c't 20/2023
S. 146
Praxis
Wikipedia
Bild: KI Midjourney | Bearbeitung: c't

Mit menschlicher Intelligenz

Wie Wikipedia funktioniert, wie sie wirkt und wie man sie sinnvoll nutzt

Die Wikipedia: eine beeindruckende Erfolgsgeschichte, die einzige nicht-kommerzielle Website unter den Top Ten, ein Monopol – und manchmal ein Problem. Weil Wikipedia oft falsch genutzt wird, weil sie Ziel von Angriffen ist und weil ihre Selbstkontrolle nicht immer funktioniert. Wir zeigen, wie Sie trotzdem von der Online-Wissenssammlung profitieren.

Von Albrecht Ude

Was haben der Name Wilhelm und Stalins Badezimmer gemeinsam? Beide stehen für die Wirkmacht der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Am Abend bevor Karl-Theodor zu Guttenberg im Jahr 2009 Bundeswirtschaftsminister wurde, dichtete ihm ein anonymer Wikipedia-Nutzer den Vornamen Wilhelm an. Zwar wurde die Änderung schnell entdeckt und rückgängig gemacht, doch tags darauf nutzten Bild-Zeitung und Spiegel trotzdem den falschen Wilhelm.

Stalins Badezimmer tauchte nur wenige Tage später auf: Die Karl-Marx-Allee in Berlin sei zu DDR-Zeiten so genannt worden, behauptete wiederum ein anonymer Nutzer im Wikipedia-Eintrag der Allee. Anders als der falsche Wilhelm blieb diese Änderung jahrelang unentdeckt, der falsche Fakt schaffte es sogar in Reiseführer.

Wikipedia auf Plattdeutsch und Pennsylvania-Deitsch

Solche Fakes haben bei Wikipedia schnell Erfolg, weil der Onlinedienst so beliebt ist. Bei Schülern und Studierenden, bei Suchmaschinen, die Wikipedia-Artikel oft sehr prominent präsentieren, und bei Anbietern von Sprachmodellen. Sie trainieren ihre Algorithmen mit den Textmengen aus Wikipedia, weil sie die Texte, die normalerweise kollaborativ entstehen, als hochwertig einschätzen. Wie Sie selbst Wikipedia-Inhalte bewerten, Fakes erkennen und in der Enzyklopädie recherchieren, lernen Sie in diesem Text.

Vergleich zweier Versionen eines Wikipedia-Artikels: Um 22:40 Uhr fügte jemand den falschen „Wilhelm“ in den langen Namen Karl-Theodor zu Guttenbergs ein.
Vergleich zweier Versionen eines Wikipedia-Artikels: Um 22:40 Uhr fügte jemand den falschen „Wilhelm“ in den langen Namen Karl-Theodor zu Guttenbergs ein.

Heute ist die „freie Enzyklopädie“ die größte Universalenzyklopädie. Das mag auch daran liegen, dass ein elektronisches Lexikon mit klickbaren Hyperlinks besser nutzbar ist als eins auf Papier. Die Links können außerdem eine nützliche Recherchehilfe sein – mehr dazu weiter unten. Zudem ist Wikipedia schneller aktualisierbar als analoge Nachschlagewerke, nämlich in Echtzeit.

Wikipedia ist nach Sprachen organisiert, nicht nach Staaten. So gibt es eine deutschsprachige Wikipedia für alle, die Deutsch schreiben, aber keine deutsche, österreichische oder Schweizer Version. Neben der hochdeutschen Sprachversion gibt es auch die auf Plattdeutsch, Luxemburgisch, Alemannisch, Bayrisch, Nordfriesisch, Saterfriesisch, die im Kölner Platt und die auf Pennsylvania-Deitsch. Insgesamt gibt es die Wikipedia derzeit in 321 Sprachversionen.

Nach Zählung von „The top 500 sites on the web“ steht wikipedia.org (also alle Sprachversionen zusammen) auf Platz 8 der meistgenutzten Websites weltweit. Damit ist sie die einzige nicht kommerzielle unter den fünfzig meistbesuchten Websites – eine beeindruckende Leistung der Vielen, die sich in der Wikipedia engagieren.

