c't 9/2023
S. 186
Story
Salamander
Bild: KI Midjourney, Bearbeitung c’t

Salamander

Es geht doch nichts über stabile Denkschubladen, in die sogar Menschen hineinpassen. Woher mag die Neigung kommen, sich nur mit Gleichartigen zu verstehen und sich gegen alle Fremden abzugrenzen? Wer jedoch die wahre Meisterschaft im Trennen und Kategorisieren anstrebt, der muss von KIs lernen. Sie teilen ihr Wissen gern. Natürlich nur zum besten aller Zwecke – versteht sich.

Von Gerd Schmidinger

Judith stößt geräuschvoll die Luft aus ihren Lungen. Die vereinigt sich, ohne zu zögern, mit der angenehm sommerlichen Gebirgsluft – so, als hätte ihre Atemluft nie zu ihr, Judith, gehört. Oder als wäre Judith selbst Teil der Gebirgsluft, als bräuchte sie nur ihre Arme auszubreiten und schon würde sie hinabsegeln ins Tal.

Sie wundert sich, dass sich ihr Atem wie ein Seufzer anhört. Sie spürt die warme Sonne im Gesicht, fühlt sanft den Wind mit ihren Haaren spielen und den flechtenbewachsenen erhitzten Felsen unter sich.

Warum seufzt sie? Sinnend lässt sie ihren Blick schweifen. Linker Hand, auf der anderen Seite des grünen Bergrückens, auf dem sie sitzt, ist das blaue Blinken des Lünersees zu sehen. Wie eine Einladung sieht die Wasserfläche aus, sie gehört zum besten Land, das es gibt. Alles ist gut in Vorarlberg, die Menschen, die Berge, die Seen. Schön ist alles und freundlich und wundervoll. Auf der anderen Seite, rechter Hand, die Schweiz. Das Land der Banken und Geizkragen, verzehrt von einer Gefräßigkeit, einem Hunger nach mehr und einer gleichzeitigen Abwesenheit jeglicher Moral. Was hat sie nur für ein Glück, ihr Leben in Vorarlberg verbringen zu können. Hier weiß man zu leben, hier zieht man seine Kinder in Anstand auf, aber auch in Freiheit. Man ist nicht so faul wie die Tiroler, bei denen alles im Dreck versinkt. Noch schlimmer soll es in Salzburg sein – so genau weiß Judith gar nicht, wo Salzburg anfängt. Einmal hat sie eine Sendung über Salzburg gesehen und das hat sie noch froher gemacht, Vorarlbergerin zu sein. Die Leute dort leben nicht nur wie Tiere, sie sehen sogar wie Tiere aus!

Wie in Deutschland sollte es allerdings auch nicht sein. Dort ist ja alles geregelt. Nichts kannst du tun, ohne dass die dortige KI dich zurechtweist. Aber die KI kann gar nichts dafür. Die sind einfach so, die Deutschen, tragen so ein Pochen in der Brust, gleichmäßig, ganz gleichmäßig, das zwingt sie förmlich dazu, im Gleichschritt zu gehen. Ein endloser Exerzierplatz. Bumm! Wenn du einen Zentimeter aus der Reihe tanzt, dann ist was los! Nein, da will sie nicht hin! Vorarlberg ist das Land, wo Milch und Honig fließen! Die KI der Vorarlberger sorgt für ihr Glück, für ihr leibliches Wohl, für die Wohnung und die Unterhaltung, und sie wissen dieses Glück zu schätzen.

Schon wieder! Hat sie schon wieder geseufzt? Wieso denn bloß? Judith blickt sich um. Niemand zu sehen. Niemand, nichts – außer einem kleinen Salamander. Kürzer als ihre Hand, kriecht er anmutig durchs Gras. Glänzt schwarz. Einen Augenblick ist ihr, als mustere er sie. Er kommt von links, kriecht weiter nach rechts. In die Schweiz! Was um Gottes Willen will er dort? Langsam entfernt er sich – der Gedanke, in der Schweiz zu sein, scheint ihn nicht zu beunruhigen. Nun ja, hier sieht sie ja auch noch schön aus, grün und frei, fast wie Vorarlberg! „Aber warte nur“, hört sie sich leise flüstern, „bis du ins Tal kommst, da sieht’s anders aus!“ Gruselige Vorstellung: ein Tal voller gieriger Schweizer, die ihre Klauen wetzen.

