Omnipräsenter Fernseher
Amazons Smart-TVs sind da – mit Alexa, Always-on-Modus, Widgets und KI-Bildgenerator
Dass Fernseher abseits des TV-Betriebs Bilder anzeigen, ist nicht neu. Amazon geht bei seinen nun auch in Deutschland verfügbaren eigenen Smart-TVs jedoch weiter: Das Spitzenmodell blendet auch Alexa-Widgets mit auf den Nutzer zugeschnittenen Informationen ein. Künftig soll der Fernseher mittels KI auf Zuruf zudem Bilder generieren.
Wer seinen alten Fernseher fit für Netflix & Co. machen will, greift hierzulande gerne zu Amazons Sticks oder Würfel der „Fire TV“-Reihe. Seit einiger Zeit bekommt man auch Fernseher, die den Streamingplayer des Unternehmens gleich eingebaut haben – bislang aber nur von Fremdherstellern, beispielsweise Xiaomi oder Grundig (siehe c’t 17/2020, S. 82). Nun bietet Amazon erstmals eigene Smart-TVs in Deutschland an.
Zum Start klotzt Amazon gleich mit drei Modellreihen: von HD- und Full-HD-TVs der „Fire TV-2-Serie“ in 32 beziehungsweise 40 Zoll über 4K-Modelle der „Fire TV-4-Serie“ in 43, 50 und 55 Zoll bis hin zu den Topgeräten der „Fire TV Omni QLED-Serie“, die bis 65 Zoll (also 1,65 Meter Diagonale) reichen. Die Omni-TVs bieten ein 4K-Quantum-Dot-Display, auf dem sie Videos in den HDR-Formaten HDR10, HLG, HDR10+ und Dolby Vision zeigen – in Verbindung mit Umgebungslichtsensoren auch in den adaptiven Varianten Dolby Vision IQ und HDR10+ Adaptive.
Auf den ersten Blick sind die Amazon-TVs vor allem Preisbrecher: Selbst der 65-Zöller kostet gerade einmal 1000 Euro. Für das Geld bekommt man aber dennoch ausgewachsene Smart-TVs: Dafür ist nicht nur stets die Fire-TV-Oberfläche samt hauseigener Sprachassistentin integriert, beim Topmodell lässt sich Alexa über die eingebauten Fernfeldmikrofone sogar jederzeit ansprechen – auch wenn der Fernseher im Standby steht.
Ambient TV
Daneben schaltet Amazon beim Fire TV Omni auf einen „Ambient TV“-Modus: Wird das Gerät nicht zum Fernseh- oder Videogucken genutzt, zeigt es Kunstwerke oder private Fotos an. Das kennt man von Samsungs „The Frame“, bei Amazon sind über 1700 Fotos und kuratierte Kunstwerke verschiedener Stile kostenlos abrufbar – darunter Werke der Pinakothek der Moderne, der Galerie Neue Meister und der Nationalgalerie. Samsung spricht bei „The Frame“ von über 1500 Kunstwerken, an die man teilweise allerdings nur über ein kostenpflichtiges Abo kommt. Anders als beim „The Frame“ ist das Display des Fire TV Omni nicht entspiegelt.
Auch dynamische Bilder sind auf Amazons Top-TV abrufbar – darunter ein abstraktes Werk, das sich abhängig von Parametern wie dem aktuellen Wetter am Standort des TVs und der Tageszeit verändert. Zwei Nutzer, die mit demselben Kunstwerk starten, sehen also nach einiger Zeit verschiedene Bilder, wenn bei ihnen unterschiedliche Temperaturen oder Windgeschwindigkeiten herrschen.
Personal Display
Der Clou des Omni-TV ist aber, dass er sich in der TV-Pause in ein „Personal Display“, also eine persönliche Anzeigetafel, verwandelt – mittels Alexa-Widgets, die etwa Kalendereinträge, Notizen oder den Status verknüpfter Smart-Home-Geräte zeigen. Widgets kennt man vom Echo Show 15 (c’t 7/2022, S. 120); im Unterschied zu diesem steckt im TV aber keine Kamera zur Gesichtserkennung: Der Fernseher bemerkt, dass sich jemand im Raum befindet, aber nicht wer oder wie viele Personen – somit ist er eher ein „Family Display“ als ein „Personal Display“.
Die Fernfeldmikrofone im Gerät lassen sich per Tastendruck ausschalten. Außerdem können Nutzer die Ambient-TV-Funktionen an ihre Vorlieben anpassen, etwa die Bewegungserfassung deaktivieren oder Ruhestunden festlegen, in denen nichts angezeigt wird. Zu der Frage, wie viel Strom der Omni-Fernseher im Ambient-TV-Modus verbraucht, schweigt sich Amazon aus. Gezeigt wurde nur, dass der Omni-TV Musik auch mit ausgeschaltetem Bildschirm abspielt.
Nächster Halt: KI
Bei der Präsentation der neuen Amazon-Fernseher in London zeigte der Chef der zuständigen Sparte Daniel Rausch noch, wie sich ab Ende des Jahres auf den Fernsehern der Topreihe KI-Bilder auf Zuruf an Alexa generieren lassen. Da fragt man sich, ob es nicht clever wäre, Alexa mit KI-Modellen zu verbinden, damit Gespräche damit natürlicher verlaufen. Daniel Rausch lehnt das im Interview mit c’t (siehe Kasten „Kunst statt halluzinierter Antworten“) jedoch ab.
Tatsächlich kommt es bei ChatGPT, Bing & Co. derzeit noch zu drastischen Aussetzern und wundersamer Emotionalität (siehe c’t 8/2023, S. 118). In die Entscheidung dürften aber auch wirtschaftliche Erwägungen hineinspielen. Denn Amazon müsste für die KI-Aufrüstung ordentlich Geld in seinen Clouddienst stecken: Eine Wartezeit von mehreren Sekunden ist beim Generieren von KI-Bildern hinnehmbar, nicht aber bei Anfragen an einen Sprachassistenten. Amazon hat jedoch gerade erst die Entwicklung von Alexa aus wirtschaftlichen Erwägungen zurückgefahren. Bis auf Weiteres dürfte es daher heißen: KI als Zusatzfunktion im TV ja, aber nicht als Teil des Bedienkonzepts. KI-Smart-TVs kommen daher von Amazon wohl eher nicht.
Der Autor wurde zu dem Event von Amazon eingeladen; das Unternehmen ist für die Reisekosten aufgekommen. (nij@ct.de)