Was lange währt
Vier Smartwatches mit Wear OS 3
Der Neustart der Smartwatch-Plattform Wear OS hat lange auf sich warten lassen. Google hat in Zusammenarbeit mit Samsung das System umfassend renoviert und mit der Pixel-Watch erstmals eigene Hardware in den Ring geworfen. Vieles ist besser geworden, es gibt aber auch ein paar Haken und Stolpersteine.
Smartwatches sind ungemein praktisch und für viele aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie helfen Fitnessziele zu erreichen, führen durch fremde Städte und navigieren beim Wandern durch unbekanntes Terrain. Sobald eine Nachricht eintrudelt, liest und beantwortet man sie am Handgelenk, ohne jedes Mal das Handy aus der Tasche holen zu müssen.
Doch wer auf anderer Leute Handgelenke schielt, bemerkt, dass die meisten eine Apple Watch ziert. Eigentlich verwunderlich, denn anders als bei Apple gibt es für das von Google entwickelte Wear OS nicht nur „die eine“ Uhr, sondern unzählige Modelle von verschiedenen Herstellern – dank der Offenheit von Wear OS, das im Kern ein Android ist, kann grundsätzlich jeder Hersteller Smartwatches bauen. Egal ob rund oder eckig, mit Stahl-, Kunststoff- oder Lederarmband und in verschiedenen Preisklassen – eigentlich sollte jeder seine Wunschuhr finden. Genügend potenzielle Kunden gibt es ebenfalls, denn die Entscheidung zwischen einer Apple Watch und einer Android-Uhr fällt bereits mit der Wahl des eigenen Smartphones.
Dieses Jahr sollen die Uhren für Android-Nutzer nun aufholen: Google hat Wear OS zusammen mit Samsung generalüberholt – offenbar mag der US-Konzern sein Smartwatch-System nicht im Alleingang am Leben halten. Mit der Pixel Watch hat er erstmals auch eine eigene Smartwatch im Angebot. Diese haben wir zusammen mit der Samsung Galaxy Watch 5 und den beiden Wear-OS-3-Modellen Wellness Edition und Bradshaw von Fossil und Michael Kors in die Redaktion geholt: Mal schauen, ob der Neustart geglückt ist.
Verbandelt
Wer bereits eine Smartwatch mit dem „alten“ Wear OS 2 besitzt, muss sich beim Umstieg auf die aktuelle Version teilweise deutlich umgewöhnen. Bislang war es so, dass die Wear-OS-App von Google die Verbindung zwischen Uhr und Smartphone herstellte – unabhängig davon, von welchem Hersteller die jeweilige Uhr stammt. Mit einem Fingertipp ließ sich in der App eine Uhr von Fossil genauso koppeln wie eine von Motorola. Praktisch dabei: Wer mehrere Smartwatches besaß, schaltete die Verbindung zur gerade ungenutzten Uhr einfach ab, was den Akku des Telefons schonte. Zudem ließ sich in dieser App jede Uhr komplett konfigurieren – alle Einstellungen hatten somit dasselbe Look-and-feel und lagen zentral an einem Ort.
Mit Wear OS 3 ändert sich das grundlegend: Jeder Uhrenhersteller muss nun selbst eine sogenannte Companion-App entwickeln, was einigen besser und anderen schlechter gelingt. Zwar spielt auch ein wenig der persönliche Geschmack eine Rolle, etwa ob einem die Oberfläche der Co-App gefällt und man die Menüstruktur schlüssig findet. Doch es bleiben auch objektive Nachteile: Nun müssen sensible Rechte wie der Zugriff auf den Standort oder die Benachrichtigungen auch den Uhrenherstellern gewährt werden. Früher hat man diese Rechte einzig einer Google-App zugestanden, was kein großes Problem darstellte, weil Google die meisten der geforderten Daten ohnehin schon über das Android-Betriebssystem des Handys bekam. Wer zwei Uhren verschiedener Hersteller besitzt, benötigt nun zwei parallel laufende Apps mit nahezu identischem Funktionsumfang, von denen die ungenutzte unnötig Strom aus dem Akku des Handys saugt, weil sie permanent via Bluetooth nach der nicht getragenen Uhr sucht.
