c't 9/2023
S. 68
Test & Beratung
Android-Smartphone

Geschäftsfreund

Smartphone Lenovo ThinkPhone by Motorola im Test

Das ThinkPad bekommt Gesellschaft: Lenovo hat mit dem ThinkPhone ein Android-Smartphone für Geschäftsleute im Sortiment, das wir uns angesehen haben.

Von Steffen Herget

Der charakteristische rote i-Punkt im Namenszug auf der Rückseite zeigt es an: Das ThinkPhone reiht sich in die Think-Familie von Lenovo ein und soll wie die Notebooks der ThinkPad-Baureihe kein Spielkamerad sein, sondern ein verlässlicher Geschäftspartner und digitaler Arbeitskollege. Mit einer Preisempfehlung von 999 Euro ordnet sich das ThinkPhone bei den teuersten Smartphones ein. Der volle Name Lenovo „ThinkPhone by Motorola“ zeigt an: Das Gerät gehört zu Lenovo, wird jedoch von der Tochter Motorola gefertigt.

Der Qualcomm Snapdragon 8+ Gen 2 treibt das Android-Telefon kräftig an und wird auch in einigen Jahren noch leistungsfähig genug sein. 8 GByte RAM sind zwar klassenüblich, vor allem in Sachen Zukunftssicherheit hätten es ruhig 12 GByte sein dürfen. Der 256 GByte große Flash-Speicher ist nicht erweiterbar. Das ThinkPhone hat in seinem ausgezeichnet verarbeiteten Gehäuse aus Aluminium und Aramidfaser Platz für zwei SIM-Karten, unterstützt aber keine eSIM. Nach IP68 ist es gegen das Eindringen von Staub und Wasser geschützt. Das 6,6 Zoll große OLED-Display leuchtet mit 1110 cd/m2 in allen Lagen hell genug und zeigt schöne Farben und tiefes Schwarz.

Seine speziellen Business-Qualitäten kann das ThinkPhone entfalten, wenn man es mit anderen Geräten koppelt. Das können Windows-PCs sein, aber auch Monitore oder Fernseher in Kombination mit Tastatur und Maus sowie Android-Tablets. Auf Lenovo-Geräte ist die Kopplung nicht beschränkt, aber Apples Mac und iPad bleiben außen vor. Die Verbindung gelingt per Kabel oder per Funk. Wer diese Funktion namens „Ready For“ mit Smartphone und Windows-PC oder Android-Tablet verwenden möchte, muss auf diesen Geräten die gleichnamige App installieren. Die Kopplung per Funk ist mit dem Scannen eines QR-Codes schnell erledigt, im Test klappte das stets in wenigen Augenblicken.

Mehr Geräte, mehr Optionen

Über Ready For zeigt das ThinkPhone auf dem großen Display einen Windows-artigen Desktop an, mit dem man wie bei Samsung DeX so ähnlich arbeiten kann wie am PC. Darüber hinaus kann das Smartphone bis zu fünf Apps in jeweils eigenen Fenstern zum PC oder Tablet streamen und seine Datenverbindung als Hotspot zur Verfügung stellen. Beide Geräte teilen sich zudem eine Zwischenablage, um kopierte Inhalte wie Screenshots, Bilder und Text hin und herzuschieben. Auch Dateien lassen sich einfach vom Smartphone auf das gekoppelte Gerät und zurück kopieren. Das ThinkPhone stellt außerdem seine Webcam bereit, wenn man über den PC oder das Tablet an Videotelefonaten teilnehmen möchte.

Etwas weniger Möglichkeiten bieten sich, wenn man das Smartphone mit einem Monitor oder Fernsehgerät verbindet. App-Streaming, Datentransfer und Hotspot fallen hier aus, dafür erleichtert die sogenannte Feature-Zentrale die Bedienung. Dieser Modus bietet sich für Spiele, Filme oder Videocalls an, große Symbole auf dem Bildschirm stehen für die jeweiligen Bereiche.

