Lesen mit Mehrwert
E-Book-Reader Boox Poke 5 mit vollwertigem Android und E-Ink-Display
Die meisten E-Book-Reader eignen sich nur zum Lesen. Der Poke 5 macht vieles anders und versucht sich darüber hinaus als kompaktes, schwarzweißes Android-Tablet – inklusive Googles App-Store.
Äußerlich kommt der Poke 5 des chinesischen E-Reader-Spezialisten Onyx schlicht daher: Das satinierte Kunststoffgehäuse wirkt kantig und ein wenig schmucklos, zeichnet sich aber durch sehr schmale Displayränder aus. So ist der Poke 5 mit einer Höhe von knapp 15 Zentimetern deutlich kompakter als andere E-Reader. Das geht erfreulicherweise nicht zulasten der Bildqualität, denn im Poke 5 steckt das gleiche E-Ink-Carta-Plus-Display mit einer Diagonalen von 6 Zoll (15,2 cm), das auch bei sehr vielen Readern der Konkurrenz zum Einsatz kommt. Es hat eine Auflösung von 1072 × 1448 Bildpunkten, kommt damit auf 300 dpi und überzeugte in unserem Test mit einer gestochen scharfen Darstellung ohne ausgefranste Schriftbilder.
Eine Besonderheit ist die Frontbeleuchtung: Bei den meisten Readern stellt man mit einem Schieberegler die Helligkeit und mit einem zweiten die Farbtemperatur ein. Der Poke 5 hat zwar ebenfalls zwei Schieber, doch verstellt einer die Helligkeit der bläulichen und der zweite die der orangen LEDs. Zudem lässt sich warmes und kaltes Licht über zwei Schaltflächen getrennt voneinander ein- und ausschalten. Je nach Tageszeit und Umgebungslicht muss man also etwas probieren, bis man die gewünschte Helligkeit samt Farbton trifft. Eine Automatik für wärmere Töne abends und nachts fehlt.
Content satt
Das eigentliche Highlight des Poke 5 ist seine Flexibilität, die er einem nahezu vollwertigen Android-Betriebssystem verdankt. Onyx hat den Poke 5 sehr offen gestaltet: Er unterstützt E-Books aller gängigen Formate, die sich komfortabel über gängige Clouddienste auf den Reader beamen lassen. Zur Auswahl stehen neben der chinesischen Cloud von Baidu auch die hierzulande etablierten Dienste Dropbox, Google Drive und Microsoft OneDrive. Der eingebaute WebDAV-Client erschließt weitere Datenbestände, etwa beim Mail-Provider oder auf der eigenen Nextcloud.
Darüber hinaus bietet Onyx eine eigene Cloud mit 10 GByte Speicher für Bücher und die Synchronisation des Lesefortschritts. Zur Registrierung gibt man dort seine Handynummer an und tippt danach den per SMS empfangenen Log-in-Code ein. Wer das aus Datenschutzgründen nicht möchte, kann den Reader auch ohne Account und Herstellercloud nutzen. Verzichten muss man dann lediglich auf den Onyx-Bücher-Shop. Ein Verlust ist das nicht, denn die Auswahl ist dort ohnehin sehr mau und besteht größtenteils aus alten, gemeinfreien Schwarten, deren Copyright abgelaufen ist. Bücher kauft man besser in anderen Shops – etwa im Tolino-Universum – und schiebt sie mit der kostenlosen Bibliothekssoftware Calibre oder über einen der unterstützten Cloudspeicher auf den Poke 5.
Dank des Android-Unterbaus ist der Onyx-Reader spannend für Anwender, die Bücher nicht kaufen, sondern leihen wollen. So ist die App des Bücher-Flatrate-Dienstes Skoobe auf dem Poke 5 vorinstalliert. Abonniert man den von namhaften Verlagen gegründeten Dienst für rund 12 Euro pro Monat, lassen sich in der Skoobe-App etwa 400.000 E-Books und mehr als 10.000 Hörbücher direkt auf dem Reader nutzen.
Abseits vom Lesen finden sich im App-Menü des Poke 5 unter anderem ein Kalender, ein Audio-Player und ein Bildbetrachter. Im Onyx-App-Store gibt es weitere Anwendungen wie etwa den Chrome-Browser, GMail oder die Notiz-App Google Keep.
Reader und Tablet in einem Gerät
Richtig ausreizen lässt sich der Poke 5, wenn man in den Einstellungen die Google-Dienste aktiviert. Das klappt ab der Firmware 3.2.2. Anschließend steht der Google Play Store bereit und erlaubt nach der Anmeldung im eigenen Google-Konto die Installation beliebiger Android-Apps. Zu denen gehört beispielsweise die „Onleihe“ des Verbunds zusammengeschlossener Bibliotheken, in der man nach Vorlage seines Bibliotheksausweises digitale Werke ausleihen kann. Und wer mag, installiert Amazons E-Book-App.