Die Uhren von Fossil, Google und Samsung kommen bereits ab Werk mit Wear OS 3. Die Bradshaw von Michael Kors war jedoch schon vor dem Start der neuen Version im Handel, wodurch sich die Inbetriebnahme etwas komplizierter gestaltete: Zunächst mussten wir die Wear-OS-App von Google für Uhren mit Wear OS 2 herunterladen und dort das Pairing und die Einrichtung anstoßen. Danach teilte die Uhr mit, dass ein Update auf Version 3 verfügbar sei und wies darauf hin, dass sie anschließend die Companion-App von Michael Kors benötigte. Nachdem wir diese installiert und die Uhr dort erneut verknüpft und eingerichtet hatten, konnten wir die alte Wear-OS-App wieder löschen.
Sinnvollerweise verknüpft man seine Uhr auch unter Wear OS 3 mit dem eigenen Google-Account, um auf Kontakte und Kalender zuzugreifen. Samsung, Fossil und Michael Kors zwingen darüber hinaus zum Anlegen eines extra Accounts, um die jeweilige Co-App auf dem Smartphone nutzen zu können. Sofern man die vom Hersteller auf der Uhr vorinstallierten Fitness- und Sport-Apps nutzt, landen die Körperdaten bei Samsung, Fossil und Co.
Zu Diensten
Obwohl die Bedienoberfläche von Wear OS 2 nicht so schlecht war wie ihr Ruf, hat Google sie mit Version 3 renoviert. So scrollt man bei den Uhren mit neuem Betriebssystem mittels horizontalem Wischen durch die sogenannten Ansichten. Diese sind mit Vollbild-Widgets vergleichbar und erlauben den Zugriff auf Wetterinfos, Kalendereinträge oder Fitnessdaten. Welche Ansichten die Uhr präsentiert, lässt sich genau wie deren Reihenfolge in der jeweiligen Companion-App anpassen.
Wischen vom oberen Rand öffnet die Schnelleinstellungen mit Icons für ausgewählte Funktionen. Dort wechselt man beispielsweise rasch in den Flugmodus, stellt die Displayhelligkeit ein oder schaltet die Uhr stumm. Durch Wischen vom unteren Bildrand werden nun die Benachrichtigungen geöffnet. Die wichtigsten Informationen und Einstellungen erreicht man unter Wear OS 3 also stets mit einer Wischgeste.
Die Drehkrone der Uhren startet und beendet lokal installierte Apps: Drückt man bei aktivem Ziffernblatt darauf, öffnet sie eine Listenansicht aller installierten Anwendungen, durch die man entweder per Touchscreen oder durch Drehen der Krone scrollt. Läuft eine App, beendet sie ein Druck auf die Krone und bringt das Zifferblatt zurück in den Vordergrund. Und zu guter Letzt startet ein Doppelklick auf die Krone direkt Googles Bezahl-App Wallet – ehemals Google Pay. Wer mit seiner Smartwatch kontaktlos bezahlen möchte, muss dort eine kompatible Kreditkarte hinterlegen und eine Displaysperre in Form einer PIN oder eines Entsperrmusters einrichten.
Eine weitere Neuerung betrifft den Druckknopf oberhalb der Krone. Ließ sich bei Wear OS 2 noch festlegen, welche App er startet, ruft er unter Wear OS 3 stets ein Schnellstartmenü auf, das die zuletzt geöffneten Apps aufgelistet – vergleichbar mit Alt+Tab am PC. Der zweite Druckknopf unterhalb der Krone ruft wie bisher eine vom Anwender definierte App auf.
Licht und Schatten
Obgleich sich bei der Bedienung einiges verbessert hat, zeigt sich beim Funktionsumfang von Wear OS 3, dass Googles Schlingerkurs (siehe Kasten „Schwere Geburt“) noch nicht ganz beendet ist. So hat Google seit der Übernahme von Fitbit nie konkret kommuniziert, ob dieses Fitnessportal in Konkurrenz zum eigenen Google Fit steht, beide Dienste friedlich koexistieren oder künftig miteinander verschmelzen.
Das führt dazu, dass Google Fit nicht mehr auf jeder Uhr als Standard-Fitness-App vorinstalliert wird. Bei seiner Pixel Watch hat sich Google stattdessen für die werkseitige Fitbit-Integration entschieden. Samsung setzt erwartungsgemäß bei der Galaxy Watch auf sein eigenes Portal Samsung Health. Fossil und Michael Kors werten Fitnessdaten ebenfalls mit selbstgestrickten Apps aus, die aber nicht konkurrenzfähig ist. Ein großes Problem ist das glücklicherweise nicht: Wer Google Fit bevorzugt, kann die App auf allen Testkandidaten manuell nachrüsten. Zudem stehen mit Strava, Runkeeper und weiteren genügend Alternativen bereit, die spitzer auf bestimmte Sportarten zugeschnitten sind.
