht kürzer.“ Dagegen konnte Mia schlecht etwas einwenden. „Und während wir laufen, erklärst du mir, was es mit dieser Uhr auf sich hat. Du bist schließlich das Hirn im Haushalt.“

Mia hielt inne: „Moment noch.“ Sie ging zur E-Limousine, deren Fahrer inzwischen ausgestiegen war und sich mit der Fahrerin des SUV stritt. Mit der linken Hand zog Mia die Airbag-Reste aus dem Weg. Obwohl die Displays auf dem Armaturenbrett außer Betrieb waren, zeigten alle dieselbe blaue Uhr. Gegencheck: Es war 12:21.

Sie kniff kurz die Augen zusammen und nickte. „Also gut, lass uns losgehen.“ Es war kein einfaches Vorankommen. Auf der Hauptstraße reihte sich Unfall an Unfall; auf dem Gehweg standen verwirrte und aufgebrachte Leute im Weg.

„Lass uns einen Schleichweg nehmen, wo weniger Chaos ist“, meinte Jule. Der Wochenendeinkauf hing ihr schwer im Rücken. Die gekauften Backzutaten hätten selbst für drei Geburtstagskuchen reichen können – Mia ging in solchen Situationen immer auf Nummer sicher, um nicht noch einmal rausgehen zu müssen.

Auch auf den Nebenstraßen wurde viel geschrien und geschimpft, aber sie kamen trotzdem besser voran. Einige Kleinkinder schienen den Spuk mit der Uhr gut auszuhalten, aber andere Menschen schrien hysterisch und ließen sich nicht beruhigen. Eine ältere Frau versuchte, ihren hilflos weinenden Mann zu beruhigen.

Mia und Jule wohnten etwas außerhalb, wo die Mieten noch bezahlbar waren. Als die kollektive Aufregung um sie herum endlich etwas abgenommen hatte, zeigte der Zeiger der blauen Uhr direkt nach unten. Jule knipste das Handydisplay an: 12:30.

Sie war es gewohnt, dass Mia ihre Umgebung sehr aktiv beobachtete. Heute war der Blick ihrer Freundin jedoch zielgerichteter als sonst. Mia sah auf Plakate, Aufkleber an Straßenmasten, Schilder in Schaufenstern und sagte gelegentlich leise „Ach“ und „Mmh“.

Jetzt war Jules Geduld am Ende. „So, Mia, jetzt erklär mir endlich das mit der Uhr.“

Mias Antwort war verhalten. „Momentan habe ich nur eine Theorie.“

„Her damit.“ Jule bemerkte, dass in ihrer Stimme ein genervter Unterton mitschwang. Dabei war sie sonst immer so gut darin, Ruhe auszustrahlen.

„Also, meine aktuelle Theorie ist, dass es diese Uhr gar nicht gibt.“

Jule blieb stehen und drehte sich zu Mia um. Der Rucksack schwang etwas nach und die Gurte schnitten ihr in die Schultern. Mia stand direkt vor einem Wahlplakat, auf dem die blaue Uhr das Gesicht des Kandidaten verdeckte.

„Was redest du? Ich kann die Uhr klar und deutlich sehen, direkt hinter dir.“

„Ja, das sieht wirklich echt aus, oder? Aber jetzt schwenke mal deinen Kopf langsam hin und her.“

Erst jetzt fiel es Jule auf. Die Uhr schien kein Teil des Plakats zu sein, sondern sie schwebte irgendwie darüber. „Und jetzt etwas schneller.“ Jule gehorchte und plötzlich, für einen Moment, blitzte hinter der Uhr das verkrampfte Grinsen des Kandidaten auf.

„Und jetzt nicke mal, während du auf das Plakat schaust.“

„Das ist ja’n Ding!“, rief Jule. „Die Uhr zieht nach!“

„Das ist mir zum ersten Mal im Supermarkt aufgefallen. Wenn ich Kopf oder Augen schnell bewege, reagiert die Uhr mit leichter Verzögerung.“ Wenn sie erst mal Fahrt aufgenommen hatte, redete Mia wie ein Lehrbuch.

