c't 9/2023
S. 166
Praxis
NDI-Signale aus Microsoft Teams
Bild: KI Midjourney | Bearbeitung: c’t

Rahmenlos

Teams-Videobild per NDI in Livestreams einbinden

Videokonferenzsoftware ist erstaunlich schlecht darin, Gesprächsteilnehmer ohne störende Einblendungen im Vollbild anzuzeigen – ärgerlich für alle, die saubere Bilder für Livestreams oder Projektoren brauchen. Doch es gibt einen Trick: Microsoft Teams kann Videos über den Standard NDI ausgeben.

Von Jan Mahn

Aufmerksame Fernsehzuschauer entdecken im Frühstücksfernsehen, in Nachrichtensendungen und TV-Reportagen so manche vertraute Videokonferenzsoftware. Und auch in professionellen Online- und Hybridveranstaltungen großer Unternehmen tauchen die Spuren der Software hier und da im sonst perfekten Videobild auf. Mal blitzen Schaltflächen oder ein Chat oben oder unten ins Bild, mal sieht man unten rechts ein kleines Vorschaubild des Gegenübers, mal prangt ein Wasserzeichen im Sichtfeld. Mit der hier beschriebenen Lösung bekommen Sie Kamerabilder ohne Beiwerk als Vollbilder.

Nicht nur Gelegenheits-Livestreamer, auch routinierte Sendeanstalten tun sich oft schwer damit, Sprecher per Videokonferenz nahtlos in ein Videobild einzubauen. Einfach an einem dafür abgestellten PC in eine Konferenz einwählen und das gesamte Bildschirmbild mit einem HDMI-Grabber abgreifen? So einfach machen es die Hersteller von Konferenzsoftware nicht, weil ein störungsfreier Vollbildmodus nicht eingebaut ist. Und richtig schwierig wird es, wenn man mehrere Teilnehmer gleichzeitig in einen Livestream bringen muss.

Neue Ausgänge

Was bis zum Jahr 2020 noch ein exotisches Problem war, wurde schlagartig zu einer Alltagsaufgabe in so manchem Unternehmen, als Livestreams zum Tagesgeschäft wurden. Daher hat auch Microsoft reagiert und seiner Videokonferenzsoftware Teams gleich zwei Videoausgänge für professionelle Ansprüche spendiert. Die Namen der beiden verwendeten Standards klingen ähnlich, es handelt sich aber um grundverschiedene Techniken: NDI und SDI. Während SDI (Standard Digital Interface) das Bild über eigene Kabel überträgt und zur Umwandlung Hardware voraussetzt, kommt NDI (Network Device Interface) ganz ohne Zusatzgerätschaften aus, stützt sich auf TCP-Netzwerke und ist deshalb Protagonist in diesem Artikel. Wenn Sie sich für Teams in Kombination mit SDI interessieren, erfahren Sie mehr im Kasten unten.

NDI stammt aus dem Hause NewTek, einem Hersteller von Kameras und Videomischern. Damit NDI sich durchsetzen konnte, entschied sich das Unternehmen dafür, NDI lizenzkostenfrei zu veröffentlichen – andere Hersteller konnten also eigene NDI-kompatible Produkte anbieten. Entstanden ist ein großes NDI-Angebot aus Hard- und Software, die solche Signale verarbeitet. Eine solche Software, die obendrein noch unter Open-Source-Lizenz veröffentlicht wurde und die sich bei Hobbystreamern und Profis gleichermaßen großer Popularität erfreut, ist OBS Studio im Zusammenspiel mit einem ebenfalls freien NDI-Plug-in. Um dieser Anleitung folgen zu können, ist grundlegende Erfahrung mit OBS hilfreich.

Im Folgenden zeigen wir, wie Sie Teams-Videos per NDI in OBS schleusen. Ein Rechner mit Microsoft Teams nimmt ein Einzel- oder Gruppengespräch mit Ihren Gästen dann entgegen und verbreitet deren Videobilder per NDI im lokalen Netzwerk. OBS empfängt die NDI-Streams, dort können Sie die Videobilder zusammen mit anderen Video- und Audioquellen arrangieren. Das fertige Bild können Sie schließlich aufzeichnen, an einen Projektor schicken oder per YouTube & Co. ausstrahlen. Dass NDI für Übertragungen über ein Netzwerk gedacht ist, heißt nicht, dass Sie OBS und Teams auf zwei separaten Rechnern installieren müssen; NDI-Sender und -Empfänger dürfen auch auf derselben Maschine laufen.