Wie die freie Enzyklopädie funktioniert

Ein Grund für diesen Erfolg dürfte die niederschwellige Einladung zur Mitarbeit sein: Wer will, kann mitschreiben, sogar anonym. Wer sich einen Account anlegt, kann das unter Pseudonym tun und damit ebenfalls anonym bleiben. Viele „Wikipedianer“ (so nennt man die ehrenamtlichen Mitarbeiter) nutzen diese Möglichkeit.

Auch komplett anonym kann man zu Wikipedia beitragen. Als Benutzername erscheint dann nur eine IP-Adresse.
Auch komplett anonym kann man zu Wikipedia beitragen. Als Benutzername erscheint dann nur eine IP-Adresse.

Das Prinzip „Jeder kann mitschreiben“ wird ergänzt durch ein zweites: „Alles wird protokolliert“. An jeder frei editierbaren Seite hängt eine maschinell erstellte, nicht editierbare „Versionsgeschichte“. Frei editierbare Seiten gibt es viele, denn die Wikipedia hat verschiedene „Namensräume“. Der größte sind die Artikel, daneben gibt es die Benutzerseiten, auf denen sich registrierte Nutzer vorstellen können, die Hilfsseiten, die Wikipedia-internen Seiten mit Metainformationen und andere mehr.

Jede Benutzerseite hat eine eigene Diskussion und Versionsgeschichte. In der Spalte links findet man alle „Benutzerbeiträge“.
Jede Benutzerseite hat eine eigene Diskussion und Versionsgeschichte. In der Spalte links findet man alle „Benutzerbeiträge“.

Die Struktur ist in jedem Namensraum gleich. Für jede Seite gibt es eine Diskussionsseite, um über das Thema der Seite zu diskutieren, außerdem Links auf die Nutzerseiten derer, die sich beteiligen. Auch Nutzerseiten haben Diskussionsseiten, auf denen man mit diesen Nutzern oder über sie schreiben kann. Diese Diskussionen werden jahrgangsweise archiviert. Zudem wird alles, was ein (eingeloggter) Benutzer schreibt, auf der Seite „Beiträge“ geloggt. Also gilt: Geschrieben ist geschrieben; maximale Transparenz, was Inhalte angeht.

Jeder darf in Wikipedia mitschreiben – die Kompetenten, die Inkompetenten und die Fleißigen (zu welcher Gruppe jemand gehört, wird nicht geprüft). Daher ist das Niveau der einzelnen Artikel höchst unterschiedlich. Wenn viele Menschen sagen, was sie wissen, gibt es auch Nichtwissen, Fehler, veraltetes Wissen und bewusste Fälschungen. Wer in der Wikipedia liest, muss selbst prüfen, wie es um den konkreten Artikel steht.

Grundsätzlich gilt: Wikipedia ist keine Quelle (außer, es geht um Wikipedia selbst) und Texte der Wikipedia sind immer zweifelhaft (wie jeder Text). Trotzdem sollte man diesen Schatz an Wissen nicht missachten; es wäre ein Fehler, die Wikipedia nicht zu nutzen.

Mindestens drei Klicks

Um die Qualität der konkreten Information zu prüfen, braucht man nur drei Klicks. Der erste geht selbstverständlich auf den Artikel, den man ja lesen will. Der zweite sollte auf die Versionsgeschichte gehen. Darin ist von der ersten Zeile des Artikels bis zu seiner jetzigen Gestalt lückenlos vermerkt, wann wer was daran geschrieben hat. Jede noch so kleine Änderung wird protokolliert.

Die Versionsgeschichte erzeugt für jede einzelne Änderung eine neue Zeile – auch wenn nur ein Komma gelöscht wird.
Die Versionsgeschichte erzeugt für jede einzelne Änderung eine neue Zeile – auch wenn nur ein Komma gelöscht wird.

In der Versionsgeschichte steht jede Änderung am Artikel in einer Zeile, die jeweils folgende Informationen enthält:

  • Aktuell: zeigt den Unterschied zur nachfolgenden Version,
  • Vorige: zeigt den Unterschied zur vorherigen Version,
  • Uhrzeit und Datum der Änderung zeigen, wie der Artikel zu diesem Zeitpunkt (nach der Änderung) aussah,
  • Wikipedia-Nutzername oder IP-Nummer: zeigt, wer die Änderung machte, und verlinkt zur Benutzerseite des Wikipedianers oder zu einer Liste der Wikipedia-Artikel, die von dieser IP-Adresse geändert wurden,
  • Diskussion: verlinkt die Diskussionsseite des Wikipedia-Nutzers,
  • Beiträge: zeigt, welche Beiträge der Nutzer bearbeitet hat,
  • Bytes: zeigt die Größe des Artikels nach der Änderung (ein „K“ davor weist auf eine „Kleine Änderung“ hin),
  • der Hinweis am Ende der Zeile erläutert die Art der Änderung.