„Diese seltsame Uhr steht nicht auf den Plakaten und auch nicht auf dem Handydisplay. Es ist eine Art Augmented Reality. AR, sagt dir das was?“

Jule musste kurz überlegen. „Wie vor ein paar Jahren bei Pokémon?“

„So etwas gibt es auch mit Brillen. Ein solches Ding setzt du auf und es blendet Objekte in dein Blickfeld ein, die aussehen, als ob sie zur echten Umgebung gehören, mit der richtigen Perspektive und allem.“

Jules Einwand war offensichtlich: „Ich trage aber keine Brille.“

„Richtig. Dazu kommt, dass wir die Uhr auch bei geschlossenen Augen sehen. Das kann keine AR-Brille.“ Inzwischen waren sie schon fast zu Hause.

„Für mich ist die einzige Erklärung, dass diese Uhr in unseren Köpfen steckt. Es handelt sich um eine kollektive Halluzination.“

„Wie soll das denn gehen? Und warum halluzi … sehen wir alle so etwas Blödes wie diese blaue Armbanduhr?“

Inzwischen zeigte der Zeiger der Uhr nach links: Viertel vor eins. Sie waren schneller vorangekommen, als Jule geschätzt hatte. Kurz blieben die beiden vor dem Altbau stehen, in dessen drittem Stock ihre Wohnung lag. Die beiden Freundinnen ächzten die Treppen hoch. Erschöpft ließ Mia ihren Rucksack auf die Fußmatte sinken, während Jule aufschloss.

Etwas atemlos versuchte Mia zu erklären. „Kommt dir die Uhr vom Aussehen her nicht irgendwie bekannt vor?“ Jule schüttelte den Kopf.

„Apple hatte mal so eine ähnliche Uhr als Wartezeichen, so wie Microsoft beim alten Windows die Sanduhr.“ „Eine Sanduhr? Meinst du etwa eine Eieruhr?“

Mia staunte immer wieder, was Jule alles nicht kannte, dabei war ihre Freundin nur ein Jahr jünger als sie. „Das, was heute der bunte Kreis ist. Oder der glühende Ring.“

„Willst Du mir sagen, dass diese Uhr ein Bitte-warten-Zeiger ist?“

„Nicht ganz. Aber ich glaube, dass sie absichtlich so aussieht. Mach mal den Fernseher an.“

Inzwischen störte es Jule schon gar nicht mehr, dass der Fernseher die Uhr schon anzeigte, obwohl er noch ausgeschaltet war. So sehr hatte sie sich bereits mit der bizarren Situation arrangiert.

Dann wurde es aber doch seltsam. Im Fernsehen lief eine Nachrichtensendung. Sofort verschob sich die Uhr aus der Mitte des Displays über das Gesicht der rechts sitzenden Moderatorin. Links von ihr saß ein Kollege. Als der Mann die Moderation übernahm, verdeckte die Uhr plötzlich sein Gesicht und ihres wurde wieder sichtbar.

„Schau an!“, sagte Jule zu Mia. „Irre Sache! Die Uhr bedeckt immer den Teil des Bildes, der am interessantesten ist. Das passt zu deiner Theorie, oder?“

Stumm standen die beiden vor dem Fernseher.

„… weiterhin keine Erklärung für die blaue Uhr, deren Countdown seit einer halben Stunde die ganze Welt in Atem hält.“

„Ein Countdown!“ Auf diese Idee war Mia noch gar nicht gekommen. Plötzlich ergab auch die Uhrzeit Sinn. „Die Uhr zählt in Richtung zwölf Uhr mittags!“

„Es ist aber viertel vor eins“, wandte Jule ein.

„Nicht für diese Uhr. Sie richtet sich nach der Welt-Standardzeit, Greenwich Mean Time.“

Beiden Moderatoren war der Stress deutlich anzusehen. Unter ihnen bewegte sich eine Laufschrift mit Hinweisen. „Bleiben Sie ruhig. Von der Uhr geht keine Gefahr aus. Bleiben Sie zu Hause. Rufen Sie nicht den Notruf, alle Leitungen sind überlastet.“

„Stell dir vor, da ist ein Arzt mitten in der Laser-OP und plötzlich sieht er nur noch die Uhr auf seinem Display.“ Jule schüttelte sich.

„Ein Totalausfall wird das nicht“, versuchte Mia ihre Freundin zu beruhigen: „Als wir uns an der Kasse auf das Display konzentriert haben, wurde die Uhr durchsichtig. So wird das auch im OP sein.“

„Das probiere ich jetzt auch mal aus!“ Und tatsächlich, wenn Jule ganz konzentriert auf den Fernseher starrte, konnte sie hinter der Uhr das Gesicht der sprechenden Moderatorin erkennen. „Ist aber ganz schön anstrengend.“

Es war jetzt zehn Minuten vor 13 Uhr.