Gekoppelt mit einem Windows-PC streamt das ThinkPhone (wie auch einige andere Motorola-Smartphones) bis zu fünf Apps in eigenen Fenstern auf den Rechner – drahtlos oder per Kabel.
Gekoppelt mit einem Windows-PC streamt das ThinkPhone (wie auch einige andere Motorola-Smartphones) bis zu fünf Apps in eigenen Fenstern auf den Rechner – drahtlos oder per Kabel.

Das ThinkPhone unterstützt Ready For allerdings nicht exklusiv, auch Motorola-Smartphones der Edge-Serie sowie das günstige G100 beherrschen das Koppeln mit anderen Geräten – allerdings nicht alle auf demselben Niveau. Die drahtlose Verbindung per Funk bleibt den teureren Modellen vorbehalten, bei günstigeren Moto-Smartphones geht das ausschließlich per Kabel.

Wie in allen Motorola-Smartphones steckt auch im ThinkPhone die Sicherheitslösung ThinkShield. Hard- und Softwaremaßnahmen sollen Daten auf dem Gerät sicherer machen. Zum Beispiel lässt sich ein Smartphone, bei dem ThinkShield einen Hackerangriff erkannt hat, nicht mehr einschalten und muss zum Administrator. Mit ThinkShield kann man Firmensmartphones aus der Ferne konfigurieren und sie administrieren. In den Sicherheitseinstellungen des ThinkPhones versteckt sich zudem die Option, geschützte Ordner anzulegen. Es ist möglich, Anwendungen auf diese Weise doppelt zu installieren: einmal normal und einmal im geschützten Ordner. So lassen sich Apps mit zwei unterschiedlichen Benutzerkonten auf einem Gerät verwenden.

Aufgeräumtes Android mit Zusatzgesten

Darüber hinaus orientiert sich der Hersteller auf dem ThinkPhone an Googles Pixel-Smartphones und deren Android ohne viel Schnickschnack. Die Systemeinstellungen gleichen sich aufs Haar und sind sehr übersichtlich gestaltet, man findet sich schnell zurecht. Die sechs vorinstallierten Fremdanbieter-Apps stammen allesamt von Microsoft. Wie alle Motorola-Smartphones reagiert auch das ThinkPhone auf einige Gesten, die sich bei Fans der Marke bereits ins Gedächtnis eingebrannt haben dürften: Holzhackbewegungen in der Luft starten die Taschenlampe, Drehen des Handgelenks öffnet die Kamera-App oder wechselt zwischen Haupt- und Frontkamera hin und her. Auf Wunsch reagiert das ThinkPhone auf doppeltes Tippen auf die Rückseite, so lässt sich eine beliebige App starten oder eine Systemfunktion wie ein Screenshot oder die Musikwiedergabe steuern. Lenovo verspricht drei große Android-Updates bis auf die Version 16 und vier Jahre lang Sicherheitspatches.

Die Unterschiede zu den meisten Smartphones rund um die Tausend-Euro-Marke wird beim Fotografieren schnell deutlich: Das ThinkPhone hält in der Oberklasse nicht mit. Schon bei guten Lichtbedingungen rauschen die Fotos merklich. Das Pixel-Binning, also Zusammenfassen von vier Pixeln zu einem, im Standardmodus mit 12-Megapixel-Auflösung frisst viele Details, dunkle Bereiche verlieren zu schnell die Konturen. Für Schnappschüsse und gelegentliche Fotos mag das kein Drama sein, ambitioniertere Fotografen werden damit unglücklich.

Auf Zack ist das ThinkPhone derweil beim Akku. Der fasst 5000 mAh, lädt mit bis zu 68 Watt – das passende Netzteil liegt bei – und mit optionalen Drahtlosladern auch drahtlos. Mit einer vollen Ladung ist ein Tag ohne Aufladen keine Herausforderung, einen zweiten schafft man mit sparsamer Nutzung auch. Das Aufladen des ThinkPhone dauerte eine knappe Dreiviertelstunde, das ist ein guter Wert.