Grundeinrichtung

Vorab müssen Sie ein paar Installationsschritte erledigen, die wir unter Windows und macOS getestet haben. Linux-Nutzer können zumindest OBS unter Linux betreiben, für Microsoft Teams müssen sie aber eine zweite Maschine hochfahren und beide per Netzwerk verbinden.

Erste Voraussetzung ist Microsoft Teams selbst, ein Update auf die aktuelle Version ist dringend empfohlen, weil Microsoft an diesen Funktionen noch fleißig arbeitet und immer wieder kleinere Änderungen veröffentlicht. Für macOS-Nutzer mit einem Apple-Prozessor (M1 oder M2) lauert hier schon die erste Falle: Stand März 2023 gibt es Probleme mit dem NDI-Ausgang, die man aber leicht umgehen kann, wenn man Teams mit dem Rosetta-Modus von macOS öffnet. Teams wird dann mit einer x86-Emulationsschicht ausgeführt, es läuft also der Code für Intel-Prozessoren. Navigieren Sie dafür im Finder in den Programme-Ordner, klicken Microsoft Teams mit der rechten Maustaste an, wählen im Kontextmenü den Punkt Informationen und setzen dort den Haken „Mit Rosetta öffnen“. Die Emulation kostet Performance, die Einstellung ist also nicht die empfohlene Einstellung für den Teams-Alltag.

Zweite Voraussetzung ist OBS Studio, das Sie unter obsproject.com für Ihr System herunterladen können. Auch hier gibt es wieder eine Extrabratwurst für macOS mit Apple-Prozessoren: Laden Sie unbedingt die Version für Intel-Prozessoren herunter. OBS selbst gibt es grundsätzlich auch in einer nativen Apple-Silicon-Version, doch das NDI-Plugin gibt es bisher nur für x86-Prozessoren und spielt nur mit dieser OBS-Version zusammen. Die Installation von OBS ist auf allen Betriebssystemen unspektakulär, der Installationsassistent stellt keine unerwarteten Fragen. Weiter, weiter, fertig.

Die nächste Voraussetzung ist das NDI-Plugin für OBS. Maintainer des Projekts ist der Entwickler Stéphane Lepin, bei GitHub unter dem Benutzernamen Palakis aktiv. Den Link zum Download des Plugins für Ihr Betriebssystem finden Sie über ct.de/ycns. Ebenfalls verlinkt ist dort die NDI-Runtime für Windows, macOS und Linux. OBS, das NDI-Plugin und die NDI-Runtime müssen alle auf der empfangenden Maschine installiert sein. Um zu prüfen, ob Sie bereit für den Empfang von NDI-Signalen sind, starten Sie OBS Studio, richten im Begrüßungsdialog Ihr Ausgabeformat ein (zum Beispiel 1080p) und klicken unten unter Quellen auf das Plus. Wenn dort „NDI Source“ und keine Fehlermeldung auftaucht, ist OBS empfangsbereit.

Rechtefrage

Zeit für die Teams-Seite des Projekts: Nicht jeder Teams-Nutzer darf automatisch Videos per SDI oder NDI abgreifen. Vorher muss der Administrator der Organisation (des sogenannten Tenants) aktiv werden und die Funktion freischalten. Die Einstellung namens „Local broadcasting“, die aktiviert werden muss, findet er im Teams-Admin-Center unter „Meetings/Meeting Policies“ und dort im Abschnitt „Audio & video“. Einrichten kann man die Berechtigung entweder global oder für einzelne Nutzer. Berechtigt werden muss aber nur der Nutzer, der Videokonferenzbilder per NDI aus Teams holen möchte. Die Gäste, deren Bilder abgegriffen werden, brauchen das Recht nicht.

Ein Klick für den Teams-Admin: „Local broadcasting“ heißt die Funktion, die ein Administrator des Tenants erlauben muss. Erst dann darf ein Benutzer Videosignale per NDI und SDI anzapfen.
Ein Klick für den Teams-Admin: „Local broadcasting“ heißt die Funktion, die ein Administrator des Tenants erlauben muss. Erst dann darf ein Benutzer Videosignale per NDI und SDI anzapfen.

Hat der Admin den Schalter umgelegt, müssen Sie Ihren Teams-Client einmal neu starten. Anschließend oben rechts auf die drei Punkte klicken, das Menü Einstellungen öffnen und dort zum Menüpunkt App-Berechtigungen navigieren. Dort sollte ganz unten ein neuer Abschnitt erschienen sein, der den sperrigen Titel „Produktionsfunktionen“ trägt. Den Schalter müssen Sie umlegen, um NDI und auch SDI ausgeben zu können. Sollte er sofort wieder zurückspringen, haben Sie Teams womöglich auf einem M1-Mac ohne Rosetta-Modus gestartet.