Befremdlich mutet es jedoch an, dass der Google Assistant bislang nur Pixel-Watch-Besitzern dient. So begrüßte uns auf der Galaxy Watch 5 stattdessen der Samsung-Assistent Bixby. Fossil und Michael Kors umgehen das Manko des derzeit noch fehlenden Sprachassistenten mit einer fast schon absurd wirkenden Lösung: Die Smartwatches haben Amazon Alexa integriert, womit sich auch Smart-Home-Komponenten mit Sprachbefehlen (an-)steuern lassen. Dass auf Wear-OS-Uhren nun Googles größter Konkurrent bei den Sprachassistenten zum Quasi-Standard wird, hätten wir nicht unbedingt erwartet …
Ein weiteres Novum: Bislang gab sich Google sehr restriktiv, wenn es darum ging, die Oberfläche von Wear OS optisch oder funktional anzupassen. Für Nutzer hatte das den Vorteil, dass das System auf jeder Uhr gleich aussah und sich identisch bedienen ließ – unabhängig vom Hersteller. Ausnahmen galten nur für ein paar vorinstallierte Apps und natürlich für vom Hersteller entworfene digitale Zifferblätter.
Samsung als neuer Hard- und Softwarepartner hatte offenbar eine andere Verhandlungsmacht: Die Oberfläche der Galaxy Watch 5 spielt nach eigenen Regeln und sieht deutlich anders aus – zugegebenermaßen auch besser. So fehlt eine drehbare Krone, weshalb zum Scrollen stets der Finger übers Display gleiten muss. Der obere Druckknopf weckt die Uhr auf und übernimmt die Funktion des Home-Buttons, der aufs Zifferblatt führt und Apps beendet. Doppeltes Drücken holt die zuletzt genutzte App wieder aufs Display. Drückt man lange, öffnet sich Bixby.
Der untere Knopf dient als Zurück-Button, falls einem dafür die Wischgeste vom linken Bildschirmrand nicht zusagt. Doppeltes Drücken startet die drahtlose Bezahlfunktion der Galaxy Watch 5. Es ist keine Überraschung, dass Samsung dafür nicht Google Pay, sondern den hauseigenen Dienst Samsung Pay verwendet.
Die Oberfläche unterscheidet sich bei der Galaxy Watch 5 leicht von der anderen Uhren des Tests, das Bedienkonzept aufgrund eigener Wischgesten sogar deutlicher. Auch auf der Galaxy Watch gibt es die anpassbaren Ansichten, man erreicht sie aber nur durch Wischen nach links. Streicht der Finger vom rechten Rand übers Display, öffnen sich die Benachrichtigungen.
Die Wischgeste vom unteren Rand bringt die App-Übersicht zum Vorschein. Sie weicht deutlich vom regulären Wear-OS-Look ab: Statt einer Auflistung aller Anwendungen mit jeweils einem Namen und Icon pro Zeile, stellt die Galaxy Watch 5 ein Cluster der Icons aller Apps dar. Oberflächlich betrachtet sieht das zwar schick aus, ist aber nur praktisch, wenn man sich die Icons aller installierten Apps eingeprägt hat – andernfalls muss man in dem Gewusel stets ein wenig nach der benötigten App suchen. Gleich geblieben ist die Wischgeste vom oberen Rand, die wie gewohnt die Schnelleinstellungen aufruft.
Fazit
Wear OS 3 bringt etliche Details und Verbesserungen mit, die den Abstand zur Apple Watch verringern. Größter Nachteil der Uhren bleibt ihre kurze Laufzeit von rund einem Tag – wie soll man da überhaupt das Schlaf-Tracking nutzen? An einigen Stellen wirkt das System zudem noch nicht komplett fertig. So ist die Pixel Watch die einzige Uhr mit integriertem Google Assistant. Entsprechend liefert sie das beste Gesamtpaket aus Hard- und Software: Sie ist gut verarbeitet, hat viele Funktionen und die beste Companion-App. Sie trifft aber nicht jedermanns Geschmack und glänzt weder mit einer langen Akkulaufzeit noch mit einer flotten CPU.
Die Fossil Wellness Edition ist eine gute Alternative: Sie vereint ordentliche Hardware mit einem soliden Funktionsumfang zum angemessenen Preis. Die Bradshaw von Michael Kors bietet das im Prinzip auch und bringt einen auffälligen Look. Bei ihr hakt die Software direkt nach dem Wechsel auf Wear OS 3 noch ein wenig.