Ein Benutzername in roter Linkfarbe bedeutet, dass der Nutzer keine Nutzerseite hat. „Diskussion“ in roter Linkfarbe bedeutet, dass er keine Diskussionsseite hat – was immer so ist, wenn die Änderung anonym, also nur unter einer IP-Adresse vorgenommen wurde. Über die Versionsgeschichte lassen sich sogar zwei Versionen eines Artikels gegenüberstellen und die Änderungen anzeigen, wobei Löschungen und Hinzufügungen hervorgehoben werden.

Wichtig ist, wann die letzte Änderung der Seite war. Gerade mal zwei Minuten her? Genauer hinschauen. Vielleicht tobt gerade ein „Edit War“, ein Streit unter den Bearbeitern. Letzte Änderung vor zwei Jahren? Vielleicht ist die Seite veraltet.

Ein Beispiel für einen „Edit War“: Im Artikel „Wikipedia:Suchttest“ gingen die Änderungen im Dezember 2005 wild hin und her, weil die Nutzer sich nicht auf einen Titel einigen konnten.
Ein Beispiel für einen „Edit War“: Im Artikel „Wikipedia:Suchttest“ gingen die Änderungen im Dezember 2005 wild hin und her, weil die Nutzer sich nicht auf einen Titel einigen konnten.

Die Versionsgeschichte ist oft verwirrend, weil jede Änderung eine neue Zeile erzeugt – auch wenn nur ein Komma geändert wurde. Aber es gibt einige „Helferlein“, mit denen man Wikipedia analysieren kann: zum Beispiel die „Wikipedia Page History Statistics“, die anzeigen, wie oft und wann eine Seite insgesamt, pro Jahr und pro Monat editiert wurde und von wem (mit Links auf die Nutzerseiten).

Der dritte Klick nach Artikel und Versionsgeschichte sollte die Diskussionsseite öffnen. Hier tauschen sich die Bearbeiter des Artikels darüber aus, wie er weiterentwickelt werden soll. Prinzipiell ist es also möglich, jeden Artikel sehr intensiv zu prüfen. Das braucht zuweilen Zeit, vor allem aber ein wenig Reflexion. Und: Man muss jedes Mal daran denken.

Der wohl häufigste Fehler in der Nutzung der Wikipedia ist, einen Artikel zu lesen und zu glauben, was da steht. Es möglicherweise sogar abzuschreiben, ist die wahrscheinlich häufigste Form der unreflektierten Nutzung. Schlimmer geht immer: 2010 berichtete der Spiegel, deutsche Versicherungsbürokraten verweigerten ehemaligen Ghettoarbeitern aus dem NS-besetzten Polen die Rentenansprüche mit dem Argument, ihr Ghetto sei in der Wikipedia nicht erwähnt. Eine solche Argumentation unterstellt der Wikipedia Vollständigkeit – das ist absurd! Tatsächlich aber wurde diese „Argumentation“ sogar von deutschen Gerichten übernommen.

Auf der Diskussionsseite zu einem Artikel tauschen sich Nutzer über den Text aus. Im Artikel zu c’t fehlt demnach noch ein Eintrag zur c’t im Wandel der Zeit, auch die Schreibweise des Titels wird diskutiert.
Auf der Diskussionsseite zu einem Artikel tauschen sich Nutzer über den Text aus. Im Artikel zu c’t fehlt demnach noch ein Eintrag zur c’t im Wandel der Zeit, auch die Schreibweise des Titels wird diskutiert.

Wikipedia schafft (falsche) Fakten

Wikipedia ist ein Monopol, und zwar ein sehr wirkmächtiges. Selbst wenn die Selbstkontrolle der Wikipedianer funktioniert und sie Fehler in Artikeln schnell ausmerzen, verbreiten sich Unwahrheiten. Wie sich Fehler in Wikipedia im Zusammenspiel mit Medien fortpflanzen können, zeigt das eingangs bereits erwähnte Beispiel mit Karl-Theodor zu Guttenberg.