Der Fingerabdrucksensor arbeitet mit optischer Abtastung zuverlässig und schnell. Allerdings sitzt er recht weit unten auf dem Display und erfordert etwas mehr Daumengymnastik, wenn man das ThinkPhone mit einer Hand bedient. Die Gesichtserkennung über die Frontkamera weigerte sich beharrlich, ein Gesicht mit Brille auf der Nase zu registrieren. Auch ohne Brille brauchte es mehrere Anläufe, bis es klappte. Das Gerät daraufhin zu entsperren gelang mit und ohne Brille verdächtig schnell und ohne eine einzige Fehlermeldung – mit einem Foto statt des echten Gesichts konnten wir die Erkennung aber nicht überlisten.

Fazit

Mit dem Motorola Edge 30 Ultra kommt einer der Konkurrenten für das ThinkPhone aus dem eigenen Stall, und bleibt bei gleichem Prozessor, leicht schwächerem Akku, aber stärkerer Kamera noch 100 Euro unter dem Preis des ThinkPhone – das Edge 30 Ultra bietet auch fast alle Business-Funktionen. Das ThinkPhone fasst sich aber besser an und ist robuster.

Schwachpunkt des ThinkPhone ist die Kamera. Mit seinem ausdauernden Akku, dem hellen Display und dem starken Prozessor sammelt das ThinkPhone jedoch fleißig Punkte, das aufgeräumte Betriebssystem mit den praktischen Zusatzfunktionen verbindet das Sofort-Loslegen-Können mit echtem Nutzwert. (sht@ct.de)

Lenovo ThinkPhone by Motorola
Android-Smartphone
Hersteller, URL Lenovo, lenovo.com
Betriebssystem / Patchlevel Android 13 / Februar 2023
Android-Upgrades / Sicherheitspatches lt. Herst. bis min. Android 16 / Februar 2027
Ausstattung
Prozessor / Kerne × Takt / GPU Qualcomm Snapdragon 8+ Gen 1 / 1 × 3,2 GHz, 3 × 2,5 GHz, 4 × 1,8 GHz / Adreno 730
Arbeitsspeicher / Flash-Speicher (frei) / Wechselspeicher 8 GByte / 256 GByte (238 GByte) / –
LTE / 5G / SAR-Wert1 ✓ / ✓ / 0,94 W/kg
WLAN (Antennen) / Bluetooth / NFC / Kompass / Standortbestimmung Wi-Fi 6 (2) / 5.3 / ✓ / ✓ / GPS, Glonass, Beidou, Galileo
SIM / Dual / eSIM Nano-SIM / ✓ / –
Fingerabdrucksensor / Kopfhöreranschluss / USB-Anschluss / OTG ✓ (im Display) / – / USB-C 3.1 / ✓
Akku / drahtlos ladbar / wechselbar 5000 mAh / ✓ / –
Abmessungen offen (H × B × T) / Gewicht / Schutzart 15,9 × 7,4 × 0,83 … 1 cm / 189 g / ✓ (IP68)
Kameras
Hauptkamera Auflösung / Blende / OIS 50 MP (8192 × 6144) / ƒ/1,8 / ✓
Ultraweitwinkel Auflösung / Blende / OIS 13 MP (4096 × 3072) / ƒ/2,2 / –
Frontkamera Auflösung / Blende / OIS 32 MP (6528 × 4896) / ƒ/2,45 / –
Display
Diagonale / Technik / max. Bildwiederholrate 6,55 Zoll / OLED / 144 Hz
Auflösung (Pixeldichte) / Helligkeitsregelbereich 2400 × 1080 Pixel (401 dpi) / 2,72 ... 1110 cd/m2
Benchmarks, Lauf- und Ladezeiten
Ladezeit 50 % / 100 % 0,3 h / 0,7 h
Laufzeiten2 lokales Video 720p / 4K-Video 120 fps / 3D-Spiel / Stream 21,4 h / 13,1 h / 12,7 h / 22,7 h
Geekbench V4 Single, Multi / V5 Single, Multi 7035 / 17289, 1332 / 4309
3DMark Wild Life / Wild Life Extreme 10340 / 2829
GFXBench Car Chase / Manhattan 3.0 /Manhattan 3.1 (je On-, Offscreen) 89 fps, 103 fps / 120 fps, 272 fps / 120 fps, 184 fps
Preis 999 €
1 Herstellerangabe 2 gemessen bei 200 cd/m2

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