Die Android-Apps dienen nicht nur zum Lesen, denn mit ihnen lässt sich der Poke 5 fast wie ein Android-Tablet im Mini-Format nutzen: Das E-Ink-Display reicht zum Surfen, Chatten, Mails Checken oder gar einen kurzen Ausflug auf Instagram in den meisten Fällen aus. Prinzipbedingt eignen sich die monochromen E-Paper-Displays nicht besonders gut für die Anzeige von Bewegtbildern, da die schwarz-weißen Mikrokügelchen bei jedem Bildwechsel ihre Ausrichtung ändern müssen, was anders als bei LCDs oder OLEDs etliche Millisekunden benötigt. Entsprechend verwaschen sehen Videos auf dem Poke 5 aus. Um das Problem zu entschärfen, hat Onyx dem Reader ein spezielles Einstellungsmenü spendiert: Wischt man bei laufender Android-App vom linken unteren Bildrand nach oben, lässt sich die Geschwindigkeit der Bildauffrischung in vier Stufen verstellen. Die höchste Stufe saugt zwar deutlich mehr am Akku, sorgt aber dafür, dass der Bildaufbau – wenn man seine Ansprüche herunterschraubt – sogar für die Wiedergabe eines kurzen Videoclips ausreicht.
Auch an anderen Stellen finden sich sinnvolle Einstellungsoptionen für Android-Apps. Um etwa die Layouts zu optimieren, erlaubt der Poke 5 für jede Android-App separate DPI-Einstellungen. Zudem lässt sich festlegen, ob Apps im Hintergrund laufen dürfen; auf Wunsch kann man sie komplett einfrieren, damit sie gar keinen Daten- und Akkuverbrauch mehr verursachen. Apropos Akku: Bei täglicher Nutzung erreichten wir eine Laufzeit von rund zwei Wochen. Je nach Intensität der Frontbeleuchtung ist aber auch mehr oder weniger drin.
Die 32 GByte Speicher reichen für Bücher und eine Handvoll Apps völlig aus. Poweruser mit vielen Hörbüchern erweitern den Speicherplatz über den microSD-Slot an der Unterseite des Readers. Wer Hörbücher oder Podcasts auf dem Poke 5 hören möchte, muss den Reader via Bluetooth mit Kopfhörern oder Boxen koppeln, da er keine Lautsprecher an Bord hat. Gut gefallen hat uns, dass der Reader sämtliche E-Books auf Wunsch eigenständig vorliest. Onyx nutzt hierfür die Text-to-Speech-Engine von Google. Sie klingt natürlicher als etliche Sprachausgaben anderer Reader und erlaubt es, die Geschwindigkeit der Aussprache und die Betonung anzupassen.
Wischen, Tippen, Lesen
Die Bedienung des Poke 5 weiß gleichermaßen zu gefallen und manchmal zu nerven. Die vielen Anpassungsmöglichkeiten führten in den ersten Tagen dazu, dass wir uns fragten, wo welche Einstellungsoption zu finden ist. Zudem überfrachtet Onyx die Bedienoberfläche mancherorts. Markiert man beispielsweise im Buch ein Wort oder einen Satz, öffnet sich ein Pop-up mit sieben Icons zur Textmarkierung und -hervorhebung und in der zweiten Reihe neun weitere Icons, die unter anderem anbieten, den Text zu kopieren, eine Websuche anzustoßen, eine Notiz anzulegen oder die Passage vorzulesen. Das bekommt die Konkurrenz in vielen Fällen eleganter hin.
Verwirrend fanden wir auch die Auswahl der Schriften, die Onyx unnötigerweise dreigeteilt hat: Der erste Reiter im Schriftmenü stellt Schriftgröße und -typ für CJK (Chinese/Japanese/Korean) ein, erlaubt aber auch die Auswahl westlicher Fonts. Der zweite Reiter ist für internationale Sprachen, die Onyx jedoch stets als Englisch bezeichnet, obgleich wir die Systemsprache auf Deutsch eingestellt hatten. Beide Menüpunkte beziehen sich auf das Schriftbild im jeweiligen Buch. Der dritte Reiter verstellt hingegen die Systemschrift, die einem außerhalb der Bücher in Menüs und auf dem Homescreen begegnet. Apropos Menüs: Trotz deutscher Spracheinstellungen verbleiben einige Menüpunkte auf Englisch oder sind fehlerhaft übersetzt.