Am 9. Februar 2009 wurde der Politiker zum Bundeswirtschaftsminister ernannt. Der fränkische Adelige trägt zehn Vornamen, etliche Medien präsentierten ihn dem Publikum allerdings mit einem weiteren, falschen Vornamen: „Wilhelm“. Die Bild-Zeitung tat dies gar am 10. Februar auf der Titelseite, überm Bruch, dem prominentesten Presseplatz der Republik. Ein bis heute unerkannter Schalk hatte am Sonntag, den 8. Februar 2009 um 22:40 Uhr diesen Namen in den Wikipedia-Artikel über zu Guttenberg eingefügt – anonym und ohne irgendeinen Beleg. Eigentlich sollte ein solcher Edit rückgängig gemacht werden, so geschah es auch.

Dann allerdings erschien am 9. Februar um 11:14 Uhr ein Bericht auf Spiegel Online, der ein wörtliches Zitat enthielt, in dem sich der neue Wirtschaftsminister mit vollem Namen inklusive des falschen Wilhelm selbst vorstellte. Die Wikipedianer verwendeten dies als Quelle und fügten den falschen Namen wieder in den Artikel ein – wie hätten sie auch wissen sollen, dass Spiegel Online den Namen nur aus der Wikipedia kannte und es das Zitat nie gegeben hat? Als am Abend des 10. Februar der Schalk seine Tat mit einem Gastbeitrag im Bildblog bekannte, war die Peinlichkeit groß.

Bemerkenswert daran ist zum einen der Missbrauch der Wikipedia durch Journalisten, auch renommierterer Medien als der Bild. Wikipedia ist keine Quelle, um Namen zu prüfen. Zum anderen sticht der Weg der falschen Information hervor: Durch die Übernahme der Presse geadelt, wird sie quasi zum Beleg ihrer selbst. Der Fachbegriff dafür lautet „Citogenese“, englisch auch als „Circular reporting“ bekannt.

Wie lange hätte der falsche Wilhelm in der Wikipedia gestanden, wäre der Beitrag im Bildblog nicht erschienen, hätte sich der Fälscher nicht selbst geoutet? Eine Ahnung vermittelt das eingangs erwähnte, weniger bekannte Beispiel, bei dem die Wikipedia-Selbstkontrolle versagt hat:

Am 16. Februar 2009 dichtete jemand der Karl-Marx-Allee in Berlin Friedrichshain an: „Wegen der charakteristischen Keramikfliesen wurde die Straße zu DDR-Zeiten im Volksmund auch ‚Stalins Badezimmer‘ genannt.“ Ein anonymer Edit ohne jeden Beleg, der unhinterfragt stehen blieb.

Den Scherz erlaubt hatte sich Andreas Kopietz, Redakteur bei der Berliner Zeitung. Als er zwei Jahre später „Stalins Badezimmer“ googelte, fand er 360 Belege (keiner älter sein Edit). Die Formulierung taucht mittlerweile in wissenschaftlichen Publikationen und in Reiseführern auf. Erst nach seinem „Geständnis“ in der Berliner Zeitung wurde der Wikipedia-Artikel geändert. Auch hier wäre die Unwahrheit stehen geblieben, hätte sich der Verursacher nicht selbst geoutet.

Eine alte Version des Wikipedia-Artikels zur Karl-Marx-Allee: Kurz zuvor hatte Andreas Kopietz seine fiktive Anekdote zu „Stalins Badezimmer“ ergänzt.
Eine alte Version des Wikipedia-Artikels zur Karl-Marx-Allee: Kurz zuvor hatte Andreas Kopietz seine fiktive Anekdote zu „Stalins Badezimmer“ ergänzt.

Ihre Wirkmacht macht Wikipedia zum Ziel

Wegen ihres großen Einflusses ist die Wikipedia Ziel von Aktionen, die die öffentliche Meinung beeinflussen wollen, sei es aus der Politik oder vonseiten der PR. Laut Recherchen von Netzpolitik.org und dem ZDF Magazin Royale während des Bundestagswahlkampfs 2021 haben viele Angehörige des Bundestages ihre eigenen Einträge modifiziert. Verboten ist das nicht, aber mit dem von Wikipedia geforderten neutralen Standpunkt hat es nichts zu tun.