Wenn ein Tenant-Admin das Recht erteilt hat, muss man als Benutzer die NDI-Funktion in den Einstellungen unter App-Berechtigungen aktivieren.
Wenn ein Tenant-Admin das Recht erteilt hat, muss man als Benutzer die NDI-Funktion in den Einstellungen unter App-Berechtigungen aktivieren.

Die folgenden Schritte können Sie nicht mehr ganz allein ausprobieren, Sie müssen sich nach einem Kollegen umsehen, der mit Ihnen zum Test videotelefoniert. Rufen Sie ihn an oder starten Sie eine Konferenz und warten darauf, dass ein Kamerabild zu sehen ist. Zum Test kann das Gegenüber auch seinen Bildschirm teilen. Oben im Gesprächsfenster, direkt neben den Buttons für Kamera und Stummschaltung, verbirgt sich ein Drei-Punkte-Menü und dahinter finden Sie den neuen Punkt „Übertragung über NDI“. Mit einem Klick beginnt Teams direkt, mehrere NDI-Streams auszusenden. Die Gesprächsteilnehmer werden mit der Einblendung „Diese Besprechung wird möglicherweise übertragen oder geteilt.“ darüber informiert, dass ihr Bild abgegriffen wird.

Mehrere Kanäle

Abschließend können Sie Teams und OBS leicht miteinander verheiraten. Fügen Sie in OBS über das Plus im Bereich Quellen eine neue „NDI Source“ hinzu und geben ihr einen aussagekräftigen Namen. Der finale Schritt ist denkbar einfach – denn zur Magie von NDI gehört auch, dass sich NDI-Geräte per mDNS und Bonjour gegenseitig im Netzwerk finden. Im Aufklappmenü „Source Name“ sollten Sie gleich mindestens drei Streams mit „Teams“ im Namen angezeigt bekommen. Der Stream namens „Local“ enthält Ihr eigenes Kamerabild, der Stream „Active Speaker“ zeigt immer denjenigen Konferenzteilnehmer, den Teams gerade als Sprecher ausgemacht hat, weil sein Mikrofon gerade ein Signal liefert. Darunter in der Liste finden Sie für alle Teilnehmer der Konferenz ein eigenes Video. Sofern ein Teilnehmer seinen Bildschirm teilt, bekommen Sie auch den per NDI.

In OBS Studio kommen die Bildsignale als NDI-Quellen an. Den Ton der einzelnen Sprecher kann man separat pegeln.
In OBS Studio kommen die Bildsignale als NDI-Quellen an. Den Ton der einzelnen Sprecher kann man separat pegeln.

Ab diesem Punkt ist Ihre Kreativität gefragt: In OBS können Sie mehrere NDI-Bilder arrangieren und so zum Beispiel virtuelle Konferenzen (inklusive freigegebener Folien) oder digitale Podiumsdiskussionen mit mehreren Gesichtern nebeneinander gestalten. Eine Einschränkung gibt es aktuell aber noch: Teams startet für jeden Konferenzteilnehmer einen NDI-Stream und kennt noch keine Möglichkeit, in der Teams-Oberfläche zu selektieren, welche Bilder überhaupt ausgegeben werden müssen. Eine riesige Teams-Sitzung mit Dutzenden Videobildern kann die Hardware, auf der Teams läuft, in die Knie zwingen – wie viele gleichzeitige Teilnehmer Ihr Rechner verkraftet, sollten Sie vor der Veranstaltung ausprobieren. Müssen Sie wirklich mal viele Gäste gleichzeitig oder dicht nacheinander zuschalten, können Sie auch zwei Konferenzen eröffnen und zwei unabhängige Teams-Rechner die Bilder per NDI aussenden lassen. Auf einem OBS-Rechner laufen die Signale dann zusammen.

Fazit

Die Zeit improvisierter Livestreams ist vorbei. Wer heute eine virtuelle oder hybride Veranstaltung besucht, erwartet perfekt arrangierte Bilder und keine abgefilmten Videokonferenzen. Diesen Anblick ertragen die meisten Berufstätigen schon lange genug und schalten genervt ab, wenn auch andere Veranstaltungen so aussehen.

Über den Standard NDI bekommen Sie saubere Videos von Konferenzteilnehmern ohne störende Einblendungen. Die Einrichtung in Microsoft Teams geht zügig, sofern der Teams-Admin Ihrer Organisation den Schalter umlegt. Danach sind der Kreativität in Bildmischerprogrammen wie OBS oder vMix fast keine Grenzen gesetzt. (jam@ct.de)

NDI, OBS und Teams: ct.de/ycns

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