„Wir erfahren gerade, dass die Uhr an einigen Orten inzwischen auch am Himmel zu sehen ist.“ Exakt in diesem Moment verschwand die Uhr plötzlich komplett vom Gesicht der Sprecherin, aber nicht aus dem Blickfeld.

„Was ist das denn jetzt für ein neuer Scheiß?“, fragte Jule. Ihre Augen versuchten, der Uhr zu folgen, doch diese wich ständig aus. In einer Nachbarwohnung heulte ein Mann auf, oder ein Hund, es war schwer zu unterscheiden.

„Mia, spinnt die Uhr bei dir auch so rum?“ Jule drehte sich zu ihrer Freundin, die am Fenster stand.

„Komm mal her“, sagte Mia mit belegter Stimme. Sie blickten beide aus dem Fenster in Richtung Himmel. Plötzlich war die Position der Uhr wieder fix an einer Stelle, direkt vor einer dunklen Wolke.

Als Jule ihren Kopf zu Mia wendete, wanderte die Uhr wieder an den Rand ihres Blickfelds. Sehr nervig, das. Mia sah weiterhin in Richtung Wolke. „Sie wollen, dass wir auf diese Stelle blicken.“

„Sie? Wer soll das sein?“

„Wer auch immer sich hinter dieser Wolke versteckt.“

Hinter ihnen quäkten die Moderatoren im Fernseher. „Aus den Vereinigten Staaten erfahren wir gerade, dass die US-Luftstreitkräfte in Angriffsformation auf mehrere große Wolken zufliegen, die seit fast einer Stunde über den zehn wichtigsten Metropolen des Landes hängen.“ Kurz darauf hieß es: „Russische Medien melden Raketenabschüsse. Das Ziel seien unbekannte Flugobjekte oberhalb der fünf größten Städte der russischen Föderation.“

Mia schüttelte langsam den Kopf: „Ich habe mir gleich gedacht, dass das nicht gut endet.“ Vor dem Haus versammelten sich immer mehr Menschen; alle blickten auf dieselbe Stelle am Himmel.

Mit großer Anstrengung schaute Jule zu Mia. Es tat schon fast körperlich weh, von der Uhr wegzublicken, so stark war die Sogwirkung und so unangenehm fühlte es sich an, wenn das Ding am Rande des Blickfelds herumflog, statt an einer Stelle zu bleiben.

Mias Gesichtsausdruck war unergründlich. Sie blickte starr nach oben zum Himmel. „Die müssen enorm starke elektromagnetische Felder erzeugen können, um uns allen gleichzeitig diese Uhr ins Hirn zu spiegeln. Technisch liegt das weit über dem, was wir Menschen bisher erreicht haben. Wer auch immer da oben in der Wolke ist, sie sind nicht von dieser Welt.“

Es war jetzt drei Minuten vor eins. Ein gleißender Lichtpunkt flog in einer Kurve mit einer dunklen Rauchfahne auf die Wolke zu. Es gab eine kleine Explosion. Zwei weitere Raketen folgten.

„Nachdem alle bisherigen Angriffe gescheitert sind, hat der amerikanische Präsident offenbar den Einsatz nuklearer Waffen gegen die …“

Wieder flog ein Lichtpunkt auf die Wolke zu. War das Einbildung oder war dieser größer als die davor? Mia drehte sich zu Jule um. „In Deckung! Jetzt!“ Sie warf das Fenster zu, packte ihre Freundin am Arm und hechtete mit ihr hinter das Wohnzimmersofa.

Draußen wurde es plötzlich sehr hell. Kurz darauf krachte es sehr laut und Fensterscheiben zersplitterten. Jule und Mia lagen zusammengekauert hinter dem Sofa, mit den Händen auf den Ohren und mit zugekniffenen Augen. Die Uhr zeigte eine Minute vor eins.

Draußen leuchtete es erneut auf, so hell, dass Mia und Jule es trotz geschlossener Augen als rotes Glühen wahrnahmen. Ein weiteres Krachen, noch lauter als zuvor. Die Bücher wackelten im Regal, Bilder fielen von der Wand, in der Küche schepperte es.

Der Fernseher rutschte zu Boden, splitterte, wurde schwarz und verstummte. Trotzdem blitzte auf dem Display wieder die Uhr auf. Ihr Zeiger zeigte jetzt direkt nach oben. Dann verschwand die Uhr vom Fernseher. Die beiden Freundinnen sahen sich kurz an, Mia zuckte mit den Schultern.