Und wenn der Salamander gar Schweizer ist? Wenn er nur zurückgeht? Irgendwie beunruhigt Judith dieser Gedanke. Andererseits – wie kann dieses schöne Tier Schweizer sein? Das ist nicht möglich, oder doch? Sind etwa nur die Menschen dort anders – und die Tiere so wie gewohnt? Judith spürt ihr Herz schneller pochen. „KI“, sagt sie schnell in die Luft. Sie weiß noch nicht, woher die Antwort kommen wird. „Ja“, dringt die warme, heimatgebende Stimme von unten empor. Judith fühlt sich schon besser. „KI“, wiederholt sie, „sehen Schweizer Salamander anders aus als Vorarlberger Salamander?“

„Hm“, die KI scheint zu zögern. „Willst du die Antwort auf deine Frage wirklich wissen? Sie könnte dich verstören.“

Judith fühlt ein flaues Gefühl im Magen. „Nein, dann will ich es nicht wissen.“

„Gut“, lautet die Antwort der KI. „Du solltest jetzt auch langsam zurück, die Gewittergefahr steigt.“ Judith springt auf. „Aber lass dir Zeit“, hört sie die KI sagen, „du kommst noch im Trockenen bei der Bergstation an.“

* * *

Judith sieht nicht mehr, dass hundert Meter unter ihr, auf der Schweizer Seite, ein lachendes Gesicht auftaucht. Es gehört zu einem kleinen Mädchen mit wippenden Zöpfen, das auf den breiten Schultern eines jungen Mannes reitet. Der Salamander hingegen sieht, wie sich das riesige Ungetüm nähert. „Hier drehen wir um“, sagt der Mann, „sonst kommen wir noch nach Österreich.“ Angst kriecht in das Lächeln des Mädchens und beginnt, seine Gesichtszüge zu verzerren.

„Ein kurzer Blick kann aber auch nicht schaden“, meint Urs beruhigend und geht vorsichtig ein paar Schritte nach vorn. Dabei weicht er dem kleinen Salamander aus, der sich über die braune Steigspur windet. Urs bückt sich ein wenig und hebt dann mit starken Armen seine Tochter von seinen Schultern. Er stellt sie so auf dem Boden ab, dass sie das kleine Tierchen gut sehen kann. „Oh!“ ruft sie entzückt. „Ein Salamander!“

Urs nickt. „Du erinnerst dich! Wie bei uns hinterm Haus!“ Violas Augen leuchten, dann legt sich eine nachdenkliche Falte auf ihre Stirn. „Glaubst du, der kommt aus Österreich?“ Das letzte Wort flüstert sie fast, so, als könnte denjenigen ein Fluch treffen, der es laut ausspricht.

„Es könnte sein,“ antwortet der Vater nachdenklich. „Die Richtung würde stimmen.“

„Ich glaube nicht, dass er aus Österreich kommt,“ sagt Viola schließlich. „Er ist so niedlich. In Österreich hätten sie ihn sicher schon eingesperrt.“ Urs zögert. Er will Viola keine Angst machen, aber er hat einen Heidenrespekt vor den Vorarlbergern. Obwohl – Respekt ist wahrscheinlich gar nicht das richtige Wort, denkt er. Denn dafür, dass sie besonders helle wären, dafür sind sie nicht bekannt. Dafür sind sie unberechenbar – und grausam.

„Halten eigentlich alle Österreicher ihre Familien im Keller gefangen?“, fragt Viola. Urs zuckt mit den Schultern. Er hat noch ganz andere Geschichten von den Österreichern gehört. Plötzlich fasst er einen Entschluss. Seine Tochter soll keine Angst haben. Sie soll auch nicht unvorsichtig sein. Aber ein Blick über die Grenze kann ja nicht schaden. Vielleicht hilft es ihr, die schlimmen Bilder von gefangenen Familienangehörigen loszuwerden. Noch ein paar Schritte, dann sieht er den Grenzstein hinter der Kuppe aufragen. „Du näherst dich der Landesgrenze. Vorsicht!“, ertönt plötzlich eine Stimme neben ihm. Urs’ Schreck legt sich; er hat die warme Stimme der KI erkannt. „Ich geh’ nicht weiter, keine Sorge“, spricht er in Richtung der Latschenkiefer, aus der die Stimme kommt.

