Tischflipper– mechanisch raffiniert
Ende der 70er Jahre brachte ein kompakter Pinball-Tisch das Arcade-Erlebnis ins Kinderzimmer – mit Sounds, Bumpern und Punkte-Zähler. Wie den Machern dieses Kunststück auch ohne Mikrochips gelang, zeigt ein Blick ins Innere.
Seit der Erfindung von Pinball hat die Funktionsweise dieser Spielgeräte einige Evolutionsstufen durchlebt. Von rein mechanischen Automaten entwickelten sie sich stufenweise zu elektromechanischen Spieltischen mit Bumpern, Flippern, Licht und Sound, deren Relais-Steuerung Mitte der 70er Jahre durch Mikrochips ersetzt wurde. Der technische Fortschritt half aber nicht nur den Pinball-Herstellern, sondern auch der Videospiel-Industrie, sodass Ende der 70er Asteroids, Pac-Man und Co. Einzug in die Spielhallen fanden und die Pinball-Tische zunehmend verdrängten.
Genau zu dieser Zeit, im Jahr 1979, brachte der japanische Hersteller TOMY KOGYO Co., Inc. einen Tischflipper für das Kinderzimmer auf den Markt – den Atomic Pinball oder Pinngg-Ball, wie er in meiner vorliegenden Variante heißt. Dem technischen Trend entgegen und vermutlich aus Kostengründen verwendete das Spielzeug allerdings keine Mikrochips und kam auch sonst mit insgesamt sehr wenig Elektronik aus. Dennoch gelang es den Entwicklerinnen und Entwicklern rund um Yukio Konta, ein beeindruckend authentisches Erlebnis in dieses kleine Format zu zaubern, denn es beinhaltet fünf bewegliche Bumper, einen Klingelsound, einen Blinker sowie einen automatischen Zähler für den Punktestand.
Ausgehend von den großen Vorbildern könnte man meinen, dass die 5 Mono-Batteriezellen, die das Spielgerät benötigt, kleine Elektromagneten befeuern und so die Bumper aktivieren. Aber spätestens, wenn man den Spieltisch einschaltet, hört man deutlich, dass sich im Inneren allerhand bewegt. Entfernt man die Spielfläche und wirft einen Blick, offenbart sich eine feinteilige Mechanik, die selbst auf den zweiten Blick noch komplex aussieht.
Ihren Kern bildet eine lange Welle, die quer liegend mittig im Spielgerät von einem einzelnen Motor angetrieben wird. An der Welle hängen Elemente, die sich fortwährend drehen. Andere werden blockiert – bis der Ball einen Trigger aus schwarzem Kunststoff nach unten drückt und sie freigibt. Dann dreht sich die Rolle, auf dessen Innenseite sich ein weiteres Zahnrad befindet, um die Welle und drückt dabei den orangen Bumper nach unten, indem es in dessen Zähne greift. Bei dieser Bewegung schließt der Bumper einen unter ihm liegenden Kontakt, sodass ein kurzer Sound abgespielt wird. Gleichzeitig gibt diese Bewegung ein weiteres Zahnrad am linken Rand frei, das die Zählerstand-Mechanik aktiviert. Hat das kleine Zahnrad in der Rolle die Zähne des orangen Bumpers passiert, schnellt dieser wieder nach oben und schleudert die Kugel weg – und das alles in einem Bruchteil einer Sekunde. Über den Link am Ende des Artikels könnt ihr euch dazu ein paar Zeitlupenaufnahmen anschauen.
Auch der Punkte-Zähler funktioniert rein mechanisch über drei Zahnräder, deren erstes Rad die anderen beiden beim Hochzählen mitdreht. Interessant ist die Reset-Funktion, die mit zwei Armen realisiert wurde. Diese drücken beim Betätigen von unten auf eine herzförmige Form und setzen so alle Zylinder des Zählers auf null.
Die Anzahl der Spielversuche steuert ein weiterer Mechanismus am unteren Ende des Spielfeldes, indem er die Kugel zum Drehen einer Scheibe benutzt, während sie auf die Abschussrampe geschoben wird (siehe Video).
Weitere Elektronik findet man, abgesehen vom Motor, im Soundboard, das den Ton generiert und den Lautsprecher mit Strom versorgt. Hier wurde möglicherweise noch von Hand bestückt. Die blinkende LED neben dem Punkte-Zähler wird wiederum von einem einfachen Schalter ein- und ausgeschaltet, der über ein Zahnrad aktiviert wird – also richtig Oldschool.
Der Atomic Pinball erschien fast schon zu spät, aber er zaubert beim Spielen bis heute ein Lächeln auf die Lippen. Wer sich für Mechanik begeistern kann, sollte unbedingt selbst einen Blick in dieses kleine Gerät werfen, das man z.B. bei eBay gebraucht findet. Es schreit förmlich danach, auseinandergenommen und studiert zu werden. —akf