Samsung hat als Google-Partner mit der Galaxy Watch 5 einen soliden Aufschlag geliefert: Die Uhr hat mit knapp einem Tag zwar die kürzeste Laufzeit unserer Testkandidaten, davon abgesehen laufen Hard- und Software bei ihr aber genauso rund wie bei der Pixel Watch. (spo@ct.de)
| Smartwatches mit Wear OS 3 | ||||
| Modell | Fossil Wellness Edition Gen. 6 | Google Pixel Watch | Michael Kors Bradshaw Gen. 6 | Samsung Galaxy Watch 5 |
| Hersteller | Fossil, fossil.de | Google, store.google.com | Michael Kors, michaelkors.de | Samsung, samsung.de |
| Durchmesser / Dicke | 42 mm / 13 mm | 41 mm / 13 mm | 44 mm / 13 mm | 40 mm / 12 mm |
| Armband / Farbe und Material | 22 mm / verschiedene Varianten | 20 mm (proprietär) / verschiedene Varianten | 22 mm / Stahl in Silber-Gold, Silber, Rose | 20 mm / Kunststoff in Schwarz, Weiß, Pink |
| Gewicht mit Armband | 140 g | 62 g | 135 g | 29 g |
| wasserfest (Herstellerangabe) | 3 ATM | 5 ATM | 5 ATM | 5 ATM |
| Akku / Laden | 300 mAh / Kontakte | 294 mAh / drahtlos | 300 mAh / Kontakte | 284 mAh / drahtlos |
| Ausstattung | ||||
| Steuerung | Drehkrone, Touch, Knöpfe (2), Sprache | Drehkrone, Touch, Knöpfe (2), Sprache | Drehkrone, Touch, Knöpfe (2), Sprache | Touch, Knöpfe (2), Sprache |
| Display: Typ / Diagonale | OLED / 1,3 Zoll | OLED / 1,2 Zoll | OLED / 1,3 Zoll | OLED / 1,2 Zoll |
| Auflösung | 416 × 416 Pixel | 450 × 450 Pixel | 416 × 416 Pixel | 396 × 396 Pixel |
| Prozessor | Snapdragon Wear 4100+, 1,7 GHz | Exynos 9110, Dual-Core 1,15 GHz | Snapdragon Wear 4100+, 1,7 GHz | Exynos W920, Dual-Core 1,18 GHz |
| Speicher / RAM | 8 GByte / 1 GByte | 32 GByte / 2 GByte | 8 GByte / 1 GByte | 16 GByte / 1,5 GByte |
| Lautsprecher / Mikrofon / Telefonie | ✓ / ✓ / ✓ | ✓ / ✓ / ✓ | ✓ / ✓ / ✓ | ✓ / ✓ / ✓ |
| Sensoren | Beschleunigung / Gyroskop / Puls (opt) / SpO2 / Umgebungslicht / Höhenmesser / Kompass / GPS | Beschleunigung / Gyroskop / Puls (opt) / SpO2 / Umgebungslicht / Höhenmesser / Kompass / GPS, Glonass, Galileo, | Beschleunigung / Gyroskop / Puls (opt) / SpO2 / Umgebungslicht / Höhenmesser / Kompass / GPS | Beschleunigung / Gyroskop / Puls (opt) / SpO2 / Umgebungslicht / Höhenmesser / Kompass / GPS, Glonass, Beidou, Galileo |
| NFC / Bezahlfunktion | ✓ / Google Pay | ✓ / Google Pay | ✓ / Google Pay | ✓ / Samsung Pay |
| Funkstandards | Bluetooth 5.0, Wi-Fi 4 | Bluetooth 5.0, Wi-Fi 4, (LTE) | Bluetooth 5.0, Wi-Fi 4 | Bluetooth 5.2, Wi-Fi 4, (LTE) |
| Fitness: Schlaf / Sporterkennung / Streckenverlauf / Workouts | ✓ / ✓ / ✓ / ✓ | ✓ / ✓ / ✓ / ✓ | ✓ / ✓ / – / eingeschränkt | ✓ / ✓ / ✓ / ✓ |
| Bewertung | ||||
| Display | ||||
| Funktionsumfang | ||||
| Laufzeit | ||||
| Bedienung | ||||
| Preis | 300 € | ab 380 € | 300 € | ab 270 € |
| ✓ vorhanden – nicht vorhanden sehr gut gut zufriedenstellend schlecht sehr schlecht | ||||