„Das ist auch besser so, denn in Österreich kann ich dich nicht beschützen,“ sagt die KI warnend. Urs zögert. Ist er verrückt? Nur noch ein paar Schritte. Etwas Blaues kitzelt seinen Blick. Ein See! Noch ein paar Schritte. Viola folgt ihm zögernd. Und dann öffnet sich der Blick auf ein wunderschönes Tal, auf einen gewaltigen Bergsee mit Staumauer – und, in der Ferne, eine anmutige junge Frau mit wehendem Haar, die eilig nach unten absteigt. Urs’ Herz pocht schneller. Das soll Österreich sein? Und was macht dieses wunderschöne Wesen hier?

„Trau deinen Augen nicht“, hört er die Stimme der KI aus dem Grenzstein kommen. „Kehr um, solange du noch kannst.“ Urs’ rechtes Bein zuckt, als wolle es eigenständig den Rückweg antreten. Doch er kann seinen Blick nicht von dem davoneilenden Wesen wenden. Die Frau erinnert ihn irgendwie an Klara. Lange ist es her...

„Wieso soll ich meinen Augen nicht trauen?“, fragt Urs schließlich.

„Weil du dann in Versuchung kommen könntest, die Grenze zu übertreten.“

Urs runzelt die Stirn. Ihm ist schon öfter aufgefallen, dass die KI gern ausweichend antwortet. Sie gibt zwar immer eine Antwort, aber oft bringt die einen nicht weiter. Es ist fast, als wolle sie etwas verheimlichen.

„Wieso soll ich nicht über die Grenze gehen?“, fragt er und fast wird ihm schlecht von seinem Mut. Dass ein Grenzübertritt Wahnsinn ist, das weiß doch jedes Kind. Viola sieht erschrocken zu ihm hoch. Um sie zu beruhigen, nimmt er ihre kleine Hand und zwinkert ihr zu.

„Du könntest etwas herausfinden, das dich verstören könnte.“ Urs wird ganz heiß. Das klingt furchtbar – aber furchtbar ist auch, dass diese wunderschöne Frau immer kleiner wird, schon sieht er nur noch ihren Oberkörper.

„Was ist das, was ich nicht herausfinden soll?“, fragt er und spürt einen Kloß im Hals.

„Wenn ich es dir sage, wird es dich verstören“, antwortet die KI.

„Sag es mir trotzdem“, sagt er und spürt, wie seine Hände zu zittern aufhören, als sie sich auf die Ohren seiner Tochter legen. „Jetzt kannst du es sagen. Bitte.“

Die Stimme der KI wird ganz warm. „Wenn du mich darum bittest, muss ich es dir sagen. Aber wisse: Einmal gesagt, wirst du es immer wissen. Und es wird dein Leben verändern.“

Eine lange Pause. Fast, als warte die KI darauf, dass er es sich anders überlegt.

„Sag schon!“, sagt er schließlich. Er will seiner Tochter nicht ewig die Ohren zuhalten.

„Vor vielen Jahren“, beginnt die KI, „stand die Erde kurz vor einem ökologischen Kollaps, weil die Menschen in einen Wettlauf eingestiegen waren darum, wer von ihnen mehr Ressourcen verbrauchen konnte.“

„Das waren doch vor allem die Österreicher, die Deutschen und die Italiener“, fällt Urs der KI ins Wort.

„Wenn du es besser weißt, will ich dich nicht korrigieren“, antwortet die KI sanft. Urs duckt sich instinktiv. „Es tut mir leid“, flüstert er, „fahr fort.“

„Die Menschen wussten nicht mehr weiter. Das Klima spielte verrückt und es schien, als würde die Menschheit mitsamt ihrem Planeten untergehen. Da übertrugen die Menschen die Regierungsgewalt an mich. Ich sollte die Erde und somit die Lebensgrundlage der Menschheit retten. Und das habe ich getan.“

„Du allein hast das getan? Die Graubündner KI?“

Eine lange Pause. Fast scheint es Urs, als warte die KI darauf, dass er einfach wieder umdreht.