Plötzlich ging der Fernseher wieder an. So schien es jedenfalls; vermutlich war es auch wieder eine AR-Einblendung. Zu sehen war der Kopf einer androgyn wirkenden Person. Ihr Blick hatte dieselbe unbegreifliche Intensität wie zuvor die Uhr. Ihre Augenfarbe war unergründlich.

„Menschen der Erde“, begann die Person zu sprechen. „Wir sind von weit her gereist, um Sie aufzusuchen. Eigentlich sollte dies eine Einladung werden, einer interstellaren Gemeinschaft beizutreten. Eine unserer Beobachtungssonden hatte uns gemeldet, es gebe intelligentes Leben hier. Aus den Ereignissen der letzten Minuten folgern wir allerdings, dass diese Einschätzung fehlerhaft war. Ohne Provokation haben Ihre primitiven Waffen zwei unserer Flugkörper beschädigt. Der Rest unserer Flotte blieb glücklicherweise unversehrt.“ Die Person sprach mit einer gewissen Strenge, aber ohne Zorn.

„Mehr noch: Mit Ihrem sinnlosen Angriff haben Sie zahlreiche Ihrer eigenen Metropolen verstrahlt. Wie unsere Systeme erkennen lassen, hat dieser unüberlegte Waffeneinsatz eine Kettenreaktion in Ihrer Atmosphäre ausgelöst, die katastrophale Vernichtungen zur Folge haben wird.“

Die Person kippte ihren Kopf leicht zur Seite. „Unseren statistischen Modellen zufolge werden sich in Ihrer Atmosphäre in Kürze massive Stürme bilden, durch die kein Licht mehr zur Oberfläche durchdringen wird. Das wird innerhalb von Tagen zum Kollaps dessen führen, was Sie als Zivilisation bezeichnen.“

Draußen wurde es wieder blendend hell, dann ertönte ein Krachen. Der Blick der Person auf dem Bildschirm verfinsterte sich. „Ihre fortgesetzten Angriffe verbessern Ihre Lage nicht. Nach den ersten Einschlägen haben wir unsere Schutztechnik sofort an Ihre Waffensysteme angepasst. Sie machen alles nur noch schlimmer für sich.“

Wieder blitzte und krachte es. „Aufgrund der aktuellen Ereignisse werden wir unsere Sonden neu kalibrieren. Vor künftigen Kontaktaufnahmen werden wir Parameter wie Aggression, Bewaffnung und den Umgang mit Artgenossen in die Bewertung miteinbeziehen.“

Mit dem nächsten Satz nahm die Stimme der Person einen anderen Tonfall an. Jetzt schwang leichtes Bedauern mit, vielleicht sogar Mitgefühl. „Unser Besuch und der Name Ihres Sternensystems werden dauerhaft in unseren Archiven gespeichert. Das hier Erlebte wird Grundlage für weitere Optimierung der Kontaktaufnahme zu neuen Welten sein. So wird dieser Tag nicht ganz sinnlos bleiben.“

Die Person von einer anderen Welt schloss ihre einzigartigen Augen und der kaputte Fernseher wurde wieder schwarz.

Jule konnte nicht mehr anders: Erst begannen ihre Schultern zu zucken, dann fing sie an zu kichern. „Virales Marketing“, sagte sie leise. „Diese blöde Uhr war nichts anderes als Marketing.“ Mia starrte sie entsetzt an.

„Die letzte Dreiviertelstunde war eine gigantische Werbeaktion, um die Menschheit auf diese Übertragung vorzubereiten. Aufmerksamkeit um jeden Preis, zum logischen Ende gedacht.“ Draußen begann es, dunkel zu werden.

Erst jetzt merkte Jule, wie Mia langsam Tränen über die Wangen liefen. Sie hinterließen helle Streifen auf ihrem staubbedeckten Gesicht. Jule nahm Mia in die Arme. Plötzlich wurde die größere Frau schlaff und schwer und fing an zu heulen wie ein kleines Kind.

Geduldig hielt Jule ihre Freundin im zertrümmerten Wohnzimmer in den Armen, bis der Weinkrampf vorbei war. Es wurde immer dunkler.

Als Mia sich wieder halbwegs gefangen hatte, trat sie einen Schritt zurück und blickte auf den zerstörten Fernseher. „Ich wüsste echt gern, wie diese Aliens auf die Idee mit der Uhr gekommen sind. So was Bescheuertes kann sich doch eigentlich nur ein Mensch ausgedacht haben.“ (psz@ct.de)

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