Fast alles lässt sich umfangreich konfigurieren – etwa die ausklappbare Seitenleiste, die beim Lesen Schnellzugriff auf Funktionen wie Blättern, Kapitelsprung, die Suchfunktion oder das Inhaltsverzeichnis bietet. Auch die Wischgesten sind nicht in Stein gemeißelt: Ein Wisch vom oberen Rand öffnet das sogenannte Control Center, das wie bei Android-Telefonen über Kacheln beziehungsweise Icons – ebenfalls konfigurierbar – wichtige Funktionen mit einem Fingertipp aufruft. Wischen nach links oder rechts blättert vor und zurück und ein Wisch von unten rechts bringt einen zurück auf den Homescreen.
Nach dem höheren Aufwand, den Poke 5 einmalig an eigene Bedürfnisse und Vorlieben anzupassen, geht die Bedienung flott von der Hand. Mittels Wischgesten kommt man im App-Menü, der Bibliothek und in Büchern schnell ans gewünschte Ziel. Der Vierkernprozessor (Snapdragon Kyro 280) mit einem Takt von 2 GHz sorgte im Alltag stets für eine flüssige Bedienung. Der Poke 5 reagierte flott auf jede Eingabe und nervte nicht mit Ruckeln oder Gedenksekunden.
Fazit
Als vollwertiges Android-Tablet geht der Boox Poke 5 nicht durch. Trotz durchaus fruchtbarer Bemühungen eignet sich ein E-Ink-Display prinzipbedingt eher nur für überwiegend statische Inhalte – das Gleiche gilt auch für die farbige Variante mit 10,3-Zoll-Display und Stift für 649 Euro (siehe Test in c’t 19/2023, S. 68). Die Rolle als Hybrid gelingt dem Poke 5 aber gut, denn viele Kleinigkeiten, für die man sonst beim Lesen doch zum Handy gegriffen hätte, lassen sich direkt auf dem E-Reader erledigen. Wer das möchte, zahlt den Aufpreis gegenüber reinen Readern mit 6-Zoll-Display gerne.
Im Alltag gefällt er aber vor allem deshalb, weil er mit seiner Anbindung an den Play Store viel flexibler ist als andere Reader, die im Allgemeinen an ihr Ökosystem gebunden sind und einen Account erzwingen: Wer neben gekauften Büchern auch Inhalte von Skoobe, Onleihe oder Zeitschriften, Magazinen oder Zeitungen auf dem Reader lesen will, wird den Poke 5 zu schätzen wissen und ihm ob der Funktionsvielfalt auch die ein oder andere Unübersichtlichkeit beim Bedienkonzept verzeihen. (spo@ct.de)
| Boox Poke 5 | |
| E-Book-Reader | |
| Hersteller | Onyx, onyxboox.com |
| Austattung | |
| Abmessungen / Gewicht | 14,8 cm × 10,8 cm × 0,7 cm / 160 g |
| Speicherplatz / erweiterbar | 32 GByte / ✓ (microSD) |
| Display / Größe | E-Ink Carta Plus / 6 Zoll (15,2 cm) |
| Auflösung / Helligkeit | 1072 × 1448 (300 dpi) / 0,2–60 cd/m2 |
| Akku | Li-Ion, 1500 mAh |
| Schnittstellen | Wi-Fi 5, Bluetooth 5.0, USB-C |
| Bedienung / wasserfest | Touch / – |
| Funktionsumfang | |
| Formate | TXT, HTML, RTF, FB2, FB2.zip, DOC, DOCX, PRC, MOBI, CHM, EPUB, JPG, PNG, GIF, BMP, PDF, DjVu, MP3, WAV, CBR, CBZ |
| DRM | – |
| Ausleihe / Flatrate | ✓ / ✓ |
| Suche / Markieren / Notizen / Worterbücher | ✓ / ✓ / ✓ / ✓ |
| Farbtemperatur anpassbar / automatische Farbtemperatur / automatische Helligkeit | ✓ / – / – |
| Display-Rotation | ✓ |
| Cloud-Speicher / externe Clouds | ✓ / ✓ |
| Hörbucher / Vorlesefunktion | ✓ / ✓ |
| Browser / Apps | ✓ / ✓ |
| Gerätesperre / Gastzugang / ohne Account nutzbar | ✓ / – / ✓ |
| Bewertung | |
| Display | |
| Funktionsumfang | |
| Ausstattung | |
| Bedienung | |
| Straßenpreis | 210 € |
| sehr gut gut zufriedenstellend schlecht sehr schlecht ✓ vorhanden – nicht vorhanden | |