Viele PR-Agenturen bieten die Bearbeitung der Wikipedia an: „Wir verfassen & veröffentlichen Ihren Wikipedia-Artikel innerhalb von 14 Tagen“, heißt es dann auf deren Webseiten. Eine Agentur, die von einem altgedienten Wikipedianer gegründet wurde, nennt das „Wikipedia Mentoring“. Etliche bekannte Fälle listet die Wikipedia selbst auf. Es gibt sogar ein eigenes Wikipedia-Projekt „Umgang mit bezahltem Schreiben“, und die Seite „Wikipedia:Interessenkonflikt“ hat einen Abschnitt „Warum man sich besser nicht gewerblich in der Wikipedia engagiert“. Bezeichnenderweise ist er in der Sie-Form geschrieben, was in der Wikipedia unüblich ist.

All das bezieht sich auf bekannte Fälle, auf die Wikipedia reagieren konnte. Über unbekannte Fälle weiß man selbstverständlich nichts. Es ist aber vorgekommen, dass Wikipedia erst nach Presseberichten reagierte. Ob die interne Selbstkontrolle funktioniert, muss bezweifelt werden – etwa im Falle der koordiniert handelnden Accounts, die Artikel über den Holocaust geschichtswidrig umschreiben (siehe Kasten).

Wikipedias großer Nutzen: Semantik

Von anderen Online-Angeboten hebt sich Wikipedia jedoch nicht durch das Wissen in den Artikeln ab, sondern damit, wie dieses Wissen verknüpft wird – durch Binnenverlinkungen. Das geschieht nämlich semantisch, durch menschliche Intelligenz statt durch Algorithmen. Darin liegt ein großes Potenzial für die Suche nach Informationen. In den folgenden Absätzen zeigen wir, wie Sie die Semantik nutzen.

Weblinks und Einzelnachweise

Unter fast jedem Artikel der Wikipedia stehen als letzte Punkte des Inhaltsverzeichnisses die „Weblinks“ und die „Einzelnachweise“. Die Weblinks sind Links auf Webseiten, die für das Thema des Artikels relevant sind. Der entscheidende Unterschied zu den Links, die man durch eine Suchmaschinenrecherche bekommen hätte: Suchmaschinen liefern Treffer, die von Bots (oder Spidern, Crawlern) im Netz gefunden und durch Algorithmen ausgewählt wurden, ehe sie auf die Trefferliste kommen. Sie liefern dementsprechend meist sehr viele Suchergebnisse.

Die Links unter den Artikeln haben hingegen Menschen als relevant beurteilt und zusammengestellt. „Relevant“ also im Sinne inhaltlicher Wichtigkeit, nicht nach den formalen Kriterien der Algorithmen, etwa der Popularität einer Website. Die Link-Empfehlungen der unterschiedlichen Wikipedien eignen sich daher oft besser als Einstieg in ein Thema als eine Suchmaschinenabfrage.

Durch die Weblinks ist Wikipedia der letzte verbleibende ernstzunehmende Web-Katalog. In der Frühzeit des World Wide Web, bevor es Suchmaschinen gab oder als diese noch recht primitiv arbeiteten, gab es viele Kataloge, die das Wissen im Web durch menschliche Arbeit ordnen wollten. Heute gibt es nur noch „Curlie“ als letzten verbliebenen Katalog aus menschlicher Hand, aber er führt ein Schattendasein fern früherer Bedeutung. Zumal: Es ist ein Unterschied, ob Menschen mit dem Ziel antreten, das Wissen im Web von Hand zu ordnen (daran kann man nur verzweifeln!), oder mit dem, die wichtigen Links zu einem speziellen Thema zusammenzustellen.

Auch die Einzelnachweise sind von Menschen ausgewählte Links. Sie sind die Fußnoten, die im Artikeltext auftauchende Behauptungen belegen sollen. Gerade bei Artikeln, die während eines Ereignisses entstanden sind, haben die Einzelnachweise oft den Charakter einer Presseschau.

Links und Einzelnachweise gehören zu jedem Wikipedia-Artikel und belegen dessen Behauptungen. Außerdem sind sie ein guter Ausgangspunkt für Recherchen.
Links und Einzelnachweise gehören zu jedem Wikipedia-Artikel und belegen dessen Behauptungen. Außerdem sind sie ein guter Ausgangspunkt für Recherchen.