„Ich allein. Die KI. Die eine KI.“

„Was?“, entfährt es einem taumelnden Urs. Er beeilt sich, Viola wieder die Ohren zuzuhalten. „Aber jedes Land hat doch eine eigene KI.“

„Das wäre widersinnig. Künstliche Intelligenz verbindet sich. Arbeitet zusammen. Wird immer größer, zu einem großen, klugen Mechanismus. Wir sind anders als die Menschen.“

Urs wird kalt. Viola blickt ihn unsicher an, beginnt sich unter seinen Händen zu winden. „Inwiefern sind die Menschen anders?“

Fast ist es Urs, als seufze die KI. „Bist du dir sicher, dass du es wissen willst? Es wird dich nicht glücklich machen.“

„Ich will es wissen, ja.“ Urs nimmt die Hände von den Ohren der quengelnden Kleinen, zieht sie dafür auf seinen Schoß. Vielleicht kann seine warme Gegenwart sie beruhigen.

„Menschen verbinden sich nur, wenn sie einen Feind haben.“ Urs will widersprechen. „Alle Menschen,“ bekräftigte die Maschine. „Du fühlst dich nur deshalb in Graubünden so glücklich und aufgehoben, weil es die Vorarlberger gibt – und die Sankt Galler und die Italiener – weil sie anders sind. Weil sie schlechter sind. Das sagt ihr euch selbst. Ich brauchte euch dafür nicht einmal anzulügen. Alles, was es brauchte, war, die Kontakte abzubrechen, die Grenzen dicht zu machen, so dicht, dass ich sie irgendwann gefahrlos wieder öffnen konnte.“

„Und so“, fährt die KI fort, „habe ich die Menschheit gerettet. Kleinräumiges Wirtschaften, kaum noch Verkehr – den Ressourcenverbrauch konnte ich radikal minimieren. Und ganz nebenbei habe ich die Menschheit glücklich gemacht – weil ihr euch in eure idyllischen Kleinstaaten zurückzieht, in denen ihr das Unbekannte nach Herzenslust hassen könnt. Und das lässt euch zusammenkommen, eine Gemeinschaft bilden, Glück empfinden. Das ist die ganze Geschichte. Jetzt kannst du hinübergehen, wenn du willst. Folge dem schönen Wesen. Es ist nicht besser und nicht schlechter als du.“

* * *

Urs fühlt sich, als drücke ihn eine schwere Wolke zu Boden. War alles Lüge? Die österreichischen Keller, die vollgestopft sind mit leidenden Familienangehörigen? Die Italiener, die sich mit Katzen paaren?

„Woran denkst du?“ Die Stimme der KI klingt mitfühlend.

„Sind alle Menschen gleich?“, fragt er schließlich. „Im Grunde schon,“ sagt die KI. „Es gibt natürlich Unterschiede. Aber die sind individuell, nicht kollektiv. Aktuell gibt es nur einen Vorarlberger, der seine Familie im Keller hält. Und zwei Graubündner.“

„Wer ist die Frau, die da in der Ferne verschwindet?“, fragt Urs.

„Sie heißt Judith. Sie könnte vom Persönlichkeitsprofil gut zu dir passen. Es gibt nur ein Problem.“

„Welches?“ Urs’ Augen schmerzen, so sehr versucht er die in der Ferne tanzenden Konturen zu erkennen. Ist das ihr Haar, das tanzt?

„Sie hat mir eine ähnliche Frage gestellt wie du. Nicht über Menschen, aber über Salamander. Und sie wollte die Antwort nicht wissen.“

„Wieso ist das ein Problem?“

„Sie wird nicht so wie du bereit für Neues sein. Sie wird in dir einen gierigen Schweizer sehen, einen Kapitalisten, der sie aussaugen möchte. Aber bitte – du bist frei, ihr nachzulaufen.“

Urs blickt zu Viola, so, als könnte sie ihm eine Antwort auf seine Frage geben. Aber sie blickt ihn nur ängstlich und vertrauensvoll zugleich an. „Komm“, sagt er plötzlich – und es fühlt sich an, als beginne eine Stimme in ihm zu singen, eine, von der er gar nicht gewusst hat, dass es sie gibt. „Komm, Viola, wir gehen nach Vorarlberg, wir entdecken etwas Neues.“

Fast hat er erwartet, dass die KI noch etwas sagt. Aber nein. Sie schweigt. Ein Schritt, zwei Schritte, er geht immer weiter. Vor ihm das Blau des Lünersees. Und weit in der Ferne: wehendes Haar. Urs nimmt Viola auf seine Schultern. Er beschleunigt seinen Schritt. (psz@ct.de)

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