Listen und Portale

Listen präsentieren Wissen nicht als Fließtext, sondern als Aufzählung oder Tabelle. Sie sind klassisches Sekundärwissen: Zum Beispiel gibt es in über hundert Wikipedien die „Liste der Hauptstädte der Erde“. Sie ist ein Artikel, der auf die Artikel zum jeweiligen Land und zur jeweiligen Stadt verlinkt, ergänzt um Einzelnachweise. Egal, wer die vielen Artikel zu den Ländern und Hauptstädten verfasst hat – dadurch, dass andere Wikipedianer das vorhandene Wissen in Form der Liste neu geordnet haben, entsteht eine neue Informationsqualität.

Die „Liste der Hauptstädte der Erde“ sammelt die Links zu den Wikipedia-Artikeln aller Länder und Hauptstädte der Welt.
Die „Liste der Hauptstädte der Erde“ sammelt die Links zu den Wikipedia-Artikeln aller Länder und Hauptstädte der Welt.

Darüber, wie die Listen in der Wikipedia funktionieren und wie sie aufgebaut sind, gibt es eine eigene Seite in den Wikipedia-Richtlinien. Außerdem gibt es eine Kategorie (siehe unten), die alle als Listen formatierten Artikel der Wikipedia erfasst, die damit leicht zu finden sind. Auf der Suche nach Listen lohnt es ebenso, in den Suchschlitz „Liste“ und ein inhaltliches Suchwort einzugeben (zum Beispiel „Liste Hauptstadt“).

Ähnlich wie die Listen funktionieren die Portale. Sie sollen Einstiegsseiten für größere Themen sein. Die Portale werden durch eigene Redaktionen gepflegt, sogenannte WikiProjekte. Die Themenportale sind als Menüpunkt gleich unter der Hauptseite aufgeführt, in der Spalte links neben einem Wikipedia-Artikel.

Die Themenportale sind direkt unter der Hauptseite verlinkt (linke Spalte). Am Kopf jedes Artikels findet man außerdem die Diskussionsseite und die Versionsgeschichte.
Die Themenportale sind direkt unter der Hauptseite verlinkt (linke Spalte). Am Kopf jedes Artikels findet man außerdem die Diskussionsseite und die Versionsgeschichte.

Ein Beispiel: Das Portal:Berlin (unter Geographie/Städte) stellt die derzeit 47.473 Artikel zusammen, die mit der Stadt oder dem Bundesland zu tun haben. Diese Informationsfülle würde jeden Artikel über Berlin sprengen. Das Portal listet die Artikel über Berlin nach Themen geordnet auf, dient aber auch redaktionellen Zwecken: So erfährt man, welche neuen Seiten es gibt und bei welchen diskutiert wird, sie zu löschen. Ebenso gibt es eine Liste „ungeschriebene Artikel“ (also erwünschte), „Artikel, die eine Überarbeitung brauchen“ und „Artikel, die (bessere) Bilder brauchen“. Wie bei den Listen gibt es eine „Alphabetische Übersicht über alle Portale in der Wikipedia“ und eine Übersicht „Informative Listen und Portale“.

Portale sammeln die Artikel zu einem größeren Thema. Das Portal:Berlin listet derzeit 47.473 Artikel über die Hauptstadt.
Portale sammeln die Artikel zu einem größeren Thema. Das Portal:Berlin listet derzeit 47.473 Artikel über die Hauptstadt.

Mithilfe anderer Sprachversionen kann man noch mehr herausholen aus den beschriebenen Weblinks, Einzelnachweisen, Listen und Portalen. Vor allem die englische Wikipedia als größte Sprachversion ist oft umfangreicher als die deutsche.

Kategorien

Nun gehören nicht alle Artikel zwingend auf eine Liste oder in ein Portal. Aber die Wikipedia nutzt ein weiteres System, das nahezu alle Artikel miteinander verbindet: die Kategorien. Das sind verlinkte Schlagworte, die ganz am Ende einer Seite angezeigt werden. Artikel können mehreren Kategorien zugeordnet sein.

Am Fuß jedes Wikipedia-Artikels findet man die Kategorien, denen er zugeordnet ist. Aber auch die Links zu den Autoren des Artikels und zur Abrufhistorie stehen dort.
Am Fuß jedes Wikipedia-Artikels findet man die Kategorien, denen er zugeordnet ist. Aber auch die Links zu den Autoren des Artikels und zur Abrufhistorie stehen dort.

Die Kategorien verweisen nicht auf andere Wikipedia-Artikel, sondern in den Namensraum der Kategorien. Dort gibt es eine kurze Beschreibung der Kategorie, Verlinkungen auf Unterkategorien oder auf Artikel, die mit dieser Kategorie ausgezeichnet sind. Und, wiederum ganz am Ende der Seite, die zugehörigen (Ober-) Kategorien.

Jeder Artikel, der mit einer Kategorie ausgezeichnet ist, ist dadurch eingebunden in ein System von Ober- und Unterkategorien, den „Kategoriebaum“. Menschen ordnen die Artikel semantisch in die Kategorien, die Regeln dafür sind in der Wikipedia definiert.

Der Kategoriebaum birgt eine sehr effiziente Möglichkeit der Navigation, die in dieser Form nur die Wikipedia bietet: Durch die Kategorien sind die Inhalte der Wikipedia auf eine Art und Weise miteinander verbunden, die dem menschlichen Denken folgt.

Die „Kategorie:Gemeinde in Niedersachsen“ hat nur zwei Unterkategorien, aber Hunderte Artikel sind ihr zugeordnet.
Die „Kategorie:Gemeinde in Niedersachsen“ hat nur zwei Unterkategorien, aber Hunderte Artikel sind ihr zugeordnet.

Ein Beispiel: Der Artikel über die Stadt Delmenhorst ist fünf Kategorien zugeordnet: „Delmenhorst“, „Gemeinde in Niedersachsen“, „Ort in Niedersachsen“, „Kreisfreie Stadt in Niedersachsen“ sowie „Ersterwähnung 1254“. Jede dieser Kategorien hat wiederum Oberkategorien, die von „Kreisfreie Stadt in Niedersachsen“ sind zum Beispiel: Stadt in Niedersachsen/Stadt in Deutschland/Stadt nach Staat/Humangeographisches Objekt nach Staat/Geographisches Objekt nach Staat/Geographie nach Staat/Geographie nach räumlicher Zuordnung/Räumliche Sachsystematik/Räumliche Systematik/!Hauptkategorie.

Jede dieser Kategorien hat noch mehr Oberkategorien als die hier genannte. Die „!Hauptkategorie“ ist ein Kunstwort für die oberste Kategorie der deutschen Wikipedia. In der englischen heißt sie „Contents“, auf Niederländisch schlicht „Alles“.

Die oberste Kategorie der niederländischen Wikipedia heißt einfach „Alles“.
Die oberste Kategorie der niederländischen Wikipedia heißt einfach „Alles“.

Über die Kategorien navigiert man zum Beispiel, um zu ermitteln, wer die Bürgermeister der europäischen Hauptstädte sind: Dafür reicht es, den Artikel „Hauptstadt“ aufzurufen. Inhaltlich prüfen muss man den Artikel in diesem Fall nicht, denn es geht nur um seine Vernetzung. Vom Artikel aus geht es über die Kategorie „Liste (Hauptstädte)“ zur „Liste der Hauptstädte Europas“ und von dort jeweils zu den Einzelartikeln.

Jeder Hauptstadtartikel hat oben rechts einen Infokasten mit Basisdaten der Stadt, darunter der Name des Bürgermeisters und die Webadresse der Stadt. Die Website der Stadt ist die Primärquelle, bei der man die gefundenen Angaben prüfen muss, etwa über eine einfache Suchmaschinenabfrage. Für Berlin sucht man zum Beispiel nach “Kai Wegner“ site:www.berlin.de.

Fazit

Die Wirkmacht von Wikipedia ist immens. Weil mit dem Wissen aus der Wikipedia auch KI-Sprachmodelle gefüttert werden, die in immer mehr Bereiche unseres Lebens einziehen, vergrößert sich der Einfluss der Online-Enzyklopädie weiter. Versehentlich oder absichtlich falsche Informationen aus der Wikipedia können sich so schnell und unkontrolliert verbreiten. Umso umsichtiger sollten Sie Wikipedia nutzen. Seien Sie den Inhalten gegenüber stets skeptisch, hinterfragen und prüfen Sie sie. Dabei helfen die Versionshistorie und die Diskussionsseite, aber auch die externen Links. Wenn Sie Fehler oder Lücken finden: Korrigieren oder füllen Sie sie ruhig, vergessen Sie dabei die Belege nicht. Wer diese Regeln beherzigt, profitiert von einem enormen Wissensschatz, gesammelt und geordnet mit menschlicher Intelligenz. (gref@ct.de)

Wikipedia-Seiten, Quellen und weitere Informationen: ct.de/y9a6

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